Archive for August, 2009

Abel - Teil 11

Sonntag, August 9th, 2009

zu Abel Teil 1 bis 10

Auf diesen kleinen, dünnen, dürren Beinchen steht das System. Abels Gedanken hatten sich sicher bis heute nicht geändert. Es sind keine starken Beine, nur diese blassen Stelzen, durchzogen von einem bläulich schimmernden Netz  bedenkenlosem Überlebens. Die Haut schuppt sich, abgestorbenes Biomaterial splittert ab. Die Knochen sind brüchig, morsch und verwurmt. Auf tausenden dieser vorbehaltlosen Klappergestelle ruhen die Fettsäcke. Es sollte reichen, einige Dünnbeiner einknicken zu lassen, um das System zum Einbruch zu bringen. Nimm ihnen ihre Sicherheit. Gib ihnen ein echtes Gefühl der Gefährdung. Zwinge ihre Gedanken heraus aus ihren geschmeidigen Bunkern in das offene Feld. Wenigstens verweigere den Dienst. Doch darüber war Abel schon lange hinaus. Er hatte bereits sein Urteil gefällt und war zur Bestrafung bereit. “Dann wollen wir einmal ein Auge zudrücken”, dachte er bei sich und visierte über die Kimme der Pistole die Kniescheibe des Systemvertreters an. “Ich bin das schmerzhafte Symptom der Eingebildetenkrankheit.” Da stand er, das Vollzugsgespenst, reckte seine Ärmchen in die Höhe und hoffte, bangte um ein kleines bisschen Verhandlungsspielraum, das sein kleines bisschen Leben retten könnte, ein kleines bisschen verlängern könnte. Da stand sie geschrieben, in seine blassen Augen, die Angst. Ja, das ist die Währung in der von nun an weiter verhandelt werden konnte. In den trüben Augen mochte Abel ein Räuber sein, aber in Abels Augen war dieser Mann dort ein Bombenleger. In seiner Aktentasche ist eine Bombe. So wie in all den anderen Aktentaschen Bomben sind. Schuldverschreibungen an denen das Kapital auf Kosten der Bürger genießen soll. Verträge, die Land, Schätze, Leben und Seelen rauben. Der in scheinbar freiheitliches Recht gemeißelte Betrug einer vollends degenerierten, anstandslosen, komplett geistig verwahrlosten, feigen Minderheit an einem weitgehend tumb gewordenen Volk, vollzogen von hemmungslosen Arschkriechern und sabbernden Speichelleckern.
Ich wehrte mich erfolgreich gegen den infamen Versuch des Polizisten mich durch seine anklingende Seriosität zu überzeugen indem ich Abel in meinem Kopf mehr und mehr und immer weiter radikalisierte, seinen Zorn durch meinen tatenlosen Körper strömen ließ. Der Polizist lehnte sich zurück. “Sie nehmen sicher ebenfalls an, dass wir für unser Handeln einen Grund haben. Nur unterscheidet sich der tatsächliche Grund für unser Handeln sehr deutlich von dem, was sie uns unterstellen.”
Was sollte das jetzt werden? Ein intellektueller Anstrich? Die Augen zu.
Abel zielte auf den Bückling.
Ich zielte auf den Polizisten. Es herrscht Krieg. Ist es das, worauf alles hinausläuft, das Unvermeidbare, die logische Konsequenz, der Katechismus einer wilden, geistlosen Vernunft, das Prinzip Macht.
Abel drückt seinen Finger durch. Mit einer gleißend feuerweißen Explosion löst sich das Projektil aus der Waffe und macht sich auf die Reise in den ungeschützten Körper am Ende seiner Flugbahn. Abels Entscheidung setzte sich mit ungefähr 360 Stundenkilometern durch den Raum fort, 100 Meter pro Sekunde. In weniger als einer Zehntel Sekunde würde sich Abels Entscheidung in Form eines brennenden Schmerzes im Bewusstsein seines verhassten Gegenübers manifestieren. Rücksichstlos, nur den Regeln der Physik gehorchend wird sich das Projektil durch das Fleisch bohren und die Kniescheibe oder den Oberschenkelknochen zertrümmern. Der Schock, den der plötzlich eindringende Fremdkörper auslöst verursacht einen kurzen Stillstand der Wahrnehmung des eigenen Körpers, doch schon im nächsten Moment werden die Nerven die angerichtete Zerstörung in Form von Schmerz an das Gehirn melden, das eine Welle von Panik und Angst durch das Bewusstsein schickt, die sich in einem gellenden Schrei artikuliert. Dieser Schrei würde den Ablauf des gesamten Überfalls gefährden und das würde Milan auf keinen Fall zulassen. Er würde den Mann mit einem gezielten Schuss zum Schweigen bringen. Aus dem Überfall ist ein mörderischer Akt geworden. Der bedauernswerte Herr soundso ist das unschuldige Opfer von blindwütigen, schießwütigen Terroristen geworden. Die Sonderkommission wird personell aufgestockt und das Budget wird erhöht. Die Kriegserklärung ist unterzeichnet.
In Gedanken zielte ich noch immer auf den Polizisten, aber meine Hände begannen zu zittern. Ich kenne explodierende Köpfe nur aus Zombiefilmen. Und hier? Meine Vorstellungskraft reicht nicht aus. Mein Wille reicht nicht aus.
Milan schießt und augenblicklich ist es still.

