Archive for Juli, 2009
Eitel Sonnenschein
Mittwoch, Juli 29th, 2009Ulla war auf Urlaub neulich in Alicante
Sie hat weder Freunde dort noch Verwandte
Aber ein Auto mit Fahrer und Kind
sowie Termine, die wie man hört dienstlich sind
Sie hat einen Anspruch darauf, wie sie uns höflich verspricht
Eine Diebstahlversicherung hingegen hatte sie nicht
Frau Merkel ließ sich nach Sylt fliegen, wie manche Webseiten bekunden
Nur sind diese leider verschwunden
So hat jeder Seins in diesen Sommertagen
vor der Wahl
keine Qual
für uns Wähler, denn es gibt wohl keine wicht´geren Fragen
Abel - Teil 9
Montag, Juli 27th, 2009Ich schließe meine Augen wieder und stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand diese Bank.
Nein, ich muß noch einen Schritt zurück gehen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor Abel steht wenige Meter vor der Bank.
Lange darf ich hier nicht herum stehen, zögerlich sein. Das würde auffallen.
Am liebsten würde Abel noch einmal kurz in die Innentasche seiner Jacke greifen. Die Waffe fühlen. Die Waffe veränderte alles. Die Waffe macht aus ihm einen Räuber. Die Waffe ist der materialisierte Tod. Die Waffe in seiner Hand könnte ihn zum Mörder machen.
Abel hat nicht geschossen hatte der Polizist gesagt. Was heißt das schon? Vielleicht hat er einfach Glück gehabt. Die Situation hat es nicht verlangt.
In den Fenstern der Bank spiegelte sich das Fluchtauto. Rick war ein guter Fahrer. Auf Rick kann er sich verlassen. Wieso nannte er sich eigentlich Rick? Er war Ungar so wie er. Niemand in Ungarn würde seinen Sohn Rick nennen. Was sollte das? Nur um amerikanisch zu klingen. Jedenfalls sah er wohl kaum aus wie Humphrey Bogart. Er war groß, schlaksig und hatte eine ungewöhnlich hohe Stimme, so dass sie ihn manchmal den Chorjungen nannten. Der Chorjunge war ein guter Fahrer und ein phantastischer Autodieb. Niemand konnte ein Auto so schnell knacken wir Rick. Sie nannten ihm nur Ort und Zeit und er erschien pünktlich mit einem Auto, das er kurz davor geklaut hatte.
Ich stellte mir Abel als Teil einer ausgebufften, professionellen Räuberbande vor, die nach ausgefeilten Plänen schnell und effektiv zuschlugen und dann gleich wieder verschwanden. Ich verwendete meine gesamte Hollywood-Gangsterfilm-Bildung in diese Vorstellung. Ich hatte keine andere Vorstellung von einem Bankraub. Bankräuber waren für mich immer nur etwas unterhaltsames gewesen, die natürliche Fortsetzung des Cowboy und Indianerspiels. Bankräuber sind mutige, smarte Männer und eben keine untertänigen, unterwürfigen, korrupten Speichellecker in schlecht sitzenden Anzügen, Duckmäußer, die ausführende Verwaltung im Königreich der werberelevanten Zielgruppe.
Abel ließ seine Hand unauffällig über seine Jacke gleiten. Er konnte die Waffe spüren. Das Kapital verdient keinen Respekt. Es würde schon alles gut gehen. Er wußte, was er zu tun hatte. Es würde keine Probleme geben. Die Lage war gut sondiert. Rick saß im Fluchtwagen. Milan war bereits in der Bank und er konnte Adrian hinter sich spüren. Eine kleine eingespielte Gruppe. Sie hatten es gemeinsam vor vier Jahren bis nach Deutschland geschafft und sich bis heute im Untergrund durchgeschlagen. In wenigen Minuten würde alles vorbei sein. Die Waffe diente lediglich dazu ein- zweimal in die Luft zu schießen. Das reichte. Er würde niemanden töten. Sollte er vor die Wahl gestellt sein zu töten oder aufzugeben, würde er die Waffe nieder legen. Das hatte er sich geschworen. Das klang immer gut in seinem Gewissen. Mit echtem Widerstand war nicht zu rechnen. 15 Minuten Anspannung sind der Preis für weitere Monate des versteckten Überlebens. Wenn sie Glück hatten vielleicht sogar für mehr als ein Jahr. Wenige Schritte von der Bank entfernt gab es nichts mehr zu entscheiden, es galt nur noch Entscheidungen auszuführen. Er setze einen Fuß vor den anderen. Vielleicht schloss Abel in diesem Moment wieder kurz die Augen um das Klavierkonzert in sich aufsteigen zu lassen, um sich zu beruhigen, um sicher zu sein.
