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Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 5

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

“Mann, Mann, Mann sieh dich nur an. Hey, was ist mit dir los? Du solltest mal dein Gesicht sehen. Das müssen ja höchst tragische Gedanken sein, was, schwermütige Erinnerungen. Na, hast du vielleicht irgendwann, irgendwo eine prächtige Chance verpasst, Max.” Rick drehte seinen Kopf nicht zu mir während er sprach. “Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir da.”

Als Patur nach einer Woche wieder zu mir kam um Mr. Sandman abzuholen brachte er eine besonders gute Flasche Rotwein mit, eine wirklich vorzügliche Flasche. Ich weiß nicht, ob sie nun objektiv wirklich so außerordentlich vorzüglich war, oder ob ich sie mir in meinem Kopf so vorzüglich machte, weil mit ihr der Abschied von Mr. Sandman gekommen war. (Eine Flasche Wein objektiv zu beurteilen, überhaupt objektiv beurteilen zu wollen, ist natürlich vollkommener Unsinn. Es gibt überhaupt keine objektive Flasche Wein. Eine Flasche Wein ist etwas allerhöchst subjektives. So subjektiv wie irgend möglich. In etwa so subjektiv, nein, unter allen Umständen bestimmt so subjektiv, variabel, chamäleonartig, unhaltbar, leicht schwindend, neckisch, illusorisch und so wunderbar einfach befriedigend wie ein Orgasmus.) Ob die kleinen Pillen in dem Fläschchen tatsächlich so gifig, oder aber überhaupt giftig waren, weiß ich bis heute nicht. Es steht aber zu vermuten das nicht.
Die Woche mit Mr. Sandman war nicht halb so aufreibend wie ich zunächst gedacht habe. Natürlich hatte ich mir vorgestellt nun Abend für Abend mit dem kleinen braunen Fläschchen zusammen zu sitzen, es immer und immer wieder in meinen Händen zu drehen, vielleicht sogar zu öffnen, kurz daran zu riechen, versunken in rücksichtslose Betrachtungen über den möglichen Sinn beziehungsweise Unsinn meiner Existenz, aber das geschah nicht. Ich stellte Mr. Sandman einfach zu den Gewürzen in den Schrank und dort blieb er unberührt die ganze Woche stehen, so als sei er nichts weiter als etwas, von dem man nicht mehr weiß, was es ist, seit es das Etikett verloren hat, das man aber vergisst wegzuschmeißen, weil es irgendwie schon immer da stand, wo es steht und man es vermissen würde, wenn es plötzlich nicht mehr dort steht und einem befremdlichen Leerraum Platz macht.  Ach, das klingt so herrlich souverän, so als wäre nichts selbstverständlicher als die Freiheit die angeborene Sehnsucht nach dem Tod einfach in den Küchenschrank zu den anderen Gewürzen des Lebens zu sperren.  Die Freiheit der Gedanken ist zuallererst die Freiheit zur Täuschung, insbesondere der Selbsttäuschung im inneren und der darauf folgenden Vortäuschung  einer dem eigenen Wesen entfremdeten Person nach aussen; mit anderen Worten eine Entwesentlichung des eigenen Ichs zugunsten einer schleichenden Verwesung, hingegeben an den komischen Glauben an die Bedeutsamkeit des täglich alltäglichen Ringelreihens mit Anfassen, naja und unter den Umständen kann man schon mal an so einem kleinen braunen Fläschchen riechen. Es riecht nach nichts. Ich hatte mir so gewünscht, dass der Tod einen Duft hat.
Ich hatte es also nicht in den Küchenschrank gestellt, obwohl ich es mir vorgenommen habe, aber der Küchenschrank war noch innerhalb einer von mir vorgestellten Bannmeile, die mich vor Mr. Sandman bewahren sollte. Genau genommen habe ich das Spiel gar nicht mit gespielt. Ich habe das Fläschen in meinem Probekeller hinter die Bierkästen gestellt und den Probekeller die ganze Woche über nicht aufgesucht. Das habe ich allerdings Patur nicht erzählt. Ich dachte wohl, das hätte ihn enttäuscht und ich wollte unser kleines Duo nicht aufs Spiel setzen. Ich schätzte das musizieren mit ihm sehr. Die Auftritte mit ihm hatten immer für mich einen Wert, einen echten Wert eben. Sie waren immer wieder etwas besonders, weniger wegen mir, sondern weit mehr wegen ihm, weil er sich jeden, aber auch jeden Ton immer wieder neu erarbeitete, weil er keinen, nicht einen einzigen Ton für selbstverständlich erachtete, weil er sich der Musik unterwarf und sie nicht zu seiner Selbstdarstellung missbrauchte. Sein Anliegen war ein ernsthaftes Anliegen einem Musikstück gerecht zu werden, ihm zu huldigen, mit ihm zu verschmelzen. Patur sang die Lieder nicht einfach, nein, er ließ sie entstehen, immer wieder aufs neue entstehen, so als würden sie in dem Augenblick, in dem sie seine Lippen verlassen geboren.
Ich kann mich an einen Abend vor ca. zwei Monaten erinnern. Wir spielten in einer hübschen kleinen Bar in Salzburg. Es war der Geburtstag des Barinhabers, Charles to Savour, eigentlich hieß er Karl, ein schräger Typ, der sich mit dieser Bar und zwei afrikanischen Nutten, die er beide liebte, wie er sagte, über die Kokainexzesse der 80ger gerettet hatte. Es gab keine Gage. Kost und Logie.
Unser Auftritt war schon längst beendet. Die meisten Gäste hatten sich in ihren Rausch zurückgezogen und die Reibung an der Realität kostete sie immer mehr Kraft, die sie vielleicht noch der Pflicht entnehmen konnten ihren jeweiligen Rollen gerecht zu werden. Ich hatte mich gerade in den hinteren Teil der Bar an einen Ecktisch zurückgezogen und arbeitete an einer Position, die mir etwas Schlaf ermöglichen würde, als sich Patur zu mir setzte. “Einmal mein lieber Max, einmal nur für mich, bitte.”
“Hör mir gut zu mein Freund, mir ist kotzübel, ok, also und aus diesem kühlen Grunde werde ich mich jetzt auf die Toilete begeben und ins Klo brüllen, so wie ich noch nie ins Klo gebrüllt habe. Dann werde ich mir den Mund ausspülen, die Hände waschen und an die Bar gehen, um zu sehen, ob ich noch einen Espresso bekommen kann. Und dann, mein lieber Patur, und dann, ja, dann, werde ich mich mit meinem Espresso an das Klavier begeben und dir diesen einen Gefallen tun, um deinetwegen, bitte sehr, oder meinetwegen, bitte sehr oder auch immer, für wen, verstehst du das?”
Patur nickte. “Gut, dann los.” An die Details der nun auf der Toilette folgenden eruptiven Entleerung meines Körpers kann und will ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls muss sie derart heftig gewesen sein, das ich mich mit meinen Armen gegen die Klowände sperrend einklemmen musste um nicht nach hinten über zu kippen. Außerdem hatte ich am nächsten Tag unter einer Art Muskelkater im oberen Bauchbereich zu leiden.
Rick blickte weiter starr auf die Straße. Mit diesem Gesicht hätte er ein wunderbarer, ein unheimlicher Pantomime werden können.
Dann klangen die ersten Töne in mir auf. Das war es, ja, das war es, so mußte es Abel ergehen, wenn er das Klavierkonzert in sich auf klingen lässt, kurz vor einem Banküberfall, oder wenn er die Waffe hebt, wenn es darum geht sich zu sammeln.  Ich legte meine Handflächen auf meine Oberschenkel und lauschte. Erst nur ein kleiner Lauf, sich wiederholend wie ein sentimentales Selbstzitat und dann nur ein kurzer Auftakt, an sich sich sofort Paturs stimme schmiegte.
“Maybe this time……..”
Ich weiß nicht wie viel Mühe und Hingabe es ihn gekostet hat sich diesem Titel aus Cabaret gefügig zu machen, für ihn einen Atem zu finden, damit seine rauhe, zutiefst männliche ihm Stimme gerecht würde, und ja, mein Gott, es gelang ihm. Es war wie ein Wunder. Es war als wäre dieser Titel diese unbändige Kraft nicht für die einzigartige Liza Minelli geschrieben worden, für ihre grandiose Stimme, ihre großen Augen, die der Welt alles abverlangten, sondern für ihn, für Patur, diesen gestrandeten Nordmenschen, mit seinen kleinen traurigen Augen, die aber jetzt, jetzt wo er zum Schöpfer dieses Liedes wurde, sich jetzt über all den Alkohol und die Drogen hinwegsetzten und ebenso strahlten wie ihre.

