Archive for Juli, 2009

NetzEinWahl

Freitag, Juli 10th, 2009

Vorsicht ist in diesen Tagen anzuraten
Daten zählen mehr als Taten.
Die erste Riege der deutschen Demokraten
bastelt eine Armee sich aus fleißigen Soldaten
die stramm durch Netz und Daten waten
Entmündigung auf Raten.

Doch, meine lieben Kandidaten
längst riechen wir den Braten
wetzen Maus, Modem, Tastaturen
und durchsetzen die Strukturen
Datenjäger, Schlapphüte und Bürokraten seht
dort am Horizont dort hinten weht
die Flagge der Piraten.

Any Given Sunday - Peace by Inches - Pacino

Mittwoch, Juli 8th, 2009

Abel - Teil 5

Dienstag, Juli 7th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 4

Der Polizist lügt. Er schüchtert mich ein, serviert Kaffee und lügt. Er möchte aus mir einen Komplizen machen. Wahrscheinlich möchte er, dass ich mich erneut mit Abel treffe, ihn aushorche, meine Pflicht als Bürger erfülle, einen Dienst am Staat. Andererseits was meinte Abel mit seinem Gerede von Anschlägen, Blut, dem Herausschneiden, dem Ausbluten. Seine Worte waren: “Wenn man in den Menschen hineinschneidet, dann blutet er. So ist das.” Waren das nur die Worte eines Betrunkenen? Inzwischen ist aber aus dem Betrunkenen mehr geworden. Ein Bankräuber, der verdächtigt wird nach Abbüßung seiner Gefängnisstrafe seinen mutmaßlichen Verräter brutal ermordet zu haben. Was war das wohl für ein Begriff von Sauberkeit, wenn er davon spricht den Schmutz mit Blut aus dem Körper zu waschen. Was dachte er wohl würde nach einem Anschlag in Deutschland passieren. Würde Schäuble wirklich Deutschland zu einem Polizeistaat umbauen, würde dieser Versuch wirklich eine gewalttätige Revolte zur Folge haben, die Bundeswehr auf der Straße…… Schließlich saß ich ja jetzt hier. Wäre es nicht ein entscheidender Unterschied, ob ein möglicher Anschlag von irgendwelchen wahnsinnig gewordenen Islamisten ausgeübt wird (und wer weiß, ob sie es denn auch waren), oder von Strassen- und Kellerrevolutionären, die Widerstand und Selbstgeltung zu einem entschlossenem Manifest zusammen garen, dass die Grenze zu Hab und Gut, ja vielleicht sogar zur körperlichen Unversehrtheit des anderen überschreitet. Hatte Abel ein solches Manifest im Kopf? Ich habe kein Manifest im Kopf. Ich habe nur, wie die meisten diese dumpfe Wut der Ohnmacht, diesen grauen Zorn über die Arroganz einer Macht, die um sich ein Schild aus Konsumgütern aufgebaut hat, unter dem sie ihre, ja sogar menschenverachtenden Spielchen treiben kann. Ja, ich spüre wie so viele, wie sich unter meiner Haut die Muskeln spannen angesichts der Lüge, angesichts der vielen Lügen. Der Würgereiz angesichts der allgemeinen Verblödung. Zumeist lebt man eingeigelt, ruhig gestellt in der engen Kammer des Alltags, das Zimmer mit Aussicht auf die versprochene heile Welt. Die Freiheit als die Freiheit des Funktionstüchtigen. Die Chancengleichheit als das Ergebnis der allgegenwärtigen Bildbearbeitung. Die Demokratie der veröffentlichten Meinung. Die durchtriebene Pervertierung ehemals als gültig verfochtener Werte. Eine sich immer weiter steigernde Epoche der Lächerlichkeit. Die verlogenen Monstranzen der unumschränkten Beliebigkeit. Der billige Austausch jedweder Qualität durch Masturbation. Mit Qualität meine ich dabei nicht etwas, das an sich bereits etwas positives ist, wohl aber etwas wertvolles, etwas, das einen Wert besitzt, den es lohnt zu beurteilen, eine Substanz, einen Eigentlichkeit, nicht die ausgestaltete Form einer Funktion im Dienste der Macht.
Ich schloss die Augen, aber ich hatte nicht, so wie Abel, ein Klavierkonzert im Kopf, das ich zu meiner Beruhigung in mir aufklingen lassen konnte. ICH BIN DOCH NICHT BLÖD - oder doch schon.
Was mag das für ein Gefühl gewesen sein als die vermeintlichen Guerilleros die Selbstzünder bastelten und diese dann an die Hohetempel des Konsums legten, damals vor 41 Jahren. Saßen sie irgendwo auf einem Dach über der Stadt, die sie zum Kriegsgebiet erklärt hatten, den flackernden Schein auf den glänzenden Augen, mit Stolz geschwellter Brust. Ja! Das ist ein Anfang und zuletzt Leichen im Kofferaum. Hinrichtung. Revolutionskommando.
Eine Melodie, ich brauche eine Melodie. Verwirrt krame, durchwühle, jage ich in meinem Kopf umher, nach einer Melodie, die mich beruhigt. Eine Substanz. Eine Idee. Etwas, das den Schöpfer im Menschen belegt. Ich schließe meine Augen, aber alles was in mir aufsteigt ist dieses zarte Gesicht im Sonnenuntergang, bereit der Welt ein Lächeln zu schenken……. und dann……..Musik……

Dabei bin ich einmal so ein netter Kerl gewesen.

