Vorwort oder warum die neuesten Beiträge ganz hinten stehen

Das Dogma des Internets ist, dass nur das Neueste zählt, Bedeutung hat, Wert, Aussage, ja Information genannt werden darf. Die Gleichsetzung der Begriffe Information und Bedeutung gleicht in dem Maße der Eingrenzung einer Aussage in ihrer Deutungsmöglichkeit wie man den Wert derselben bemißt, wenn dazu die Zeit als Ausgangspunkt nimmt, die verstrichen ist seit dem die Aussage getroffen wurde, oder versteh ich da was falsch.
Das Eichmaß der Bedeutung ist die Übertragungsrate.
“Für einen Übertragungskanal mit der Bandbreite B und dem Störabstand SNR mit additiven weißem Rauschen steht die maximal erreichbare, fehlerfreie Datenübertragungsrate C in folgenden Zusammenhang:
C = B*log 2(1+SNR)” (Wikipedia)

In meiner Interpretation und bezüglich dieses Blogs möche ich damit sagen, dass die Gestaltungsfreiheit meiner Aussagen steigt, je größer der Störabstand der Software zu meiner Arbeit ist und ich mich so dem weißen Rauschen meiner Gedanken widmen kann. Will sagen, ich pfeife auf die Übertragungsrate und kürze aus der oben genannten Formel, dass, was mich stört.
Es bleibt: Blog = ich + mein weißes Rauschen.
Daraus folgt, dass die neuesten Beiträge eben nicht ganz oben sondern ganz unten stehen. Um dies zu erreichen muß ich aber der Software vorgaukeln, dass ich die neuesten Beiträge zu Beginn, nicht aber zuletzt geschrieben hätte, was, wenn man den Blog verfolgt den Eindruck vermittelt ich hätte die Artikel in umgedrehter Reihenfolge geschrieben, was womöglich philosophisch interessant wäre, aber dennoch nicht der Fall ist. Und so kann man sehen wie die Dinge immer exakt an der Stelle kompliziert werden, wo es am allerwenigsten notwendig ist.
Daher schlage ich vor Sie vergessen das ganze und beginnen einfach dort zu lesen, wo es am besten ist, nämlich am Anfang.
Vielen Dank und gute Unterhaltung.

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Größenordnungen, Aussicht und Einsicht

Der kleinste Teil meiner Famillie ist groß. Manche von den Größeren im Durchschnitt halb so groß. Dennoch liegen die Kleineren nur etwas über dem Durchschnitt der Größeren und dem der Kleineren anderer Famillien, die ich kennen lernte. Das weiß ich noch von dem, was ich vergaß. Die Größenordnungen innerhalb einer Famillie sind erstens nur von zweitrangiger Bedeutung und drittens meist Anlaß zu Streit und Zank zwischen denen die genau zwischen den Größeren und den Kleineren stehen, wenn sie dort stehen, was sie meist vermeiden, damit es nicht auffällt. Meine Famillie ist jedenfalls nicht groß. Sie sitzt gern in Häusern und schläft auch dort, wenn sie liegt. Der engere Kreis meiner Famillie ist dick. Ich nicht, denn ich gehöre nicht dazu. Wie lang die Haare meiner Famillie sind kann ich nicht sagen, denn sie wurden immer wieder abgeschnitten. Wahrscheinlich sind sie sehr lang. Alle haben krumme Beine und krumme Nasen, manche haben dafür geradlinige Gedanken. Das schmerzt sie manchmal, weil die geradlinigen Gedanken, wenn sie zu lang werden, was selten passiert, nicht mehr in die Gehirnwindungen passen. Das Gehirn befindet sich unter den abgeschnittenen Haaren, dazwischen ist ein Schädelguß, der mit einer dünnen Haut überzogen ist, die schuppt. Man kann nicht in den Schädelguß hineinsteigen, weil es dort dunkel ist und Gedankenstangen herumliegen. Manche Gedankenstangen sind zu Gerüsten zusammengebaut. Auf diesen Gerüsten könnte man vielleicht herum klettern, hinaufklettern, wegen der Aussicht, aber das lohnt sich nicht, auch nicht wegen der Einsicht. Die Durchsicht zeigt, dass es in Größenordnung, Aussicht und Einsicht nichts gibt auf beiden Seiten des Durschnitts, was meine Famillie nicht zu einer durchschnittlichen Famillie macht und so blieb ich bis heute einer dieser seltsamen entfernten Verwandten.

