Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 5
Donnerstag, Dezember 10th, 2009“Mann, Mann, Mann sieh dich nur an. Hey, was ist mit dir los? Du solltest mal dein Gesicht sehen. Das müssen ja höchst tragische Gedanken sein, was, schwermütige Erinnerungen. Na, hast du vielleicht irgendwann, irgendwo eine prächtige Chance verpasst, Max.” Rick drehte seinen Kopf nicht zu mir während er sprach. “Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir da.”
Als Patur nach einer Woche wieder zu mir kam um Mr. Sandman abzuholen brachte er eine besonders gute Flasche Rotwein mit, eine wirklich vorzügliche Flasche. Ich weiß nicht, ob sie nun objektiv wirklich so außerordentlich vorzüglich war, oder ob ich sie mir in meinem Kopf so vorzüglich machte, weil mit ihr der Abschied von Mr. Sandman gekommen war. (Eine Flasche Wein objektiv zu beurteilen, überhaupt objektiv beurteilen zu wollen, ist natürlich vollkommener Unsinn. Es gibt überhaupt keine objektive Flasche Wein. Eine Flasche Wein ist etwas allerhöchst subjektives. So subjektiv wie irgend möglich. In etwa so subjektiv, nein, unter allen Umständen bestimmt so subjektiv, variabel, chamäleonartig, unhaltbar, leicht schwindend, neckisch, illusorisch und so wunderbar einfach befriedigend wie ein Orgasmus.) Ob die kleinen Pillen in dem Fläschchen tatsächlich so gifig, oder aber überhaupt giftig waren, weiß ich bis heute nicht. Es steht aber zu vermuten das nicht.
Die Woche mit Mr. Sandman war nicht halb so aufreibend wie ich zunächst gedacht habe. Natürlich hatte ich mir vorgestellt nun Abend für Abend mit dem kleinen braunen Fläschchen zusammen zu sitzen, es immer und immer wieder in meinen Händen zu drehen, vielleicht sogar zu öffnen, kurz daran zu riechen, versunken in rücksichtslose Betrachtungen über den möglichen Sinn beziehungsweise Unsinn meiner Existenz, aber das geschah nicht. Ich stellte Mr. Sandman einfach zu den Gewürzen in den Schrank und dort blieb er unberührt die ganze Woche stehen, so als sei er nichts weiter als etwas, von dem man nicht mehr weiß, was es ist, seit es das Etikett verloren hat, das man aber vergisst wegzuschmeißen, weil es irgendwie schon immer da stand, wo es steht und man es vermissen würde, wenn es plötzlich nicht mehr dort steht und einem befremdlichen Leerraum Platz macht. Ach, das klingt so herrlich souverän, so als wäre nichts selbstverständlicher als die Freiheit die angeborene Sehnsucht nach dem Tod einfach in den Küchenschrank zu den anderen Gewürzen des Lebens zu sperren. Die Freiheit der Gedanken ist zuallererst die Freiheit zur Täuschung, insbesondere der Selbsttäuschung im inneren und der darauf folgenden Vortäuschung einer dem eigenen Wesen entfremdeten Person nach aussen; mit anderen Worten eine Entwesentlichung des eigenen Ichs zugunsten einer schleichenden Verwesung, hingegeben an den komischen Glauben an die Bedeutsamkeit des täglich alltäglichen Ringelreihens mit Anfassen, naja und unter den Umständen kann man schon mal an so einem kleinen braunen Fläschchen riechen. Es riecht nach nichts. Ich hatte mir so gewünscht, dass der Tod einen Duft hat.
Ich hatte es also nicht in den Küchenschrank gestellt, obwohl ich es mir vorgenommen habe, aber der Küchenschrank war noch innerhalb einer von mir vorgestellten Bannmeile, die mich vor Mr. Sandman bewahren sollte. Genau genommen habe ich das Spiel gar nicht mit gespielt. Ich habe das Fläschen in meinem Probekeller hinter die Bierkästen gestellt und den Probekeller die ganze Woche über nicht aufgesucht. Das habe ich allerdings Patur nicht erzählt. Ich dachte wohl, das hätte ihn enttäuscht und ich wollte unser kleines Duo nicht aufs Spiel setzen. Ich schätzte das musizieren mit ihm sehr. Die Auftritte mit ihm hatten immer für mich einen Wert, einen echten Wert eben. Sie waren immer wieder etwas besonders, weniger wegen mir, sondern weit mehr wegen ihm, weil er sich jeden, aber auch jeden Ton immer wieder neu erarbeitete, weil er keinen, nicht einen einzigen Ton für selbstverständlich erachtete, weil er sich der Musik unterwarf und sie nicht zu seiner Selbstdarstellung missbrauchte. Sein Anliegen war ein ernsthaftes Anliegen einem Musikstück gerecht zu werden, ihm zu huldigen, mit ihm zu verschmelzen. Patur sang die Lieder nicht einfach, nein, er ließ sie entstehen, immer wieder aufs neue entstehen, so als würden sie in dem Augenblick, in dem sie seine Lippen verlassen geboren.
