Archive for September, 2009

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 11

Dienstag, September 29th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 10
zu Abel Kapitel 1

Ich musste an die Blutlachen auf den Bildern denken, die mir Ehrenbacher gezeigt hatte.

26. September
Ich habe seit ich den Brief erhielt meine Wohnung nicht verlassen, habe versucht mich vorzubereiten. Immer und immer wieder habe ich den Brief durchgelesen, habe ihn in mir wirken lassen, habe ihm in mir den nötigen Raum gegeben, um sich entfalten zu können, um sich auszubreiten.
Jahr um Jahr hatten sie  - ja und es gibt “sie” -  schleichend versteckt dem Volk den Krieg erklärt und es war nun endlich an der Zeit ihnen entsprechend zu antworten, klar zu machen, dass es auch für sie Grenzen gibt, die besser nicht übertreten werden. Gleichgültig wer nun an die Macht kommt, gleichgültig wer nun die Hebel der großen, der ein und immer der selben Maschine bedient, das Mahlwerk ausrichtet und betreibt.
Welcome my son
Welcome to the machine

Abel und seine Truppe hatten den perfekten Zeitpunkt gewählt. Ein Anschlag am Wahltag, direkt nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung, ein Anschlag, der sich nicht für diesen lächerlichen Wahlkampf instrumentalisieren läßt, ein Anschlag, der mit dem Wahltag eine neue Zeit einläutet, ein Donnerschlag, ein Glockenklang gegen die Ohnmacht, ein Zeichen, ein gottverdammtes Zeichen, gegen das ewig gleiche Siechtum. Nur wenn wir schweigen werden wir gerichtet.
Ich lasse mich durch das Netz treiben, tauche durch das kalte Licht des Bildschirms ein in den vielstimmigen Chor der Gleichgesinnten. Ja, es gibt so viele davon, überall sitzen sie in virtuellen Zimmern und Kammern und warten sehnlichst auf ein Zeichen des Aufbruchs, auf ein Signal, das sie von den Tastaturen weg holt, hinaus auf die Straße um ihren Zorn ein Gesicht zu geben und Mia an ihrer Spitze.
Ich schloss die Augen. Meine Lippen wanderten an ihrem Hals entlang, nur einen Millimeter über der Haut, ganz bei ihr und mit ihr in ihrem Duft und ihrem Atem.
Es ist Einsamkeit nötig, Abgeschiedenheit und Stille, um in sich gekehrt in sich eine Bestimmung zu finden.
Ich habe Hunger, lege eine Pizza in den Ofen, ich der Krieger der schläfrige und wandele zwischen den Bildschirmen. Quattro Stagioni, eine Flasche Rotwein und ich schließe die Augen

