Thoran war ein Morastsoldat und seine Waffe war eine große schwere Schaufel aus Ebenpech. Sie hatte einen zu kurzen Stil, etwa nur siebenundneunzig Zentimeter und so mußte er sich immer bücken, wenn er sich durch den Morast kämpfte. Thorans Mutter war über ihre Schwester mit dem Onkel des Zirkusdirektors verwand. Wie genau weiß ich nicht, aber es muß eine sehr entfernte Verwandschaft gewesen sein, denn aus Thoran wäre nie ein Zirkusdirektor geworden. Er war ein Morastsoldat, so wie sein Vater ein Morastsoldat war, so wie sein Großvater ein Morastsoldat war. Morastsoldaten kann man leicht erkennen. Es gibt sie überall. Sie haben einen krummen Rücken und eine schiefe Schulter. Es ist immer die linke Schulter, weil sie immer nach links hinten vom Morast unten hinaufsehen, aber da die Sonne rechts hinter ihnen steht bekommen sie sie nie zu sehen. Ein Morastsoldat zu sein ist ein schweres Schicksal. Thoran aber hatte ein besonders schweres Schicksal, denn er war noch dazu kein besonders guter Morastsoldat. Er hatte die Hoffnung nie wirklich aufgegeben. Es geziemt sich jedoch für einen rechtschaffenden Morastsoldaten nicht Hoffnung zu haben. Thoran selbst wußte nicht, dass das was ihm täglich dieses Unbehagen bereitete Hoffnung war. Für ihn war es nur diese eine dunkel rumorende Unruhe gegen die er tagtäglich anschaufelte. Das Ufer des erdig braun grüngrauen fauligen dickflüssigen Morastes stand kniehoch an seiner Bettkante und wenn er sich nachts nicht ganz still hielt, sondern sich unruhig umher wälzte, schwappte der Morast bis unter seine Decke. Sein Vater und sein Großvater waren Helden unter den Morastsoldaten gewesen. Sie sind ihm verfallen, in ihn gefallen, gesunken, versunken, aufgegangen. Täglich versinken tausende von Morastsoldaten im Morast und türmen ihn weiter und weiter auf und Generationen von Söhnen und Enkeln schaufeln ihn beiseite auf der Suche nach einem kleinen Stückchen freier Erde, das ihnen ein Zuhause sein könnte. Die stärksten unter ihnen hatten längst die Hoffnung am Hauptpostschalter der Vernunft aufgegeben. Heldenhaft hoffnungslos heben die Hauptmänner, die Offiziere, die Generäle der Morastarmee Stunde um Stunde Schaufel um Schaufel Morast aus der Tiefe, wühlen und furchen sich durch Schlamm, Schlick und stinkendes Moor. Sie kennen keinen Zweifel, kein Zögern, kein Zaudern. Sie erstarren nicht in Ehrfurcht vor den unendlichen Quellen des Morastes. Tiefer und tiefer graben sie sich hinein in ihre Löcher und fördern Pfund um Pfund, ihre tägliche Tonne Schlamm zu Tage bis sie das letzte freie Stückchen Erde und den letzten Zweifler begraben haben. Thoran aber war nur ein kleines, wenig brauchbares, hoffnungsvolles Rädchen in dieser gewaltigen Schlamschlacht überall in den Städten und auf den Feldern. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang wälzte sich Thoran aus seiner Decke, drehte sich etwas zu weit nach rechts von der Sonne weg, schnappte sich seine Schaufel und stapfte in den kniehohen Morast. Eines Tages begegnete ihm mitten im Morast ein seltsamer alter Mann. Er war in bunt schimmernde rote Tücher gekleidet und auf seinem Kopf wuchsen samtweiche hell leuchtende gelbe Federn. “Guten Morgen mein Freund” Seine Stimme klang von weit her wie ein verschwundenes freundliches Lied. Thoran blickte zaghaft und vorsichtig auf. “Guten Morgen Fremder.” “Fleißig bei der Arbeit?” Thoran schüttelte leicht den Kopf. “Nein, ich will es nicht fleißig nennen. Es ist mühsam. Die Schaufel ist zu kurz und sie ist schwer.” “Ja” sagte der alte Mann, “das ist Ebenpech” “So ist es.” antwortete Thoran. Der alte Mann rupfte sich eine Feder vom Kopf und hielt sie vor Thorans Augen. “Siehst du diese Feder. Sie ist leicht. Ich möchte sie dir gerne schenken.” Der kleine Morastsoldat betrachtete mit großen Augen die leuchtende gelbe Feder. So etwas schönes hatte er