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Der Zirkusdirektor

Mein Urgroßonkel mütterlicher mütterlicherseits, und er legte stets wert darauf nicht direkt mit meinen Großeltern väterlicherseits verwandt zu sein, lebte in einem alten Wasserspeicher in Maxbergen in südwestlicher Lage außerhalb Hamburgs im nördlichen Allgäu. In seiner kreisrunden Wohnung gab es ein Bett, einen Ofen, ein riesieges Bücherregal und einen Zirkus.
Er war nämlich ein Zirkusdirektor. Er war der Zirkusdirektor des größten und unglaublichsten Zirkuses, den es je gegeben hat. Es war der unglaubliche Zirkus der Leidenschaften. Ein Zirkus, in dem die Clowns nie traurig waren, ganz anders als in allen anderen Zirkussen, wo die Clowns immer bitterlich weinten, sobald die Vorstellung vorbei war. Seine Clowns hatten vom Rotwein lustige rote Nasen. Sie lachten, schäkerten, scherzten und schalkten den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und weil sie immer so laut waren wohnten sie in einem verwunschenem Schloß in einem Wohnwagen weit am Rande der Wagenburg. Im Zirkus der Leidenschaften gab es dunkellila schimmernde Pferde mit lieblichen Libellenflügeln, die in der Vorstellungen am Himmel des Zeltes herumsurrten, dressiert von klitzekleinen Zwergen, die so klein waren, das man sie nicht sehen kann. Nur das helle knusperknallen ihrer klitzekleinen Peitschen war zu hören, mit dem sie die lila schimmernden Pferde, durch das Weltenall des unendlichen Zirkuszeltes dirigierten. Die Pferde hatten helle Engelsstimmen und sangen vierstimmig vieltönig bestürzende Arien aus komischen Opern im Kanon.
Der Zirkuslöwe war ein alter gemütlicher, freundlicher Herr mit einem Gebiss, der nicht Leo hieß. Niemand kannte seinen wirklichen Namen, aber weil er so freundlich zu allen war nannten sie ihn alle Herr Kollege. Herr Kollege war ein berufener Schauspieler. Jeden tag übter bei sich im Käfig vor einem großen Spiegel das Gefährlich-Aussehen. Wenn man nachmittags um drei Uhr an seinem Käfig vorbei kam, konnte man sehen wie der Herr Kollege sein Gebiß anlegte und gefährlich aussah. Und wenn er dann am Abend vor dem Publikum seine großen Auftritt hatte war er ganz in seiner Rolle. Er war der Meister des Gefährlich-Aussehens. Er knurrte und knurrte und brüllte und fauchte, er hieb mit der Pranke nach der Peitsche. Manchmal kletterte er plötzlich an den Gittern hoch und schleuderte sein Löwengebrüll in das Publikum. Das Gitter und die Zuschauer zitterten, das Zirkuszelt bebte und niemand bemerkte wie er, wie um sich selbst zu karikieren, gleichzeitig niedlich mit dem Schwanz wedelte.
Der Höhepunkt jeder Vorstellung aber war der Auftritt der Seiltänzerin. Sie war so wunderschön, dass, wann immer der Zirkus der Leidenschaften in ein Märchenland kam alle Elfen des Märchenlandes vor Neid erblassten und sich sofort in die Realität flüchteten. Sie tanzte auf einer einzigen silbernen Spinnwebe, die Palingrea die Zirkusspinne jeden Tag frisch für sie sponn. Palingrea hatte sieben große Augen in verschiedenen Farben und war das Lieblingstier meines Urgroßonkels. Sie waren dicke Freunde, spielten Samstags um sieben gemeinsam Schach und des nachts schlief sie in seinem dicken buschigen Zwirbelwirbelbart. Als sie klein war war sie eine nicaragubianesische Silberseidenpringspinne, aber inzwischen war sie zweihundendertfünfundsechzig Jahre alt und konnte kaum gehen, Die klitzekleinen Zwerge hatten ihr deßhalb acht Krücken aus Weidenplatin gebastelt. Mein Urgroßonkel selbst war ein großer dürrer Buckelmann. Das einzige was an ihn aussah, wie es an einem Zirkusdirektor aussehen muß war sein dicker buschiger Zwirbelwirbelbart. Früher war er kräftig, stark, mutig und verwegen gewesen. Er reiste als Safaririst durch die ganze Welt. Auf diesen Reisen sammelte er all die wundersamen Geschöpfe ein, die jetzt seinen Zirkus bewohnten. Neben Palingrea, Leo, den Clowns, der Tänzerin und all den anderen gab es da natürlich auch noch Camelerita die Kameliendame. Sie konnte keine Kunststückchen, aber sie hatte die schönsten und weichesten Lippen, die es je gab. Einmal jeden Monat zeichnete mein Urgroßonkel einen den Künstler aus, der in diesem Monat die besten Vorstellungen gegeben hat und dieser durfte dann Camelerita küssen.
Als ich meinen Urgroßonkel das letzte mal in seinem Wasserspeicher besuchte war er sehr traurig. Alt sei er, sagte er, alt, vielleicht zu alt um ein Zirkusdirektor zu sein. Manchmal sei es ihm kaum möglich alle Bewohner seines Zirkuses zu finden. Es sei, als würden sie sich verstecken. Bestimmt sind sie noch alle da. Niemals würde einer von ihnen einfach so den Zirkus verlassen. Sie sind alle noch da nur kann er sie eben nicht mehr alle finden.

