Bartolomäus, der fünfte Sohn meines Vetters dritten Grades hatte grüne Augen. Klare grüne Augen, nichts stechendes, druchbrechendes, keine Spur von Grau, keinen Funken Blau, nichts verschwommenes, nichts beklommenes, kein Vorhang, nichts, als ein wunderbares klares Grün. Wie die Augen einer Schlange. Aber es müßte eine sehr freundliche Dschungelschlange sein. Eine, die frühmorgens friedlich in ihrer Baumkrone kuschelt, den Blick über die Bäume kreisen läßt, dem Sonnenaufgang entgegen zischelt und dabei eine schöne Tasse heißen Tee trinkt.
Bartholomäus Augen wollten nie etwas durchdringen. Sie waren nur der wohlwollende Spiegel der Welt, und was sie davon in sein Wesen einfließen ließen fand in diesem den dankbaren Widerhall, dessen, was er seine Schöpfung nannte. Bartolomäus lächelte gern. Er lächelte über sich, über das Leben, den Sonnenaufgang, den Baum mit den wunderschönen erdroten Blättern, über alles, was sich ihm offenbarte. Er lächelte von den Gipfeln seiner Phantasie hinunter auf das schwere Erdenreich, das nie seine Heimat geworden war. Er lächelte über den Grashüpfer, der eines Tages auf dem Rand seines Frühstückstellers saß und ihn mit großen Grahüpferaugen anblickte. Auf dem Teller lag ein schönes, leckeres, flaumiges, pflaumiges Stück Kirschkuchen. So schön, so groß und so lecker wie es der Grashüpfer noch nie gesehen hatte. Bartholomäus schnitt mit seinem Messer eine papierdünne Scheibe von dem flaumigen, pflaumigen Kirschkuchen ab und schob es hinüber zu dem Grashüpfer. Dieser senkte den Kopf, angelte sich mit einem seiner Beinchen einen Krümel und verspeiste ihm mit großer Lust, dann noch einen und noch einen. Auf diese Art genehmigte er sich acht oder gar neun Krümel und Bartholomäus beobachtete ihn dabei. Dann als er satt war, bedankte sich der Grashüpfer artig bei Bartholomäus und sprang wieder vom Balkon. Bartolomäus verstand. An diesen schönen frühsommerlichen Mittwoch im Mai, entschloß sich Bartholomäus ein Eremit zu werden
Er zog an den Rand der Wüste Gobi in Spitzbergen und wohnt seitdem dort zusammen mit dreizehn anderen Eremiten in einer Höhle aus blauen Glas, die sich sich selbst aus dem Sand der Wüste zusammengeschmolzen haben. Die vierzehn Eremiten hatten vor vielen Jahren eine Schweigegelübte im hinteren Teil der Höhle in einem alten Karton abgelegt. Das störte sie aber nicht, da sie alle unterschiedliche Sprachen sprachen. Nur einmal am Tag, zum Frühstück durften sie sprechen, das heißt eigentlich nicht wirklich sprechen; sie sagten nur ein Wort. Sie sagten “Guten Morgen”. Da sie aber alle verschiedene Sprachen sprachen wußte natürlich keiner von Ihnen, was der andere gesagt hatte und so nahmen sie an, dass sich jeder von ihnen am Morgen erneut mit seinem Namen vorstellte. So kam es, dass Bartholomäus in der Höhle Guten Morgen hieß. Bartolomäus selbst wußte von dieser seltsamen Sprachverwirrung natürlich auch nichts. Vielmehr hatte er, weil ihn seit 43 Jahren niemand mehr so nannte, seinen eigenen Namen vergessen und wahrscheinlich glaubt er inzwischen selbst, dass er Guten Morgen heißt. Das heißt genau genommen heißt er nicht Guten Morgen, denn er sprach nicht deutsch. Er hieß Guten Morgen in der Sprache, die er sprach, die ich selbst aber nicht spreche und daher nicht weiß wie er nun in dieser Höhle genannt wird.