Archive for August, 2009

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 4

Sonntag, August 30th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 3
zu Abel Kapitel 1

Sie konnten eigentlich überall in Deutschland zuschlagen. Die Auswahl an Veranstaltungen ist reichlich. Abel ging es sicher nicht darum eine bestimmte Partei zu erwischen. Es gab unter ihnen keine kleineren oder größeren Lügner. Abel wollte kein Programm in der Luft zerreissen, ein bestimmtes Opfer schaffen; Abel ging es, so hatte er es gesagt, darum den Schmutz herausbluten zu lassen. Die veröffentlichte Politik war für ihn der Verrat am Volk, der Zynismus der Macht gegenüber den Menschen auf der Straße, jedem einzelnen. Demos, das Volk, die Gemeinde gegen die Plutokraten. Abel hatte nicht vor gnädig zu sein und wie ernst er es damit meinte würde ich am eigenen Körper zu spüren bekommen.
Mia kam aus dem Bad. Sie trug mein altes Supertramp T-Shirt. Stand ihr gut. Rauchende Fabrikschlote und ein Mann auf einem Liegestuhl unter einem Sonnenschirm. “Crisis what Crisis” Ich war gerade 8 Jahre alt als das Album rauskam. Mir ist es dann wohl erst Jahre später über den Weg gelaufen.
I hear, only what I want to hear,
But, I have to believe in something,
Have to believe in just one thing.
I said father washington, you’re all mixed up,
Collecting sinners in an old tin cup.
Well, spare a listen for a restless fool,
There’s something missing when I need your rule.

“Bekomme ich jetzt wirklich einen Kaffee?”
“Is gleich fertig.”
Mia setzte sich neben mir auf die Couch. Ihr Gesicht sah nach wie vor zerschunden aus, lediglich das Rot der Tränen war verschwunden.
“Bist du ernsthaft verletzt, sollen wir in ein Krankenhaus fahren? Ich könnte…..”
“Nein, laß. Is nich so schlimm.”
Ich stand auf und ging hinüber zur Küchenzeile. Meine Wohnung war nicht besonders groß. Sie erfüllte ihren Zweck.
“Milch und Zucker?”
“Schwarz”
Ich überlegte, ob ich ihr von meinem morgendlichen Besuch erzählen sollte. Besser nicht. Zunächst wollte ich herausbekommen, was ihr passiert war. Auch die SMS werde ich zunächst für mich behalten. Ich schenkte uns beiden Kaffe ein und stellte die beiden Becher auf den kleinen Tisch vor der Couch. Mia strich sich die Haare aus dem Gesicht. “Ich mochte das Crime of the Century Album lieber.” Sie griff nach ihrer Tasse, “Vielleicht nur, weil ich es öfters gehört habe.”, nahm einen kleinen Schluck, “huch, puh, heiß” setzte den Becher wieder ab und lächelte. Ich antwortete nicht. Das war wohl kaum der rechte Zeitpunkt für Fachsimpelei über Supertramp Alben. Mia blickte ins Leere.
“Möchtest du vielleicht einen Eisbeutel, ich meine für deine Backe” Mia winkte ab. “Wenn du möchtest kannst du natürlich so lange hier bleiben wie du willst. Falls du nicht in deine Wohnung zurück kannst. Ich weiß ja nicht…….”
“Is schon gut Max, ich werde dir erzählen was notwendig ist.”
“Ich wollte nicht aufdringlich sein.” Mia musterte mich und es war klar, dass sie überlegte wie viel von ihrer Geschichte sie mir zu trauen wollte, oder wie viel sie ohne größere Gefahr erzählen konnte. Allerdings dürfte ihr klar sein, dass ich mich nicht mit irgendwelchen Ausreden zufrieden geben würde. Immerhin hatte sie mich gestern Abend versetzt und wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre mir dieser unschöne Besuch heute morgen wohl erspart geblieben. Wir hätten einfach eine Flasche Rotwein gemeinsam getrunken und gut. Doch ich würde ihr Zeit lassen. Ich nahm meinen Becher zwischen meine zwei Hände, so als ob ich sie wärmen wollte.
“Darf ich?”
“In Anbetracht der Umstände.” Mia grinste. Sie hatte in der Brusttasche ihrer Jacke noch eine Zigarette. “Du weißt, ich hab kein Feuer.” Sie kramte sichtlich nervös in den anderen Taschen ihrer Jacke herum. Schließlich fand sie ein Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an. Ich stand auf und holte ihr eine Untertasse als Aschenbecher. Sie zog genußvoll an der Zigarette. Sie schien sie tatsächlich etwas zu beruhigen.
“Wo soll ich anfangen?”
“Warum bist gestern Abend nicht gekommen?” Mia lehnte sich etwas zurück.
“Es wäre zu gefährlich gewesen. Ich war mir auch nicht sicher, ob es eine gute Idee ist dich einzuweihen. Jedenfalls bekam ich die Anweisung nicht zu erscheinen. Er wollte dich erst einmal alleine treffen.” Manchmal beneidete ich die Raucher um die Möglichkeit sich an etwas festhalten zu können. “Ich hatte ihm zwar schon viel von dir erzählt, aber er war sich nicht sicher.”
“Wer ist er?”
“Er ist sehr vorsichtig.”
Es sind immer alle Möglichkeiten gleichzeitig vorhanden. Jede einzelne kann sich das Vorrecht erstreiten einzutreten, Teil deiner Lebenszeit zu werden. Das gesamte kollektive Bewusstsein des Ganzen ist wertfrei. Es bevorzugt nicht diesen oder jenen Weg. Es steht weit über jedem Begriff von Schuld. Der Widerspruch ist eine Erfindung des Verstandes. Es ist ein einfaches Prinzip: Dir wird bewusst worauf du deine Aufmerksamkeit richtest. Du wählst. Jeder einzelne Gedanke ist wie ein Magnet. Er zieht ähnliche Gedanken an. Er formt ganze Ensembles ähnlicher Gedanken um sich, die sich nicht vom Verstand verdrängen lassen. Egal wie sehr sich dein Verstand gegen einen Gedanken wehrt. Eines Tages formuliert er sich und tritt dir in Form einer Entscheidung entgegen. Mia beugte sich zu mir vor. Sie stellte ihren Becher auf den Tisch. Ich konnte spüren wie sich der Raum um mich zusammen zog. Ich konnte spüren wie der Raum um mich herum einatmete. Sie nahm mir auch meinen Becher aus der Hand. Ich fügte mich in den Atem des Raumes und füllte meine Lungen mit Luft. Am Wendepunkt des Atems steht er still. Die Erde stoppt ihren Lauf. Die Zeit steht. So wie ein Ball, den man in die Höhe wirft am höchsten Punkt für einen Bruchteil dessen, was wir Zeit nennen bewegungslos verharrt. Alles ist in Ruhe und könnte auf ewig in dieser Ruhe verbleiben. Warum nicht? Dann wäre alles vorbei. Aber der Ball fällt. Im Anfang war das Wort. Der Raum atmet aus. Der Gedanke tritt ein. Mia ergreift meine Hand. “Ich weiß, was in Deinem Kopf vor sich geht. Wie oft haben wir darüber gesprochen Max.” Und “Siehe” spricht der Gedanke “ich nenne dich bei deinem Namen.” Ich fixiere ihre Augen und kann die Entschlossenheit sehen, die den Schmerz der letzten Nacht längst überwunden hat. “Du bist bereit. Lass uns noch heute Abend mit Abel treffen.”