Ich gab ihm Mr. Sandmann zurück. Wir tranken diese vorzügliche Flasche Rotwein, genossen sie und Patur stand auf, bedankte sich und verschwand. Nein, die Pillen war nicht giftig. Wie ich hörte ist er irgendwo in Norwegens Fjorden ins Wasser gegangen, singend, denke ich.

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 4

Donnerstag, November 26th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Doch das eigentlich schlimme war, er hatte recht, wahrscheinlich hatte er recht. Scheiß drauf. Worüber soll ich mir Gedanken machen? Was könnte wohl passieren? Wovor verdammt sollte ich Angst haben? Ich sollte einfach nach draußen sehen und die Landschaft genießen, die herrliche Natur, die wunderbare anmutige Natur, die Schönheit dieser elend selbstherrlichen Natur, die sich wohl einen Dreck darum kümmern würde, was aus so Idioten wie mir werden würde; ob ich mich nun mit Rick in diesem Auto überschlagen und verbrennen würde oder alt und sabbernd auf Blümchenkissen dem lieben Herrgott mit dem Arsch voraus entgegen schiele.
Schöne Landschaft, was für eine schöne Landschaft. Scheiß Landschaft. Ich fühlte mich wie damals, gar nicht so lange her, 1 Jahr vielleicht, damals, als ich, wie ich es nannte, an der Grenze stand. Verbrauchter Begriff, aber wahr. Mit dem großen Zeh, dem Hobbitzeh, über dem Abgrund.
Ein kleines hellbraunes Fläschchen mit einem weißen Schraubverschluss, ohne Aufschrift. Patur hatte es mitgebracht. Er hatte es, während wir uns, wie so viele betrunkene oder bekiffte Grinsesäcke, gerade jede Menge von Monty Python Zitaten um die Ohren gehauen haben ohne Kommentar auf den Tisch gestellt. Ein Lachkrampf kann durchaus schmerzhaft sein. Eigentlich hatten wir uns getroffen um zu proben. Patur hatte eine schöne, tiefe, rauchige Stimme. Er sang zwar nicht immer sauber, aber das machte nichts. Wenn er sang verlieh er jedem einzelnen Song seine eigene ganz spezielle Note, das Patur Patina, etwa zwischen Tony Joe White und Lucio Dalla. Irgendwie passte seine Stimme nicht zu seinem nordisch blassen Aussehen. Wenn es stimmte, was er mir erzählt hat dann ist er vor ca. zwei Jahren während eines Europatrips ausgerechnet in München hängen geblieben. Natürlich war eine Frau im Spiel, aber die ist inzwischen nach Pirmasens gezogen. Natürlich war ein Mann mit mehr Moneten im Spiel. Wir hatten als Duo (Patur Patina) ein kleines Programm mit Liedern von John Kander und George Gershwin und spielten es zwei mal im Monat in einer dieser Bars, die betont hip und doch nichts anderes als arrogant waren (aber es gab guten Rotwein, dumme Frauen und unkompliziertes Kokain). Ich hatte dem Fläschchen keine weitere Bedeutung zugemessen. Mein sogenannter Proberaum war eigentlich ein ganz normales Kellerabteil. Holzlattenkäfig, Holzlattentür, Abus-Schloss. Ich hatte es mit Schaumstoff, den sprichwörtlichen Eierkartons alten Messeteppichen dilettantisch abgedämmt und das alte Klavier reingestellt, das ich von Onkel Herbert geerbt habe. Onkel Herbert der gutmütige pausbäckige Mann, Gärtner, verrückt nach Süßigkeiten, Torten, Sahnetorten im speziellen. Eine Wespe hatte sich in einer stattlichen Portion Schlagsahne vergraben, die er auf ein ebenso stattliches Stück Buttercremetorte geschaufelt hatte. Sie hat ihn unterhalb des Adamsapfels in die Speiseröhre gestochen. Die roten Pausbacken liefen kurz blau an, die Augen traten hervor. Die Speiseröhre schwoll, nicht zuletzt wegen einer Allergie gegen Insektenstiche jeder Art, die er schon als Kind gehabt hatte, in windeseile an und drückte so fest auf die Luftröhre, dass er röchelnd zusammenbrach, sich noch eine Weile krächzend auf dem Boden herumwälzte und zu guter letzt in Panik an einem Herzversagen verstarb.

