Archive for the ‘Abel - Kapitel 1: Verhör, verhört, unerhört’ Category

Abel - 14

Montag, August 24th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 13

Der Polizist nahm einen kräftigen Zug an seiner Zigarette und ließ sie anschließend in den Kaffeebecher fallen. “Sind sie auch ein Abszess?” Dann griff er nach dem Kaffeeaschenbecher und verließ ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen den Raum. Ich bekam Hunger. Wie spät mochte es wohl sein? Langsam hatte ich die Faxen wirklich dick. Ich wollte hier raus, nur hier raus, schnell. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein? Das lasse ich mir nicht so einfach gefallen. Das wir ein Nachspiel haben. Scheiße, was kotzt mich das alles an. Sind sie auch ein Abszess? Ja, ich bin auch ein Abszess, ein juckender, schwarzer Fleck an deinem Arsch. 
Müde lasse ich mich gegen die Rückenlehne des Stuhles fallen. Ich bin aber nur ein kleiner unangenehmer Abszess, nur eine lästige Folge der Immunschwäche, eine kleine eitrige Entzündung. Der böse Nazi-Bomben-Mann war ein fortgeschritteneres Stadium, er hatte bereits das Potential einer ernsthaften Blutvergiftung und dieses Potential läßt sich nicht in der Kategorie: isolierter, psychisch kranker Einzeltäter, mit rechtsextremen Hintergrund, neutralisieren. Was für ein lächerlicher geistiger Frieden. Ich schloss wieder die Augen. Ich wollte wieder zurück in die Bank und zusehen wie Abel nun doch den Abzug durchdrückt, wie er schießt. Es gelingt mir nicht. Was gibt es denn noch zu besprechen? Was gibt es denn noch zu erläutern? Unter den Fingernägeln noch ein Rest Verständnis.
Ich konnte Abel hören: “Und das Geschwür will immer weiter wachsen, immer weiter, bis es den ganzen Menschen durchdrungen hat. Und dann wuchert es aus dem Menschen heraus mit unsichtbaren Armen und greift nach neuen Opfern, dringt in sie ein und zerstört ihren Geist. Deswegen muß das Geschwür herausgeschnitten werden. Wenn man in den Menschen hineinschneidet, dann blutet er. So ist das.”
Der Abszess ist das Symptom, das Geschwür die Ursache. Geschwächte Abwehr. In dünnen Haarfasern schlägt das Geschwür Wurzeln und durchzieht den Körper.
Mit einem Schlag sprang die Tür auf. Der Polizist kam wieder herein, in der Hand ein weiteres Foto. Noch eine Anschlagspostkarte? Ohne ein Wort zu sagen setzte er sich auf seinen Stuhl und legte das Foto vor mir auf den Tisch. Ohne einen Blick auf das Foto zu werfen frage ich ihn.
“Wie ist eigentlich ihr Name?”
“Kennen sie die Frau auf dem Foto?”
“Ich würde es für einen gebotenen Akt der Höflichkeit halten, wenn sie mir ihren Namen verraten.”
Der Drang auf das Foto zu blicken war kaum zu bändigen, aber ich würde es schaffen. Ich schaue nicht auf das Foto, bis er mir seinen Namen gesagt hat. Der Polizist stellte mich auf die Probe. Er war ein verschlagener Hund. Unbeirrt ließ er meine Frage an sich abperlen. “Diese Frau,” er zeigte auf das Foto, “diese hier, auf dem Bild steht unserer Vermutung nach in engen Kontakt zu Tofor. Können sie uns etwas über sie sagen?” Ohne hinzusehen tastete ich nach dem Foto, nahm es zwischen zwei Finger, drehte es um und knallte es wieder auf die Tischplatte. Der Polizist zuckte kurz mit den Augenbrauen, fasste sich aber wieder sofort. “Ich habe keine Lust mehr mit ihnen weiter zu diskutieren. Mein Bedarf an ihrem rhetorischen Blödsinn ist mehr als gedeckt. Keine Spielchen, keine Diskussionen.” Er stand auf, ging in Richtung Tür und lehnte sich lässig gegen die Wand. “Klare Fragen, einfache Antworten.” Also gut, er hatte den Schalter wohl umgelegt. Für ihn war jede Überzeugungsarbeit erledigt. Also gut lassen wir es.
“Kann ich jetzt gehen?”
“Wenn sie meine Frage beantwortet haben.”
Ich nahm das Foto hoch, warf einen kurzen Blick drauf, der deutlich machte, das ich die Person auf dem Bild nicht angesehen hatte und antwortete mit einem knappen “Nein.” Der Polizist öffnete mit einer Hand die Türe. “Dann können sie ja jetzt gehen.” War es das wirklich gewesen? Mit gespielter Gelassenheit stand ich auf und ging schweigend an dem Polizisten vorbei in den Gang. “Ehrenbacher.”, hörte ich ihn mir hinterher rufen. “Martin Ehrenbacher. Merken sie sich diesen Namen. Sie werden von mir hören.” Zum Gruß hob ich im gehen meine rechte Hand und bog links in das Treppenhaus ein.
Die Sonne hatte sich höher in den Himmel geschraubt. Das Licht blendete mich. Die Erde hatte sich weiter gedreht. Die Geschäfte liefen weiter. Die Stadt lag in ihrem morgendlichen Brummen. Die Menschen verfolgten ihre Ziele. Mein Hunger war verflogen. Alles, wonach ich mich sehnte war eine warme Dusche. Ich stank fürchterlich. Zuerst werde ich eine warme Dusche nehmen und dann könnte es sein, dass es Zeit wird eine Entscheidung zu treffen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 13

Freitag, August 21st, 2009

zu Abel Teil 1 bis 12

“Ist das nicht irgendwie langweilig?” Ich lehnte mich zurück und kratzte mich genüßlich hinter dem Ohr.
“Was?” Der Polizist sucht meine Augen, ich weiche nicht aus.
“Naja, genau betrachtet ist es doch zu einfach immer auf der Seite der Guten zu stehen. Ich meine, für einen patenten Kerl wie sie ist es doch keine Herausforderung einfach immer nur gegen die bösen Terroristen zu sein.”
“Wie bitte?” Ich hatte ihn gepackt diesen Famillienväterbeschützer, der dachte er könne mich mit seinem affektierten unausgegorenen Halb-Michael-Keaton-Charme beeindrucken, könnte mir mit diesen zwei lächerlichen Bildern und seiner Kaffe-und-Zigaretten-Verhörsromantik eine Bürgerspflicht aufbürden. Du Exekutiv-Tölpel, hast du eigentlich noch immer nicht gemerkt, dass sie dich zur vorsätzlichen Volksberuhigung an die innere Front geschickt haben.