Die Waffe in meinen Händen löst sich auf.
“Rauchen sie?” Ich schüttelte den Kopf. “Vernünftig.” Er lächelte kurz. Wenn der Tisch nicht zwischen uns stehen würde, könnten wir vielleicht eines Tages Kumpels werden. “Ja, das weist sie als einen vernünftigen Menschen aus, mit dem man reden kann.” Ich nahm einen Schluck Kaffe. Er wärmte, schmeckte aber nicht. Hoffentlich würde er die lauernde Müdigkeit vertreiben. Ich setzte den Becher wieder ab. “Reden wir.” Die Verhandlungen können aufgenommen werden. “Gut,” sagte er, ” ich werde versuchen offen mit ihnen zu sprechen…” Oho, ein Vertrauensbeweis. Achtung, wir sind keine Kumpels, auch wenn du versuchst so zu lächeln. “… in knapp 7 Wochen findet in diesem Land eine wichtige Wahl statt und das in einer Lage, die gespannter ist als es nach aussen hin den Anschein hat. Sie wissen das und ganz bestimmt weiß ich das. Ich bin seit über 20 Jahren Polizist und glauben sie mir, ich weiß wie viel da draussen gelogen wird. Denken sie vielleicht, ich bin ein Freund der Presse oder halte den Spiegel noch für eine Bastion des freien Journalismus. Scheiß drauf. Ich werde mindestens genauso verarscht wie sie.” Er fischte sich eine Zigarette aus der Schachtel, die in seiner Brusttasche steckte. “Ich bin offensichtlich sogar unvernünftiger als sie” Er zündete die Zigarette an “Das einzige worum es mir hier geht ist, wenn ich mitbekomme, dass in meinem Verantwortungsbereich Pläne geschmiedet werden, bei deren Umsetzung zum Schluss Menschen um´s Leben kommen, dann ist es mir zunächst absolut gleichgültig warum diese Pläne geschmiedet werden. Alles, was mich interessiert ist, wer sie schmiedet, damit ich diesen Jemand einbuchten kann, bevor irgend jemand um´s Leben kommt. Soweit klar?” Er klingt überzeugend. Ich glaube ihm was er sagt, besser, ich glaube, er ist überzeugt von dem, was er sagt, aber ob das schon reicht, um Abel zu verraten.

(Fortsetzung folgt)

Eigenartige Polizeisirene

Freitag, August 7th, 2009

NACH DER WAHL DROHEN DRAMATISCHE SPARMASSNAHMEN:
GdP (Gewerkschaft der Polizei) befürchtet Kollaps der inneren Sicherheit
Einen Kollaps der inneren Sicherheit
befürchtet die GdP, wenn nach der
Bundestagswahl die Karten auf den Tisch
gelegt werden. „Durch die hohe Staats-
verschuldung, Steuermindereinnahmen
und die Finanzierung der sozialen Lasten
als Folge der steigenden Arbeitslosigkeit
droht ein Desaster der öffentlichen Haus-
halte. Bereits jetzt wird hinter der Hand
von dramatischen Einsparungen im öf-
fentlichen Dienst ab dem nächsten Jahr
geredet. Nach der Bundestagswahl lässt
die Politik die Hosen runter
“, so GdP-
Bundesvorsitzender Konrad Freiberg,
Bundesvorsitzender. Schon jetzt fahre die
Polizei auf den letzten Reserven. Zusätz-
liche Einsparungen zur Konsolidierung
der Haushalte würden mit verschärften
sozialen Spannungen zusammentreffen.
Das sei ein explosives Gemisch für die
innere Sicherheit in unserem Land.

Im Kommentar in dieser Zeitung (s. S.
4) schreibt Konrad Freiberg: „Wir, die Ar-
beitnehmer des öffentlichen Dienstes,
werden für die gewaltigen Folgekosten
der Finanzkrise aufkommen müssen. Und
die Leute, die sie verursacht haben, kom-
men davon. Man wirft ihnen noch Geld
hinterher. Es geht um soziale Gerechtig-
keit und um Verteilungsgerechtigkeit.
Danach müssen die Politiker vor der Wahl
gefragt werden.“