In allen Probenräumen dieser Erde liegen Pizzakartons.

“Mister Sandman, bring me a dream
(Bung, bung, bung, bung)
Make him the cutest that I’ve ever seen
(Bung, bung, bung, bung)
Give him two lips like roses in clover
Then tell him that my lonesome nights are over

Sandman, I’m so alone
Don’t have nobody to call my own
Please turn on your magic beam
Mister Sandman, bring me a dream

(bung, bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung)”

Toll, Patur kann singen und gleichzeitig in der Nase bohren. Die zweite Hand klatschte mit jedem bung bung bung auf den Oberschenkel. Am Ende seines Vortrages stand er auf, streckte die Arme von sich und verbeugte sich galant wie ein alter Showstar. “Möchtest du das vielleicht in unser Programm aufnehmen?”
“Nein, mein Freund, ich möchte dir eine ganz speziellen experience geben.” Sein deutsch war nicht besonders. Er griff nach dem Fläschchen und hielt es mir ganz dicht vor die Augen. “Das hier Piano Mann ist Mister Sandman.”

Ich öffnete kurz die Augen. Am Irschenberg steht ein McDonalds mit Alpenblick

“In Dänemark in meine Famillie gab es einen ganz verrückten Großvater. Uralter Mann. Arzt. Hat so geforscht über Pflanzengifte und so. Er hat den Sandman gemixt. Hat viele Ratten das Leben gekostet. Es reichen 13 Pills. Es gibt keine Schmerzen. Just a smooth fade out. Als er gemerkt hat wie gut und leise Mr Sandmann wirkt hat er ein Spiel erfunden. Resist Mr. Sandman. Ein Spiel für die lange dänische Winter. Isch möchte es mit dir spielen. Ich lasse den Sandmann für eine Woche zu Besuch hier und nach einer Woche hole ich ihn wieder ab. Das ist alles. Es gibt kein so gutes Spiel sonst, das man alleine spielen kann.” Bedächtig stellte er Mr Sandman zurück auf den Tisch, “Wir sehen uns nächste Woche” und ging. Bung bung bung bung.
Der Hobbitzeh zuckte.
Angenommen ich würde das Spiel verlieren, angenommen, die Haut ablegen, die Zeit, weil aus der Verwunderung über mein alltägliches Aufwachen ein stetiger, dummer Schmerz geworden ist, dem ich nichts mehr entgegen zu setzen habe, angenommen, den Namen ausziehen, weil das Ich nicht mehr an den Konturen festhalten möchte, dem unheimlichen Zwischenraum zwischen mir und dem allernächsten, das, wenn es denn gelingt, nur eine Berührung vortäuscht, angenommen, mit den Fingernägeln nicht mehr an der Oberfläche kratzen, oder ein wenig darunter, je nachdem wie differenziert das Vokabular ist, die Klaviatur, die eingefleischte Komposition und der darin vermutete Wohlklang, wenn es den gelingt, klingt, so wie der Applaus es vermuten läßt, weil auch das Mitmenschentum der Mathematik der eigenen Sehnsüchte verpflichtet ist, angenommen, die Augen fallen aus dem Kopf heraus, aus dem sie bis eben gerade noch heraus geglotzt haben, oder sich verdreht, meistens geschielt oder sich hinter dünnen Hautvorhängen versteckt, verkrochen, verzogen, angenommen ich würde das Spiel in diesem Sinne gewinnen, nicht mehr nach vorne gebeugt, kurzatmig, stotternd, aber adrett, die Spielregeln deklinierend, gewinnen, nicht den Schmerz, sondern die Fähigkeit zum Schmerz ablegen, die ausgewachsene DNS, der Klangkörper, in dem selbst die Einsamkeit einen Ton findet und ihn erschüttert, angenommen die Narben würden alle aufbrechen und die Empfindung entlassen, angenommen…… es gäbe dann keine Freiheit zu gewinnen, aber es würde schon ausreichen, wenn es auf hört, nicht mehr ist, schweigt, das Schmerzgetier, angenommen ich könnte nicht widerstehen, und ich müßte erklären warum, ich könnte es nicht.