Vor meinem innerlichen Auge hob Abel wieder seine Waffe.
Der Polizist senkte seinen Blick für einen kurzen Moment, vielleicht um mich in dem scheinbar sicheren Gefühl zu wiegen, er würde sich auf diese Diskussion nicht einlassen.
“Sehen sie nicht das Blut auf der Straße?” Es wäre ein Fehler ihn zu unterschätzen. Er kannte das Repertoire seiner Mittel gut und so flüsterte er diese letzten Worte mit gesenketen Blick um ihnen eine unberechenbare Schärfe zu verleihen.
Ich antwortete in der gleichen Tonlage: “Das Blut beeindruckt mich nicht. Und wenn sie ganz ehrlich sind beeindruckt es sie auch nicht. Oder doch? Ja, vielleicht, weil sie eine individuelle Erinnerung an den Anschlag haben, sei´s drum, weil sie zufällig in der Nähe waren, weil sie, ebenfalls zufällig, diese arme Frau mit dem klaffenden Torso gesehen haben, weil sie ein paar Blutspritzer abbekommen haben und weil sie die Schreie gehört haben.” Ich verzierte meine nächste Sätze mit einem freundlichen Lächeln. “Ja ja, natürlich ist es dann schrecklich, natürlich ist es dann entsetzlich, verstörend und dabei sicher auch eine gute Geschichte, die sich spannend den Kollegen hier im Haus auftischen lässt.”
Er konnte meiner Provokation widerstehen. Die Provokation war auch nur ein bedeutungsloses Ritual, etwas, das zu dem Spiel gehörte. Mir ging es nicht um die Provokation. Mir ging es um die Anmaßung sich über den Schmerz anderer, über die Präsentation der Opfer, selbst in ein gutes Licht zu rücken. Ich hatte sie so satt, diese schmierige Betroffenheit, diese ekelhaften Streicheleinheiten über die aufgerissenen Körper, deren einziges Ziel darin bestand die vorhandenen Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung auszubauen und zu verfestigen.
“Aber wenn sie das alles so schrecklich belastet,” fuhr ich fort, “dann gebe ich ihnen folgenden gut gemeinten Ratschlag. Wenn sich die Blutspritzer auf ihrem weißen Hemd nicht rauswaschen lassen werfen sie es weg und ziehen sie sich ein neues an.”
Eigentlich heißt es immer es wäre ein Zeichen von Unsicherheit, wenn jemand dem Blick eines anderen ausweicht, aber hier war genau das Gegenteil der Fall. Der Polizist mußte sein Spiel der vorgetäuschten Souveränität des gesenkten Blickes jetzt aufgeben. Wie um sich zu versichern, dass er mich richtig verstanden hatte, sah er mich wieder direkt an.
“Der Mann hat 13 unschuldige Menschen ermordet.”

“Verstehe, deswegen ist er wohl einer von den bösen Jungs”
“über 200 zum Teil schwerverletzt.”
“Frauen und Kinder, wie man so sagt.”
“sinnlos….”
“und wie man hört war er auch noch ein Nazi
“es gab einen Hintergrund in dieser Richtung.”
“Wunderbar, dann ist er also einer von den ganz bösen Jungs. Pfui.”
Spätestens jetzt sollte ihm klar sein, dass ich von seiner Bürgerspflicht kaum etwas halte. Um sicher zu gehen legte ich nach.
“Gab es den wenigstens ein Opfer jüdischer Herkunft?”
Ich ließ meinen Körper nach vorne gleiten und faltete meine Hände auf dem Tisch. Der Polizist bemühte sich meine Spitzen zu parieren.
“Ein Opfer ist ein Opfer und immer eines zu viel, gleichgültig aus welcher Richtung der Anschlag kommt. Links oder Rechts oder…….”
“Vielleicht sollten sie aufhören in so kleinlichen Kategorien wie links oder rechts zu denken?”
“Egal wer das Opfer ist,” hielt er an seinem Argument fest, “der Täter ist in jedem Fall kriminell.”
“Verdammt in alle Ewigkeit.” Ich hob meine gefalteten Hände ein Stück an.
“Böse!”
Jetzt fährt er ganz schweres Geschütz auf. Gab es diesem Wort etwas entgegen zu setzen? Der Polizist verließ sich auf diesen Begriff: Böse. Dagegen gab es nichts zu sagen. Bis auf: “Vielleicht sollten sie aufhören in so kleinlichen Kategorien wie Gut und Böse zu denken?”
Ich konnte geradezu körperlich spüren, wie der Zorn in ihm hochstieg. “Sie sind zornig? Das ist gut so. Lassen sie es laufen.” Der Polizist hatte sich im Griff.  ”Mit Kategorien kommen sie nicht weiter.”, führte ich ruhig meinen Gedanken fort, ”Kategorien produzieren leidlich Gesetzesbücher, Aktenschränke, Institutionen, hässliche Menschen. Der böse Nazimann mit der Kinder-und-Frauen-Mörder-Splitterbombe ist lediglich eine zerstörerische Fresszelle, die ihren Kontakt zum Körper aufgegeben hat. Die ersten Anzeichen, ein erstes Symptom einer organischen Erkrankung ihres Wohlstandes, ihres Anstandes, ihrer Kultur der infantilen Selbstgenügsamkeit. Sie bekämpfen diese Zelle nicht, indem sie aus ihr eine böse Zelle machen. Die Erkrankung kümmert sich nicht um ihre dekadente Moral. In der Erkrankung manifestiert sich der Ekel des Organismuses vor sich selbst. Der böse Nazimann mit der Kinder-und-Frauen-Mörder-Splitterbombe ist ein schmerzhafter Abszess, der inwischen bis auf ein paar letztlich belanglose Narben abgeheilt ist. Aber unter der Haut, verstehen sie, haben sich seine zornigen Nachkommen angesammelt, unter der Haut pulsiert - noch unfühlbar - der alsbald ausbrechende Schmerz in den zu immer weiterer Teilung entschlossenen Chromosomensträngen, unter der Haut, bereit das Feuer zu legen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 12

Mittwoch, August 19th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 11

Kein Blut auf dem blanken Boden der Bank. Kein Schrei. Abel hatte nicht geschossen. Abel hatte sich beherrscht. Die Situation hat es nicht verlangt. Alles blieb ruhig. Ein harmloser Überfall ohne Verletzungen und Schmerzen. Wieso sollte jemand für eine Bank sein Leben riskieren.

Für einen Augenblick bin ich enttäuscht. Abels Waffe hat sich wieder gesenkt. In Gedanken versuche ich meine Waffe wieder in meine Hände zu bekommen. Es gelingt mir nicht.
“Tamas Abel Tofor ist vermutlich Teil einer radikalen Gruppe, die noch im laufenden Wahlkampf einen Anschlag durchführen möchte. Zumindest glauben wir das. Wir wissen nicht viel konkretes. Wir wissen nicht wann, nicht wo und nicht in welcher Größe. Aber es handelt sich um weit mehr als um ein paar angezündete Autos, soviel ist klar.”
Ich beobachtete wie der Rauch in der Lunge des Polizisten verschwand. Soll er doch daran ersticken. Er hustete nicht einmal. Im Alter von 8 bis 11 Jahren litt ich an einer chronischen Bronchitis in unterschiedlich starker Ausprägung. Verantwortlich war dafür wohl eine Abwehrschwäche meines Körpers. Das Herumtoben mit den anderen Kindern fiel mir aufgrund meiner Kurzatmigkeit schwer, also stellte ich es bald ein und blätterte in Büchern. Jules Verne zählte zu meinen Lieblingsautoren. Seine phantastischen Erzählungen befreiten mich von den ständigen Ansprüchen meiner Umwelt. Ich solle doch dieses tun, oder jenes tun, oder welches tun, oder dieses oder jenes nicht oder anders oder öfters oder weniger oder nicht so schnell oder nicht so langsam tun. Ich erwiderte diese Ansprüche mit Hustenanfällen, Schleimerbrechen, Renitenz oder tagelanger Apathie. Sie bezeichneten es als Apathie. Ich flog mit Jules Verne zum Mond oder tauchte durch das Meer.
“Haben sie schon einmal Fotos von einem Bombenanschlag gesehen.”
Mit 14 Jahren hatte ich dem Gruppenzwang nicht ausreichend Willensstärke entgegen zu setzen und begann auch mit dem Rauchen. Darauf folgte ein schwerer Rückfall, der mich in eine Kur auf der Insel Föhr zwang.
“Hören Sie mir überhaupt zu?”
Sechs Wochen. Ich hielt mich an meinem Kaffeebecher fest.
“Haben sie eine Ahnung, wie es sich anhört, wenn ein Mensch schreit, dem eine Bombe den Arm abgerissen hat?”
Der Buchumschlag zeigte eine alte Zeichnung, eine Art überdimensionales Projektil. Es flog durch die Nacht, weg von der Erde.
“Es dauert bis man merkt, das einem der Arm vom Körper abgerissen wurde. Ein Schock verhindert, dass der Schmerz bis in das Bewusstsein vordringt.”
Ich erinnerte mich an ein paar Zeilen, die ich erst viel später verstand:

-
»Meine Freunde«, sagte er, »es ist zehn Uhr zwanzig Minuten. In siebenundzwanzig Minuten wird Murchison mit dem elektrischen Funken den Draht berühren, welcher mit der Ladung der Columbiade in Verbindung ist. In dem Moment werden wir dann unseren Erdball verlassen. Siebenundzwanzig Minuten also haben wir noch auf der Erde zu bleiben.«
Sechsundzwanzig Minuten und dreißig Secunden, erwiderte der exacte Nicholl.
Ei nun! rief Michel Ardan im besten Humor, in sechsundzwanzig Minuten läßt sich noch viel fertig bringen! Man kann da noch die wichtigsten politischen und sittlichen Fragen besprechen, und selbst lösen! Sechsundzwanzig wohl verwendete Minuten sind mehr werth, als sechsundzwanzig unthätig verlebte Jahre. Etliche Secunden eines Pascal oder Newton sind kostbarer, als das ganze Leben einer rohen Masse von Dummköpfen ….
-

“Ich habe gesehen wie eine Frau über Minuten nicht merkte, was ihr widerfahren war. Sie starrte mit leeren Augen vor sich hin. Aus ihrer linken Schulter floss unaufhörlich das Blut und tropfte auf die Straße. Sie starrte mit ihren leeren Augen auf den Boden vor sich, direkt vor sich, dort wo ihr Arm lag. Aber sie schien es nicht zu merken. Verstehen sie, es war als starrte sie auf irgendeinen beliebigen Gegenstand, der zufällig vor ihr auf dem Boden lag. Es könnte irgend etwas gewesen sein. Ein alter Schuh, eine Zeitung, ein Milchshakebecher, Müll. Aber es war kein Müll. Es war ihr Arm. Ihr eigener Arm, ihre Hand, ihre Finger, ihre Ringe.”

Dummköpfe, Dummköpfe, Dummköpfe. Meine Mitschüler, Dummköpfe, die Lehrer, Dummköpfe, die Spielplätze, die Straßen, die Stadt voller Dummköpfe. Mein Gesicht spiegelt sich in dem schwarzen See hinter der Stadt. Wenn ich nicht in diesem riesigen Projektil auf den Mond fliegen könnte, dann bliebe mir immer noch der Grund des Meeres.
-
Wenn das letztere der Fall ist, wenn der Kapitän Nemo immer noch im Meere hauset, seinem Adoptiv-Vaterlande, so möge der Haß in diesem wilden Gemüth sich beschwichtigen lassen! Die Anschauung so vieler Wunder möge den Rachedurst in ihm austilgen! Möge der strafende Richter aufhören, der Gelehrte die friedliche Erforschung des Meeres fortsetzen. Das seltsame Geschick ist auch ein erhabenes. Zehn Monate habe ich das außernatürliche Leben geführt.
-
“Sie wollte einen Schritt nach vorne gehen, aber ihr fehlte die Kraft und sie stürzte. Instinktiv wollte sie ihren Fall mit den Armen auffangen, aber ein Arm fehlte und so fiel sie mit ihrem ganzen Gewicht auf die klaffende Wunde. Jetzt begann sie zu schreien. Jetzt brach es aus ihr heraus, so als ob sie die Qualen eines ganzen Lebens aus sich herausbrüllen wollte. Sie schrie und schrie und schrie und wollte nicht aufhören.”

Wie oft wollte ich auf den Grunde des Sees tauchen?
-
Vor sechstausend Jahren hieß es, wie geschrieben steht: »Wer hat je die Tiefen des Abgrundes zu erforschen vermocht?« Zwei Männer sind die einzigen in der Menschenwelt, welche jetzt die Antwort auf diese Frage geben können.
-
“26. September 1980, kurz vor der Bundestagswahl. München. Oktoberfest”
-
Der Kapitän Nemo – – und ich.
-
Ein knallender Schlag riss mich aus der Tiefe des Wassers wieder zurück in das Verhörzimmer. Der Polizist hatte zornig mit seiner flachen Hand auf den Tisch geschlagen.
“Hören sie mir verdammt nochmal zu. Das hier ist kein blöder Spaß! Ok? Hier geht es um Schmerzen, verstehen sie. Sie tragen eine Verantwortung. Ist ihnen das klar? Die Frage ob sie uns helfen wollen oder nicht, stellt sich nicht. Sie müssen uns helfen.”
Er riss eine Schublabe auf seiner Seite des Tisches auf…
“Ich sag ihnen auch Warum!”
…zog zwei Fotos heraus und knallte sie vor mir auf den Tisch.