Ich kann mich an einen Abend vor ca. zwei Monaten erinnern. Wir spielten in einer hübschen kleinen Bar in Salzburg. Es war der Geburtstag des Barinhabers, Charles to Savour, eigentlich hieß er Karl, ein schräger Typ, der sich mit dieser Bar und zwei afrikanischen Nutten, die er beide liebte, wie er sagte, über die Kokainexzesse der 80ger gerettet hatte. Es gab keine Gage. Kost und Logie.
Unser Auftritt war schon längst beendet. Die meisten Gäste hatten sich in ihren Rausch zurückgezogen und die Reibung an der Realität kostete sie immer mehr Kraft, die sie vielleicht noch der Pflicht entnehmen konnten ihren jeweiligen Rollen gerecht zu werden. Ich hatte mich gerade in den hinteren Teil der Bar an einen Ecktisch zurückgezogen und arbeitete an einer Position, die mir etwas Schlaf ermöglichen würde, als sich Patur zu mir setzte. “Einmal mein lieber Max, einmal nur für mich, bitte.”
“Hör mir gut zu mein Freund, mir ist kotzübel, ok, also und aus diesem kühlen Grunde werde ich mich jetzt auf die Toilete begeben und ins Klo brüllen, so wie ich noch nie ins Klo gebrüllt habe. Dann werde ich mir den Mund ausspülen, die Hände waschen und an die Bar gehen, um zu sehen, ob ich noch einen Espresso bekommen kann. Und dann, mein lieber Patur, und dann, ja, dann, werde ich mich mit meinem Espresso an das Klavier begeben und dir diesen einen Gefallen tun, um deinetwegen, bitte sehr, oder meinetwegen, bitte sehr oder auch immer, für wen, verstehst du das?”
Patur nickte. “Gut, dann los.” An die Details der nun auf der Toilette folgenden eruptiven Entleerung meines Körpers kann und will ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls muss sie derart heftig gewesen sein, das ich mich mit meinen Armen gegen die Klowände sperrend einklemmen musste um nicht nach hinten über zu kippen. Außerdem hatte ich am nächsten Tag unter einer Art Muskelkater im oberen Bauchbereich zu leiden.
Rick blickte weiter starr auf die Straße. Mit diesem Gesicht hätte er ein wunderbarer, ein unheimlicher Pantomime werden können.
Dann klangen die ersten Töne in mir auf. Das war es, ja, das war es, so mußte es Abel ergehen, wenn er das Klavierkonzert in sich auf klingen lässt, kurz vor einem Banküberfall, oder wenn er die Waffe hebt, wenn es darum geht sich zu sammeln. Ich legte meine Handflächen auf meine Oberschenkel und lauschte. Erst nur ein kleiner Lauf, sich wiederholend wie ein sentimentales Selbstzitat und dann nur ein kurzer Auftakt, an sich sich sofort Paturs stimme schmiegte.
“Maybe this time……..”
Ich weiß nicht wie viel Mühe und Hingabe es ihn gekostet hat sich diesem Titel aus Cabaret gefügig zu machen, für ihn einen Atem zu finden, damit seine rauhe, zutiefst männliche ihm Stimme gerecht würde, und ja, mein Gott, es gelang ihm. Es war wie ein Wunder. Es war als wäre dieser Titel diese unbändige Kraft nicht für die einzigartige Liza Minelli geschrieben worden, für ihre grandiose Stimme, ihre großen Augen, die der Welt alles abverlangten, sondern für ihn, für Patur, diesen gestrandeten Nordmenschen, mit seinen kleinen traurigen Augen, die aber jetzt, jetzt wo er zum Schöpfer dieses Liedes wurde, sich jetzt über all den Alkohol und die Drogen hinwegsetzten und ebenso strahlten wie ihre.
Ich gab ihm Mr. Sandmann zurück. Wir tranken diese vorzügliche Flasche Rotwein, genossen sie und Patur stand auf, bedankte sich und verschwand. Nein, die Pillen war nicht giftig. Wie ich hörte ist er irgendwo in Norwegens Fjorden ins Wasser gegangen, singend, denke ich.