27. September
Eine SMS. “POST”. Im Briefkasten fand ich wieder ein unbeschriftetes Kuvert. Ich wagte es nicht es im Flur zu öffnen und hastete sofort die Treppe wieder hoch in die Wohnung. Noch auf dem Weg konnte ich fühlen, dass sich in dem Kuvert nicht nur ein Brief befand. Es war noch mehr drin, ein Gegenstand, ein flacher, harter Gegenstand. Ein Schlüssel, keine Zweifel das musste ein Schlüssel sein. Ich schmiß die Tür hinter mir zu und riß ungeduldig das Kuvert auf. Der Schlüssel fiel klimpernd auf den Boden. Rasch hob ich ihn auf. 3667. Die Nummer schimmerte undeutlich auf dem Kopf. Für einen Moment überfiel mich eine schreckliche Angst. Wozu hatten sie mich ausgesucht? Wieso hatten sie mich überhaupt ausgesucht? Ich hatte nicht darum gebeten. Ich hatte wegen diesem Abend mit Abel schon genug Ärger gehabt. Erst hatte mich die Polizei aus dem Bett gerissen und dann musste ich den ganzen Vormittag in diesem scheiß Verhörzimmer verbringen. Und Mia? Was ist mit Mia? Wer hatte sie so entsetzlich hergerichtet? Was war ihr passiert? Ich wußte nicht vor wem ich mehr Angst haben sollte; vor Ehrenbacher oder vor den Leuten, die Mia zusammengeschlagen haben. Ich legte den Schlüssel vor mich auf den kleinen Couchtisch und starrte ihn an, so als hoffte ich er könnte mir auf all die Fragen eine Antwort geben. Antworte! Als erstes den Atem unter Kontrolle bringen. Wenn ich den Atem kontrolliere, kontrolliere ich alles. Den Überblick behalten Max, den Überblick. Ich starrte weiter auf den Schlüssel. 3667.
Zahlen und Statistiken werden gesprengt. Keine Sieger, keine Verlierer.
Vor meinen Augen tanzen haarfeine gekrümmte schwarze Striche. An meiner Schläfe pocht gleichmäßig, hart, rücksichtslos ein Puls, ein Herzschlag, das Lebenssignal. Ich ziehe weiche Teile meiner Backe zwischen die Zähne und beiße darauf herum.
Sie erwarten ein Votum und werden eine Kriegserklärung bekommen.
Ich mußte an das kreolische Mädchen denken. Delilah. Sie hatte Moonriver gesummt, als ihr Kopf auf meiner Brust lag und ich ihr durch das Haar strich, so als ob wir ein Liebespaar wären, so als ob wir eine Zukunft hätten, irgendwo ein rauschendes Meer, weißen, blendenden Sonnenschein, Schweiß auf der Haut und natürlich Sand.
Schrill zerfetzt das Handy meinen lieblichen Strand. Der Schlüssel liegt wieder vor mir auf dem Tisch. Eine weitere SMS. “Los. Jetzt. Keine Zeit.” 12:30.
Vielleicht sollte ich den Schlüssel einfach ignorieren. Ich war niemanden etwas schuldig. Ich hatte keine Versprechen gegeben, kein Gelöbnis geleistet. Da war diese Entschlusskraft, die in Abels Augen aufblitzte. Für einen Moment hielt ich den Atem an, so als ließe sich damit auch die Zeit stoppen. Ich blickte gegen die Decke und überließ mich dem ansteigenden Druck in meiner Brust. Luft. Du kannst den Atem nicht ewig anhalten. Abels Hand donnerte vor mir auf den Tisch. Der Schlag riß mich aus meinem Sitz, und ohne weiter darüber nach zu denken griff ich mir den Schlüssel und verließ das Haus. Es war nicht Mut oder mein auferstandenes revolutionäres Ego, die mich den ganzen Weg bis zum Hauptbahnhof davon abhielten schleunigst wieder umzudrehen und einfach meine Finger von der ganzen Sache zu lassen. Trotz allem, glaube ich, war es zuallererst Neugier, einfache, reine Bubenneugier, der ich es gestattete sich über alles Zaudern und Fürchten hinweg zu setzen.
Auf der Straße und in der U-bahn traute ich mich kaum aufzusehen und um mich zu blicken. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl Abel, oder zumindest einer seiner Gefolgsleute beobachtet mich. Vielleicht der Mann dort drüben, ein unauffälliger untersetzter Bursche. Jeans, rotes Sweatshirt, ich kann den Aufdruck nicht lesen, eine Baseballmütze in der Hand. Er war unrasiert und wirkte insgesamt etwas ungepflegt. Wahrscheinlich hatten ihn die Vorbereitungen in den letzten Tagen wenig Schlaf gelassen.
Vielleicht war es aber auch einer von Ehrenbachers Leuten. Wer sagt mir, dass die Briefe und die SMS-Nachrichten aus dem Umkreis von Abel kamen? Es könnte genauso gut eine Falle des ehrgeizigen Herrn Ehrenbacher sein.
Nächster Halt Karlsplatz-Stachus.
Mein Verfolger steigt aus. Ich blickte wieder auf den Boden. Es hat keinen Sinn. Gleichgültig wer dich beobachtet, du wirst ihn nicht entdecken; obwohl, in den schmalen Gängen zwischen den Schließfächern wird es nicht so einfach sein jemanden unauffällig zu folgen. Ich könnte einen Umweg gehen und versuchen auf diese Weise heraus zu bekommen, ob ich unter Beobachtung stehe. So nahm ich von der U-Bahn aus nicht den direkten Weg zu den Schließfächern, sondern begab mich zuerst in Richtung Toilette. McClean. 50 Cent für einmal Pissen; was für eine Welt. Niemand folgte mir. Auch als ich aus dem Toilettenbereich wieder heraustrat, konnte ich niemanden entdecken, der mich erwartete. McClean hat mich wütend gemacht. Jeder Scheiß wird zum Service. Entschlossen lenkte ich meine Schritte zu den Schließfächern. Die Dreitausender-Reihe? Hier. Zahl um Zahl. Gut Sortiert. Hier ist es. Ohne mich nochmals umzublicken steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Türe auf.  Dahinter, im Dunkel, lag ein großes verschnürtes Paket und daneben eine Karte. “Holiday Inn, Heizungskeller, Delilah hat den Schlüssel und wird Dich hin führen.” Delilah! Wie weit hatten sie mich bereits umstellt? Sie war erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Ich hatte sie sozusagen mit dem Job von Harry geerbt.