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 3

Donnerstag, November 5th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Rick nahm den direkten Weg auf die Autobahn in Richtung Salzburg. Wie schnell die Stadt doch verschwindet. Sie gebärdet sich immer so groß, so wichtig, so lebendig, bedeutend, bestimmend und doch, nach nur wenigen Minuten auf der Autobahn ist sie so gut wie vergessen. Das einzige, was den Blick in die Welt dann noch bestimmt sind die graublauen Berge dort vorne, auf so eine ganz andere Weise selbstherrlich, majestätisch, siegesgewiss und weit ab von allem, was etwas bedeuten möchte. Rick saß ruhig und gelassen am Steuer. Ich wagte es kaum länger zu ihm hinüber zu sehen, da ich befürchtete er würde merken, dass ich ihn mustere, also hielt ich meinen Blick zwanghaft nach vorne.
“Hat es je einen Plan für einen Anschlag gegeben?”
“Könnte sein es gibt ihn noch.” Ich glaubte ihm kein Wort. Ich fühlte mich betrogen, peinlich beschämt, wie jeder, der Opfer eines dummen Streiches geworden ist. Aber offensichtlich wollten sie es nicht bei diesem Streich belassen, sonst hätten sie mich auch einfach dort liegen lassen können.
“Im Handschuhfach ist meine Sonnenbrille. Wärst du bitte so nett, sie mir zu geben?”
Ich öffnete das Handschuhfach. Es waren Haufenweise Landkarten darin, Städtekarten. Wien, Rom, Lissabon. Sowie Kopfschmerztabletten, ein Notizblock…..
“Links an der Seite.” ….. und die Sonnenbrille. Ich reichte sie zu Rick hinüber.
“Wie lange werden wir fahren?”
“Oh, es ist nicht weit. Eineinhalb Stunden vielleicht, eher weniger.”
“und wohin geht es? In euer Hauptquartier?”
Rick lächelte. “Naja,” sagte er “so könnte man es nennen. Aber das klingt doch ein bißchen zu militärisch.”
“Ach so, ich dachte ihr wäret vielleicht so was wie eine kleine paramilitärische Organisation.”
“Nein, mein lieber, das trifft es wohl kaum?”
“Sondern?”
“Sagen wir eine Art Bruderschaft.”
“Klingt ja geheimnisvoll.” Rick lächelte wieder, so wie jemand, der etwas weiß, dass er dem anderen keinesfalls mitteilen würde, wie jemand, der sich insgeheim auf das Gesicht desjenigen freut, wenn dieser schließlich dahinter kommt und mir war klar, dass ich mit meinen Fragen nicht weiter kommen würde, also wechselte ich das Thema.
“Wie ist die Wahl ausgegangen?”
“Die SPD ist ein Trümmerhaufen, die FDP strahlender Sieger, das bedeutet Merkel und Westerwelle stehen auf der Brücke.” Es ist also gekommen, wie erwartet und befürchtet. “Aber, Max, das wird zunächst einmal nicht dein größtes Problem sein.” Rick drehte kurz den Kopf zu mir  und hob frech seine Augenbrauen an. Ich konnte nicht darauf antworten, aber ich spürte wie sich in mir ein deutlichter Fluchtimpuls rührte. Wir donnerten mit bestimmt 200 Sachen über die Autobahn. An Flucht war nicht zu denken. “Keine Angst, du wirst es überleben.” Als ich vor weniger als 24 Stunden die vermeintliche Bombe in meinen Händen hielt dachte ich, es könnte nicht schlimmer kommen, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Hier ging es wohl nicht um Politik, hier ging es ganz eindeutig um meine Person. Ich stand im Zentrum eines Plans. Ich war das Ziel, und wenn es ganz schlimm kommen würde, war ich das Opfer. Aber was hatte Mia mit all dem zu tun. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich ein Teil dieses Spiels sein sollte, dass ausgerechnet sie mich in die Falle locken würde. Ich holte eine Situation nach der anderen vor mein geistiges Auge und versuchte über die zeitliche Entfernung hinweg ihr Gesicht zu deuten, vielleicht doch irgendwo eine Doppeldeutigkeit, eine Verschlagenheit oder ähnliches zu finden, ein Zucken, ein verhuschter Blick. Vielleicht ist sie von ihnen erpresst worden? Das macht keinen Sinn. Ich bin absolut niemand, vollkommen unbedeutend. Wozu sollte sich jemand die Arbeit machen, das Risiko eingehen, Zeit verschwenden. Nein, ihre Begeisterung ist echt gewesen. Sie war absolut von der Sache überzeugt. Sie hat an Abel geglaubt. Sie stand fest an seiner Seite. Ich weiß nicht wer sie so zusammengeschlagen hat, aber es war sicher nicht Abel. Er hatte damit nichts zu tun. Es sei denn…….. Die Gedanken rauschten herrenlos durch meinen Kopf. Es war unmöglich eine Ordnung zu schaffen, ein Folge, Zusammenhänge, Ursache und Wirkung. Ich wußte ja nicht einmal wo ich den Anfang machen sollte. Wo sollte ich einhaken. Das Treffen an der Haltestelle? War das der Anfang? Ging von dort alles aus? Das kann nicht sein. Mia saß doch bereits da als ich an die Haltestelle kam. Das würde ja bedeuten, dass sie auf mich gewartet hat, aber sie wußte doch gar nicht, ob ich überhaupt dorthin kommen würde.