Ich öffnete die Augen. Selbst, wenn es sich um den besten Kaffee handeln würde, den ich je getrunken habe, würde ich ihnen nicht weiterhelfen. Ich grinste in mich hinein. Der Polizist ließ lange auf sich warten. Was sollte das sein? Zermürbungstaktik? Wer war ich schon? Ich war weit harmloser, als ich mir es in diesem Augenblick wünschte. Wenn ich doch nur etwas zu verbergen hätte. Wenn ich doch nur jemals etwas unternommen hätte. Meine gesamte subversive Identität bestand in dem nun zugegebenermaßen etwas peinlichen Nick Rotkehlchen 84. Was hatte ich schon für eine Vorstellung von Widerstand. Wohl kaum eine. Widerstand ist ein theoretischer Begriff und bis dato war es wohl nicht notwendig gewesen diesen mit Praxis zu füllen. Wie hätte dieser Widerstand den aussehen sollen? Mit Schaudern dachte ich an graubärtige Männer auf Bierbänken und den Legenden von Sitzblockaden. Es ist kaum auszumachen, was schlimmer ist, ihr politisches Geschwätz oder ihr Mundgeruch. In jedem Falle wünscht man sich sie mögen die Klappe halten. Aber sie halten die Klappe nicht, sie halten ihre Widerstandsfähnchen hoch. Sie sind sich treu geblieben, sie haben ihre Ideale nicht verraten. Nicht so wie diese durch und durch korrumpierten, geldgeilen, bösen Anderen ihrer Generation, das Harleyfahrende Großbürgertum und die Kabarettabonnenten, diese Agenturgestalten und VIP-Bändchenträger. Mein Gott, was für Klischees. Vielleicht aber haben sie recht. Jedenfalls stanken sie aus dem Mund, so viel stand fest. Ich hörte auf dem Gang Schritte. Gleich würde er wohl wieder rein kommen. Mit meinem Kaffee. Ich schloss wieder die Augen.
(Fortsetzung folgt)
God bless you
Samstag, Juli 25th, 2009Abel - Teil 8
Donnerstag, Juli 23rd, 2009Abel kratzte sich wieder hinter dem Ohr. Wieso kratzt er sich immer hinter dem Ohr? Es muß eine Gewohnheit zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihn ständig dort juckte. Oder vielleicht eine Narbe? Hinter dem Ohr? Der Wodka zeigte so langsam seine Wirkung. Meine Gedanken schweifen ab. Ich versuchte mich wieder zu konzentrieren. Lass dich nicht gehen. Nicht jetzt. Abel stand immer noch breitbeinig vor mir. “Was hältst du von deinen Landsleuten mein Freund, ha?” Er hob seine Augenbrauen und grinste, dann begann er leise zu singen.
“Fort sind die Ungarn, fort sind die Husaren,
drum, drum, drum, drum Jahre gingen durch die Lombardei.”
Er wurde immer lauter
“Alt sind die Frauen, die so schön einst waren,
drum, drum, drum, drum, und die liebe Sonne ging vorbei.”
Abel trommelte mit beiden Händen auf den Tisch.
“Die Menschen singen zu wenig. Wir müssen viel mehr singen. Mehr singen und trommeln und tanzen und unsere Weiber lieben.”
Lauthals sang er weiter. “drum, drum, drum, drum, und die liebe Sonne ging vorbei.”
Ist es ein Zeichen des deutschen Untemperamentes, dass sich die Menschen umdrehen und uns mißmutige Blicke zu werfen. Ich kann dir sagen, was ich von meinen Landsleuten halte. Ich kann dir sagen, was ich von ihnen halte, so, wie sie hier in dieser Bar stehen, in ihrer albernen Selbstherrlichkeit, ihrem ausgestellten Halbwissen, ihrer mühsam unterdrückten Geilheit und voller Bedeutung kleine hübsche unsinnige Episoden aus ihrer vollkommen belanglosen Biografie aus sich heraus würgen, sich gegenseitig um den Mund und zwischen die Beine schmieren. Ausufernd soll dein Hirn sein, burlesk, deine Fantasie, rücksichtslos, hemmungslos, zornig und frei wie das Fluchen der Menschen, die sich noch einen streitbaren Gott bewahrt haben. Wer sich im Gebet mit seinem Gott nicht streitet, der dämmert nur in artigen Psalmen. Mein Hirn filterte routiniert den Geruch schweren Rotweins aus der stickigen Luft. Ich nahm einen Zug und ließ ebenfalls meine Hände auf den Tisch donnern und lauthals, laut, lauthals stimmte ich ein.