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 3

Freitag, August 28th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 und 2
zu Abel Kapitel 1

“Hast Du schon einmal ein Auto angezündet? Ich meine, wirklich, ich wüßte garnicht wohin ich das Feuerzeug hinhalten sollte.” Sie lachte.
So habe ich Mia kennen gelernt.
“Allerdings war ich einmal bei einer solchen Aktion dabei. War erst vor zwei Wochen, bin irgendwie immer noch ganz schön beeindruckt davon.” Dunkellilabraunes struppiges Haar. “Der Grund warum ich dich das so direkt frage ist, das ich für diese Zigarette hier kein Feuer habe.” Mit zwei Fingern hielt sie schnippisch ihre Zigarette hoch. Die Hand steckte bis zum Oberarm in einem schwarzen Seidenhandschuh. Sah sexy aus.
“Ich rauche nicht.” Dazu ein kurzer schwarzer Rock, anstatt eines Gürtels ein blutroter Tüllschal. “Hatte als Kind mal eine ziemlich schlimme Bronchitis. Lungenrasseln. Rauchen bekommt mir nicht.” Schwarz-weiße Ringelstrümpfe und hohe schwarze Lederstiefel. Sie mußte  ganz schon frieren. Immerhin war es Ende Oktober. “Gut, dann rauch ich auch nicht.” Sie schnippte die Zigarette auf die Straße. “Schadet meinem Teint.”
“Das auch…”
“Nicht jetzt, aber in zwanzig Jahren.”
Wir standen so gegen 3 Uhr nachts an einer Haltestelle der Nachttram. Es war Dienstag. Die Straßen waren so gut wie leer. Ab und an brauste ein Taxi vorbei oder ein Polizeiwagen. Sie saß, oder besser kauerte, etwas zusammen gesunken auf der Bank. Offensichtlich hatte sie zu viel getrunken. Die Beine hatte sie in übertriebener X-Bein Form an den Knien gegeneinander gestellt. Den Oberkörper hielt sie leicht schwankend aufrecht. Ich stand etwa zwei Meter von ihr entfernt auf dem Bürgersteig und hielt nach der Straßenbahn Ausschau.
“In meinem Rucksack da.”, sie deutete auf den Boden, “ist eine kleine Proseccoflasche drin.” Sie rieb sich mit Zeigefinger und Daumen kurz die Augen. “Die hätte ich jetzt gern.” Dann warf sie mir einen Klein-Mädchen-Blick zu. “Bitte”
“Dann hol sie dir.”
“…würd ich gern, kann ich aber nicht, weil wenn ich den Rucksack hochheben mussss, dann kippe ich zur Seite und falle von der Bank, so, so, so ist das.”
Ich ging zu ihr hinüber. ”Verstehe.” Ich öffnete den kleinen Lederrucksack, fischte die Flasche heraus, drehte den Verschluss ab und gab sie ihr. “Danke.” Sie nahm einen kräftigen Schluck, wobei sie die Flasche zu ruckartig ansetze und so etwas von dem Prosecco verschüttete. “Hopsa! Entschuldigung. Ich heiße Mia.”
“Hi. Max.”
“Max?” Sie legte zwei Finger auf die Öffnung der Flasche und dreht sie kurz, als wäre es ein Parfüm. Tatsächlich tupfte sie anschließend etwas Prosecco hinter ihre Ohren. “Hübscher Name.”
“Naja……”
“Hübsch kurz.”
“Ja….” Ich mußte wirklich grinsen. Sie hatte einen ganz eigenen, zauberhaften Charme. Frech, neckisch, aber auch ein bißchen burschikos. Man könnte sich vorstellen, dass sie als Kind gerne auf Bäumen herumgeklettert ist, oder sogar nachts auf Dächer stieg, um den Mond zu betrachten. “Ja, das stimmt, kurz ist er.”
“Also….” Sie tat so als würde sie sich aufrecht hinsetzen. Das sah allerdings ziemlich ungelenk aus. “….Max, wie ist das nun?”
“Was?”
“Hast du schon einmal ein Auto angezündet?” Für einen kurzen Moment war ich versucht ihr ein unglaubliche Geschichte über meine verwegenen Taten als Autoanzünder aufzutischen. Nicht, um sie zu beeindrucken, zumindest nicht in allererster Linie, aber ich war schon etwas zu müde für eine Flunkerei. “Nein.”
“Is schon irgendwie spektaulär. So Bumm, irgendwie so plötzlich. Aber komische Typen sind das. Nur dieser eine…” Sie drehte die Augen hoch und verschloss sie dramatisch. “…..ach, der war so süß. Ich konnte einfach nicht widerstehen.” Melodramatisch schickte sie eine Kusshand in den Himmel. “Mon amour, Julian, groß, schlank, Franzose, algerische Abstammung….” Sie setzte einen kurzen, kräftigen Biss in die Luft hinter her und leckte sich danach schnell wie eine Katze die Lippen. “…lecker” Dann rief sie sich wiederum übertrieben gespielt zur Ordnung, richtete ihre Kleidung und hielt mir anschließend die Flasche hin. “Keine Sorge mein lieber, du bist auch ganz niedlich.” Bevor ich überhaupt darüber nachdenken konnte wie diese Begegnung nun weiterverlaufen könnte, und ich hoffte sie würde weitergehen, rissen mich quietschende Reifen dicht neben uns aus meinen Gedanken.
“Mia, verdammt, was soll denn das, immer muss ich dich suchen. Ach es ist doch……” Die Tür öffnete sich und eine ebenfalls burlesk gekleidete Frau stieg aus dem Wagen. Sie war furchtbar aufgeregt und wedelte mit den Armen durch die Luft. “Mia, Mia , Mia…..” Sie nahm ihre Hand. “Was is nur mit dir los Schätzchen.” Sie küsste sie flink auf die Wange. “Eines Tages wird dir noch was passieren.” Mia ließ sich willig mit ziehen. “Du kannst doch nicht einfach immer so verschwinden. Schon gar nicht heute. Wir müssen morgen früh um 10 am Flughafen sein.” Ihre Freundin führte sie um den Wagen herum.
“Schönen Urlaub” rief ich hinter her. Sie antwortete mit einem Lächeln und verschwand im Auto.
“Danke, dass sie auf sie aufgepasst haben.” Die Türen schlugen zu, der Motor brummte auf, ein schwarzer Seidenhandschuh winkte und weg waren sie.
Das war vor weniger als einem Jahr. So wie sie jetzt da saß, war sie kaum wieder zu erkennen. Die Augen verheult, zitternd, ein Häufchen Elend. Leise sprach ich sie an. “Mia?” Sie hob nur ganz langsam ihren Kopf. “Wer hat dir das angetan?” Sie biss nur die Zähne aufeinander. “Na komm, jetzt gehen wir erst mal hoch. Du nimmst eine Dusche, dann bekommst du eine schöne große Tasse Kaffe und dann sehen wir weiter.” Mia nahm meine Hand. Ich half ihr hoch und wortlos stiegen wir die drei Stockwerke bis zu meiner Wohnung hoch. Sobald wir drin waren verschwand sie ins Badezimmer. “Frische Handtücher findest du in dieser kleinen Seekiste.” Ich hatte Mia schon seit mindestens 3 Monaten weder gesehen noch gesprochen und hatte mich schon gewundert, was aus ihr wohl geworden sei. Nun, so wie ich sie kannte würde es mich nicht wundern, wenn sie einfach für ein paar Monate im Ausland gewesen wäre. Allerdings hätte ich mich über eine Karte sehr gefreut. Während sie duschte machte ich mich an den Kaffee. Wer könnte sie nur so übel zugerichtet haben? Sicher, sie trieb sich in allen möglichen Kreisen herum und da gab es bestimmt Typen, die nicht besonders zimperlich waren. Aber Mia ist nicht doof. Sie weiß, was sie tut und würde sich nicht mit den falschen Leuten anlegen. Während der Kaffe durchlief hockte ich mich auf die Couch. Mann, was bin ich geschafft. Ich konnte kaum glauben, was alles passiert ist seit dem ich mich gestern von Abel verabschiedet hatte. Ich war hundemüde. Am liebsten würde ich die Augen schließen, mich zur Seite fallen lassen und schlafen.
Mein Handy meldet eine SMS: “Geht es ihr gut. Ich hoffe. Wir treffen uns heute abend um 9 bei Rick” Absender unbekannt.
Eine SMS vom Chorknaben?