Deshalb


Quelle:einestages.spiegel.de

und deshalb


Quelle:einestages.spiegel.de

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 11

Sonntag, August 9th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 10

Auf diesen kleinen, dünnen, dürren Beinchen steht das System. Abels Gedanken hatten sich sicher bis heute nicht geändert. Es sind keine starken Beine, nur diese blassen Stelzen, durchzogen von einem bläulich schimmernden Netz  bedenkenlosem Überlebens. Die Haut schuppt sich, abgestorbenes Biomaterial splittert ab. Die Knochen sind brüchig, morsch und verwurmt. Auf tausenden dieser vorbehaltlosen Klappergestelle ruhen die Fettsäcke. Es sollte reichen, einige Dünnbeiner einknicken zu lassen, um das System zum Einbruch zu bringen. Nimm ihnen ihre Sicherheit. Gib ihnen ein echtes Gefühl der Gefährdung. Zwinge ihre Gedanken heraus aus ihren geschmeidigen Bunkern in das offene Feld. Wenigstens verweigere den Dienst. Doch darüber war Abel schon lange hinaus. Er hatte bereits sein Urteil gefällt und war zur Bestrafung bereit. “Dann wollen wir einmal ein Auge zudrücken”, dachte er bei sich und visierte über die Kimme der Pistole die Kniescheibe des Systemvertreters an. “Ich bin das schmerzhafte Symptom der Eingebildetenkrankheit.” Da stand er, das Vollzugsgespenst, reckte seine Ärmchen in die Höhe und hoffte, bangte um ein kleines bisschen Verhandlungsspielraum, das sein kleines bisschen Leben retten könnte, ein kleines bisschen verlängern könnte. Da stand sie geschrieben, in seine blassen Augen, die Angst. Ja, das ist die Währung in der von nun an weiter verhandelt werden konnte. In den trüben Augen mochte Abel ein Räuber sein, aber in Abels Augen war dieser Mann dort ein Bombenleger. In seiner Aktentasche ist eine Bombe. So wie in all den anderen Aktentaschen Bomben sind. Schuldverschreibungen an denen das Kapital auf Kosten der Bürger genießen soll. Verträge, die Land, Schätze, Leben und Seelen rauben. Der in scheinbar freiheitliches Recht gemeißelte Betrug einer vollends degenerierten, anstandslosen, komplett geistig verwahrlosten, feigen Minderheit an einem weitgehend tumb gewordenen Volk, vollzogen von hemmungslosen Arschkriechern und sabbernden Speichelleckern.
Ich wehrte mich erfolgreich gegen den infamen Versuch des Polizisten mich durch seine anklingende Seriosität zu überzeugen indem ich Abel in meinem Kopf mehr und mehr und immer weiter radikalisierte, seinen Zorn durch meinen tatenlosen Körper strömen ließ. Der Polizist lehnte sich zurück. “Sie nehmen sicher ebenfalls an, dass wir für unser Handeln einen Grund haben. Nur unterscheidet sich der tatsächliche Grund für unser Handeln sehr deutlich von dem, was sie uns unterstellen.”
Was sollte das jetzt werden? Ein intellektueller Anstrich? Die Augen zu.
Abel zielte auf den Bückling.
Ich zielte auf den Polizisten. Es herrscht Krieg. Ist es das, worauf alles hinausläuft, das Unvermeidbare, die logische Konsequenz, der Katechismus einer wilden, geistlosen Vernunft, das Prinzip Macht.
Abel drückt seinen Finger durch. Mit einer gleißend feuerweißen Explosion löst sich das Projektil aus der Waffe und macht sich auf die Reise in den ungeschützten Körper am Ende seiner Flugbahn. Abels Entscheidung setzte sich mit ungefähr 360 Stundenkilometern durch den Raum fort, 100 Meter pro Sekunde. In weniger als einer Zehntel Sekunde würde sich Abels Entscheidung in Form eines brennenden Schmerzes im Bewusstsein seines verhassten Gegenübers manifestieren. Rücksichstlos, nur den Regeln der Physik gehorchend wird sich das Projektil durch das Fleisch bohren und die Kniescheibe oder den Oberschenkelknochen zertrümmern. Der Schock, den der plötzlich eindringende Fremdkörper auslöst verursacht einen kurzen Stillstand der Wahrnehmung des eigenen Körpers, doch schon im nächsten Moment werden die Nerven die angerichtete Zerstörung in Form von Schmerz an das Gehirn melden, das eine Welle von Panik und Angst durch das Bewusstsein schickt, die sich in einem gellenden Schrei artikuliert. Dieser Schrei würde den Ablauf des gesamten Überfalls gefährden und das würde Milan auf keinen Fall zulassen. Er würde den Mann mit einem gezielten Schuss zum Schweigen bringen. Aus dem Überfall ist ein mörderischer Akt geworden. Der bedauernswerte Herr soundso ist das unschuldige Opfer von blindwütigen, schießwütigen Terroristen geworden. Die Sonderkommission wird personell aufgestockt und das Budget wird erhöht. Die Kriegserklärung ist unterzeichnet.
In Gedanken zielte ich noch immer auf den Polizisten, aber meine Hände begannen zu zittern. Ich kenne explodierende Köpfe nur aus Zombiefilmen. Und hier? Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus. Mein Wille reicht nicht aus.
Milan schießt und augenblicklich ist es still.

Die Waffe in meinen Händen löst sich auf.
“Rauchen sie?” Ich schüttelte den Kopf. “Vernünftig.” Er lächelte kurz. Wenn der Tisch nicht zwischen uns stehen würde, könnten wir vielleicht eines Tages Kumpels werden. “Ja, das weist sie als einen vernünftigen Menschen aus, mit dem man reden kann.” Ich nahm einen Schluck Kaffe. Er wärmte, schmeckte aber nicht. Hoffentlich würde er die lauernde Müdigkeit vertreiben. Ich setzte den Becher wieder ab. “Reden wir.” Die Verhandlungen können aufgenommen werden. “Gut,” sagte er, ” ich werde versuchen offen mit ihnen zu sprechen…” Oho, ein Vertrauensbeweis. Achtung, wir sind keine Kumpels, auch wenn du versuchst so zu lächeln. “… in knapp 7 Wochen findet in diesem Land eine wichtige Wahl statt und das in einer Lage, die gespannter ist als es nach aussen hin den Anschein hat. Sie wissen das und ganz bestimmt weiß ich das. Ich bin seit über 20 Jahren Polizist und glauben sie mir, ich weiß wie viel da draussen gelogen wird. Denken sie vielleicht, ich bin ein Freund der Presse oder halte den Spiegel noch für eine Bastion des freien Journalismus. Scheiß drauf. Ich werde mindestens genauso verarscht wie sie.” Er fischte sich eine Zigarette aus der Schachtel, die in seiner Brusttasche steckte. “Ich bin offensichtlich sogar unvernünftiger als sie” Er zündete die Zigarette an “Das einzige worum es mir hier geht ist, wenn ich mitbekomme, dass in meinem Verantwortungsbereich Pläne geschmiedet werden, bei deren Umsetzung zum Schluss Menschen um´s Leben kommen, dann ist es mir zunächst absolut gleichgültig warum diese Pläne geschmiedet werden. Alles, was mich interessiert ist, wer sie schmiedet, damit ich diesen Jemand einbuchten kann, bevor irgend jemand um´s Leben kommt. Soweit klar?” Er klingt überzeugend. Ich glaube ihm was er sagt, besser, ich glaube, er ist überzeugt von dem, was er sagt, aber ob das schon reicht, um Abel zu verraten.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 10