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Guten Morgen Bartholomäus

Bartolomäus, der fünfte Sohn meines Vetters dritten Grades hatte grüne Augen. Klare grüne Augen, nichts stechendes, druchbrechendes, keine Spur von Grau, keinen Funken Blau, nichts verschwommenes, nichts beklommenes, kein Vorhang, nichts, als ein wunderbares klares Grün. Wie die Augen einer Schlange. Aber es müßte eine sehr freundliche Dschungelschlange sein. Eine, die frühmorgens friedlich in ihrer Baumkrone kuschelt, den Blick über die Bäume kreisen läßt, dem Sonnenaufgang entgegen zischelt und dabei eine schöne Tasse heißen Tee trinkt.
Bartholomäus Augen wollten nie etwas durchdringen. Sie waren nur der wohlwollende Spiegel der Welt, und was sie davon in sein Wesen einfließen ließen fand in diesem den dankbaren Widerhall, dessen, was er seine Schöpfung nannte. Bartolomäus lächelte gern. Er lächelte über sich, über das Leben, den Sonnenaufgang, den Baum mit den wunderschönen erdroten Blättern, über alles, was sich ihm offenbarte. Er lächelte von den Gipfeln seiner Phantasie hinunter auf das schwere Erdenreich, das nie seine Heimat geworden war. Er lächelte über den Grashüpfer, der eines Tages auf dem Rand seines Frühstückstellers saß und ihn mit großen Grahüpferaugen anblickte. Auf dem Teller lag ein schönes, leckeres, flaumiges, pflaumiges Stück Kirschkuchen. So schön, so groß und so lecker wie es der Grashüpfer noch nie gesehen hatte. Bartholomäus schnitt mit seinem Messer eine papierdünne Scheibe von dem flaumigen, pflaumigen Kirschkuchen ab und schob es hinüber zu dem Grashüpfer. Dieser senkte den Kopf, angelte sich mit einem seiner Beinchen einen Krümel und verspeiste ihm mit großer Lust, dann noch einen und noch einen. Auf diese Art genehmigte er sich acht oder gar neun Krümel und Bartholomäus beobachtete ihn dabei. Dann als er satt war, bedankte sich der Grashüpfer artig bei Bartholomäus und sprang wieder vom Balkon. Bartolomäus verstand. An diesen schönen frühsommerlichen Mittwoch im Mai, entschloß sich Bartholomäus ein Eremit zu werden
Er zog an den Rand der Wüste Gobi in Spitzbergen und wohnt seitdem dort zusammen mit dreizehn anderen Eremiten in einer Höhle aus blauen Glas, die sich sich selbst aus dem Sand der Wüste zusammengeschmolzen haben. Die vierzehn Eremiten hatten vor vielen Jahren eine Schweigegelübte im hinteren Teil der Höhle in einem alten Karton abgelegt. Das störte sie aber nicht, da sie alle unterschiedliche Sprachen sprachen. Nur einmal am Tag, zum Frühstück durften sie sprechen, das heißt eigentlich nicht wirklich sprechen; sie sagten nur ein Wort. Sie sagten “Guten Morgen”. Da sie aber alle verschiedene Sprachen sprachen wußte natürlich keiner von Ihnen, was der andere gesagt hatte und so nahmen sie an, dass sich jeder von ihnen am Morgen erneut mit seinem Namen vorstellte. So kam es, dass Bartholomäus in der Höhle Guten Morgen hieß. Bartolomäus selbst wußte von dieser seltsamen Sprachverwirrung natürlich auch nichts. Vielmehr hatte er, weil ihn seit 43 Jahren niemand mehr so nannte, seinen eigenen Namen vergessen und wahrscheinlich glaubt er inzwischen selbst, dass er Guten Morgen heißt. Das heißt genau genommen heißt er nicht Guten Morgen, denn er sprach nicht deutsch. Er hieß Guten Morgen in der Sprache, die er sprach, die ich selbst aber nicht spreche und daher nicht weiß wie er nun in dieser Höhle genannt wird.