Das letzte was wir hören

Montag, Juli 6th, 2009

Das Ohr riss sich vom Kopf und sprang auf den Tisch
verbeugte sich höflich und brav in die Runde
Jetzt hört Ihr einmal auf mich
sprach es, und lauscht meiner Kunde

Ihr labert, quatscht, plappert tagaus tagein
manche von Euch lassen es nicht mal im Schlafe sein
argumentiert, diskutiert, schwadroniert, paroliert
habt ihrs nur ein mal mit Schweigen probiert

Habt ihr nicht, aber ihr werdet es müssen
denn wir betten uns jetzt auf die Kissen
legen die Arbeit nieder und bleiben dort
hören ab sofort nie wieder ein Wort

Aber das wird euch wohl weiter nicht stören
da es ja eh nicht Eure Art ist aufeinander zu hören
so bleibt schließlich alles beim alten
und wir beschränken uns drauf Eure Brillen zu halten

Fantasie von Übermorgen - Erich Kästner

Sonntag, Juli 5th, 2009

Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein!
und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.
Dann zogen sie in jedem Land,
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerle heraus.
Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.
Da brach so mancher Stock entzwei.
Und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab’s Geschrei,
und nirgends gab es Krieg.
Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,
zum Bruder und Sohn und Mann,
und sagten ihnen, der Krieg sei aus!
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahen die Frauen nicht an…