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 2

Donnerstag, August 27th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1
zu Abel Kapitel 1

Auf meinen Zehen, dicht unter dem Nagelansatz wachsen Haare. Ich bin ein verdammter Hobbit. Keine Ahnung wie lange ich unter der Dusche gestanden habe, Tatsache war, dass ich hier nicht für den Rest des Tages stehen konnte, selbst wenn ich wollte.
Abel studierte die Landkarte und zeichnete verschiedene Wahlkampfveranstaltungen der Parteien ein. Noch hatte er kein festes Ziel.
Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte in meinen alten Bademantel. Ich könnte mich auf die Couch setzen und in den Fernseher starren. Dort könnte ich den Rest dieses beschissenen Tages verbringen. Hier vor dieser beschissenen Kiste mit dem gesamten beschissenen Wahnsinn einer Welt, von der ich sowieso kaum mehr etwas verstand. Seit 30 Jahren “Willkommen im Plastik-Grinse-Wunderland”. Ich konnte schon Hännschen Rosenthal nicht leiden. Der erste Grund die Hauptquartiere der diversen Programmanbieter in guter alter Manier in Brand zu stecken ist deren Unverschämtheit die Werbeunterbrechungen lauter zu senden als den, neudeutsch, Content. Von Inhalt kann auch kein Mensch reden. Wenn mich auf der Straße jemand so unvermittelt anbrüllen würde, hätte ich wahrscheinlich große Lust ihm eins aufs Maul zu hauen. Überhaupt hatte ich große Lust irgend jemanden eins aufs Maul zu hauen. Scheißegal. Am meisten aber hatte ich Lust diesem arroganten Bullen die Nase zu brechen. Martin Ehrenbacher, was für ein bescheuerter Name. Martin Ehrenbacher ist ein ehrenwerter Mann.
Am liebsten würde ich schlafen, mindestens bis Morgen früh. Was hatte ich schon davon diesen Tag abzusitzen.
Vielleicht hatte ja Tadewi zurück geschrieben. Wie lange war der Typ jetzt im, wie er es nannte, Urlaub. Naja selbst Dealer machen Urlaub. Keine Mail von Tadewi, kein Gras. Auch egal. Ich öffne einen Browser und klicke ebenso lustlos durch die Lesezeichen, wie ich durch die Programme zappe:
Spiegel-Online: Frankfurt am Main - Die Konjunktur wird sich schneller erholen als erwartet, darüber herrscht in Expertenkreisen inzwischen Konsens. So rechnet die Deutsche Bank nach den jüngsten positiven Konjunkturmeldungen inzwischen mit einem Wachstum von 1,4 Prozent im kommenden Jahr, nachdem sie zuvor 0,4 Prozent prognostiziert hatte, berichtet die “Frankfurter Rundschau” … bla bla bla, Arschlöcher.
Im Supermarkt der Ideen gibt es pralle Früchte aus dem Gewächshaus. Das Pestizid gegen informativen Journalismus heisst Klicks Klicks Klicks.
Die Süddeutsche bemüht sich und schreibt von der großen W-Gefahr: Weltuntergang verschoben, doch der nächste Absturz kommt: Der derzeitige leichte Aufschwung trägt sich nicht selbst. Möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, ist eine erneute Rezession - im kommenden Jahr. .. aha. darunter das Angebot an weiteren Artikeln, als da wäre:
Prognosen nach oben korrigiert - Plötzlich wieder Aufschwung
Konjunktur - Die Rezession ist vorbei
Vereinigte Staaten - Und plötzlich fehlen neun Billionen Dollar
Ende der Rezession - “Abwärts im Fahrstuhl, aufwärts per Rolltreppe”
bla bla bla
Und die Bild fand RAF Terroristin Verena Becker und fragt: Haben Sie Buback erschossen.
Ich müßte grinsen, lasse es aber und ziehe es vor in der Nase zu bohren. Ich wechsele zu last.fm und lasse einen Dresden Dolls Titel laufen. Großartig. Die Laune bessert sich etwas. Pling. Eine Mail von Hardy. Ob ich ihn morgen im Holiday Inn vertreten könnte. Vier Stunden Bargeklimper zum Standardsatz. Ich habe keine Lust, zu wenig Geld. Ich willigte ein. Scheiß drauf, ich geh jetzt an die Isar spazieren. Ich klappte den Laptop zu, zog mir eine Jeans an und streifte mir ein T-Shirt über. Ich musste mich beruhigen, mich wieder mit der Normalität in Einklang bringen, damit nicht plötzlich alles stehen bleibt, oder auseinander fällt. Alles ist aus Bruchstücken zusammen gesetzt, alles, was ich mein Wissen nenne ist nicht mehr als die Fähigkeit das eine Bruchstück vom anderen ab zu grenzen. Auf der Treppe begegnete mir der alte Mann mit seiner alten Hündin. Beide schnaufen. Zum Glück ist alles nur von begrenzter Dauer. Nichts wie raus. Immer weiter, flussabwärts, immer weiter, bis ans Meer, immer weiter über das Meer, und dann irgendwo auf dem offenen Meer in das Meer, hinunter in eine alles vergessen machende Dunkelheit.