“drum, drum, drum, drum,drum, drum, drum, drum.”
Ich schloss die Augen und konnte das Meer sehen. Das herrliche Blau, das sanfte Wiegen, meinen lieblichen Süden.
“drum, drum, drum, drum,drum, drum, drum, drum.”
Das leise Rauschen der Bäume, die selbstverständlich gnädig und freundlich ihren Schatten spenden.
Wir schlossen unseren Singsang mit einem gewaltigen Schlag auf die Tischplatte ab, ergriffen unsere Gläser, hoch durch die Häuser dem Himmel entgegen, leerten sie und schmetterten sie mit einem großzügigen Lachen auf den Boden. Klirrend zersprangen sie in tausend Scherben. Habt ihr uns gehört? Habt ihr? Dies eine mal! Ja! Dann erzählt euren Frauen davon.
Was für ein wunderbarer Augenblick. Was für ein lebendiger Sieg. Unantastbar, ungeheuerlich, unerhört, bedeutungslos groß.
Ich öffnete meine Augen. Um mich herum das Verhörzimmer. Ich schließe meine Augen wieder und stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand diese Bank.
(Fortsetzung folgt)
Klappe auf !!
Dienstag, Juli 21st, 2009E-Petition zeichnen !
Kleiner Montagsreim
Montag, Juli 20th, 2009Wo ist die Kohle in diesem Land
versunken in Bad Banks hohler Hand
verteilt zum Wohle aller, wohl bekannt
versickert in prunk prächtigen Töpfen
verschoben von mächtigen Köpfen
im Oktober beginnt dann das Schröpfen
prosaischer Anhang:
Jörg Asmussen
Abel - Teil 7
Freitag, Juli 17th, 2009Ist der Begriff Verrat zu hoch gegriffen? Darüber mag es unterschiedliche Ansichten geben, in denen man manches dafür oder dagegenhalten mag. An dieser Art politischer Relativierung bin ich nicht interessiert. Vielmehr stelle ich fest welchen Gesamteindruck das Schröder/Fischer - Projekt 4 Jahre nach seinem Ende bei mir hinterlässt.
Bei Wikipedia steht zu lesen: Verrat ist ein besonders schwerer Vertrauensbruch, der die angenommene Loyalität verletzt.
Wieso konnten wir, die wir in den 60ern geboren wurden, auch nur unterstellen, dass sich die Repräsentanten der von uns herbeigesehnten Rot-Grünen Regierung uns oder eben unserer Hoffnung gegenüber Loyal verhalten würden. War es nicht eine uralte sprachliche Weisheit, dass in dem Wort Regierung das Wort Gier enthalten ist.
Nur einen kleinen Klick weiter können wir lesen: Unter Vertrauen wird die Annahme verstanden, dass Entwicklungen einen positiven oder erwarteten Verlauf nehmen. Ein wichtiges Merkmal ist dabei das Vorhandensein einer Handlungsalternative. Dies unterscheidet Vertrauen von Hoffnung. Vertrauen beschreibt auch die Erwartung an Bezugspersonen oder Organisationen, dass deren künftige Handlungen sich im Rahmen von gemeinsamen Werten oder moralischen Vorstellungen bewegen werden. Vertrauen wird durch Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Authentizität begründet[1], wirkt sich in der Gegenwart aus, ist aber auf künftige Ereignisse gerichtet.