Montag, August 3rd, 2009

zu Abel Teil 1 bis 9

Abel drückt mit der rechten Hand die schwere Glastüre auf, mit der anderen zieht er die Skimaske über das Gesicht.
So habe ich es hundert mal gesehen. Schon als Kind. Tatort. Aktenzeichen XY ungelöst. Später “The Getaway”.
“Einmal mit Milch und Zucker.” Der Polizist stand mit einem etwas zu freundlichen Grinsen im Türrahmen. “Kein besonders guter Kaffe, aber immerhin, nicht wahr. Wie es so schön heißt: Ein Kaffee ist ein Kaffee ist ein Kaffe.” Er macht auch noch Witze.
Ich legte meinen Kopf etwas zur Seite. “Ok, ok das war zuviel.” Er stellte den Becher vor mir auf den Tisch. “Bitte” Der Kaffee dampfte und ich war sicher, er würde gut schmecken. “Hören sie, ich weiß wir sind etwas, naja sagen wir barsch vorgegangen. Reißen sie zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett, schleppen sie hier her….”
Abel richtet mit der linken Hand die Skimaske am Hals, so dass sie nicht mehr verrutschen konnte. Dann greift er sich den Reißverschluss seiner Jacke und zieht ihn soweit auf, dass er die Waffe herausholen kann.
Ich habe gerade Abel in meiner Vorstellung zu einem Linkshänder gemacht. War er wirklich Linkshänder? Ich versuchte mich an die Bar zu erinnern. Mit welcher Hand hatte er eingeschenkt?
Klirrend zersprangen die Gläser in tausend Scherben. “Jaaaaa” Abel rülpste genüsslich. “Wirt!” brüllte er durch den Raum und riß seine rechte Hand hoch. “Wirt! Zwei neue Gläser. Eins für mich und eins für meinen neuen Freund hier.” Der Wodka schmiegte sich immer noch an meine Kehle. Er schmeckte herrlich. Abel griff, wieder mit der rechten Hand, über den Tisch, klatsche sie freundschaftlich in mein Genick und zog meinen Kopf an seine Stirn. “Weißt Du mein Freund, ich habe einmal einen klugen Satz gelesen: Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich weiss …” Er ließ mich los und drehte seinen Kopf wieder in den Raum “Wirt!” Grinsend blinzelte er mich an. “Der hat keine Zeit. Das dauert zu lang.” Dann griff er entschlossen mit der linken Hand nach der Wodkaflasche und setzte sie an den Mund.
Kann gut sein, dass er Linkshänder ist.
“Lassen sie mich etwas erklären. Wir tun das nicht ohne Grund.” Der Polizist legte wieder diesen sehr ernsten, aber doch verbindlichen Ton in seine Stimme. Es ist ihm daran gelegen seriös zu wirken. Natürlich. Die Macht ist seriös.
Abel zieht die Waffe aus der Tasche. Jetzt konnte sie jeder sehen. Jetzt war es ein Überfall. Noch bevor alle Anwesenden in der Bank die Situation erkannt haben, schoss Abel in die Luft. Kaum war sein Schuss verhallt setzte Adrian hinter ihm einen nach. Er konnte förmlich fühlen wie der Schreck durch die Menschen fuhr. Wenn sie sich von diesem ersten Schreck erholt haben mußte sofort die Angst folgen, dafür würde Milan sorgen.
Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Für einen kurzen Moment fragte ich mich wie schwer sie wohl sein würde.
Milan stand bereits vorne am Schalter. Er krallte seine Hand blitzartig in die Haare des Schaltermenschen und knallte seinen Kopf mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung auf die Ablage vor ihm. Bewusstlos sackte der Mann nach hinten weg. Das würde reichen. Die Angst der Menschen ist so leicht zu ködern. Du musst nur einen kleinen blutenden Wurm an den Haken hängen und schon steigt sie aus der Tiefe auf. Gestaltlos, mächtig und schön nur für den, der sich ihrer bedient.
- In Gedanken greife ich in meine Innentasche und ziehe ebenfalls langsam eine Waffe hervor. Sie ist schwer. Ich ziehe sie hervor und halte sie dem Polizisten an die Stirn. “Danke für den Kaffe” -
Der Polizist schlürfte an seinem Becher.
Abel konnte es nicht leugnen er genoss diese Macht in solchen Augenblicken. Raus aus dem elenden Grau ermüdender Theorien, raus aus dem Sumpf klebriger Fragezeichen. Das hier, und er konnte es sich nicht verkneifen noch einmal in die Luft zu schießen. Das hier ist das Leben. Das Blut hämmert in seiner Schläfe. Würde er wirklich im entscheidenden Moment die Waffe niederlegen, würde er wirklich nicht auf einen Menschen schießen, niemals. Kam es nicht doch darauf an, wer dieser Mensch ist und schließlich müsste er ihn ja nicht gleich töten. Einfach ins Bein schießen. Das würde doch reichen. Zum Beispiel dieser Typ da drüben. Dieser unscheinbare, schmale Mann dort drüben. Dieser weiße zitternde Körper, der sich eine dunkelblaue Anzughaut übergezogen hat, der bleiche, schwanzlose Anzugfisch. Ende vierzig. Blass wie ein Gespenst. Kein Arsch, aber eine Aktentasche, eine wichtige schwarzlederne Aktentasche, die verkündet, verkünden soll: In mir sind wichtige Akten, Akten die nicht jeder sehen darf, Memos, Infos - bedeutungslos. Wegen diesem Menschen ins Gefängnis? Alles aufgeben. Seine Beinchen sind vielleicht dünn, dachte Abel, aber ich würde sie treffen, wenn es notwendig ist.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 9

Montag, Juli 27th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 8

Ich schließe meine Augen wieder und stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand diese Bank.
Nein, ich muß noch einen Schritt zurück gehen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor Abel steht wenige Meter vor der Bank.
Lange darf ich hier nicht herum stehen, zögerlich sein. Das würde auffallen.
Am liebsten würde Abel noch einmal kurz in die Innentasche seiner Jacke greifen. Die Waffe fühlen. Die Waffe veränderte alles. Die Waffe macht aus ihm einen Räuber. Die Waffe ist der materialisierte Tod. Die Waffe in seiner Hand könnte ihn zum Mörder machen.