“An deiner Stelle würde ich aufhören darüber nachzudenken. Es macht keinen Sinn. Blick lieber nach vorne. Genieß die Landschaft.”
Die Landschaft genießen. Sehr komisch.
“Du mußt lernen zu warten.”
Rick klemmte mit beiden Knie das Lenkrad fest und begann sein Jacke auszuziehen.
“Wenn du nicht aufpasst, lerne ich es bestimmt nicht mehr.” Obwohl wir mit fast 200 Stundenkilometern über die Autobahn rasten, zelebrierte Rick das Ausziehen der Jacke wie eine kleine Zirkusnummer. Entschlossen, sicher und mit dem notwendigen Schuss Leichtigkeit. Er schien den Wagen fest im Griff zu haben. Da ich aber in diesem Falle nicht nur Zuschauer war, sondern im Falle eines Fehlschlages mit betroffen wäre, krampfte ich mich mit beiden Händen in den Autositz. Der kleinste Schlenker würde genügen um einen verheerenden Unfall nach sich zu ziehen. Wir würden uns drehen, überschlagen und in Flammen aufgehen. Rick schlüpfte mit dem zweiten Arm aus dem Ärmel und schmiß die Jacke auf die Hinterbank. “Besser so” Er blickte grinsend zu mir herüber. “Alles Okay?” . Ich nickte stumm. “Als Fluchtwagenfahrer lernt man nicht nur besonders sicher zu fahren, sondern, man lernt auch zu warten. Das allerwichtigste, was du als Fahrer können mußt ist warten, ruhig und gelassen warten. Du weißt nicht, was in der Bank vor geht, verstehst du. Alles, was du weißt ist, dass deine Kollegen schwer bewaffnet in diese Bank hinein gegangen sind und dass sie von dir erwarten, dass du fahrbereit vor der Türe stehst, wenn sie wieder heraus kommen. Die Frage ist nur wie werden sie hinauskommen. Ruhig, zielstrebig, die Umgebung musternd, oder schreiend und schießend; werden alle wieder herauskommen? Was, wenn du plötzlich Polizeisirenen hörst.
“Was tut man als Fluchtwagenfahrer, wenn man plötzlich Polizeisirenen hört?”
“Nichts. Du tust nichts. Alles andere wäre verdächtig. Du bleibst ruhig in deinem Auto sitzen und beobachtest die Situation und erst wenn du wirklich ausschließen kannst, wirklich und letztendlich ausschließen kannst, dass noch irgendjemand deiner Kollegen da rauskommt, legst du den Gurt an, drehst die Zündung, Blinker setzen, umschauen und los. Keine schwierige Situation, schwierig ist es nur solange nichts passiert, solange du in deinen Auto sitzt und wartest. Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Es ist wichtig den Kopf leer zu halten. Auf keinen Fall darfst du damit beginnen dir vorzustellen, was wohl im Inneren der Bank passiert. Das macht dich nur nervös, schwitzige Hände, kauen auf der Lippe. Es steigert sich dann immer weiter. Dein Gehirn sucht sich in der Vorstellung ein Problem, das Gehirn ist Problemsüchtig, und wenn es ein Problem gefunden hat, dann konstruiert es um dieses Problem ein noch viel größeres Problem und um dieses ein noch viel größeres Problem, einen erstaunlichen Turmbau der Probleme, bis in den Himmel hinein, solange bis sich endlich das hinterhältige Gefühl der Ausweglosigkeit einstellt. Kurzer, schneller Atem. Deswegen ist es wichtig den Kopf leer zu halten. Leer halten heißt nicht unbedingt nichts zu tun. Das Gehirn ist wie ein kleiner Hund, du musst es nur beschäftigen. Es nimmt alles an. Ein Koan vielleicht. Ich habe mir eines aus einem Buch herausgesucht, das mir Abel einmal zum Geburtstag geschenkt hat. Es lautet: “Goso sagte: Am Beispiel erläutert ist es so, als ob eine große Kuh durch ein vergittertes Fenster ginge. Hörner, Kopf und die vier Beine sind schon durch. Warum kann ihr Schwanz nicht auch noch durchkommen?” Gosos Kuh hat mir über so manchen Überfall hinweg geholfen. Gosos Kuh ist sozusagen meine heilige Kuh. Verstehst du?”  Ich glaube, Rick ist ein verdammtes Arschloch, denke ich.
“Wenn ich dich bitten würde, mich aussteigen zu lassen, würdest du es tun?”
“Der Erleuchtete sagt: Er hat mich beleidigt, er hat mich betrogen, er hat mich geschlagen, er hat mich beraubt.
- die frei von Haßgedanken sind, finden gewißlich Frieden.”
Ich glaube ich habe recht. Schade eigentlich, denn ich hatte gehofft ich würde ihn mögen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 2