“Sie ist nett, sie ist hübsch, sie ist heiß und sie mag fesche Pianisten.”
Und Harry kannte ich seit mindestens 5 Jahren. Was zum Teufel….. Jedenfalls konnte ich hier nicht ewig stehen bleiben und in das Schliessfach starren. Ich packte mir das Paket. Jetzt steckte ich also mitten drin. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich bin bereits zu weit hinaus geschwommen. Die Strömung war stark an diesem klaren Mittag, noch kein Zeichen von Sturm, alles ruhig, nur ein wenig Unaufmerksamkeit und schwupps war das Land ausser Reichweite. In dem Paket war Sprengstoff. Dessen war ich mir sicher. Sprengstoff, Kabel, grüne, rote, schwarze, ein Zünder, eine Zeitschaltung. Eine Bombe. Ich hielt eine verdammte Bombe in meinen Händen. Eine Bombe, und ich würde sie nicht mehr loswerden. Delilah stand sicher unter Beobachtung und wenn ich dort nicht ankam, wer weiß, was sie dann für mich vorgesehen hatten. Was würdest du mit mir machen, Abel? Ich konnte seine Hand an meinem Nacken fühlen, so wie er sie in jener Nacht um mich legte, bevor mich zu sich zog und dann …. “Weißt Du mein Freund, ich habe einmal einen klugen Satz gelesen: Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich weiss …”
Das Ding zur Polizei zu bringen stand vollkommen ausser Frage. Ehrenbacher würde keine großen Tricks brauchen, um mich schnellstens hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Maschine lief, und ich war mitten drin. Vorsichtig klemmte ich das Paket unter meinen Arm und ging wieder hinunter zur Bahn. Eigentlich war es für Sprengstoff zu leicht. Woher weiß ich wieviel Sprengstoff wiegt? Unsinn. Vielleicht wußte Delilah mehr?
Tatsächlich erwartete sie mich bereits am Eingang. Ohne weiter ein Wort zu sagen, gab sie mir ein Zeichen ihr zu folgen, drehte sie sich um und ging los. Wir durchquerten das Restaurant und gelangten in die Küche, in der mindestens 8 Köche mit allen möglichen Speisen hantierten. Fisch, Fleisch, Fett.  Am Ende der Küche führte eine Tür in einen grauen Gang. Nach ungefähr 6 Metern kamen wir zu einem Lastenaufzug. Delilah steckte einen Schlüssel in ein Bedienfeld und drückte auf einen gelben Knopf. Sie wich meinen Blicken konsequent aus. Selbst, wenn ich sie ansprach reagierte sie nicht. Der Aufzug kam und wir gingen beide hinein. Nachdem sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, ergriff ich erneut das Wort. Hier konnte uns niemand sehen. Hier könnten wir ungestört miteinander sprechen, wenigstens für vielleicht zwanzig Sekunden. “Delilah, was…..”
“Ein Man gab mir 500 Euro. Er sagte du würdest mit einem Paket kommen und ich soll dich in den Heizungskeller führen.”
“Was für ein Mann?”
“Ich darf dir nichts weiter sagen. Wenn das Paket nicht ankommt und nicht seinen Zweck erfüllt, dann würde ich es bitter bereuen.” Sie blickte wieder zu Boden.
“Du weißt worum es geht?”
“Warum tust du mir das an Max? Ich dachte du magst mich.”
Der Fahrstuhl ruckte.
“Natürlich mag ich dich…..”
Delilah drehte sich weg und öffnete die Tür. Was für ein schöner, schlanker, dunkler Nacken. “Hier lang” Sie führte mich durch einen weiteren Gang bis hin zu einer schwarzen Metalltür. Dann tippte sie eine Zahlenkombination in ein Nummernfeld, das neben der Tür hing. Mit einem kleinen Ruck ließ sich die Tür öffnen. In dem Raum waren verschiedene Kessel. Öl nahm ich an, oder vielleicht nur Wasser, das hier erhitzt wird. Des weiteren gab es verschiedenen Sicherungskästen und alle möglichen Kabel. Hilflos stand ich mit meinem schön verschnürten braunen Paket unter Leitungsrohren in grellem Neonlicht und wußte nicht was ich tun sollte. Egal wie viel oder wie wenig Sprengstoff in diesem Paket sein mochte, es würde zumindest einen Brand auslösen, wenn nicht schlimmer. Die Menschen hier im Hotel waren schließlich nicht der Feind und…..Das geht zu weit.
“Ich kann das nicht tun. Delilah, was auch immer die Leute dir androhen, droht auch mir, trotzdem können wir das hier nicht tun.”
Delilah knabberte an ihrem Daumen.
“Du sollst keine Angst haben, haben sie gesagt, weißt du. Das hier wäre nur ein kleiner Beitrag.”
“Ein kleiner Beitrag?” Ich hielt ihr das Paket entgegen. “Das hier ist also nur ein kleiner Beitrag? Ja! Wozu? Was meinst du?”
“Sie hätten alles unter Kontrolle……”
Ich begann das Paket aufzureißen und nachzusehen, was darin versteckt ist.
“Max! Bitte! Diese Leute sind gefährlich….”

Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?
Es wird keine schleichende Entrechtung mehr geben. Keine vorgeschobenen Gegner, sondern einen echten Feind. Max am 29.9 hast Du die Wahl. Halte dich bereit.

Ich war nicht bereit einen Krieg zu führen. Meinen Krieg konnte so nicht hier führen. Ja, ich wollte ebenfalls in ihr Fleisch schneiden, aber mit meinen Gedanken, verstehst du Abel, mit meinen Worten. Ich…. In meinem Hirn ratterten Rechtfertigungen, Reglementierung, Rache, riesige Wellen von Zorn und Wut durchzuckten meinen Körper wie Stromstöße. Vor Angst, Trauer und nicht zuletzt vor Feigheit stiegen mir die Tränen in die Augen und ich sank auf die Knie. Ungerichtet und hilflos rissen meine Finger an der Paketschnurr, die sich nicht im geringsten löste.
“Scheiße!”
Kaum hatte ich los gebrüllt, erlöschte plötzlich das Licht. Ich konnte gerade noch einen kurzen, erstickten Schrei von Delilah hören, dann spürte ich einen Schlag auf meinen Kopf und fiel vornüber zu Boden.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 10

Freitag, September 25th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 9
zu Abel Kapitel 1

24. September.

Im Briefkasten ein Kuvert ohne Anschrift, kein Absender.

