Der Zirkusdirektor
filed in Allgemeines on Sep.14, 2008
Mein Urgroßonkel mütterlicher mütterlicherseits, und er legte stets wert darauf nicht direkt mit meinen Großeltern väterlicherseits verwandt zu sein, lebte in einem alten Wasserspeicher in Maxbergen in südwestlicher Lage außerhalb Hamburgs im nördlichen Allgäu. In seiner kreisrunden Wohnung gab es ein Bett, einen Ofen, ein riesieges Bücherregal und einen Zirkus.
Er war nämlich ein Zirkusdirektor. Er war der Zirkusdirektor des größten und unglaublichsten Zirkuses, den es je gegeben hat. Es war der unglaubliche Zirkus der Leidenschaften. Ein Zirkus, in dem die Clowns nie traurig waren, ganz anders als in allen anderen Zirkussen, wo die Clowns immer bitterlich weinten, sobald die Vorstellung vorbei war. Seine Clowns hatten vom Rotwein lustige rote Nasen. Sie lachten, schäkerten, scherzten und schalkten den ganzen Tag und die ganze Nacht. Und weil sie immer so laut waren wohnten sie in einem verwunschenem Schloß in einem Wohnwagen weit am Rande der Wagenburg. Im Zirkus der Leidenschaften gab es dunkellila schimmernde Pferde mit lieblichen Libellenflügeln, die in der Vorstellungen am Himmel des Zeltes herumsurrten, dressiert von klitzekleinen Zwergen, die so klein waren, das man sie nicht sehen kann. Nur das helle knusperknallen ihrer klitzekleinen Peitschen war zu hören, mit dem sie die lila schimmernden Pferde, durch das Weltenall des unendlichen Zirkuszeltes dirigierten. Die Pferde hatten helle Engelsstimmen und sangen vierstimmig vieltönig bestürzende Arien aus komischen Opern im Kanon.
Der Zirkuslöwe war ein alter gemütlicher, freundlicher Herr mit einem Gebiss, der nicht Leo hieß. Niemand kannte seinen wirklichen Namen, aber weil er so freundlich zu allen war nannten sie ihn alle Herr Kollege. Herr Kollege war ein berufener Schauspieler. Jeden tag übter bei sich im Käfig vor einem großen Spiegel das Gefährlich-Aussehen. Wenn man nachmittags um drei Uhr an seinem Käfig vorbei kam, konnte man sehen wie der Herr Kollege sein Gebiß anlegte und gefährlich aussah. Und wenn er dann am Abend vor dem Publikum seine großen Auftritt hatte war er ganz in seiner Rolle. Er war der Meister des Gefährlich-Aussehens. Er knurrte und knurrte und brüllte und fauchte, er hieb mit der Pranke nach der Peitsche. Manchmal kletterte er plötzlich an den Gittern hoch und schleuderte sein Löwengebrüll in das Publikum. Das Gitter und die Zuschauer zitterten, das Zirkuszelt bebte und niemand bemerkte wie er, wie um sich selbst zu karikieren, gleichzeitig niedlich mit dem Schwanz wedelte.
Der Höhepunkt jeder Vorstellung aber war der Auftritt der Seiltänzerin. Sie war so wunderschön, dass, wann immer der Zirkus der Leidenschaften in ein Märchenland kam alle Elfen des Märchenlandes vor Neid erblassten und sich sofort in die Realität flüchteten. Sie tanzte auf einer einzigen silbernen Spinnwebe, die Palingrea die Zirkusspinne jeden Tag frisch für sie sponn. Palingrea hatte sieben große Augen in verschiedenen Farben und war das Lieblingstier meines Urgroßonkels. Sie waren dicke Freunde, spielten Samstags um sieben gemeinsam Schach und des nachts schlief sie in seinem dicken buschigen Zwirbelwirbelbart. Als sie klein war war sie eine nicaragubianesische Silberseidenpringspinne, aber inzwischen war sie zweihundendertfünfundsechzig Jahre alt und konnte kaum gehen, Die klitzekleinen Zwerge hatten ihr deßhalb acht Krücken aus Weidenplatin gebastelt. Mein Urgroßonkel selbst war ein großer dürrer Buckelmann. Das einzige was an ihn aussah, wie es an einem Zirkusdirektor aussehen muß war sein dicker buschiger Zwirbelwirbelbart. Früher war er kräftig, stark, mutig und verwegen gewesen. Er reiste als Safaririst durch die ganze Welt. Auf diesen Reisen sammelte er all die wundersamen Geschöpfe ein, die jetzt seinen Zirkus bewohnten. Neben Palingrea, Leo, den Clowns, der Tänzerin und all den anderen gab es da natürlich auch noch Camelerita die Kameliendame. Sie konnte keine Kunststückchen, aber sie hatte die schönsten und weichesten Lippen, die es je gab. Einmal jeden Monat zeichnete mein Urgroßonkel einen den Künstler aus, der in diesem Monat die besten Vorstellungen gegeben hat und dieser durfte dann Camelerita küssen.
Als ich meinen Urgroßonkel das letzte mal in seinem Wasserspeicher besuchte war er sehr traurig. Alt sei er, sagte er, alt, vielleicht zu alt um ein Zirkusdirektor zu sein. Manchmal sei es ihm kaum möglich alle Bewohner seines Zirkuses zu finden. Es sei, als würden sie sich verstecken. Bestimmt sind sie noch alle da. Niemals würde einer von ihnen einfach so den Zirkus verlassen. Sie sind alle noch da nur kann er sie eben nicht mehr alle finden.
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