zu Abel Teil 1 bis 3
“Eine kleine Melodie ist eine wunderbare Heilung. Mehr als alle Versprechen dieser Welt bieten können.”
Der Polizist richtete sich auf, drehte den Stuhl wieder richtig herum an den Tisch, setzte sich und fuhr mit ruhiger Stimme fort. “Verstehen sie mich nicht falsch. Ich will sie nicht in Schwierigkeiten bringen, aber sie müssen begreifen, dass ein Mann wie Tofor nicht ungefährlich ist. Das ist kein Hobbyrebell, so wie ihre Kollegen aus den einschlägigen Foren. Hier geht es nicht um die große neue Weltordnung, Big Brother, Geheimdokumente oder ähnliches.” Er grinste, aber nur kurz. Mir wurde klar, dass er alles, was er ab jetzt sagt sehr ernst meint.” Dieser Mann hat eine Waffe in die Hand genommen und hat eine Bank überfallen. Er hat einen Kunden mit einem Schlag auf den Kopf schwer verletzt….”
“Hat er auch geschossen?” wollte ich wissen.
“Nein, hat er nicht.” Er ließ eine kurze Pause, um zu sehen ob ich nachhaken würde. Ich tat es nicht. Er fuhr fort.
“Das sollte sie aber nicht beruhigen. Er wurde nach wenigen Tagen durch einen Tipp, vermutlich war es einer seiner Komplizen, gefasst.”
“Er ist also verraten worden.” Vielleicht erklärte das die Trauer in Abels Augen. Wie schnell man doch eine Theorie über einen anderen Menschen aufstellt; wahrscheinlich um so schneller, je rätselhafter er erscheint. Ungewissheit ist nur sehr schwer auszuhalten.
Abel wischte sich das struppige Haar aus dem Gesicht und grinste. “Das schlimmste an der Hölle wird sein, dass es dort keine Musik gibt.” Dann schüttelte er seinen Kopf wie ein Hund, dem man gerade einen Eimer Wasser über den Kopf gegossen hat. “Puuuhuu!”
“Hat man auch den Verräter gefasst.”
Der Polizist warf einen Blick in seinen Kaffeebecher. “Wollen sie vielleicht jetzt einen?” Ich nickte. Er stand auf ging hinüber zur Tür. Bevor er den Raum verließ, dreht er sich nochmals um. Er hat einen Hang zur Dramatik, dachte ich. Gefällt mir. Seine Lässigkeit ist glaubwürdig.
“Er hat sechs Jahre bekommen. Sechs einhalb um genau zu sein, was ohne Bedeutung ist, denn er wurde nach 5 Jahren entlassen. Zwei Tage nach seiner Entlassung, wieder einen Hinweis. Ein Dachboden, Stuttgart, Mietshaus. Eine Leiche. Die Kehle durchgeschnitten, keine Augen, keine Zunge.” Er machte wieder eine Pause. Diesmal um dem Bild der entstellten Leiche Zeit zu geben sich in meinem Kopf in allen Details zu entfalten. Er weiß, was er tut. Dann setzte er nach. “In der Hand eine Banknote aus jenem Überfall. Milch und Zucker?”