Max !

noch vier Tage.
Wir werden es ihnen nicht durchgehen lassen.
Wir werden ihnen einen Strich durch die Rechnung machen.
In dem Augenblick, in dem sie die Ergebnisse veröffentlichen und sie sich schon alle den Speichel ablecken, wenn sie die Posten verteilen, sich die Hände schütteln, sich die Belohnungen zustecken, sich über ihr Volk lustig machen, wenn sie die nächsten Lügen vorbereiten, schachern und gieren, wenn sie glauben sie hätten es wieder einmal geschafft, wenn sie glauben alles könnte so weiter gehen, wenn sie ihr Pläne aus den Schubladen hervorholen, Max, dann werden wir ihnen zeigen, dass das Volk seine Stimme nicht in die Urne geschmissen hat.
Siehst du sie nicht auch schon vor dir, diese blassen, schmierigen, verlogenen Gestalten, wie sie zum Hohn der Menschen unverhohlen immer weiter ihre Lügen verbreiten. Willst Du ihnen das gestatten, diesem Abschaum. Willst du weiter hören wie FDJ Merkel von Chancen faselt. Sozial ist, was Arbeit schafft! Oh ja, in diesen Minuten werden die ersten Worte über schwierige Zeiten fallen, über die gemeinsamen Anstrengung, die es zu erbringen gilt etc. etc. etc.? Willst du Grinse-Westerwelle weiter sein erbärmliches Lied über den Wert der Arbeit hören? Arbeit muss sich wieder lohnen. Wessen Arbeit macht frei. Willst Du Kriegskauz Steinmeier, seine Gebärde der hochgekrempelten Hemdsärmel weiter gelten lassen. Soll es Klein Gysi richten oder ist Oskars Rachefeldzug die Lösung. Willst du das schamlose Grüne Bürgertum erdulden, erdulden müssen. Nein, keiner von ihnen soll je wieder glauben er könne sich hinter seiner erschlichenen Macht verstecken. Sie sind Betrüger, Max, sie sind Lügner, Diebe und schrecken vor Mordbefehlen nicht zurück. Du weißt das. Du spürst das. Du weißt, was zu tun ist und du mußt nicht weiter davor zurückschrecken. Du bist nicht allein. Wir sind viele. Wir sind nicht ohnmächtig. Auch wir haben unsere Pläne. Das wird kein Sonntagsspaziergang. Vielleicht hätten sie in der Schule besser aufpassen sollen…..

Ich schließe die Augen

Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das
Wort »Blut« nicht wohl vertragen können. Einige allgemeine Betrachtungen mögen sie
überzeugen, dass wir nicht grausamer sind als die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt
ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in
Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein Auflodern des tellurischen
Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein
vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat?
Eine unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen
Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege
lägen.
Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die
physische? Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was
sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen
Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist
bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane
und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution
sterben?
Georg Büchner


Ein Flüstern an Deine Ohren……

Wer hatte das geschrieben? Abel? Sicher nicht, oder er hatte sich neulich blendend verstellt. Mia? Nein, das war nicht ihr Stil. Die Gruppe ist größer als ich dachte. Eine Organisation. Eine Truppe. Eine Truppe mit eigenem Sprach- und Überzeugungsbeauftragten und dieser machte seine Sache gut.

……ein Echo Deiner Stimme. Am 29.9 ist Wahltag und wir haben unsere Wahl getroffen. Am 29.9 wird nicht über Zahlen und Statistiken gesprochen, keine Diskussionsrunden, kein abgeklärtes, arrogantes Gesabber. Zahlen und Statistiken werden gesprengt. Keine Sieger, keine Verlierer. Sie erwarten ein Votum und werden eine Kriegserklärung bekommen. Schon um fünf nach sechs werden die Zahlen in den Hintergrund treten, im Rauch verschwinden, im Entsetzen, verstehst Du, Max, Fassungslosgkeit. Es werden keine Feinde im Hindukusch mehr benötigt. Es wird keine schleichende Entrechtung mehr geben. Keine vorgeschobenen Gegner, sondern einen echten Feind.
Max am 29.9 hast Du die Wahl. Halte dich bereit.