Wie kann es sein, dass alles worüber ich zu staunen noch in der Lage bin, in der Tatsache besteht, dass ich jeden morgen wieder aufwache. Ich wache jeden morgen wieder auf, obwohl dazu überhaupt keine Veranlassung besteht. Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit mag vielleicht einen Fortschritt in der eigenen Entwicklung bedeuten (So zumindest die landläufige, gut klingende, und daher meist unüberprüfte Meinung), aber sie rettet einen keineswegs davor jeden Tag aufs neue in der Umklammerung der eigenen Unzulänglichkeiten aufzuwachen und den größten Teil seines Tages damit zu verbringen sich und den Rest der Welt darüber hinweg zu täuschen. Das Leben ist über weite Strecken zunächst nichts weiter als eine Aneinanderreihung von kalendarischen Ereignissen von denen man weiß, oder die man sich wünscht und die eintreten oder nicht, oder von anderen ersetzt werden, die im Nachhinein in die Logik der Reihe der Ereignisse eingepasst werden. Wir können nicht ein Teppichmesser nehmen und in die Realität hineinschneiden, um zu sehen, was wohl dahinter ist, wenn etwas dahinter ist, etwas, dass uns versöhnt mit dem andauernden Ertragen der eigenen Unzulänglichkeit, um zu sehen in welcher Farbe die Realität blutet. Und wenn wir dahinter doch nur stinkende Eingeweide finden, die uns verdauen, ausscheiden und wieder aufnehmen. Ganz bestimmt finden wir dahinter lediglich Eingeweide, die uns verdauen, ausscheiden und wieder aufnehmen und warum sollte uns das nicht mit dem Ertragen der eigenen Unzulänglichkeiten versöhnen. Wir sind die Nahrung der Welt. Klingt doch gut. “So you run and you run to catch up with the sun but it’s sinking. Racing around to come up behind you again. The sun is the same in a relative way but you’re older, Shorter of breath and one day closer to death. ¹”
Dennoch wäre es schön in irgend einer Form bedeutend zu sein, denn dann ist es sicher einfacher sich mit der Normalität in Einklang zu bringen, weil sich die Normalität und das eigene Empfinden von sich selbst dann gegenseitig bestätigen, weil deine Worte dann eine selbstverständliche Entsprechung in deiner Realität finden und dein Vokabular endlich unmissverständlich ist.
Zwischen mir und dem Meer lag die Stadt, also ging ich Flussaufwärts. Das Licht würde nun bald das Weiß des Sommers verlieren. Tag für Tag würde sich nun mehr und mehr ein gelber Unterton einschleichen, ein erdiges Gelb. Die Bäume standen noch in vollem Grün und die Menschen zelbrierten noch immer die strahlende Sonne, aber, und das war deutlich zu spüren, die Stadt atmete langsam den Sommer aus. Ich freute mich auf den Herbst, auf etwas Abkühlung. Mein Spaziergang führte mich weiter und weiter aus der Stadt hinaus, immer am Fluss entlang. Mich beruhigen? Mit der Normalität in Einklang bringen? Wie sollte das gehen, nach all dem, was passiert war? Es musste doch für all das eine Erklärung geben, eine verdammt noch mal schlüssige Erklärung. Warum hatte mich Abel überhaupt angesprochen? Ich war doch eine wildfremde Person. Irgendeiner unter all den Gästen. Sah ich so aus, als ob ich unbedingt seine Bekanntschaft machen wollte, oder sah ich einfach nur so aus, als ob mir langweilig wäre und etwas Unterhaltung gebrauchen konnte. Zunächst glaubte ich, dass es sich einfach um einen streunenden Trunkenbold handeln würde, der auf der Suche nach ein paar Drinks durch die Kneipen streift. Aber dem war nicht so. Er hatte Geld. Wie auch immer ich es drehte und wendete, ich fand keinen Ansatzpunkt. Sicher war nur, dass sich die Polizei für ihn interessierte. So sehr ich es mir auch wünschte, ich fand weder Ablenkung noch Ruhe. Also drehte ich wieder um und machte mich auf den Heimweg. Ich würde schon irgend eine Möglichkeit finden den Tag rum zu bringen, mich abzulenken, mich…… was auch immer,….ich könnte zum Beispiel…….
Es wurde nicht notwendig weitere Pläne zu fassen. Als ich um die Ecke bog, sah ich Mia. Sie hockte vor meiner Haustüre und sah fürchterlich aus.