Mittwoch, Oktober 14th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Als ich wieder zu mir kam war Guido Grinse Westerwelle zum Kanzlerinnenmacher aufgestiegen.
“Willkommen zurück.” Die Stimme war mir unbekannt. Falls ich sie jemals gehört hätte, hätte ich sie bestimmt nicht vergessen. Sie klang ungewöhnlich hoch.
Vor mir war keine kleine schwarzrote Pfütze. Um mich herum brummte es. Mühsam wälzte ich mich auf den Rücken und blickte in ein grell weißes Neonlicht. Mein Schädel schmerzte entsetzlich und ich war kaum fähig ein Wort zu sprechen. Sofort schloss ich die Augen wieder. Ich bemühte mich in dem pulsierenden Schwarz in meinem Kopf eine Erinnerung zu finden. Delilah!
“Was habt ihr mit Delilah gemacht?” Ich hielt meine Augen geschlossen und hoffte es würde nicht so schlimm kommen, wie ich im Augenblick befürchtete.
“Sie ist ein hübsches Mädchen?” Eine Wasserleitung tropfte auf ein hohles Metall. “und selbstverständlich wußte auch sie worauf sie sich einlässt.” Ich öffnete die Augen und drehte meinen Kopf zur Seite um dem Licht auszuweichen. An der Wand hockte ein dürrer, hagerer Mann, neben ihm stand das Paket, das ich für eine Bombe gehalten habe. Der Mann grinste und klopfte mit einem Fingerknöchel auf das Paket, so wie man an eine Türe anklopfen würde. “Hallo! Jemand zu Hause” Ein Spaßvogel offensichtlich “Nein, keine Angst, das ist vollkommen ungefährlich.” Er legte sein Hände an den Fingerspitzen aneinander.
“Was habt ihr dem Mädchen angetan?”
Er ließ seine Mittelfinger rhythmisch gegeneinander tippen und flüsterte wie in einem Kinderreim. “Das Mädchen, das Mädchen, das Mädchen…”
Offensichtlich wollte er mir nicht direkt antworten. Ich rappelte mich mühsam auf und lehnte mich gegen einen der Heizungskessel. “Habt ihr sie auch so zusammengeschlagen wie Mia?” Er blicke auf und fixierte meine Augen. “Niemand von uns würde Mia je etwas zu Leide tun.”
“Aber Delilah schon. Sie ist ja wohl bloss eine Handlangerin, eine hübsche kleine Handlangerin. Womit habt ihr sie erpresst. Aufenthaltsgenehmigung?” Der Mann senkte seinen Blick wieder nach vorne auf den Boden. “Das ist nicht unser Stil.”
“Stil? Entschuldigung, aber ich kann keinen Stil entdecken.”
“Du musst noch viel über uns lernen, mein Freund.” Er griff in seine Jackentasche und holte eine kleine Plastikflasche heraus. “Wasser?” Ich nickte und er warf sie mir herüber. “Also, um dich zu beruhigen. Delilah geht es gut. Sie ist nicht mehr hier im Haus, auch nicht mehr hier in der Stadt, aber du musst dir keine Sorgen machen. Sie hat ihren Job gut gemacht, hat bekommen, was sie verdient hat und darüber hinaus eine Anstellung mit etwas mehr Aussicht als hier.” Ich nahm einen Schluck Wasser. “Und, um deine Frage vorweg zu nehmen. Nein, du kannst sie nicht wieder sehen. Vorerst zumindest nicht. Später…..viellleicht. Wir werden sehen.”
Das Wasser schmeckte wunderbar. “Oh entschuldige, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Rick.”
Er hob kurz die Hand. Das also ist Rick. Er ist noch größer als ich mir vorgestellt habe, sicherlich etwas über 2 Meter. Hier vor mir sitzt nun der Chorknabe. Wieso sitzt hier vor mir der Chorknabe? Ich hatte mir den Chorknaben doch nur vorgestellt. Ich hatte ihm den Namen gegeben. Er war nicht mehr als die Dekoration gewesen, die ich um Abel herum aufgezogen hatte, um aus ihm in meiner Vorstellung den Bankräuber zu machen, den ich mir wünschte.
Es würde mich nicht wundern, wenn ich jeden Augenblick aufwachen würde und in meinem Bett liege. An welchem Zeitpunkt würde ich wohl aufwachen? Nach dem Verhör mit Ehrenbacher, oder noch davor, oder noch bevor ich Abel überhaupt kennen gelernt habe. Was war sicher? Was wusste ich sicher? Das Treffen mit Mia? Ja, das war sicher. Das ist passiert. Das ist genau so passiert, wie ich es in Erinnerung habe. Zumindest bis zu dem Augenblick, als ihr Handy in der Tasche läutete. Das war sicher und dass mir Chris Naaken vor vielen Jahren in die Fresse geschlagen hatte, so wie ich es wohl eben geträumt hatte, so wie es eben als ich hier auf dem Boden lag nochmals in mir aufgestiegen ist. Dieser Schlag war ein Teil meiner Person geworden, ein unverrückbares Kalendarisches Ereignis in meiner Biographie. Das konnte ich feststellen, aber was war mit Abel, mit Ehrenbacher, Rick, Delilah und Mia. “Ich möchte mit Mia sprechen.” Rick erhob sich zu seiner ganzen Größe, machte einen Schritt auf mich zu und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. “Sicher, das wirst du.” Ich blickte ihn regungslos an. “Wann?”
“Alles zu seiner Zeit.”
“Was soll das heißen? Wenn es dein Boss erlaubt?” Rick streckte mir seine Hand noch etwas näher. “Abel ist doch dein Boss, oder?” Rick lächelte. Er zog seine Hand zurück und hockte sich vor mich hin. Dunkelbraune, fast schwarze Augen. Seine Haut spannte sich über seinen Schädelknochen, so als sei sie nicht mit ihm mit gewachsen, so als ob er plötzlich durch sie hindurch brechen könnte.
“So könnte man es nennen, aber unser Verhältnis ist weit freundlicher, wie du weißt. Schließlich haben wir einiges zusammen durchgemacht in den letzten Jahren.”
“Woher soll ich das wissen?”
“Das kann ich dir leider jetzt nicht beantworten. Doch es wird eine Antwort darauf geben. Nicht jetzt, aber in Zukunft. Die Dinge sind nie so offensichtlich wie sie erscheinen und deswegen sollte man auch nichts überstürzen. Alles schön der Reihe nach ein Schritt nach dem anderen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick sagen kann.” Er schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel. “Also, wollen wir los?”
“Wohin?”
“Na, zu Abel. Du möchtest doch sicher Antworten auf deine Fragen haben.”
Allerdings, das wollte ich. Rick half mir hoch. Bevor wir uns auf den Weg machten heftete er mir ein kleines Namenschildchen an mein Hemd. “Damit niemand auf dem Weg nach draussen Fragen stellt. Du verstehst, man kann ja schließlich nicht irgendjemanden in seinem Keller herumkrabbeln lassen.” Er zwinkerte mit einem Auge.
“Verstehe.” Benjamin L. Willard, Sicherheitsdienst, stand darauf zu lesen. Rick hob zackig die Hand zu einem Militärgruß an seine Stirn. “Zu ihren Diensten, Captain.” Humor hatte er, das musste man ihm lassen. Wir machten uns auf den Weg durch die Kellergänge hindurch nach draussen. Auf dem Lieferantenparkplatz stand der schwarze Audi mit dem Mia damals verschwunden war. Also, wenn es ihnen darum ging mich zu verwirren, oder auch um mich immer weiter an sich zu ziehen, dann hatten sie ganze Arbeit geleistet. Alles schien wie ein großer Plan, alles schien, als wäre es nur für mich inszeniert.
Mit einem kurzen Piepen öffnete Rick das Auto. Wir stiegen ein und fuhren los.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 1