(Es steht jedem frei sich nun weiter durch die Begriffe gleiten zu lassen)
Eine Handlungsalternative hatte sich für viele von uns nicht wirklich gestellt. Solange wir politisch denken konnten waren die Gesichter der bundesrepublikanischen Demokratie die von Herrn Kohl und seinen Getreuen. Sie repräsentierten für uns lediglich den überdauernden geistigen Stillstand der 50er. Das selbstzufriedene, feiste Bürgertum. Eine Ansammlung von blutleeren, leidenschaftslosen, engstirnigen, kleingeistigen, aufgeblähten langweiligen Regierungssachbearbeitern, die ohne jede Vision das Land mehr schlecht als recht verwalteten. Unter dem lächerlichen Vorwand der geistig moralischen Wende an die Macht gekommen, erhoben sie hochmütig den mahnenden Zeigefinger, um sich in gut kleinbürgerlicher Tradition der Kumpanei mit dem hirnlos verehrten Großbürgertum hinzugeben. Es war schlicht unerträglich, dass dieser Sohn eines Finanzbeamten Jahr um Jahr, unabänderlich, so schien es, dem Land vorstand und dabei drohte: “Ich will haben, daß am Ende meiner Zeit keiner mehr die Richtung verändern kann. Zwar kann der Zug noch mal aufgehalten werden, das macht nichts. Hauptsache ist, er fährt in die richtige Richtung.” In unserem Bewusstsein war der Kanzler der Einheit zu allererst das System Kohl, dass seine Wurzeln in der aktiven Förderung durch Menschen wie den Nazi-Unternehmer Fritz Ries hatte. Es gab dazu eben nur die Alternative eines Rotgrünen Projektes und so setzten wir unsere Hoffnung darauf es endlich irgendwann verwirklicht zu sehen. Eben zugegeben eine etwas naive Hoffnung und was meine Person betrifft, die allerdings keine Einzelfall sein dürfte, auch nichts, was wir durch besonders hohes eigenes Engagement stützten. Abgesehen von obligatorischen Demonstrationen, Diskussionen und Diskursen hatten wir nicht mehr zu tun als das Ausfüllen des Wahlzettels an der politisch korrekten Stelle. Gewählt haben wir sie. Gewählt haben wir sie in einer gewissen Erwartung (und mangelnder Alternativen). Gewählt haben wir sie als unsere Vertreter, weil sie, gemessen an der bestehenden Verwaltung, glaubwürdiger und authentischer erschienen. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages in den Nachrichten einen ersten Schwenk über die neue Regierungsbank im Bundestag sah und dachte, ja, jetzt gibt es eine Chance. Da saßen nicht mehr Kanther, Kinkel, Kohl sowie Waigel, Blüm und Rühe. Da saßen nun Schröder, Fischer, Schilly, Lafontaine…….Wie klingen diese Namen heute? Ja, und das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, ging von Frau Merkel auf Herrn Trittin über. Das alles war in meinen Augen eine Verbesserung. So schien es zu sein. Aber durch die Gänge schlichen schon damals Figuren wie Jörg Asmussen. Vielleicht hätten wir schon damals genauer nachfragen müssen was sich hinter folgender Aussage im Koalitionsvertrag von 1998 verbirgt. Als Ziel wir dort beschrieben: “Eine bessere internationale Zusammenarbeit im Bereich der Wirtschafts-, Finanz-, Geld- und Währungspolitik; dazu wird die neue Bundesregierung gemeinsam mit den europäischen Partnern entsprechende Initiativen ergreifen.” Aber das haben wir nicht getan, weil die Begriffe Öko-Sozial so einen hübschen Rahmen abgaben. Welche Qualität sollte nun mit dem Begriff “besser” angehoben werden, und aus wessen Perspektive wird das betrachtet. Geht es bei der Zulassung von Hedge-Fonds, dem Zulassen des Handels mit Derivaten, dem Zulassen einer offenbar rücksichtslosen Kapitalmacht um das viel gepriesene Gemeinwohl unter Öko-sozialen Leitlinien oder um die Umsetzung marktgerechter Vernunft. (So wie die Steigerung der Rüstungsexporte in ihrer Verantwortung)
Setzt nicht auch der Begriff Verrat, so wie der Begriff Vertrauen, eine Handlungsalternative voraus?
Ich stelle mir vor: Abel betritt mit einer Waffe in der Hand die Bank.
(Fortsetzung folgt)
Seemannsgarn
Mittwoch, Juli 15th, 2009Gestatten mein Name ist Schick,
ich finanziere jedermanns Glück
ich kaufe und verkaufe Mäuse und Kröten
und leite die Geschäfte der Autoritäten
ich kaufe Zeitungen, wie Jedermann dieser Tage
Informationen, Berichte ja ganze Verlage
Meinungen gibt´s auf dem Meinungsmarkt jederzeit
wie der morgendliche Blick in den Spiegel zeigt
Ich diktiere, sie parieren auf Papieren und auf Servern
Die Matrosen, gehorsam bei Fuß bei meinen Manövern
Auf hoher See zählt nur der Überlebensinstinkt
Wer nicht mitsingt, wem´s stinkt, ja, der sinkt
Die Regeln sind einfach und leicht zu verstehn
man muss nur sehn, wo die Winde wehn
Ich zitiere Euch das Ende der Krise herbei
Zufriedene Kunden bleiben gern treu
Abel - Teil 6
Montag, Juli 13th, 2009Zum Beispiel im Sommer 1984. Das berüchtigte Jahr 1984 bewies allenthalben, dass sich sein Erfinder Herr Orwell als Pessimist erwiesen hatte. Alles, was bis jetzt auf einen Überwachungsstaat hindeutete war eine kleine helle Kiste, nach einem Fruchtsaft benannt, die vielleicht in entsprechenden Kreisen Erstaunen verursacht hatte, aber ansonsten von der Welt kaum wahrgenommen wurde. Datenmißbrauch war zu dieser Zeit wohl noch kein besonders großes Problem, allen Falls Datenschludrigkeit. So steht zu lesen, dass am 24. Januar 1984 das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz bestätigen musste, dass Computerlisten mit dem fast vollständigen Beschaffungsprogramm der Bundeswehr in einem Straßengraben gefunden worden sind. Naja.