¹Roger Waters

(Fortsetzung folgt)

Zitate - Duett

Donnerstag, August 27th, 2009

“Meine Politik fördert die Fleißigen, schützt die Schwachen und bestraft die Faulen. Es gibt kein Recht auf staatlich bezahlte Faulheit.” - Interview in FOCUS, 3. November 2003
Guido Westerwelle

Ein Politiker teilt die Menschheit in zwei Klassen ein: Werkzeuge und Feinde.
Friedrich Nietzsche

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 1

Mittwoch, August 26th, 2009

zu Abel Kapitel 1

Draussen regnete es Pflastersteine. Sie durchschlugen Fenster, Dächer, Sicherheiten und das Gewohnheitsrecht des Stärkeren. Straßen und Köpfe zerplatzten und keiner sprach ein Wort. Mia aber war beschützt. Das Dach über ihr war stark, musste stark sein, hoffte sie. Die Steine prallten ab, sprangen über die Ziegel rollten über die Schräge und plumpsten auf den Boden. Sie wollte ans Fenster gehen, um hinauszusehen, zu sehen, was dort draußen passierte, zu sehen, ob die Stadt dem Hagel widerstehen könnte. Aber sie konnte sich nicht rühren. Sie hatte Angst, die große lähmende Angst. Wie ein kleines Tier, dass sich vor dem Gebrüll seines Fressfeindes verkriecht, sich tot stellt, sich selbst das Wimmern verbietet, kauerte sie sich unter den Tisch. Das schwere schwarze Holz über ihr, gab ihr eine scheinbare Sicherheit. Alles würde wieder gut werden. Der Steinhagel würde bald aufhören. Die Menschen würden aus ihren Verstecken herauskommen, die Straßen aufräumen und neue Blumenbeete pflanzen. Die Sonne würde die Blumen wachsen lassen. Was brauchen sie denn schon? Nur Sonne, Wasser und eine großzügige Erde auf der sich sich entfalten dürfen. Die Kinder könnten auf der Straße Ball spielen, lachen, groß werden  und sich lieben. Mia legte diese Hoffnung wie einen Mantel über ihre Angst, verbarg sich unter diesem Mantel, der sie vor dem Lärm der herab prasselnden Steine schützte. Sie verlief sich in das Glück eigener Kindertage. Hinaus auf die Wiesen, den Sommerduft, die Puppe in der Hand, lachend und unangreifbar eingebettet in das eigene, selbstverständliche Mensch-Sein. Mit jedem Atemzug war sie damals, damals eben, ein Teil, der um sie herum wachsenden ausufernden Lebendigkeit und jedes Jauchzen und Lachen war ein fröhliches, dankbares, gottloses Gebet. Jetzt, hier unter diesem Tisch krallten sich ihre Finger ineinander. Ihre ängstliche Kleintierseele suchte nach einem Gott, der sie vielleicht beschützen konnte, nach einer Instanz, die mächtig genug war um gnädig zu sein, mächtig genug sie aus diesem gewaltigen Regen zu retten, das Dach über ihr zu stärken. Aber da war kein Gott. Mit einem kurzen, scharfen knarzen platze an der Wand gegenüber ein kleiner Riss auf. Das Donnern über ihr wurde stärker und es bestand kaum Hoffnung, dass das Dach standhalten könnte. Bald würden die ersten Einschläge durch die Ziegel und Balken hindurch brechen . Wie ein unheimliches, jagendes Tier frass sich der Riss durch die Wand, aus der roter Staub heraus blutete. Gebannt starrte Mia auf den Riss in ihrer Wand, der sich jetzt in zackigen Bewegungen zum Boden hin vorarbeitete. Mia hoffte er würde dort einfrieren, aber das tat er nicht. Stattdessen bog er auf den Boden ab und schlängelte sich unaufhaltsam auf sie zu. Irgendwo in ihr mußte doch noch ein Rest Mut zu finden sein. Mut, diese glückselig machende Kraft, diese Flügel, dieser Geschmack von Gott-Sein - aber es war nichts zu finden. Da war kein Mut mehr. Mut ist nicht nichts worum man bitten kann. Sie würde nicht unter dem Tisch hervor springen, durch das Zimmer stürzen zur Tür hinaus, die Treppe hinunter in den Keller, den letzen verbliebenen Schutzraum ohne Fenster, kalt, nass und einem Gefängnis ähnlicher als einer Hoffnung auf Rettung. Sie war gelähmt, eingesperrt in ihre Bewegungslosigkeit, ausgeliefert dem Steinhagel über ihr, der sie alsbald erschlagen wird. Wieso kam niemand, um ihr zu helfen, ihr beizustehen? Das Haus schien ganz leer zu sein, unbewohnt, von allen freundlichen Menschen verlassen. Niemand sprach ein Wort. Wenn es in ihrem Rest-Ich schon keinen Mut zu finden gab, so musste sich doch wenigstens irgendwo die Erinnerung an ein freundliches Gesicht ausgraben lassen. Ein Freund, ein Gefährte, ein Mitmensch. Plötzlich blitzte ein Gesicht auf, ein vertrautes Angesicht. Mia versuchte sich mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war auf dieses Gesicht zu konzentrieren, es irgend fest zu halten, vielleicht eine dazugehörige Stimme zu finden, oder einen Geruch, oder eine Berührung. Mit einem dumpfen Schlag durchschoss ein Pflasterstein den Tisch über ihr und knallte dicht neben ihr auf den Boden. Mia riß schützend ihre Hände über den Kopf und drückte ihn zwischen die angewinkelten Knie. Es wurde still. Nichts rührte sich mehr. War es vorbei? Mia presste weiter ihre Handflächen auf den Kopf. Er schmerzte. In ihrem Kopf donnerten dumpfe, kalte, schmerzhafte Schläge. Als sie die Augen schließen wollte spürte sie, dass sie bereits geschlossen waren und öffnete sie.
Das erste, was sie sah war ein blutiges Handtuch, das direkt unter ihrem Kopf lag. Angeekelt schreckte sie hoch und blickte sich um.
Tatsächlich befand sie sich auf einer Art Dachboden. Auf einer Seite schien die Sonne durch ein staubmattes Fenster. Sie lag auf einer alten, rissigen Matratze und war notdürftig mit ihrer Jacke zugedeckt. In ihrem Mund machte sich ein fauliger, klebriger Geschmack breit. Mia hatte nicht den Funken einer Ahnung was passiert war. Bis auf die Jacke war sie vollständig bekleidet. Sie schloss also das für sie schlimmste aus. Niemand hatte Hand an sie gelegt, in sie gebohrt. Woher kam das Blut? Ängstlich untersuchte sie ihren Körper. Es ließ sich alles, wenn auch nur schwer, bewegen. Es waren keine Verletzungen sichtbar. Zuletzt tastete sie ihr Gesicht ab. Auf ihrer Stirn konnte sie deutlich körnigen Schorf spüren. Vorsichtig fuhr sie darüber. Es brannte. Die Wunde auf der Stirn würde die Kopfschmerzen erklären. Vielleicht war sie gestürzt, oder hatte sich einfach irgendwo gestoßen. Langsam strich von der Stirn über ihre Backen. Eine Seite war stark geschwollen. Der Unterkiefer reagierte auf Druck mit stechenden Schmerzen. Mia ließ ihre Zunge innen über die Zähne gleiten. Langsam von Zahn zu Zahn bis sie auf einmal in eine Lücke stieß. Sie hatte einen Zahn verloren. Daher das Blut auf dem Handtuch. Jetzt, wo sie die Lücke entdeckt hatte begann auch diese zu schmerzen. Mühsam rappelte sich Mia hoch. In ihrem Kopf flackerte unaufhörlich nur noch ein Wort: Wasser. Vom vorderen Teil des Dachbodens führte eine kleine Holztreppe hinunter. Mia stieg sie hinab und fand sich in einem modrigen, verlassenen Einfamillienhaus wieder. Die Tapeten hingen von den Wänden, der Boden war aufgequollen und allerhand Getier hatte sich eingenistet. Als sie an die Haustür kam war diese verschlossen und so gelangte sie durch das Fenster der wohl ehemaligen Küche nach außen. Die Sonne stach mit grellem weißen Licht in ihre Augen. Sie hatte keine Sonnenbrille. Sie hatte kein Geld. Sie machte sich auf den Weg
-
Apathisch stand ich unter der Dusche und ließ das warme Wasser über meinen Körper laufen. Die Zeit war stehen geblieben. Ich starrte mit leerem Blick auf meine Füße.
-
Abel saß vor seinen Notizen. Mit höchst konzentrierter Anspannung ging er sie immer wieder durch. Er war sich sicher. Es gab nichts mehr, was dagegen sprach. Er hatte eine Idee. Er hatte die Durchführung dieser Idee bereits in seiner persönlichen Zukunft platziert. Er hatte einen Entschluss gefasst. Jetzt brauchte er einen Plan.