Freitag, Oktober 9th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Eine kleine schwarzrote Pfütze Blut, direkt vor meinen Augen. Keine Schmerzen. Ich kniete auf allen vieren. Der Faustschlag von Chris Naaken hatte mich direkt im Gesicht getroffen und auf den Boden geschickt. Noch niemals hatte ich einen solchen Schlag abbekommen. Ich war 14 Jahre alt und alle Rangeleien, in die ich bis dato verwickelt war, waren meist glimpflich abgelaufen. Bis eben gerade, bis zu diesem ganz und gar ungerechtfertigten, ungerechten Schlag in mein Gesicht.
Der Begriff Verbitterung war mir zu diesem Zeitpunkt bereits begegnet, aber er hatte einen etwas altmodischen Klang, denn ich hatte ihn noch nicht mit Erfahrung gefüllt. Rückblickend jedoch kann ich sagen, dass an diesem Septembertag womöglich der Grundstein für jene Gemütszustand gelegt wurde, den ich heute mit dem Wort Verbitterung beschreibe.
Der Anlass für diesen Vorfall ist, von aussen betrachtet, gänzlich bedeutungslos. Lediglich eine Auseinandersetzung um einen möglichen Regelverstoß im Rahmen eines Fussballspieles. Ein bedauerlicher Zwischenfall, dem aber keine weitere Bedeutung zuzumessen ist, von aussen betrachtet. Von aussen betrachtet ist jedwede Betrachtung immer die Verniedlichung eines Umstandes durch einen Betrachtenden, dem die Wirkung des Vorfalls im Betrachteten fremd ist, und der lediglich die unangenehmen Konsequenzen in Form von Belästigungen vermeiden möchte.
Ganz sicher hatte ich diesen Regelverstoß, nämlich ein Foul gegen einen Mitspieler aus meiner Mannschaft zurecht moniert. Ein Foul, das zumindest einen Freistoß nach sich ziehen müßte, der unsere Führung im laufenden Spiel möglicherweise unangreifbar gefestigt hätte, ein sportlich erstrittener Sieg, eine Entscheidung in der letzten Viertelstunde der Spielzeit. Von aussen betrachtet lediglich die Entscheidung in einem unbedeutenden nachmittäglichen alltäglichen Fussballspiel zwischen zwei zufällig zusammengestellten Jungendmannschaften auf einem, der vielen Bolzplätze der Republik.
Die Jugend bedarf der Ertüchtigung durch den Sport. Nicht nur der Körper erfährt hier ein wertvolles Training, sondern auch wichtige soziale Kompetenzen wie Teamgeist, Kameradschaft, aber auch Durchsetzungsvermögen und Siegeswille. Die Ausbildung dieser Tugenden formt aus dem jungen Menschen ein tatkräftiges Mitglied der Gemeinschaft, das willens und bereit ist Verantwortung für sich und seine Mitstreiter zu übernehmen und dessen Ehrgefühl und Ehrgeiz, Hunger, Belohnungshunger, Stolz, die erforderliche Grundlage bilden aus ihm, auch aus ihm, falls nötig einen Täter zu machen.
Chris Naaken brachte alle erforderlichen Voraussetzungen mit, die ihn in zwanzig Jahren als Führungspersönlichkeit und Leistungsträger auszeichnen würden; alle jene lächerlichen Voraussetzungen, die sich an diesem Nachmittag in dem Wissen manifestierten, dass ein bedauerlicher Vorfall zuletzt eine geringere Bedeutung haben würde wie die Nachricht eines Sieges. Ergebnisorientiertes Handeln. Der Geschmack von Blut in meinem Mund war das Ergebnis kleinbürgerlicher Grossmannssucht.
Chris Naaken stand hinter mir. Sein Atem ging schnell. Er hatte die Faust noch geballt, allerdings nicht, um mir noch einen zweiten Schlag zu versetzen, sondern weil es seine Siegerpose besser zierte und weil es alle anderen davon abhielt sich einzumischen. Mein Körper zitterte. Von meinem Bewusstsein blätterte langsam der erste Schock ab, der sich bis jetzt schützend vor die Schmerzen gelegt hatte. Von einem winzig kleinen Punkt irgendwo im rechten Teil meines Unterkiefers begann sich der Schmerz nun über mein ganzes Gesicht vor zu arbeiten. So wie ein Tintentropfen, den man auf ein Stück nasses Papier tropfen lässt, und der sich dann in vielen kleinen Adern sternförmig ausbreitet. Der Schmerz gewann mehr und mehr die Oberhand. Er schwächte zunehmend meinen Körper und gleichermaßen nährte er meinen Zorn.
“Verpiss dich vom Platz, Kleiner, wenn du die Regeln nicht kennst.”