Die ganze Zeitung gibt es Hier

Abel - Teil 10

Montag, August 3rd, 2009

zu Abel Teil 1 bis 9

Abel drückt mit der rechten Hand die schwere Glastüre auf, mit der anderen zieht er die Skimaske über das Gesicht.
So habe ich es hundert mal gesehen. Schon als Kind. Tatort. Aktenzeichen XY ungelöst. Später “The Getaway”.
“Einmal mit Milch und Zucker.” Der Polizist stand mit einem etwas zu freundlichen Grinsen im Türrahmen. “Kein besonders guter Kaffe, aber immerhin, nicht wahr. Wie es so schön heißt: Ein Kaffee ist ein Kaffee ist ein Kaffe.” Er macht auch noch Witze.
Ich legte meinen Kopf etwas zur Seite. “Ok, ok das war zuviel.” Er stellte den Becher vor mir auf den Tisch. “Bitte” Der Kaffee dampfte und ich war sicher, er würde gut schmecken. “Hören sie, ich weiß wir sind etwas, naja sagen wir barsch vorgegangen. Reißen sie zu nachtschlafender Zeit aus dem Bett, schleppen sie hier her….”
Abel richtet mit der linken Hand die Skimaske am Hals, so dass sie nicht mehr verrutschen konnte. Dann greift er sich den Reißverschluss seiner Jacke und zieht ihn soweit auf, dass er die Waffe herausholen kann.
Ich habe gerade Abel in meiner Vorstellung zu einem Linkshänder gemacht. War er wirklich Linkshänder? Ich versuchte mich an die Bar zu erinnern. Mit welcher Hand hatte er eingeschenkt?
Klirrend zersprangen die Gläser in tausend Scherben. “Jaaaaa” Abel rülpste genüsslich. “Wirt!” brüllte er durch den Raum und riß seine rechte Hand hoch. “Wirt! Zwei neue Gläser. Eins für mich und eins für meinen neuen Freund hier.” Der Wodka schmiegte sich immer noch an meine Kehle. Er schmeckte herrlich. Abel griff, wieder mit der rechten Hand, über den Tisch, klatsche sie freundschaftlich in mein Genick und zog meinen Kopf an seine Stirn. “Weißt Du mein Freund, ich habe einmal einen klugen Satz gelesen: Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich weiss …” Er ließ mich los und drehte seinen Kopf wieder in den Raum “Wirt!” Grinsend blinzelte er mich an. “Der hat keine Zeit. Das dauert zu lang.” Dann griff er entschlossen mit der linken Hand nach der Wodkaflasche und setzte sie an den Mund.
Kann gut sein, dass er Linkshänder ist.
“Lassen sie mich etwas erklären. Wir tun das nicht ohne Grund.” Der Polizist legte wieder diesen sehr ernsten, aber doch verbindlichen Ton in seine Stimme. Es ist ihm daran gelegen seriös zu wirken. Natürlich. Die Macht ist seriös.
Abel zieht die Waffe aus der Tasche. Jetzt konnte sie jeder sehen. Jetzt war es ein Überfall. Noch bevor alle Anwesenden in der Bank die Situation erkannt haben, schoss Abel in die Luft. Kaum war sein Schuss verhallt setzte Adrian hinter ihm einen nach. Er konnte förmlich fühlen wie der Schreck durch die Menschen fuhr. Wenn sie sich von diesem ersten Schreck erholt haben mußte sofort die Angst folgen, dafür würde Milan sorgen.
Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. Für einen kurzen Moment fragte ich mich wie schwer sie wohl sein würde.
Milan stand bereits vorne am Schalter. Er krallte seine Hand blitzartig in die Haare des Schaltermenschen und knallte seinen Kopf mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung auf die Ablage vor ihm. Bewusstlos sackte der Mann nach hinten weg. Das würde reichen. Die Angst der Menschen ist so leicht zu ködern. Du musst nur einen kleinen blutenden Wurm an den Haken hängen und schon steigt sie aus der Tiefe auf. Gestaltlos, mächtig und schön nur für den, der sich ihrer bedient.
- In Gedanken greife ich in meine Innentasche und ziehe ebenfalls langsam eine Waffe hervor. Sie ist schwer. Ich ziehe sie hervor und halte sie dem Polizisten an die Stirn. “Danke für den Kaffe” -
Der Polizist schlürfte an seinem Becher.
Abel konnte es nicht leugnen er genoss diese Macht in solchen Augenblicken. Raus aus dem elenden Grau ermüdender Theorien, raus aus dem Sumpf klebriger Fragezeichen. Das hier, und er konnte es sich nicht verkneifen noch einmal in die Luft zu schießen. Das hier ist das Leben. Das Blut hämmert in seiner Schläfe. Würde er wirklich im entscheidenden Moment die Waffe niederlegen, würde er wirklich nicht auf einen Menschen schießen, niemals. Kam es nicht doch darauf an, wer dieser Mensch ist und schließlich müsste er ihn ja nicht gleich töten. Einfach ins Bein schießen. Das würde doch reichen. Zum Beispiel dieser Typ da drüben. Dieser unscheinbare, schmale Mann dort drüben. Dieser weiße zitternde Körper, der sich eine dunkelblaue Anzughaut übergezogen hat, der bleiche, schwanzlose Anzugfisch. Ende vierzig. Blass wie ein Gespenst. Kein Arsch, aber eine Aktentasche, eine wichtige schwarzlederne Aktentasche, die verkündet, verkünden soll: In mir sind wichtige Akten, Akten die nicht jeder sehen darf, Memos, Infos - bedeutungslos. Wegen diesem Menschen ins Gefängnis? Alles aufgeben. Seine Beinchen sind vielleicht dünn, dachte Abel, aber ich würde sie treffen, wenn es notwendig ist.

(Fortsetzung folgt)