(Fortsetzung folgt)

Abel - 14

Montag, August 24th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 13

Der Polizist nahm einen kräftigen Zug an seiner Zigarette und ließ sie anschließend in den Kaffeebecher fallen. “Sind sie auch ein Abszess?” Dann griff er nach dem Kaffeeaschenbecher und verließ ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen den Raum. Ich bekam Hunger. Wie spät mochte es wohl sein? Langsam hatte ich die Faxen wirklich dick. Ich wollte hier raus, nur hier raus, schnell. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein? Das lasse ich mir nicht so einfach gefallen. Das wir ein Nachspiel haben. Scheiße, was kotzt mich das alles an. Sind sie auch ein Abszess? Ja, ich bin auch ein Abszess, ein juckender, schwarzer Fleck an deinem Arsch. 
Müde lasse ich mich gegen die Rückenlehne des Stuhles fallen. Ich bin aber nur ein kleiner unangenehmer Abszess, nur eine lästige Folge der Immunschwäche, eine kleine eitrige Entzündung. Der böse Nazi-Bomben-Mann war ein fortgeschritteneres Stadium, er hatte bereits das Potential einer ernsthaften Blutvergiftung und dieses Potential läßt sich nicht in der Kategorie: isolierter, psychisch kranker Einzeltäter, mit rechtsextremen Hintergrund, neutralisieren. Was für ein lächerlicher geistiger Frieden. Ich schloss wieder die Augen. Ich wollte wieder zurück in die Bank und zusehen wie Abel nun doch den Abzug durchdrückt, wie er schießt. Es gelingt mir nicht. Was gibt es denn noch zu besprechen? Was gibt es denn noch zu erläutern? Unter den Fingernägeln noch ein Rest Verständnis.
Ich konnte Abel hören: “Und das Geschwür will immer weiter wachsen, immer weiter, bis es den ganzen Menschen durchdrungen hat. Und dann wuchert es aus dem Menschen heraus mit unsichtbaren Armen und greift nach neuen Opfern, dringt in sie ein und zerstört ihren Geist. Deswegen muß das Geschwür herausgeschnitten werden. Wenn man in den Menschen hineinschneidet, dann blutet er. So ist das.”
Der Abszess ist das Symptom, das Geschwür die Ursache. Geschwächte Abwehr. In dünnen Haarfasern schlägt das Geschwür Wurzeln und durchzieht den Körper.
Mit einem Schlag sprang die Tür auf. Der Polizist kam wieder herein, in der Hand ein weiteres Foto. Noch eine Anschlagspostkarte? Ohne ein Wort zu sagen setzte er sich auf seinen Stuhl und legte das Foto vor mir auf den Tisch. Ohne einen Blick auf das Foto zu werfen frage ich ihn.
“Wie ist eigentlich ihr Name?”
“Kennen sie die Frau auf dem Foto?”
“Ich würde es für einen gebotenen Akt der Höflichkeit halten, wenn sie mir ihren Namen verraten.”
Der Drang auf das Foto zu blicken war kaum zu bändigen, aber ich würde es schaffen. Ich schaue nicht auf das Foto, bis er mir seinen Namen gesagt hat. Der Polizist stellte mich auf die Probe. Er war ein verschlagener Hund. Unbeirrt ließ er meine Frage an sich abperlen. “Diese Frau,” er zeigte auf das Foto, “diese hier, auf dem Bild steht unserer Vermutung nach in engen Kontakt zu Tofor. Können sie uns etwas über sie sagen?” Ohne hinzusehen tastete ich nach dem Foto, nahm es zwischen zwei Finger, drehte es um und knallte es wieder auf die Tischplatte. Der Polizist zuckte kurz mit den Augenbrauen, fasste sich aber wieder sofort. “Ich habe keine Lust mehr mit ihnen weiter zu diskutieren. Mein Bedarf an ihrem rhetorischen Blödsinn ist mehr als gedeckt. Keine Spielchen, keine Diskussionen.” Er stand auf, ging in Richtung Tür und lehnte sich lässig gegen die Wand. “Klare Fragen, einfache Antworten.” Also gut, er hatte den Schalter wohl umgelegt. Für ihn war jede Überzeugungsarbeit erledigt. Also gut lassen wir es.
“Kann ich jetzt gehen?”
“Wenn sie meine Frage beantwortet haben.”
Ich nahm das Foto hoch, warf einen kurzen Blick drauf, der deutlich machte, das ich die Person auf dem Bild nicht angesehen hatte und antwortete mit einem knappen “Nein.” Der Polizist öffnete mit einer Hand die Türe. “Dann können sie ja jetzt gehen.” War es das wirklich gewesen? Mit gespielter Gelassenheit stand ich auf und ging schweigend an dem Polizisten vorbei in den Gang. “Ehrenbacher.”, hörte ich ihn mir hinterher rufen. “Martin Ehrenbacher. Merken sie sich diesen Namen. Sie werden von mir hören.” Zum Gruß hob ich im gehen meine rechte Hand und bog links in das Treppenhaus ein.
Die Sonne hatte sich höher in den Himmel geschraubt. Das Licht blendete mich. Die Erde hatte sich weiter gedreht. Die Geschäfte liefen weiter. Die Stadt lag in ihrem morgendlichen Brummen. Die Menschen verfolgten ihre Ziele. Mein Hunger war verflogen. Alles, wonach ich mich sehnte war eine warme Dusche. Ich stank fürchterlich. Zuerst werde ich eine warme Dusche nehmen und dann könnte es sein, dass es Zeit wird eine Entscheidung zu treffen.

(Fortsetzung folgt)

Wahl Landler

Montag, August 24th, 2009

Ja schau Juchhei
Konterfei
auf dem Wahlplakat
einer Sprüche aufsagt

Ja Holla Hi
Da schau hi
ein Grinsegesicht
Lügen verspricht

Und Holldrio
Mei liaber Mo
so ganz ohne Scham
glaubst du, kommst Du dran

Mia sag´n da was
nur so zum Spaß
wer uns belügt
zack eins über kriegt

Ja mia war´n still
aber mei G´fühl
sagt ein zwei drei vier
stehn wir vor der Tür

Lieb Konterfei
pass bloss auf fei
weil was du jetzt wagst
und was du jetzt sagst
ham wir uns geschworen
haun wir dir um die Ohren

Abel - Teil 13

Freitag, August 21st, 2009

zu Abel Teil 1 bis 12

“Ist das nicht irgendwie langweilig?” Ich lehnte mich zurück und kratzte mich genüßlich hinter dem Ohr.
“Was?” Der Polizist sucht meine Augen, ich weiche nicht aus.
“Naja, genau betrachtet ist es doch zu einfach immer auf der Seite der Guten zu stehen. Ich meine, für einen patenten Kerl wie sie ist es doch keine Herausforderung einfach immer nur gegen die bösen Terroristen zu sein.”
“Wie bitte?” Ich hatte ihn gepackt diesen Famillienväterbeschützer, der dachte er könne mich mit seinem affektierten unausgegorenen Halb-Michael-Keaton-Charme beeindrucken, könnte mir mit diesen zwei lächerlichen Bildern und seiner Kaffe-und-Zigaretten-Verhörsromantik eine Bürgerspflicht aufbürden. Du Exekutiv-Tölpel, hast du eigentlich noch immer nicht gemerkt, dass sie dich zur vorsätzlichen Volksberuhigung an die innere Front geschickt haben.