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Thorans Hoffnungskissen

Thoran war ein Morastsoldat und seine Waffe war eine große schwere Schaufel aus Ebenpech. Sie hatte einen zu kurzen Stil, etwa nur siebenundneunzig Zentimeter und so mußte er sich immer bücken, wenn er sich durch den Morast kämpfte. Thorans Mutter war über ihre Schwester mit dem Onkel des Zirkusdirektors verwand. Wie genau weiß ich nicht, aber es muß eine sehr entfernte Verwandschaft gewesen sein, denn aus Thoran wäre nie ein Zirkusdirektor geworden. Er war ein Morastsoldat, so wie sein Vater ein Morastsoldat war, so wie sein Großvater ein Morastsoldat war. Morastsoldaten kann man leicht erkennen. Es gibt sie überall. Sie haben einen krummen Rücken und eine schiefe Schulter. Es ist immer die linke Schulter, weil sie immer nach links hinten vom Morast unten hinaufsehen, aber da die Sonne rechts hinter ihnen steht bekommen sie sie nie zu sehen. Ein Morastsoldat zu sein ist ein schweres Schicksal. Thoran aber hatte ein besonders schweres Schicksal, denn er war noch dazu kein besonders guter Morastsoldat. Er hatte die Hoffnung nie wirklich aufgegeben. Es geziemt sich jedoch für einen rechtschaffenden Morastsoldaten nicht Hoffnung zu haben. Thoran selbst wußte nicht, dass das was ihm täglich dieses Unbehagen bereitete Hoffnung war. Für ihn war es nur diese eine dunkel rumorende Unruhe gegen die er tagtäglich anschaufelte. Das Ufer des erdig braun grüngrauen fauligen dickflüssigen Morastes stand kniehoch an seiner Bettkante und wenn er sich nachts nicht ganz still hielt, sondern sich unruhig umher wälzte, schwappte der Morast bis unter seine Decke. Sein Vater und sein Großvater waren Helden unter den Morastsoldaten gewesen. Sie sind ihm verfallen, in ihn gefallen, gesunken, versunken, aufgegangen. Täglich versinken tausende von Morastsoldaten im Morast und türmen ihn weiter und weiter auf und Generationen von Söhnen und Enkeln schaufeln ihn beiseite auf der Suche nach einem kleinen Stückchen freier Erde, das ihnen ein Zuhause sein könnte. Die stärksten unter ihnen hatten längst die Hoffnung am Hauptpostschalter der Vernunft aufgegeben. Heldenhaft hoffnungslos heben die Hauptmänner, die Offiziere, die Generäle der Morastarmee Stunde um Stunde Schaufel um Schaufel Morast aus der Tiefe, wühlen und furchen sich durch Schlamm, Schlick und stinkendes Moor. Sie kennen keinen Zweifel, kein Zögern, kein Zaudern. Sie erstarren nicht in Ehrfurcht vor den unendlichen Quellen des Morastes. Tiefer und tiefer graben sie sich hinein in ihre Löcher und fördern Pfund um Pfund, ihre tägliche Tonne Schlamm zu Tage bis sie das letzte freie Stückchen Erde und den letzten Zweifler begraben haben. Thoran aber war nur ein kleines, wenig brauchbares, hoffnungsvolles Rädchen in dieser gewaltigen Schlamschlacht überall in den Städten und auf den Feldern. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang wälzte sich Thoran aus seiner Decke, drehte sich etwas zu weit nach rechts von der Sonne weg, schnappte sich seine Schaufel und stapfte in den kniehohen Morast. Eines Tages begegnete ihm mitten im Morast ein seltsamer alter Mann. Er war in bunt schimmernde rote Tücher gekleidet und auf seinem Kopf wuchsen samtweiche hell leuchtende gelbe Federn. “Guten Morgen mein Freund” Seine Stimme klang von weit her wie ein verschwundenes freundliches Lied. Thoran blickte zaghaft und vorsichtig auf. “Guten Morgen Fremder.” “Fleißig bei der Arbeit?” Thoran schüttelte leicht den Kopf. “Nein, ich will es nicht fleißig nennen. Es ist mühsam. Die Schaufel ist zu kurz und sie ist schwer.” “Ja” sagte der alte Mann, “das ist Ebenpech” “So ist es.” antwortete Thoran. Der alte Mann rupfte sich eine Feder vom Kopf und hielt sie vor Thorans Augen. “Siehst du diese Feder. Sie ist leicht. Ich möchte sie dir gerne schenken.” Der kleine Morastsoldat betrachtete mit großen Augen die leuchtende