Abel hat nicht geschossen hatte der Polizist gesagt. Was heißt das schon? Vielleicht hat er einfach Glück gehabt. Die Situation hat es nicht verlangt.
In den Fenstern der Bank spiegelte sich das Fluchtauto. Rick war ein guter Fahrer. Auf Rick kann er sich verlassen. Wieso nannte er sich eigentlich Rick? Er war Ungar so wie er. Niemand in Ungarn würde seinen Sohn Rick nennen. Was sollte das? Nur um amerikanisch zu klingen. Jedenfalls sah er wohl kaum aus wie Humphrey Bogart. Er war groß, schlaksig und hatte eine ungewöhnlich hohe Stimme, so dass sie ihn manchmal den Chorjungen nannten.  Der Chorjunge war ein guter Fahrer und ein phantastischer Autodieb. Niemand konnte ein Auto so schnell knacken wir Rick. Sie nannten ihm nur Ort und Zeit und er erschien pünktlich mit einem Auto, das er kurz davor geklaut hatte.
Ich stellte mir Abel als Teil einer ausgebufften, professionellen Räuberbande vor, die nach ausgefeilten Plänen schnell und effektiv zuschlugen und dann gleich wieder verschwanden. Ich verwendete meine gesamte Hollywood-Gangsterfilm-Bildung in diese Vorstellung. Ich hatte keine andere Vorstellung von einem Bankraub. Bankräuber waren für mich immer nur etwas unterhaltsames gewesen, die natürliche Fortsetzung des Cowboy und Indianerspiels. Bankräuber sind mutige, smarte Männer und eben keine untertänigen, unterwürfigen, korrupten Speichellecker in schlecht sitzenden Anzügen, Duckmäußer, die ausführende Verwaltung im Königreich der werberelevanten Zielgruppe.
Abel ließ seine Hand unauffällig über seine Jacke gleiten. Er konnte die Waffe spüren. Das Kapital verdient keinen Respekt. Es würde schon alles gut gehen. Er wußte, was er zu tun hatte. Es würde keine Probleme geben. Die Lage war gut sondiert. Rick saß im Fluchtwagen. Milan war bereits in der Bank und er konnte Adrian hinter sich spüren. Eine kleine eingespielte Gruppe. Sie hatten es gemeinsam vor vier Jahren bis nach Deutschland geschafft und sich bis heute im Untergrund durchgeschlagen. In wenigen Minuten würde alles vorbei sein. Die Waffe diente lediglich dazu ein- zweimal in die Luft zu schießen. Das reichte. Er würde niemanden töten. Sollte er vor die Wahl gestellt sein zu töten oder aufzugeben, würde er die Waffe nieder legen. Das hatte er sich geschworen. Das klang immer gut in seinem Gewissen. Mit echtem Widerstand war nicht zu rechnen. 15 Minuten Anspannung sind der Preis für weitere Monate des versteckten Überlebens. Wenn sie Glück hatten vielleicht sogar für mehr als ein Jahr. Wenige Schritte von der Bank entfernt gab es nichts mehr zu entscheiden, es galt nur noch Entscheidungen auszuführen. Er setze einen Fuß vor den anderen. Vielleicht schloss Abel in diesem Moment wieder kurz die Augen um das Klavierkonzert in sich aufsteigen zu lassen, um sich zu beruhigen, um sicher zu sein.
Ich öffnete die Augen. Selbst, wenn es sich um den besten Kaffee handeln würde, den ich je getrunken habe, würde ich ihnen nicht weiterhelfen. Ich grinste in mich hinein. Der Polizist ließ lange auf sich warten. Was sollte das sein? Zermürbungstaktik? Wer war ich schon? Ich war weit harmloser, als ich mir es in diesem Augenblick wünschte. Wenn ich doch nur etwas zu verbergen hätte. Wenn ich doch nur jemals etwas unternommen hätte. Meine gesamte subversive Identität bestand in dem nun zugegebenermaßen etwas peinlichen Nick Rotkehlchen 84. Was hatte ich schon für eine Vorstellung von Widerstand. Wohl kaum eine. Widerstand ist ein theoretischer Begriff und bis dato war es wohl nicht notwendig gewesen diesen mit Praxis zu füllen. Wie hätte dieser Widerstand den aussehen sollen? Mit Schaudern dachte ich an graubärtige Männer auf Bierbänken und den Legenden von Sitzblockaden. Es ist kaum auszumachen, was schlimmer ist, ihr politisches Geschwätz oder ihr Mundgeruch. In jedem Falle wünscht man sich sie mögen die Klappe halten. Aber sie halten die Klappe nicht, sie halten ihre Widerstandsfähnchen hoch. Sie sind sich treu geblieben, sie haben ihre Ideale nicht verraten. Nicht so wie diese durch und durch korrumpierten, geldgeilen, bösen Anderen ihrer Generation, das Harleyfahrende Großbürgertum und die Kabarettabonnenten, diese Agenturgestalten und VIP-Bändchenträger. Mein Gott, was für Klischees. Vielleicht aber haben sie recht. Jedenfalls stanken sie aus dem Mund, so viel stand fest. Ich hörte auf dem Gang Schritte. Gleich würde er wohl wieder rein kommen. Mit meinem Kaffee. Ich schloss wieder die Augen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 8

Donnerstag, Juli 23rd, 2009

zu Abel Teil 1 bis 7

Abel kratzte sich wieder hinter dem Ohr. Wieso kratzt er sich immer hinter dem Ohr? Es muß eine Gewohnheit zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihn ständig dort juckte. Oder vielleicht eine Narbe? Hinter dem Ohr? Der Wodka zeigte so langsam seine Wirkung. Meine Gedanken schweifen ab. Ich versuchte mich wieder zu konzentrieren. Lass dich nicht gehen. Nicht jetzt. Abel stand immer noch breitbeinig vor mir. “Was hältst du von deinen Landsleuten mein Freund, ha?”  Er hob seine Augenbrauen und grinste, dann begann er leise zu singen.
“Fort sind die Ungarn, fort sind die Husaren,
drum, drum, drum, drum Jahre gingen durch die Lombardei.”
Er wurde immer lauter
“Alt sind die Frauen, die so schön einst waren,
drum, drum, drum, drum, und die liebe Sonne ging vorbei.”
Abel trommelte mit beiden Händen auf den Tisch.
“Die Menschen singen zu wenig. Wir müssen viel mehr singen. Mehr singen und trommeln und tanzen und unsere Weiber lieben.”
Lauthals sang er weiter. “drum, drum, drum, drum, und die liebe Sonne ging vorbei.”
Ist es ein Zeichen des deutschen Untemperamentes, dass sich die Menschen umdrehen und uns mißmutige Blicke zu werfen. Ich kann dir sagen, was ich von meinen Landsleuten halte. Ich kann dir sagen, was ich von ihnen halte, so, wie sie hier in dieser Bar stehen, in ihrer albernen Selbstherrlichkeit, ihrem ausgestellten Halbwissen, ihrer mühsam unterdrückten Geilheit und voller Bedeutung kleine hübsche unsinnige Episoden aus ihrer vollkommen belanglosen Biografie aus sich heraus würgen, sich gegenseitig um den Mund und zwischen die Beine schmieren. Ausufernd soll dein Hirn sein, burlesk, deine Fantasie, rücksichtslos, hemmungslos, zornig und frei wie das Fluchen der Menschen, die sich noch einen streitbaren Gott bewahrt haben. Wer sich im Gebet mit seinem Gott nicht streitet, der dämmert nur in artigen Psalmen. Mein Hirn filterte routiniert den Geruch schweren Rotweins aus der stickigen Luft. Ich nahm einen Zug und ließ ebenfalls meine Hände auf den Tisch donnern und lauthals, laut, lauthals stimmte ich ein.
“drum, drum, drum, drum,drum, drum, drum, drum.”
Ich schloss die Augen und konnte das Meer sehen. Das herrliche Blau, das sanfte Wiegen, meinen lieblichen Süden.
“drum, drum, drum, drum,drum, drum, drum, drum.”
Das leise Rauschen der Bäume, die selbstverständlich gnädig und freundlich ihren Schatten spenden.
Wir schlossen unseren Singsang mit einem gewaltigen Schlag auf die Tischplatte ab, ergriffen unsere Gläser, hoch durch die Häuser dem Himmel entgegen, leerten sie und schmetterten sie mit einem großzügigen Lachen auf den Boden. Klirrend zersprangen sie in tausend Scherben. Habt ihr uns gehört? Habt ihr? Dies eine mal! Ja! Dann erzählt euren Frauen davon.
Was für ein wunderbarer Augenblick. Was für ein lebendiger Sieg. Unantastbar, ungeheuerlich, unerhört, bedeutungslos groß.