Ich war 20 Jahre alt und Teil einer Generation, die es weitgehend unbegründet für ihren Verdienst hielt, dass die Grünen nun im Bundestag saßen. Damit war politisch für uns erst einmal alles erreicht. Ja, es gab endlich einige Vertreter unserer Lagerfeuerromantik im Plenarsaal. Die Erzkonservativen, unserer Ansicht nach halbraunen Machthaber mussten erste Risse in ihrem Machtgefüge hinnehmen. Zwar hatten sie mit Strauß immer noch eine feste Bastion in München, aber die ersten Schritte waren getan. Die ersten Schritte hin zu einer besseren Welt, für die wir auf der Straße sangen. Niemand konnte Ahnen, dass es ausgerechnet diese Pioniere unserer Träume sein werden, die letztlich nicht nur alle guten Absichten fahren ließen sondern als willfährige Steigbügelhalter der gewalttätigen Macht den Rücken krumm machen um Krieg und Kapital die Stiefel zu lecken. Zunächst aber ergötzten wir uns an der Empörung des Bürgertums.
Wo mag Abel zu dieser Zeit gewesen sein? Der Polizist hatte nicht gesagt, wann der Banküberfall statt gefunden hat. Saß Abel vielleicht schon im Gefängnis während ich am Walserberg der Deutsch-Österreichischen Grenze stand und nach einer Mitfahrgelegenheit Richtung Süden suchte. Hatte er diesen Banküberfall aus Habgier begangen, oder war es schon damals eine politische Tat.
“Ich weiß nicht, was diesen Deutschen für ein Volk sind.”, hatte er in der Bar gesagt, “Zweimal haben sie sich mit der ganzen Welt angelegt. Haben sich als Mordsklaven vor die Kanonen binden lassen; die Bürger, die einfachen Leute. Man mußte ihnen nur eine Fahne in die Hand geben und rufen: So lauf, Hund. Und sie sind gelaufen. Nicken, immer nicken, immer nicken. Genauso jetzt, wo sich Eure Demokratie, seit Jahren schon von dicken, häßlichen, gierigen Menschen aussaugen lässt. Was ist das für eine Demokratie, ha?” Er stand auf, stellte sich breitbeinig vor mich hin und kratzte sich demonstrativ am Sack. “Hier, kannst Du kraulen!”
Ich bin Teil einer westdeutschen Generation, die in einem politischen Vakuum groß geworden ist. Die so genannten 68er schwappten noch ein bißchen mürbe nach und hinterließen einerseits Reste einer verblendeten Mörderbande und eben jene Politsonnenblumenkinder, die später die Verantwortung für den ersten deutschen Kriegseinsatz nach dem 2. Welkrieg zu übernehmen hatten. Die jugendlichen Jahre des revoltierens verbrachten wir im Plastikjahrzehnt der 80er, in dem die Vorläufer und Grundsteinleger der heutigen Katastrophen frei schalten und walten konnten, da es ihnen endlich gelungen war die Unterdrückung der Bürger einfach durch deren Beschäftigung zu ersetzen. Ein Jahrzehnt kollektiver Dummheit, das sich mit Ostermärschen dekorierte, um der diffusen deutschen Angst vor dem Irgendwas eine Bühne zu geben. Eingerahmt vom Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und dem Fall der Mauer. Und wo stehen wir heute? War die Niederlage der UDSSR in Afghanistan der Anfang vom Untergang des Sozialismus? Wohin führt dann der heutige Krieg am Hindukusch? Reaganomics, Thatcherismus, Hypo Real Estate. Ganz gleich ob diese Entwicklungen nun in eine gewalttätige Bürgerrevolte münden, so, wie es sich vielleicht Abel wünschte, oder die Verblendung noch ein paar Jahre die Ruhe vortäuscht, die 80er und ihre Kinder stehen in der Verantwortung. Wir standen teilnahmslos am Straßenrand als der Marsch durch die Institutionen an uns vorüberzog und im Verrat Fischers und Schröders seinen unrühmlichen Ausklang fand.
(Fortsetzung folgt)