Vor meinem innerlichen Auge hob Abel wieder seine Waffe.
Der Polizist senkte seinen Blick für einen kurzen Moment, vielleicht um mich in dem scheinbar sicheren Gefühl zu wiegen, er würde sich auf diese Diskussion nicht einlassen.
“Sehen sie nicht das Blut auf der Straße?” Es wäre ein Fehler ihn zu unterschätzen. Er kannte das Repertoire seiner Mittel gut und so flüsterte er diese letzten Worte mit gesenketen Blick um ihnen eine unberechenbare Schärfe zu verleihen.
Ich antwortete in der gleichen Tonlage: “Das Blut beeindruckt mich nicht. Und wenn sie ganz ehrlich sind beeindruckt es sie auch nicht. Oder doch? Ja, vielleicht, weil sie eine individuelle Erinnerung an den Anschlag haben, sei´s drum, weil sie zufällig in der Nähe waren, weil sie, ebenfalls zufällig, diese arme Frau mit dem klaffenden Torso gesehen haben, weil sie ein paar Blutspritzer abbekommen haben und weil sie die Schreie gehört haben.” Ich verzierte meine nächste Sätze mit einem freundlichen Lächeln. “Ja ja, natürlich ist es dann schrecklich, natürlich ist es dann entsetzlich, verstörend und dabei sicher auch eine gute Geschichte, die sich spannend den Kollegen hier im Haus auftischen lässt.”
Er konnte meiner Provokation widerstehen. Die Provokation war auch nur ein bedeutungsloses Ritual, etwas, das zu dem Spiel gehörte. Mir ging es nicht um die Provokation. Mir ging es um die Anmaßung sich über den Schmerz anderer, über die Präsentation der Opfer, selbst in ein gutes Licht zu rücken. Ich hatte sie so satt, diese schmierige Betroffenheit, diese ekelhaften Streicheleinheiten über die aufgerissenen Körper, deren einziges Ziel darin bestand die vorhandenen Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung auszubauen und zu verfestigen.
“Aber wenn sie das alles so schrecklich belastet,” fuhr ich fort, “dann gebe ich ihnen folgenden gut gemeinten Ratschlag. Wenn sich die Blutspritzer auf ihrem weißen Hemd nicht rauswaschen lassen werfen sie es weg und ziehen sie sich ein neues an.”
Eigentlich heißt es immer es wäre ein Zeichen von Unsicherheit, wenn jemand dem Blick eines anderen ausweicht, aber hier war genau das Gegenteil der Fall. Der Polizist mußte sein Spiel der vorgetäuschten Souveränität des gesenkten Blickes jetzt aufgeben. Wie um sich zu versichern, dass er mich richtig verstanden hatte, sah er mich wieder direkt an.
“Der Mann hat 13 unschuldige Menschen ermordet.”

“Verstehe, deswegen ist er wohl einer von den bösen Jungs”
“über 200 zum Teil schwerverletzt.”
“Frauen und Kinder, wie man so sagt.”
“sinnlos….”
“und wie man hört war er auch noch ein Nazi
“es gab einen Hintergrund in dieser Richtung.”
“Wunderbar, dann ist er also einer von den ganz bösen Jungs. Pfui.”
Spätestens jetzt sollte ihm klar sein, dass ich von seiner Bürgerspflicht kaum etwas halte. Um sicher zu gehen legte ich nach.
“Gab es den wenigstens ein Opfer jüdischer Herkunft?”
Ich ließ meinen Körper nach vorne gleiten und faltete meine Hände auf dem Tisch. Der Polizist bemühte sich meine Spitzen zu parieren.
“Ein Opfer ist ein Opfer und immer eines zu viel, gleichgültig aus welcher Richtung der Anschlag kommt. Links oder Rechts oder…….”
“Vielleicht sollten sie aufhören in so kleinlichen Kategorien wie links oder rechts zu denken?”
“Egal wer das Opfer ist,” hielt er an seinem Argument fest, “der Täter ist in jedem Fall kriminell.”
“Verdammt in alle Ewigkeit.” Ich hob meine gefalteten Hände ein Stück an.
“Böse!”
Jetzt fährt er ganz schweres Geschütz auf. Gab es diesem Wort etwas entgegen zu setzen? Der Polizist verließ sich auf diesen Begriff: Böse. Dagegen gab es nichts zu sagen. Bis auf: “Vielleicht sollten sie aufhören in so kleinlichen Kategorien wie Gut und Böse zu denken?”
Ich konnte geradezu körperlich spüren, wie der Zorn in ihm hochstieg. “Sie sind zornig? Das ist gut so. Lassen sie es laufen.” Der Polizist hatte sich im Griff.  ”Mit Kategorien kommen sie nicht weiter.”, führte ich ruhig meinen Gedanken fort, ”Kategorien produzieren leidlich Gesetzesbücher, Aktenschränke, Institutionen, hässliche Menschen. Der böse Nazimann mit der Kinder-und-Frauen-Mörder-Splitterbombe ist lediglich eine zerstörerische Fresszelle, die ihren Kontakt zum Körper aufgegeben hat. Die ersten Anzeichen, ein erstes Symptom einer organischen Erkrankung ihres Wohlstandes, ihres Anstandes, ihrer Kultur der infantilen Selbstgenügsamkeit. Sie bekämpfen diese Zelle nicht, indem sie aus ihr eine böse Zelle machen. Die Erkrankung kümmert sich nicht um ihre dekadente Moral. In der Erkrankung manifestiert sich der Ekel des Organismuses vor sich selbst. Der böse Nazimann mit der Kinder-und-Frauen-Mörder-Splitterbombe ist ein schmerzhafter Abszess, der inwischen bis auf ein paar letztlich belanglose Narben abgeheilt ist. Aber unter der Haut, verstehen sie, haben sich seine zornigen Nachkommen angesammelt, unter der Haut pulsiert - noch unfühlbar - der alsbald ausbrechende Schmerz in den zu immer weiterer Teilung entschlossenen Chromosomensträngen, unter der Haut, bereit das Feuer zu legen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Teil 12

Mittwoch, August 19th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 11

Kein Blut auf dem blanken Boden der Bank. Kein Schrei. Abel hatte nicht geschossen. Abel hatte sich beherrscht. Die Situation hat es nicht verlangt. Alles blieb ruhig. Ein harmloser Überfall ohne Verletzungen und Schmerzen. Wieso sollte jemand für eine Bank sein Leben riskieren.