Unser Kreuz

Freitag, Juli 3rd, 2009

Abel - Teil 4

Donnerstag, Juli 2nd, 2009

zu Abel Teil 1 bis 3

“Eine kleine Melodie ist eine wunderbare Heilung. Mehr als alle Versprechen dieser Welt bieten können.”
Der Polizist richtete sich auf, drehte den Stuhl wieder richtig herum an den Tisch, setzte sich und fuhr mit ruhiger Stimme fort. “Verstehen sie mich nicht falsch. Ich will sie nicht in Schwierigkeiten bringen, aber sie müssen begreifen, dass ein Mann wie Tofor nicht ungefährlich ist. Das ist kein Hobbyrebell, so wie ihre Kollegen aus den einschlägigen Foren. Hier geht es nicht um die große neue Weltordnung, Big Brother, Geheimdokumente oder ähnliches.” Er grinste, aber nur kurz. Mir wurde klar, dass er alles, was er ab jetzt sagt sehr ernst meint.” Dieser Mann hat eine Waffe in die Hand genommen und hat eine Bank überfallen. Er hat einen Kunden mit einem Schlag auf den Kopf schwer verletzt….”
“Hat er auch geschossen?” wollte ich wissen.
“Nein, hat er nicht.” Er ließ eine kurze Pause, um zu sehen ob ich nachhaken würde. Ich tat es nicht. Er fuhr fort.
“Das sollte sie aber nicht beruhigen. Er wurde nach wenigen Tagen durch einen Tipp, vermutlich war es einer seiner Komplizen, gefasst.”
“Er ist also verraten worden.” Vielleicht erklärte das die Trauer in Abels Augen. Wie schnell man doch eine Theorie über einen anderen Menschen aufstellt; wahrscheinlich um so schneller, je rätselhafter er erscheint. Ungewissheit ist nur sehr schwer auszuhalten.
Abel wischte sich das struppige Haar aus dem Gesicht und grinste. “Das schlimmste an der Hölle wird sein, dass es dort keine Musik gibt.” Dann schüttelte er seinen Kopf wie ein Hund, dem man gerade einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hat. “Puuuhuu!”
“Hat man auch den Verräter gefasst.”
Der Polizist warf einen Blick in seinen Kaffeebecher. “Wollen sie vielleicht jetzt einen?” Ich nickte. Er stand auf ging hinüber zur Tür. Bevor er den Raum verließ, dreht er sich nochmals um. Er hat einen Hang zur Dramatik, dachte ich. Gefällt mir. Seine Lässigkeit ist glaubwürdig.
“Er hat sechs Jahre bekommen. Sechs einhalb um genau zu sein, was ohne Bedeutung ist, denn er wurde nach 5 Jahren entlassen. Zwei Tage nach seiner Entlassung, wieder einen Hinweis. Ein Dachboden, Stuttgart, Mietshaus. Eine Leiche. Die Kehle durchgeschnitten, keine Augen, keine Zunge.” Er machte wieder eine Pause. Diesmal um dem Bild der entstellten Leiche Zeit zu geben sich in meinem Kopf in allen Details zu entfalten. Er weiß, was er tut. Dann setzte er nach. “In der Hand eine Banknote aus jenem Überfall. Milch und Zucker?”
Natürlich wäre jetzt:”Danke, schwarz” die richtige Antwort, aber das stimmte eben leider nicht und ich hatte keine Lust nur wegen eines kleinen kurzen Klischees einen Becher Kaffee trinken zu müssen, der mir nicht schmeckt. “Beides reichlich, Danke” Er verließ den Raum. Die wieder eingetretene Stille um mich herum ließ meiner Erinnerung an gestern reichlich Platz. Ich konnte die Augen schließen und wieder Abels Stimme hören:
„Das erste mal habe ich diese Musik auf der Beerdigung meiner Mutter gehört. Sie klingt bis heute noch in meinen Ohren. Das Mozartklavierkonzert. Ein Walzer, der kein Walzer sein will. Nicht fröhlich, nicht, wie heißt das….. beschwingt. Leise, unsichere Klaviertöne. Mehr so etwas wie die Erinnerung an einen Walzer. Ein zartes scheues Klavier, das sich scheu an die warmen Geigen hält, sich nicht selbstbewusst zu einer eigenen Melodie erhebt. Willig übernimmt das Klavier das Thema der Geigen, aber nicht um es weiter zu führen, weiter hinauf zu führen, sich von den Streichern zu lösen. Es hält sich immer zurück. Wann immer es sich zu weit vor wagt, verläßt das Klavier der Mut, und es wendet sich reuig zurück um sich wieder in das Orchester zu schmiegen, das es mit offnen Armen wieder aufnimmt. Wie in einem seltsamen schweren Strom, der das ganze Stück ruhig und mächtig bestimmt. In jungen Jahren war meine Mutter eine angehende Balletttänzerin, weißt Du. Sie kam aus einer Theaterfamillie, die sie schon als Kind mit den verschiedensten Künsten bekannt gemacht hat. Ihre große Liebe war sehr bald die Musik. Sie war ein wilder Mensch, wild und süchtig nach Bewegung. Sie hätte nicht ein Instrument lernen können. Nein, niemals. Das ruhige sitzen auf einem Klavierhocker, die Tonleitern, die kleinen Fingerbewegungen.“ Er tippte mit den Fingern auf den Tisch. „Pling Pling Pling. Das hätte sie umgebracht. Aber tanzen, das war es. Tanzen das konnte sie. Schnell lernte sie  ihren geschmeidigen Körper zu beherrschen und wechselte elegant von einer Stellung in die andere. Ein mal so und einmal so.“ Abel ließ sich von dem Barhocker gleiten und deutete verspielt verschiedene Balletposen an. Es sah zu komisch aus, wie er die Arme über den Kopf schwang, sich auf die Zehenspitzen stellte, oder eine Pirouette andeutet. „Immer hin und her. Verstehst Du. Jeder Atemzug, eine Bewegung, ein Fließen der Musik durch sie durch. Weißt du, was ich meine. Das ist wichtig. Das ist das Leben, mein Freund. Darum geht es. Prost“ Er setzte sich wieder und nahm das Glas, stürzte einen Schluck hinunter und knallte es dann auf den Tisch. „Der Herr möge ersticken am Blut seines Sohnes.“ Er vergrub kurz sein Gesicht unter den Händen. „Ah, niemand hätte sich vorstellen können, das in diesem lebenslustigen, bewegungsfreudigen Körper schon in weniger als 40 Jahren das Herz einfach aufhören würde zu schlagen. Die Zahlen auf dem Grabstein ergaben ein Leben von gerade 48 Jahren. 48 kurze Jahre. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Sie hat sich einfach aus dem Leben geschlichen. Sie wollte nicht mehr. Das Klavierstück, wie soll ich sagen, spiegelt ihr Leben wieder. Sie hatte sich immer nur ein bißchen weiter vorgewagt, immer nur ein bisschen. Aber das reicht nicht. Sie hat nie den Mut gefunden sich ganz zu lösen, sich ganz auf sich selbst zu verlassen. Immer wieder kehrte sie wie das Klavier in die Sicherheit des Orchesters zurück, das sie begleitete. Aber jedesmal, wenn sie doch ihrer eigenen Melodie folgte, entschwand sie ein kleines Stückchen. Bis eines Tages ein plötzlicher Riß zwischen ihr und dem Orchester entstanden war, bis sie eines Tages plötzlich erkannte, dass sie sich zu weit hinaus gewagt hatte. Sie erstickte an dieser kleinen Melodie in ihr, die sie unterdrückt hielt, die niemals zum klingen kam.“ Abel blickte für einen Moment zu Boden, als er wieder aufsah, hatte er sein Lächeln wieder gefunden.

ballerina

Dieser Mann mag eine Bank überfallen haben, aber niemals hat er einem Menschen die Zunge herausgeschnitten oder gar die Augen ausgestochen.

(Fortsetzung folgt)