Abel - 14
Montag, August 24th, 2009Der Polizist nahm einen kräftigen Zug an seiner Zigarette und ließ sie anschließend in den Kaffeebecher fallen. “Sind sie auch ein Abszess?” Dann griff er nach dem Kaffeeaschenbecher und verließ ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen den Raum. Ich bekam Hunger. Wie spät mochte es wohl sein? Langsam hatte ich die Faxen wirklich dick. Ich wollte hier raus, nur hier raus, schnell. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein? Das lasse ich mir nicht so einfach gefallen. Das wir ein Nachspiel haben. Scheiße, was kotzt mich das alles an. Sind sie auch ein Abszess? Ja, ich bin auch ein Abszess, ein juckender, schwarzer Fleck an deinem Arsch.
Müde lasse ich mich gegen die Rückenlehne des Stuhles fallen. Ich bin aber nur ein kleiner unangenehmer Abszess, nur eine lästige Folge der Immunschwäche, eine kleine eitrige Entzündung. Der böse Nazi-Bomben-Mann war ein fortgeschritteneres Stadium, er hatte bereits das Potential einer ernsthaften Blutvergiftung und dieses Potential läßt sich nicht in der Kategorie: isolierter, psychisch kranker Einzeltäter, mit rechtsextremen Hintergrund, neutralisieren. Was für ein lächerlicher geistiger Frieden. Ich schloss wieder die Augen. Ich wollte wieder zurück in die Bank und zusehen wie Abel nun doch den Abzug durchdrückt, wie er schießt. Es gelingt mir nicht. Was gibt es denn noch zu besprechen? Was gibt es denn noch zu erläutern? Unter den Fingernägeln noch ein Rest Verständnis.
Ich konnte Abel hören: “Und das Geschwür will immer weiter wachsen, immer weiter, bis es den ganzen Menschen durchdrungen hat. Und dann wuchert es aus dem Menschen heraus mit unsichtbaren Armen und greift nach neuen Opfern, dringt in sie ein und zerstört ihren Geist. Deswegen muß das Geschwür herausgeschnitten werden. Wenn man in den Menschen hineinschneidet, dann blutet er. So ist das.”
Der Abszess ist das Symptom, das Geschwür die Ursache. Geschwächte Abwehr. In dünnen Haarfasern schlägt das Geschwür Wurzeln und durchzieht den Körper.
Mit einem Schlag sprang die Tür auf. Der Polizist kam wieder herein, in der Hand ein weiteres Foto. Noch eine Anschlagspostkarte? Ohne ein Wort zu sagen setzte er sich auf seinen Stuhl und legte das Foto vor mir auf den Tisch. Ohne einen Blick auf das Foto zu werfen frage ich ihn.
“Wie ist eigentlich ihr Name?”
“Kennen sie die Frau auf dem Foto?”
“Ich würde es für einen gebotenen Akt der Höflichkeit halten, wenn sie mir ihren Namen verraten.”
Der Drang auf das Foto zu blicken war kaum zu bändigen, aber ich würde es schaffen. Ich schaue nicht auf das Foto, bis er mir seinen Namen gesagt hat. Der Polizist stellte mich auf die Probe. Er war ein verschlagener Hund. Unbeirrt ließ er meine Frage an sich abperlen. “Diese Frau,” er zeigte auf das Foto, “diese hier, auf dem Bild steht unserer Vermutung nach in engen Kontakt zu Tofor. Können sie uns etwas über sie sagen?” Ohne hinzusehen tastete ich nach dem Foto, nahm es zwischen zwei Finger, drehte es um und knallte es wieder auf die Tischplatte. Der Polizist zuckte kurz mit den Augenbrauen, fasste sich aber wieder sofort. “Ich habe keine Lust mehr mit ihnen weiter zu diskutieren. Mein Bedarf an ihrem rhetorischen Blödsinn ist mehr als gedeckt. Keine Spielchen, keine Diskussionen.” Er stand auf, ging in Richtung Tür und lehnte sich lässig gegen die Wand. “Klare Fragen, einfache Antworten.” Also gut, er hatte den Schalter wohl umgelegt. Für ihn war jede Überzeugungsarbeit erledigt. Also gut lassen wir es.
“Kann ich jetzt gehen?”
“Wenn sie meine Frage beantwortet haben.”
Ich nahm das Foto hoch, warf einen kurzen Blick drauf, der deutlich machte, das ich die Person auf dem Bild nicht angesehen hatte und antwortete mit einem knappen “Nein.” Der Polizist öffnete mit einer Hand die Türe. “Dann können sie ja jetzt gehen.” War es das wirklich gewesen? Mit gespielter Gelassenheit stand ich auf und ging schweigend an dem Polizisten vorbei in den Gang. “Ehrenbacher.”, hörte ich ihn mir hinterher rufen. “Martin Ehrenbacher. Merken sie sich diesen Namen. Sie werden von mir hören.” Zum Gruß hob ich im gehen meine rechte Hand und bog links in das Treppenhaus ein.
Die Sonne hatte sich höher in den Himmel geschraubt. Das Licht blendete mich. Die Erde hatte sich weiter gedreht. Die Geschäfte liefen weiter. Die Stadt lag in ihrem morgendlichen Brummen. Die Menschen verfolgten ihre Ziele. Mein Hunger war verflogen. Alles, wonach ich mich sehnte war eine warme Dusche. Ich stank fürchterlich. Zuerst werde ich eine warme Dusche nehmen und dann könnte es sein, dass es Zeit wird eine Entscheidung zu treffen.
(Fortsetzung folgt)