Für einen Augenblick bin ich enttäuscht. Abels Waffe hat sich wieder gesenkt. In Gedanken versuche ich meine Waffe wieder in meine Hände zu bekommen. Es gelingt mir nicht.
“Tamas Abel Tofor ist vermutlich Teil einer radikalen Gruppe, die noch im laufenden Wahlkampf einen Anschlag durchführen möchte. Zumindest glauben wir das. Wir wissen nicht viel konkretes. Wir wissen nicht wann, nicht wo und nicht in welcher Größe. Aber es handelt sich um weit mehr als um ein paar angezündete Autos, soviel ist klar.”
Ich beobachtete wie der Rauch in der Lunge des Polizisten verschwand. Soll er doch daran ersticken. Er hustete nicht einmal. Im Alter von 8 bis 11 Jahren litt ich an einer chronischen Bronchitis in unterschiedlich starker Ausprägung. Verantwortlich war dafür wohl eine Abwehrschwäche meines Körpers. Das Herumtoben mit den anderen Kindern fiel mir aufgrund meiner Kurzatmigkeit schwer, also stellte ich es bald ein und blätterte in Büchern. Jules Verne zählte zu meinen Lieblingsautoren. Seine phantastischen Erzählungen befreiten mich von den ständigen Ansprüchen meiner Umwelt. Ich solle doch dieses tun, oder jenes tun, oder welches tun, oder dieses oder jenes nicht oder anders oder öfters oder weniger oder nicht so schnell oder nicht so langsam tun. Ich erwiderte diese Ansprüche mit Hustenanfällen, Schleimerbrechen, Renitenz oder tagelanger Apathie. Sie bezeichneten es als Apathie. Ich flog mit Jules Verne zum Mond oder tauchte durch das Meer.
“Haben sie schon einmal Fotos von einem Bombenanschlag gesehen.”
Mit 14 Jahren hatte ich dem Gruppenzwang nicht ausreichend Willensstärke entgegen zu setzen und begann auch mit dem Rauchen. Darauf folgte ein schwerer Rückfall, der mich in eine Kur auf der Insel Föhr zwang.
“Hören Sie mir überhaupt zu?”
Sechs Wochen. Ich hielt mich an meinem Kaffeebecher fest.
“Haben sie eine Ahnung, wie es sich anhört, wenn ein Mensch schreit, dem eine Bombe den Arm abgerissen hat?”
Der Buchumschlag zeigte eine alte Zeichnung, eine Art überdimensionales Projektil. Es flog durch die Nacht, weg von der Erde.
“Es dauert bis man merkt, das einem der Arm vom Körper abgerissen wurde. Ein Schock verhindert, dass der Schmerz bis in das Bewusstsein vordringt.”
Ich erinnerte mich an ein paar Zeilen, die ich erst viel später verstand:

-
»Meine Freunde«, sagte er, »es ist zehn Uhr zwanzig Minuten. In siebenundzwanzig Minuten wird Murchison mit dem elektrischen Funken den Draht berühren, welcher mit der Ladung der Columbiade in Verbindung ist. In dem Moment werden wir dann unseren Erdball verlassen. Siebenundzwanzig Minuten also haben wir noch auf der Erde zu bleiben.«
Sechsundzwanzig Minuten und dreißig Secunden, erwiderte der exacte Nicholl.
Ei nun! rief Michel Ardan im besten Humor, in sechsundzwanzig Minuten läßt sich noch viel fertig bringen! Man kann da noch die wichtigsten politischen und sittlichen Fragen besprechen, und selbst lösen! Sechsundzwanzig wohl verwendete Minuten sind mehr werth, als sechsundzwanzig unthätig verlebte Jahre. Etliche Secunden eines Pascal oder Newton sind kostbarer, als das ganze Leben einer rohen Masse von Dummköpfen ….
-

“Ich habe gesehen wie eine Frau über Minuten nicht merkte, was ihr widerfahren war. Sie starrte mit leeren Augen vor sich hin. Aus ihrer linken Schulter floss unaufhörlich das Blut und tropfte auf die Straße. Sie starrte mit ihren leeren Augen auf den Boden vor sich, direkt vor sich, dort wo ihr Arm lag. Aber sie schien es nicht zu merken. Verstehen sie, es war als starrte sie auf irgendeinen beliebigen Gegenstand, der zufällig vor ihr auf dem Boden lag. Es könnte irgend etwas gewesen sein. Ein alter Schuh, eine Zeitung, ein Milchshakebecher, Müll. Aber es war kein Müll. Es war ihr Arm. Ihr eigener Arm, ihre Hand, ihre Finger, ihre Ringe.”

Dummköpfe, Dummköpfe, Dummköpfe. Meine Mitschüler, Dummköpfe, die Lehrer, Dummköpfe, die Spielplätze, die Straßen, die Stadt voller Dummköpfe. Mein Gesicht spiegelt sich in dem schwarzen See hinter der Stadt. Wenn ich nicht in diesem riesigen Projektil auf den Mond fliegen könnte, dann bliebe mir immer noch der Grund des Meeres.
-
Wenn das letztere der Fall ist, wenn der Kapitän Nemo immer noch im Meere hauset, seinem Adoptiv-Vaterlande, so möge der Haß in diesem wilden Gemüth sich beschwichtigen lassen! Die Anschauung so vieler Wunder möge den Rachedurst in ihm austilgen! Möge der strafende Richter aufhören, der Gelehrte die friedliche Erforschung des Meeres fortsetzen. Das seltsame Geschick ist auch ein erhabenes. Zehn Monate habe ich das außernatürliche Leben geführt.
-
“Sie wollte einen Schritt nach vorne gehen, aber ihr fehlte die Kraft und sie stürzte. Instinktiv wollte sie ihren Fall mit den Armen auffangen, aber ein Arm fehlte und so fiel sie mit ihrem ganzen Gewicht auf die klaffende Wunde. Jetzt begann sie zu schreien. Jetzt brach es aus ihr heraus, so als ob sie die Qualen eines ganzen Lebens aus sich herausbrüllen wollte. Sie schrie und schrie und schrie und wollte nicht aufhören.”

Wie oft wollte ich auf den Grunde des Sees tauchen?
-
Vor sechstausend Jahren hieß es, wie geschrieben steht: »Wer hat je die Tiefen des Abgrundes zu erforschen vermocht?« Zwei Männer sind die einzigen in der Menschenwelt, welche jetzt die Antwort auf diese Frage geben können.
-
“26. September 1980, kurz vor der Bundestagswahl. München. Oktoberfest”
-
Der Kapitän Nemo – – und ich.
-
Ein knallender Schlag riss mich aus der Tiefe des Wassers wieder zurück in das Verhörzimmer. Der Polizist hatte zornig mit seiner flachen Hand auf den Tisch geschlagen.
“Hören sie mir verdammt nochmal zu. Das hier ist kein blöder Spaß! Ok? Hier geht es um Schmerzen, verstehen sie. Sie tragen eine Verantwortung. Ist ihnen das klar? Die Frage ob sie uns helfen wollen oder nicht, stellt sich nicht. Sie müssen uns helfen.”
Er riss eine Schublabe auf seiner Seite des Tisches auf…
“Ich sag ihnen auch Warum!”
…zog zwei Fotos heraus und knallte sie vor mir auf den Tisch.

Deshalb


Quelle:einestages.spiegel.de

und deshalb


Quelle:einestages.spiegel.de

(Fortsetzung folgt)

Fuck You

Dienstag, August 18th, 2009