Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 1
Mittwoch, August 26th, 2009Draussen regnete es Pflastersteine. Sie durchschlugen Fenster, Dächer, Sicherheiten und das Gewohnheitsrecht des Stärkeren. Straßen und Köpfe zerplatzten und keiner sprach ein Wort. Mia aber war beschützt. Das Dach über ihr war stark, musste stark sein, hoffte sie. Die Steine prallten ab, sprangen über die Ziegel rollten über die Schräge und plumpsten auf den Boden. Sie wollte ans Fenster gehen, um hinauszusehen, zu sehen, was dort draußen passierte, zu sehen, ob die Stadt dem Hagel widerstehen könnte. Aber sie konnte sich nicht rühren. Sie hatte Angst, die große lähmende Angst. Wie ein kleines Tier, dass sich vor dem Gebrüll seines Fressfeindes verkriecht, sich tot stellt, sich selbst das Wimmern verbietet, kauerte sie sich unter den Tisch. Das schwere schwarze Holz über ihr, gab ihr eine scheinbare Sicherheit. Alles würde wieder gut werden. Der Steinhagel würde bald aufhören. Die Menschen würden aus ihren Verstecken herauskommen, die Straßen aufräumen und neue Blumenbeete pflanzen. Die Sonne würde die Blumen wachsen lassen. Was brauchen sie denn schon? Nur Sonne, Wasser und eine großzügige Erde auf der sich sich entfalten dürfen. Die Kinder könnten auf der Straße Ball spielen, lachen, groß werden und sich lieben. Mia legte diese Hoffnung wie einen Mantel über ihre Angst, verbarg sich unter diesem Mantel, der sie vor dem Lärm der herab prasselnden Steine schützte. Sie verlief sich in das Glück eigener Kindertage. Hinaus auf die Wiesen, den Sommerduft, die Puppe in der Hand, lachend und unangreifbar eingebettet in das eigene, selbstverständliche Mensch-Sein. Mit jedem Atemzug war sie damals, damals eben, ein Teil, der um sie herum wachsenden ausufernden Lebendigkeit und jedes Jauchzen und Lachen war ein fröhliches, dankbares, gottloses Gebet. Jetzt, hier unter diesem Tisch krallten sich ihre Finger ineinander. Ihre ängstliche Kleintierseele suchte nach einem Gott, der sie vielleicht beschützen konnte, nach einer Instanz, die mächtig genug war um gnädig zu sein, mächtig genug sie aus diesem gewaltigen Regen zu retten, das Dach über ihr zu stärken. Aber da war kein Gott. Mit einem kurzen, scharfen knarzen platze an der Wand gegenüber ein kleiner Riss auf. Das Donnern über ihr wurde stärker und es bestand kaum Hoffnung, dass das Dach standhalten könnte. Bald würden die ersten Einschläge durch die Ziegel und Balken hindurch brechen . Wie ein unheimliches, jagendes Tier frass sich der Riss durch die Wand, aus der roter Staub heraus blutete. Gebannt starrte Mia auf den Riss in ihrer Wand, der sich jetzt in zackigen Bewegungen zum Boden hin vorarbeitete. Mia hoffte er würde dort einfrieren, aber das tat er nicht. Stattdessen bog er auf den Boden ab und schlängelte sich unaufhaltsam auf sie zu. Irgendwo in ihr mußte doch noch ein Rest Mut zu finden sein. Mut, diese glückselig machende Kraft, diese Flügel, dieser Geschmack von Gott-Sein - aber es war nichts zu finden. Da war kein Mut mehr. Mut ist nicht nichts worum man bitten kann. Sie würde nicht unter dem Tisch hervor springen, durch das Zimmer stürzen zur Tür hinaus, die Treppe hinunter in den Keller, den letzen verbliebenen Schutzraum ohne Fenster, kalt, nass und einem Gefängnis ähnlicher als einer Hoffnung auf Rettung. Sie war gelähmt, eingesperrt in ihre Bewegungslosigkeit, ausgeliefert dem Steinhagel über ihr, der sie alsbald erschlagen wird. Wieso kam niemand, um ihr zu helfen, ihr beizustehen? Das Haus schien ganz leer zu sein, unbewohnt, von allen freundlichen Menschen verlassen. Niemand sprach ein Wort. Wenn es in ihrem Rest-Ich schon keinen Mut zu finden gab, so musste sich doch wenigstens irgendwo die Erinnerung an ein freundliches Gesicht ausgraben lassen. Ein Freund, ein Gefährte, ein Mitmensch. Plötzlich blitzte ein Gesicht auf, ein vertrautes Angesicht. Mia versuchte sich mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war auf dieses Gesicht zu konzentrieren, es irgend fest zu halten, vielleicht eine dazugehörige Stimme zu finden, oder einen Geruch, oder eine Berührung. Mit einem dumpfen Schlag durchschoss ein Pflasterstein den Tisch über ihr und knallte dicht neben ihr auf den Boden. Mia riß schützend ihre Hände über den Kopf und drückte ihn zwischen die angewinkelten Knie. Es wurde still. Nichts rührte sich mehr. War es vorbei? Mia presste weiter ihre Handflächen auf den Kopf. Er schmerzte. In ihrem Kopf donnerten dumpfe, kalte, schmerzhafte Schläge. Als sie die Augen schließen wollte spürte sie, dass sie bereits geschlossen waren und öffnete sie.