Ich öffnete meine Augen. Um mich herum das Verhörzimmer. Ich schließe meine Augen wieder und stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand diese Bank.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 7

Freitag, Juli 17th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 6

Ist der Begriff Verrat zu hoch gegriffen? Darüber mag es unterschiedliche Ansichten geben, in denen man manches dafür oder dagegenhalten mag. An dieser Art politischer Relativierung bin ich nicht interessiert. Vielmehr stelle ich fest welchen Gesamteindruck das Schröder/Fischer - Projekt 4 Jahre nach seinem Ende bei mir hinterlässt.
Bei Wikipedia steht zu lesen: Verrat ist ein besonders schwerer Vertrauensbruch, der die angenommene Loyalität verletzt.
Wieso konnten wir, die wir in den 60ern geboren wurden, auch nur unterstellen, dass sich die Repräsentanten der von uns herbeigesehnten Rot-Grünen Regierung uns oder eben unserer Hoffnung gegenüber Loyal verhalten würden. War es nicht eine uralte sprachliche Weisheit, dass in dem Wort Regierung das Wort Gier enthalten ist.
Nur einen kleinen Klick weiter können wir lesen: Unter Vertrauen wird die Annahme verstanden, dass Entwicklungen einen positiven oder erwarteten Verlauf nehmen. Ein wichtiges Merkmal ist dabei das Vorhandensein einer Handlungsalternative. Dies unterscheidet Vertrauen von Hoffnung. Vertrauen beschreibt auch die Erwartung an Bezugspersonen oder Organisationen, dass deren künftige Handlungen sich im Rahmen von gemeinsamen Werten oder moralischen Vorstellungen bewegen werden. Vertrauen wird durch Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Authentizität begründet[1], wirkt sich in der Gegenwart aus, ist aber auf künftige Ereignisse gerichtet.
(Es steht jedem frei sich nun weiter durch die Begriffe gleiten zu lassen)
Eine Handlungsalternative hatte sich für viele von uns nicht wirklich gestellt. Solange wir politisch denken konnten waren die Gesichter der bundesrepublikanischen Demokratie die von Herrn Kohl und seinen Getreuen. Sie repräsentierten für uns lediglich den überdauernden geistigen Stillstand der 50er. Das selbstzufriedene, feiste Bürgertum. Eine Ansammlung von blutleeren, leidenschaftslosen, engstirnigen, kleingeistigen, aufgeblähten langweiligen Regierungssachbearbeitern, die ohne jede Vision das Land mehr schlecht als recht verwalteten. Unter dem lächerlichen Vorwand der geistig moralischen Wende an die Macht gekommen, erhoben sie hochmütig den mahnenden Zeigefinger, um sich in gut kleinbürgerlicher Tradition der Kumpanei mit dem hirnlos verehrten Großbürgertum hinzugeben. Es war schlicht unerträglich, dass dieser Sohn eines Finanzbeamten Jahr um Jahr, unabänderlich, so schien es, dem Land vorstand und dabei drohte: “Ich will haben, daß am Ende meiner Zeit keiner mehr die Richtung verändern kann. Zwar kann der Zug noch mal aufgehalten werden, das macht nichts. Hauptsache ist, er fährt in die richtige Richtung.” In unserem Bewusstsein war der Kanzler der Einheit zu allererst das System Kohl, dass seine Wurzeln in der aktiven Förderung durch Menschen wie den Nazi-Unternehmer Fritz Ries hatte. Es gab dazu eben nur die Alternative eines Rotgrünen Projektes und so setzten wir unsere Hoffnung darauf es endlich irgendwann verwirklicht zu sehen. Eben zugegeben eine etwas naive Hoffnung und was meine Person betrifft, die allerdings keine Einzelfall sein dürfte, auch nichts, was wir durch besonders hohes eigenes Engagement stützten. Abgesehen von obligatorischen Demonstrationen, Diskussionen und Diskursen hatten wir nicht mehr zu tun als das Ausfüllen des Wahlzettels an der politisch korrekten Stelle. Gewählt haben wir sie. Gewählt haben wir sie in einer gewissen Erwartung (und mangelnder Alternativen). Gewählt haben wir sie als unsere Vertreter, weil sie, gemessen an der bestehenden Verwaltung, glaubwürdiger und authentischer erschienen. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages in den Nachrichten einen ersten Schwenk über die neue Regierungsbank im Bundestag sah und dachte, ja, jetzt gibt es eine Chance. Da saßen nicht mehr Kanther, Kinkel, Kohl sowie Waigel, Blüm und Rühe. Da saßen nun Schröder, Fischer, Schilly, Lafontaine…….Wie klingen diese Namen heute? Ja, und das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, ging von Frau Merkel auf Herrn Trittin über. Das alles war in meinen Augen eine Verbesserung. So schien es zu sein. Aber durch die Gänge schlichen schon damals Figuren wie Jörg Asmussen. Vielleicht hätten wir schon damals genauer nachfragen müssen was sich hinter folgender Aussage im Koalitionsvertrag von 1998 verbirgt. Als Ziel wir dort beschrieben: “Eine bessere internationale Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschafts-, Finanz-, Geld- und Währungspolitik; dazu wird die neue Bundesregierung gemeinsam mit den europäischen Partnern entsprechende Initiativen ergreifen.” Aber das haben wir nicht getan, weil die Begriffe Öko-Sozial so einen hübschen Rahmen abgaben. Welche Qualität sollte nun mit dem Begriff “besser” angehoben werden, und aus wessen Perspektive wird das betrachtet. Geht es bei der Zulassung von Hedge-Fonds, dem Zulassen des Handels mit Derivaten, dem Zulassen einer offenbar rücksichtslosen Kapitalmacht um das viel gepriesene Gemeinwohl unter Öko-sozialen Leitlinien oder um die Umsetzung marktgerechter Vernunft. (So wie die Steigerung der Rüstungsexporte in ihrer Verantwortung)
Setzt nicht auch der Begriff Verrat, so wie der Begriff Vertrauen, eine Handlungsalternative voraus?
Ich stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand die Bank.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 6