Natürlich wäre jetzt:”Danke, schwarz” die richtige Antwort, aber das stimmte eben leider nicht und ich hatte keine Lust nur wegen eines kleinen kurzen Klischees einen Becher Kaffee trinken zu müssen, der mir nicht schmeckt. “Beides reichlich, Danke” Er verließ den Raum. Die wieder eingetretene Stille um mich herum ließ meiner Erinnerung an gestern reichlich Platz. Ich konnte die Augen schließen und wieder Abels Stimme hören:
„Das erste mal habe ich diese Musik auf der Beerdigung meiner Mutter gehört. Sie klingt bis heute noch in meinen Ohren. Das Mozartklavierkonzert. Ein Walzer, der kein Walzer sein will. Nicht fröhlich, nicht, wie heißt das….. beschwingt. Leise, unsichere Klaviertöne. Mehr so etwas wie die Erinnerung an einen Walzer. Ein zartes scheues Klavier, das sich scheu an die warmen Geigen hält, sich nicht selbstbewusst zu einer eigenen Melodie erhebt. Willig übernimmt das Klavier das Thema der Geigen, aber nicht um es weiter zu führen, weiter hinauf zu führen, sich von den Streichern zu lösen. Es hält sich immer zurück. Wann immer es sich zu weit vor wagt, verläßt das Klavier der Mut, und es wendet sich reuig zurück um sich wieder in das Orchester zu schmiegen, das es mit offnen Armen wieder aufnimmt. Wie in einem seltsamen schweren Strom, der das ganze Stück ruhig und mächtig bestimmt. In jungen Jahren war meine Mutter eine angehende Balletttänzerin, weißt Du. Sie kam aus einer Theaterfamillie, die sie schon als Kind mit den verschiedensten Künsten bekannt gemacht hat. Ihre große Liebe war sehr bald die Musik. Sie war ein wilder Mensch, wild und süchtig nach Bewegung. Sie hätte nicht ein Instrument lernen können. Nein, niemals. Das ruhige sitzen auf einem Klavierhocker, die Tonleitern, die kleinen Fingerbewegungen.“ Er tippte mit den Fingern auf den Tisch. „Pling Pling Pling. Das hätte sie umgebracht. Aber tanzen, das war es. Tanzen das konnte sie. Schnell lernte sie ihren geschmeidigen Körper zu beherrschen und wechselte elegant von einer Stellung in die andere. Ein mal so und einmal so.“ Abel ließ sich von dem Barhocker gleiten und deutete verspielt verschiedene Balletposen an. Es sah zu komisch aus, wie er die Arme über den Kopf schwang, sich auf die Zehenspitzen stellte, oder eine Pirouette andeutet. „Immer hin und her. Verstehst Du. Jeder Atemzug, eine Bewegung, ein Fließen der Musik durch sie durch. Weißt du, was ich meine. Das ist wichtig. Das ist das Leben, mein Freund. Darum geht es. Prost“ Er setzte sich wieder und nahm das Glas, stürzte einen Schluck hinunter und knallte es dann auf den Tisch. „Der Herr möge ersticken am Blut seines Sohnes.“ Er vergrub kurz sein Gesicht unter den Händen. „Ah, niemand hätte sich vorstellen können, das in diesem lebenslustigen, bewegungsfreudigen Körper schon in weniger als 40 Jahren das Herz einfach aufhören würde zu schlagen. Die Zahlen auf dem Grabstein ergaben ein Leben von gerade 48 Jahren. 48 kurze Jahre. Das Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Sie hat sich einfach aus dem Leben geschlichen. Sie wollte nicht mehr. Das Klavierstück, wie soll ich sagen, spiegelt ihr Leben wieder. Sie hatte sich immer nur ein bißchen weiter vorgewagt, immer nur ein bisschen. Aber das reicht nicht. Sie hat nie den Mut gefunden sich ganz zu lösen, sich ganz auf sich selbst zu verlassen. Immer wieder kehrte sie wie das Klavier in die Sicherheit des Orchesters zurück, das sie begleitete. Aber jedesmal, wenn sie doch ihrer eigenen Melodie folgte, entschwand sie ein kleines Stückchen. Bis eines Tages ein plötzlicher Riß zwischen ihr und dem Orchester entstanden war, bis sie eines Tages plötzlich erkannte, dass sie sich zu weit hinaus gewagt hatte. Sie erstickte an dieser kleinen Melodie in ihr, die sie unterdrückt hielt, die niemals zum klingen kam.“ Abel blickte für einen Moment zu Boden, als er wieder aufsah, hatte er sein Lächeln wieder gefunden.

Dieser Mann mag eine Bank überfallen haben, aber niemals hat er einem Menschen die Zunge herausgeschnitten oder gar die Augen ausgestochen.
(Fortsetzung folgt)