Das erste, was sie sah war ein blutiges Handtuch, das direkt unter ihrem Kopf lag. Angeekelt schreckte sie hoch und blickte sich um.
Tatsächlich befand sie sich auf einer Art Dachboden. Auf einer Seite schien die Sonne durch ein staubmattes Fenster. Sie lag auf einer alten, rissigen Matratze und war notdürftig mit ihrer Jacke zugedeckt. In ihrem Mund machte sich ein fauliger, klebriger Geschmack breit. Mia hatte nicht den Funken einer Ahnung was passiert war. Bis auf die Jacke war sie vollständig bekleidet. Sie schloss also das für sie schlimmste aus. Niemand hatte Hand an sie gelegt, in sie gebohrt. Woher kam das Blut? Ängstlich untersuchte sie ihren Körper. Es ließ sich alles, wenn auch nur schwer, bewegen. Es waren keine Verletzungen sichtbar. Zuletzt tastete sie ihr Gesicht ab. Auf ihrer Stirn konnte sie deutlich körnigen Schorf spüren. Vorsichtig fuhr sie darüber. Es brannte. Die Wunde auf der Stirn würde die Kopfschmerzen erklären. Vielleicht war sie gestürzt, oder hatte sich einfach irgendwo gestoßen. Langsam strich von der Stirn über ihre Backen. Eine Seite war stark geschwollen. Der Unterkiefer reagierte auf Druck mit stechenden Schmerzen. Mia ließ ihre Zunge innen über die Zähne gleiten. Langsam von Zahn zu Zahn bis sie auf einmal in eine Lücke stieß. Sie hatte einen Zahn verloren. Daher das Blut auf dem Handtuch. Jetzt, wo sie die Lücke entdeckt hatte begann auch diese zu schmerzen. Mühsam rappelte sich Mia hoch. In ihrem Kopf flackerte unaufhörlich nur noch ein Wort: Wasser. Vom vorderen Teil des Dachbodens führte eine kleine Holztreppe hinunter. Mia stieg sie hinab und fand sich in einem modrigen, verlassenen Einfamillienhaus wieder. Die Tapeten hingen von den Wänden, der Boden war aufgequollen und allerhand Getier hatte sich eingenistet. Als sie an die Haustür kam war diese verschlossen und so gelangte sie durch das Fenster der wohl ehemaligen Küche nach außen. Die Sonne stach mit grellem weißen Licht in ihre Augen. Sie hatte keine Sonnenbrille. Sie hatte kein Geld. Sie machte sich auf den Weg
-
Apathisch stand ich unter der Dusche und ließ das warme Wasser über meinen Körper laufen. Die Zeit war stehen geblieben. Ich starrte mit leerem Blick auf meine Füße.
-
Abel saß vor seinen Notizen. Mit höchst konzentrierter Anspannung ging er sie immer wieder durch. Er war sich sicher. Es gab nichts mehr, was dagegen sprach. Er hatte eine Idee. Er hatte die Durchführung dieser Idee bereits in seiner persönlichen Zukunft platziert. Er hatte einen Entschluss gefasst. Jetzt brauchte er einen Plan.
(Fortsetzung folgt)