noch niemals gesehen. Er streckte bedächtig die Hand nach ihr aus, aber in dem Augenblick, als er sie berührte plumpste sie wie ein schwerer Stein zu Boden, platsche in den Morast und versank dort sofort. Der alte Mann legte seine Hand auf Thorans Schulter und sagte: “aber ich sehe, du möchtest sie nicht haben” Thoran wurde wütend. Nichts hätte er lieber gehabt als diese wunderbare hell leuchtende gelbe Feder. “Gib mir eine andere”, sagte er. “Nein, das werde ich nicht. Ich habe nicht allzuviele von diesen Federn auf meinem Kopf und sie wachsen auch nicht nach, weißt du. Wenn ich dir noch eine Feder geben würde, woher wüßte ich, dass sie nicht wieder im Morast versinkt.” Thoran packte seine Schaufel und begann hektisch im Morast nach der Feder zu graben. “Ich werde sie schon finden.” Aber je tiefer sich Thoran in den Morast hinein grub, desto härter wurde er. Immer härter und härter, bis er schließlich steinhart war und kein Vorwärtskommen mehr möglich schien. Der alte Mann beobachtete sanftmütig Thorans verwzweifeltes Bemühungen, beobachtete wie er die kleine schwere Schaufel immer wieder in den Boden stieß und nicht ein Stück weiter kam. “Ich sollte Mitleid mit dir haben, Mitleid wegen deiner vergeblichen Mühen, aber ich habe kein Mitleid.” Der Morast rülpste. “Ich sollte dir für deinen Hochmut mit meiner Schaufel den Schädel spalten.” keuchte Thoran und Schweiß und Tränen liefen in Strömen über sein Gesicht. “Du, in deinen bunten Kleidern und deiner feinen Stimme. Für Dich ist alles ganz einfach. Du musst Dich nicht jeden Tag durch den Morast wühlen. Du schwebst einfach darüber. Schwebst und lächelst dazu. Das ist einfach.” “Wäre es dir lieber”, fragte der alte Mann, “wenn ich ernst und finster drein blicken würde, griesgrämig und grimmig, so traurig und verzweifelt wie du. Nein, das halte ich für keine gute Idee.” Er drehte sich schwebend auf den Kopf und grinste Thoran verschmitz von unten an. “Ich habe eine bessere Idee.” Ich denke wir könnten…hm, laß mich überlegen. Ja wir könnten, ja ich weiß. Möchtest du mir mir Murmeln spielen.” Thoran klopfte sich verärgert den Dreck von den Ärmeln. “Morgen können wir Murmeln.” Hurtig richtete der alte Mann wieder auf. “Ah, Morgen sagst du. Morgen. Morgen ist der kleine rote Punkt auf dem Kalemder, der immer vor dir her saust.” Er fltzte flinke flink dreimal um Thoran herum, packte ihn an einem Ohr und flüsterte hinein “Murmeln Murmeln Murlmel Mu, hm, ich bin fiedelfein und was bist du?” Dann packte er sich blitzeschnell Thorans Schaufel und schlug ihm damit die Beine unter dem Hintern weg, so das Thoran wie ein müder Sack in den Morast platschte. “Zwei Pferde gallopieren über Wald Wiese und Wind, jedoch nur eines springt, das andere hinkt. Das Hinkepferd holpert und stolpert bis in sein Grab, wo es müde die Augen schloss und einsam verstarb. Das Springepferd aber kümmert das nicht. Es stürmt weiter und weiter und ist bald außer Sicht.” Der alte Mann kicherte sich eine Erbse und schnippte sie in die Luft. “Möchtest du auch eine eine?” “Nein,” knurrte Thoran “gib mir meine Schaufel wieder.” “Ei ei ei ei” gluckste der alte Mann. “Da geb ich mir so viel Mühe, hülle mich in bunte Kleider, trage gelbe hell leuchtende Federn auf dem Kopf, möchte Murmeln und Erbsen kichern und er, er möchte möchte möchte seine Ebenpechschaufel wieder haben, und darben. Was ist das doch für eine schmuddlige Welt, wo einer seiner alten Schaufel die Treue hält.” Der alte Mann explodierte mit einem kleinen dumpfen Puff wie ein Feuerwerkskörper zu tausend glitzernden Staubkörnchen, die sich luftig zu einer bunten Wolke verdichteten. Die Wolke sauste wie eine Biene zwischen Thorans Beinen umher, kreistelte um seinen Kopf und verschwand wieder dorthin woher sie gekommen war, durch seine Nase hindurch in den Kopf wo sie bis heute der Hoffnung als Kopfkissen dient.