gelbe Feder. So etwas schönes hatte er noch niemals gesehen. Er streckte bedächtig die Hand nach ihr aus, aber in dem Augenblick, als er sie berührte plumpste sie wie ein schwerer Stein zu Boden, platsche in den Morast und versank dort sofort. Der alte Mann legte seine Hand auf Thorans Schulter und sagte: “aber ich sehe, du möchtest sie nicht haben” Thoran wurde wütend. Nichts hätte er lieber gehabt als diese wunderbare hell leuchtende gelbe Feder. “Gib mir eine andere”, sagte er. “Nein, das werde ich nicht. Ich habe nicht allzuviele von diesen Federn auf meinem Kopf und sie wachsen auch nicht nach, weißt du. Wenn ich dir noch eine Feder geben würde, woher wüßte ich, dass sie nicht wieder im Morast versinkt.” Thoran packte seine Schaufel und begann hektisch im Morast nach der Feder zu graben. “Ich werde sie schon finden.” Aber je tiefer sich Thoran in den Morast hinein grub, desto härter wurde er. Immer härter und härter, bis er schließlich steinhart war und kein Vorwärtskommen mehr möglich schien. Der alte Mann beobachtete sanftmütig Thorans verwzweifeltes Bemühungen, beobachtete wie er die kleine schwere Schaufel immer wieder in den Boden stieß und nicht ein Stück weiter kam. “Ich sollte Mitleid mit dir haben, Mitleid wegen deiner vergeblichen Mühen, aber ich habe kein Mitleid.” Der Morast rülpste. “Ich sollte dir für deinen Hochmut mit meiner Schaufel den Schädel spalten.” keuchte Thoran und Schweiß und Tränen liefen in Strömen über sein Gesicht. “Du, in deinen bunten Kleidern und deiner feinen Stimme. Für Dich ist alles ganz einfach. Du musst Dich nicht jeden Tag durch den Morast wühlen. Du schwebst einfach darüber. Schwebst und lächelst dazu. Das ist einfach.” “Wäre es dir lieber”, fragte der alte Mann, “wenn ich ernst und finster drein blicken würde, griesgrämig und grimmig, so traurig und verzweifelt wie du. Nein, das halte ich für keine gute Idee.” Er drehte sich schwebend auf den Kopf und grinste Thoran verschmitz von unten an. “Ich habe eine bessere Idee.” Ich denke wir könnten…hm, laß mich überlegen. Ja wir könnten, ja ich weiß. Möchtest du mir mir Murmeln spielen.” Thoran klopfte sich verärgert den Dreck von den Ärmeln. “Morgen können wir Murmeln.” Hurtig richtete der alte Mann wieder auf. “Ah, Morgen sagst du. Morgen. Morgen ist der kleine rote Punkt auf dem Kalemder, der immer vor dir her saust.” Er fltzte flinke flink dreimal um Thoran herum, packte ihn an einem Ohr und flüsterte hinein “Murmeln Murmeln Murlmel Mu, hm, ich bin fiedelfein und was bist du?” Dann packte er sich blitzeschnell Thorans Schaufel und schlug ihm damit die Beine unter dem Hintern weg, so das Thoran wie ein müder Sack in den Morast platschte. “Zwei Pferde gallopieren über Wald Wiese und Wind, jedoch nur eines springt, das andere hinkt. Das Hinkepferd holpert und stolpert bis in sein Grab, wo es müde die Augen schloss und einsam verstarb. Das Springepferd aber kümmert das nicht. Es stürmt weiter und weiter und ist bald außer Sicht.” Der alte Mann kicherte sich eine Erbse und schnippte sie in die Luft. “Möchtest du auch eine eine?” “Nein,” knurrte Thoran “gib mir meine Schaufel wieder.” “Ei ei ei ei” gluckste der alte Mann. “Da geb ich mir so viel Mühe, hülle mich in bunte Kleider, trage gelbe hell leuchtende Federn auf dem Kopf, möchte Murmeln und Erbsen kichern und er, er möchte möchte möchte seine Ebenpechschaufel wieder haben, und darben. Was ist das doch für eine schmuddlige Welt, wo einer seiner alten Schaufel die Treue hält.” Der alte Mann explodierte mit einem kleinen dumpfen Puff wie ein Feuerwerkskörper zu tausend glitzernden Staubkörnchen, die sich luftig zu einer bunten Wolke verdichteten. Die Wolke sauste wie eine Biene zwischen Thorans Beinen umher, kreistelte um seinen Kopf und verschwand wieder dorthin woher sie gekommen war, durch seine Nase hindurch in den Kopf wo sie bis heute der Hoffnung als Kopfkissen dient.