Montag, Juli 13th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 5

Zum Beispiel im Sommer 1984.  Das berüchtigte Jahr 1984 bewies allenthalben, dass sich sein Erfinder Herr Orwell als Pessimist erwiesen hatte. Alles, was bis jetzt auf einen Überwachungsstaat hindeutete war eine kleine helle Kiste, nach einem Fruchtsaft benannt, die vielleicht in entsprechenden Kreisen Erstaunen verursacht hatte, aber ansonsten von der Welt kaum wahrgenommen wurde. Datenmißbrauch war zu dieser Zeit wohl noch kein besonders großes Problem, allen Falls Datenschludrigkeit. So steht zu lesen, dass am 24. Januar 1984 das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz bestätigen musste, dass Computerlisten mit dem fast vollständigen Beschaffungsprogramm der Bundeswehr in einem Straßengraben gefunden worden sind. Naja.
Ich war 20 Jahre alt und Teil einer Generation, die es weitgehend unbegründet für ihren Verdienst hielt, dass die Grünen nun im Bundestag saßen. Damit war politisch für uns erst einmal alles erreicht. Ja, es gab endlich einige Vertreter unserer Lagerfeuerromantik im Plenarsaal. Die Erzkonservativen, unserer Ansicht nach halbraunen Machthaber mussten erste Risse in ihrem Machtgefüge hinnehmen. Zwar hatten sie mit Strauß immer noch eine feste Bastion in München, aber die ersten Schritte waren getan. Die ersten Schritte hin zu einer besseren Welt, für die wir auf der Straße sangen. Niemand konnte Ahnen, dass es ausgerechnet diese Pioniere unserer Träume sein werden, die letztlich nicht nur alle guten Absichten fahren ließen sondern als willfährige Steigbügelhalter der gewalttätigen Macht den Rücken krumm machen um Krieg und Kapital die Stiefel zu lecken. Zunächst aber ergötzten wir uns an der Empörung des Bürgertums.
Wo mag Abel zu dieser Zeit gewesen sein? Der Polizist hatte nicht gesagt, wann der Banküberfall statt gefunden hat. Saß Abel vielleicht schon im Gefängnis während ich am Walserberg der Deutsch-Österreichischen Grenze stand und nach einer Mitfahrgelegenheit Richtung Süden suchte. Hatte er diesen Banküberfall aus Habgier begangen, oder war es schon damals eine politische Tat.
“Ich weiß nicht, was diesen Deutschen für ein Volk sind.”, hatte er in der Bar gesagt, “Zweimal haben sie sich mit der ganzen Welt angelegt. Haben sich als Mordsklaven vor die Kanonen binden lassen; die Bürger, die einfachen Leute. Man mußte ihnen nur eine Fahne in die Hand geben und rufen: So lauf, Hund. Und sie sind gelaufen. Nicken, immer nicken, immer nicken. Genauso jetzt, wo sich Eure Demokratie, seit Jahren schon von dicken, häßlichen, gierigen Menschen aussaugen lässt. Was ist das für eine Demokratie, ha?” Er stand auf, stellte sich breitbeinig vor mich hin und kratzte sich demonstrativ am Sack. “Hier, kannst Du kraulen!”
Ich bin Teil einer westdeutschen Generation, die in einem politischen Vakuum groß geworden ist. Die so genannten 68er schwappten noch ein bißchen mürbe nach und hinterließen einerseits Reste einer verblendeten Mörderbande und eben jene Politsonnenblumenkinder, die später die Verantwortung für den ersten deutschen Kriegseinsatz nach dem 2. Welkrieg zu übernehmen hatten. Die jugendlichen Jahre des revoltierens verbrachten wir im Plastikjahrzehnt der 80er, in dem die Vorläufer und Grundsteinleger der heutigen Katastrophen frei schalten und walten konnten, da es ihnen endlich gelungen war die Unterdrückung der Bürger einfach durch deren Beschäftigung zu ersetzen. Ein Jahrzehnt kollektiver Dummheit, das sich mit Ostermärschen dekorierte, um der diffusen deutschen Angst vor dem Irgendwas eine Bühne zu geben. Eingerahmt vom Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und dem Fall der Mauer. Und wo stehen wir heute? War die Niederlage der UDSSR in Afghanistan der Anfang vom Untergang des Sozialismus? Wohin führt dann der heutige Krieg am Hindukusch? Reaganomics, Thatcherismus, Hypo Real Estate. Ganz gleich ob diese Entwicklungen nun in eine gewalttätige Bürgerrevolte münden, so, wie es sich vielleicht Abel wünschte, oder die Verblendung noch ein paar Jahre die Ruhe vortäuscht, die 80er und ihre Kinder stehen in der Verantwortung. Wir standen teilnahmslos am Straßenrand als der Marsch durch die Institutionen an uns vorüberzog und im Verrat Fischers und Schröders seinen unrühmlichen Ausklang fand.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 5

Dienstag, Juli 7th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 4

Der Polizist lügt. Er schüchtert mich ein, serviert Kaffee und lügt. Er möchte aus mir einen Komplizen machen. Wahrscheinlich möchte er, dass ich mich erneut mit Abel treffe, ihn aushorche, meine Pflicht als Bürger erfülle, einen Dienst am Staat. Andererseits was meinte Abel mit seinem Gerede von Anschlägen, Blut, dem Herausschneiden, dem Ausbluten. Seine Worte waren: “Wenn man in den Menschen hineinschneidet, dann blutet er. So ist das.” Waren das nur die Worte eines Betrunkenen? Inzwischen ist aber aus dem Betrunkenen mehr geworden. Ein Bankräuber, der verdächtigt wird nach Abbüßung seiner Gefängnisstrafe seinen mutmaßlichen Verräter brutal ermordet zu haben. Was war das wohl für ein Begriff von Sauberkeit, wenn er davon spricht den Schmutz mit Blut aus dem Körper zu waschen. Was dachte er wohl würde nach einem Anschlag in Deutschland passieren. Würde Schäuble wirklich Deutschland zu einem Polizeistaat umbauen, würde dieser Versuch wirklich eine gewalttätige Revolte zur Folge haben, die Bundeswehr auf der Straße…… Schließlich saß ich ja jetzt hier. Wäre es nicht ein entscheidender Unterschied, ob ein möglicher Anschlag von irgendwelchen wahnsinnig gewordenen Islamisten ausgeübt wird (und wer weiß, ob sie es denn auch waren), oder von Strassen- und Kellerrevolutionären, die Widerstand und Selbstgeltung zu einem entschlossenem Manifest zusammen garen, dass die Grenze zu Hab und Gut, ja vielleicht sogar zur körperlichen Unversehrtheit des anderen überschreitet. Hatte Abel ein solches Manifest im Kopf? Ich habe kein Manifest im Kopf. Ich habe nur, wie die meisten diese dumpfe Wut der Ohnmacht, diesen grauen Zorn über die Arroganz einer Macht, die um sich ein Schild aus Konsumgütern aufgebaut hat, unter dem sie ihre, ja sogar menschenverachtenden Spielchen treiben kann. Ja, ich spüre wie so viele, wie sich unter meiner Haut die Muskeln spannen angesichts der Lüge, angesichts der vielen Lügen. Der Würgereiz angesichts der allgemeinen Verblödung. Zumeist lebt man eingeigelt, ruhig gestellt in der engen Kammer des Alltags, das Zimmer mit Aussicht auf die versprochene heile Welt. Die Freiheit als die Freiheit des Funktionstüchtigen. Die Chancengleichheit als das Ergebnis der allgegenwärtigen Bildbearbeitung. Die Demokratie der veröffentlichten Meinung. Die durchtriebene Pervertierung ehemals als gültig verfochtener Werte. Eine sich immer weiter steigernde Epoche der Lächerlichkeit. Die verlogenen Monstranzen der unumschränkten Beliebigkeit. Der billige Austausch jedweder Qualität durch Masturbation. Mit Qualität meine ich dabei nicht etwas, das an sich bereits etwas positives ist, wohl aber etwas wertvolles, etwas, das einen Wert besitzt, den es lohnt zu beurteilen, eine Substanz, einen Eigentlichkeit, nicht die ausgestaltete Form einer Funktion im Dienste der Macht.
Ich schloss die Augen, aber ich hatte nicht, so wie Abel, ein Klavierkonzert im Kopf, das ich zu meiner Beruhigung in mir aufklingen lassen konnte. ICH BIN DOCH NICHT BLÖD - oder doch schon.
Was mag das für ein Gefühl gewesen sein als die vermeintlichen Guerilleros die Selbstzünder bastelten und diese dann an die Hohetempel des Konsums legten, damals vor 41 Jahren. Saßen sie irgendwo auf einem Dach über der Stadt, die sie zum Kriegsgebiet erklärt hatten, den flackernden Schein auf den glänzenden Augen, mit Stolz geschwellter Brust. Ja! Das ist ein Anfang und zuletzt Leichen im Kofferaum. Hinrichtung. Revolutionskommando.
Eine Melodie, ich brauche eine Melodie. Verwirrt krame, durchwühle, jage ich in meinem Kopf umher, nach einer Melodie, die mich beruhigt. Eine Substanz. Eine Idee. Etwas, das den Schöpfer im Menschen belegt. Ich schließe meine Augen, aber alles was in mir aufsteigt ist dieses zarte Gesicht im Sonnenuntergang, bereit der Welt ein Lächeln zu schenken……. und dann……..Musik……

Dabei bin ich einmal so ein netter Kerl gewesen.