Von aussen betrachtet ein wunderschöner, strahlender, sonniger Septembertag. Die Schuljungs ließen in der spätsommerlichen Atmosphäre noch einmal das Feriengefühl der letzten Wochen in sich aufsteigen, in denen Badenachmittage, Ausfahrten mit dem Fahrrad, eben auch gemeinsames Fussballspiel, heimlicher Alkohol, heimliche Zigaretten und der allgegenwärtige Wettbewerb um das heimliche Befummeln den Ablauf der Welt bestimmte.
Vor weniger als zwei Wochen war ich mit Chris Naaken und anderen um ein Feuer gesessen. Wir hatten Bier getrunken und aus dem Ghettobluster von Steff Thin Lizzy in die Nacht geblasen. Manche von uns hielten große Äste wie Gitarren und gebärdeten sich wie Rockstars vor einem imaginärem Publikum. Mitten in unserem ausgelassenen Gelächter, ich erinnere mich genau, hatte ich auch mit ihm angestoßen. Ich erinnere mich an sein Gesicht im Feuerschein. Es flackert in mir auf. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war sicher nicht wichtig. Aber wir haben gelacht, ich erinnere mich. Wir haben uns eigentlich recht gut verstanden, zumindest hat es so ausgesehen, von aussen betrachtet.
Aber das alles hat jetzt natürlich keine Bedeutung. Es hat so der so keine Bedeutung.
Wenn man nun aus dem schönen Spätsommernachmittag heraus einen Schritt näher herantritt, aus der Sonne heraus, vielleicht sogar so nahe heran, dass man unseren Schweiß riechen kann, oder sieht wie winzige weiße Sandkörnchen auf der wackligen Oberflächenspannung meiner kleinen Blutpfütze liegen, dann zeigt sich von etwas näher betrachtet wohl das Szenario eines Machtkampfes, der unnachsichtige Mechanismus, in dem Hierarchien geordnet werden.
Zügelloses Zermalmen und Zermahlen, so scheint es, das allgegenwärtige Recht des Stärkeren. Und wenn man nun noch näher herantritt, durch die Barriere der Epidermis hindurch, Hautschicht für Hautschicht dem durchgeführten Schlag ins Innere folgt so finden sich viele tausende kleine Zahnräder, ineinander verzahnt, die sich drehen, hin und her drehen, sich ausrichten und womöglich durch Schläge wie diese die Richtung wechseln.
Das immer größer werdende Bedürfnis nach Rache, das sich aus meinem Zorn herausschälte richtete sich nicht gegen Chris Naaken. Er ist unbedeutend. Meine Rache richtet sich gegen das Recht des Stärkeren, das sich an mir vergangen hat. Ein Foul ist ein Foul. Es gibt dieses Recht nicht. Der Begriff vom Recht des Stärkeren ist die formvollendete Lüge einer missratenen Vernunft, die aus dem blinden Mechanismus hinter den Hierarchien, eine beherrschbare Kraft machen möchte. Wie dumm. Nicht das sich der Mechanismus gegen mich gerichtet hat, machte mich wütend, sondern, dass er sich blind gegen mich gerichtet hat, dass nicht die Frage nach der Rechtmäßigkeit meines Insistierens auf einem Freistoß den Ausschlag gegeben hat, sondern das dieses berechtigte Insistieren der Schauplatz, der Anlass für die Feigheit des so genannten Rechts des Stärkeren wurde. Nein, mein lieber Chris Naaken, ich kenne deine Regeln nicht, ich begreife sie nicht und bin nicht bereit sie anzuerkennen. Am Ende von Schock, Schmerz, Zorn und Rache steht diese Entscheidung, und da sie einen so weiten Weg hinter sich gebracht hat, war sie gewappnet, und ich stark genug die Konsequenzen daraus zu tragen.
Ich schüttelte meine Kopf, spuckte das Blut aus, sammelte meine Kräfte und begann mich langsam wieder aufzurichten. Es gelang mir mich in eine aufrecht knieende Position zu bringen. Da ich ihm immer noch den Rücken zukehrte wäre es für Chris Naaken ein leichtes gewesen, mich mit einem Fußtritt wieder in den Staub zu befördern. Aber er ließ mich gewähren. Es dauert fast eine Minute bis ich wieder auf den Beinen stand und mich zu ihm umdrehte. “Ich würde jetzt gerne unseren Freistoß ausführen.” Der folgende Schlag traf mich in den Bauch. Mein Körper zog sich in einem einzigen Krampf zusammen. Das Gleichgewicht, Max, gleichgültig was du fühlst, konzentrier dich auf das Gleichgewicht. Fall nicht um. Ein zweites mal zögerte er nicht mir einen Fußtritt zu versetzen. Kraftlos fiel ich in mich zusammen, und fiel, und fiel und fiel…..

(Fortsetzung folgt)