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Bärbel die Kleinheilige

Bärbel ist eine mir gut bekannte Schwester einer unverheirateten Tante meines Großonkels. Sie ist eine Kleinheilige. Sie trägt ein Paar rosane Schuhe und blitzelt mit grünen Kneifaugen in die Welt. Am liebsten kniet sie nachts vor dem Spiegel, und wiederholt wieder und immer wieder den selben Satz. Sie grummelt ihn, murmelt ihn, sie rezitiert ihn, brüllt ihn, flüstert ihn, schluchzt ihn, sie trällert ihn, sie sagt ihn auf. Ja, das ist das Gesetz: Du bist, was du sprichst. Du denkst, was du sagst. Du lebst aus deinem gesprochenen Wort heraus. Deine Phantasie ist nicht mächtiger als deine Formulierung. Bärbel hockt vor dem Spiegel, die Mimiken des Tages abgelegt, und dennoch befangen in dieser absolut bestimmten Frequenz ihrer Stimme in fremden Ohren und wiederholt die Gebrauchsanweisung des Lebens, die ihr die Gene ihrer unmittelbaren Verwandtschaft diktieren. Die Niedertracht ist dominant, die Phantasie rezessiv. Die niederen Trachten der Knechtschaft kleiden das Wesen, denn die Niederen trachten nach dem Triumph ihrer Ohnmacht. Herr, walte über mich, damit ich mich dir unterwerfe. Der Flüstersatz entschlüpft dem Mund. “Ich bin klein, mein Herz ist rein, kann kein Kind der Sünde sein.” “Pling!” Sprach der Spiegel. “Sie haben zwei Gnadenpunkte auf ihrer Busscard. Insgesamt haben sie jetzt 62 Gnadenpunkte in Güte. Dafür könnten sie zum Beispiel ein hübsche, niederträchtige Lüge einlösen. Wollen sie etwas einlösen?” Bärbel kannte die Stimme. Es war die gleiche Stimme, die ihr in der Straßenbahn immer die Haltestellen aufzählte. Eine freundliche, sympathische Stimme. Genauso würde der Engel klingen, der sie einst an der Pforte des Paradieses begrüßt. “Möchten sie etwas einlösen. Wenigsten einen ungehörigen Fluch, vielleicht. Irgendwas, irgendwas, irgendwas.” Aber Bärbel hatte nichts einzulösen. Seitdem ihre abscheuliche Mutter letztes Jahr an einem Gehirnfurunkel verreckt ist, hat sie kaum noch Anlaß zu fluchen. Sie hat keinen Anlass, keine Aussicht, keinen Ansatzpunkt, auch keinen Anflug von Wissen: Überflüssiges Wissen hatte sie schon angehäuft, aber das hat sie später wieder in kleinen Brocken verloren, kleine Krumen Wissen hinter ihr auf dem Weg, Brösel, die sicher niemanden schmecken würden. Aber darüber möchte sie nicht sprechen. Dazu blieb ja auch kaum Zeit, schließlich mußte sie ihren Satz sprechen, den Kuschelsatz, der sie beschützte. Warum sollte sie die Augen öffnen. Alle mochten ihre rosanen Schuhe. Bärbel in dem hübschen weißen Kleidchen. Fideralala. Das soll doch genügen. 62 Gnadenpunkte in Güte auf der Busscard. Sie gönnte niemanden etwas böses. Außer Heinz vielleicht, weil er sie einmal in die Brust gebissen hat, aber das ist schon lange her. Das würde er bestimmt auch nie wieder tun. Kann er ja auch nicht. Er ist nämlich fort gegangen. Für Heinz wäre auch keine Zeit. Für nichts ist Zeit außer für den Spiegel. Ja, Bärbel führt ein aufrechtes Leben.

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