—–

Ich hielt den Brief in meinen Händen, zitterte vor Aufregung und  Angst.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 9

Mittwoch, September 23rd, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 8
zu Abel Kapitel 1

Außerhalb der lieblichen Vorstellung von Vielfältigkeit sowie dem vertrauensvollem Umgang mit Macht innerhalb unserer von Selbstgefälligkeit getriebenen Demokratie existiert vor allem graue Apathie.
Der Marienplatz füllte sich mit Menschen, unauffällige Männer betraten ein Podium, hielten wacker ihre Reden in die Höhe, schwenkten sie sozusagen wie eine Fahne über die Köpfe der Hörigen hinweg, bedankten sich für die Aufmerksamkeit, traten wieder ab und noch vor Ladenschluss war das Podium schon wieder abgebaut und die Menschen konnten sich wieder dem Ausverkauf widmen.
Ich denke wir müssen uns zunächst ein weitaus höheres Maß an Phantasie erlauben.
16. September
Die Stimme des Kanzlerkandidaten hallte unverständlich aus der Ferne über die Kaufingerstraße. Ich verstand kein Wort, nichts von all dem, was sich über die allgemeine Lust am Verbrauch ergoss; eine Lust, die sich, wie zur Bestätigung, dass es keinen Grund zur Verunsicherung gäbe, durch die Straßen wälzte und jede Gasse, jeden Winkel bis in die letzte Ritze ausfüllte. Es geht uns gut. Warum sollten wir zweifeln an unserem Glauben an die Kaufkraft, die den an den Menschen so erfolgreich ersetzt hat.
Der Aushilfsjob, den mir Harry im Holiday Inn vermittelt hat schien sich zu einer Art kleiner Dauereinrichtung zu entwickeln. Ungefähr zwei mal wöchentlich stieg ich in das Kostüm des charmanten Barpianisten und setzte mich in die U-Bahn Richtung Rosenheimerplatz. U-Bahnfahrten sind mir ein Grauen. Ich möchte nicht ungefragt berührt werden. Um sie zu überstehen senke ich meist meinen Blick, ziehe die Schultern etwas nach vorne, hoffe in dieser eingeigelten Position mein Ziel unbeschadet zu erreichen; und natürlich stecken Ohrhörer in meinem Kopf. Ich hatte mir im Internet einige Mozartklavierkonzerte besorgt, die ich mir nun in der Hoffnung anhörte vielleicht das Stück zu erkennen von dem Abel erzählt hatte. Seine Beruhigungsmusik, die er in sich aufsteigen lassen kann, wenn es die Situation verlangt, wenn es vonnöten ist sich mit einer bestimmten Situation zu versöhnen. Ich hoffte es nicht nur zu finden, vielmehr hoffte ich auch es für mich verwenden zu können. Der Sinn lag einzig und allein darin, wenigstens einen Gedanken von Abel in mein Leben einzufügen; jetzt, nachdem er wieder so plötzlich aus meinem Leben verschwunden war, wie er aufgetaucht ist. Wenigstens einen kleinen Ansatz, einen Haltegriff, um ihn für immer bei mir zu haben, ein Souvenir von jenem Abend und seinen Gerüchen von Wodka und Revolution. Wenn es mir nur gelingen würde anhand seiner Beschreibung dieses eine bestimmte Klavierkonzert zu finden, hoffte ich, würde es zwischen mir und Abel so lange ich lebte eine Verbindung geben, etwas worauf ich immer wieder zurückgreifen könnte, wenn Scham und Ängstlichkeit mir die Kehle zuschnüren, mir den Atem nehmen, mit mitleidlosen Krallen aus den Betonplatten hervorbrechen um mich der schleichenden Verwesung zu übergeben.
Richtung Flughafen bitte zurückbleiben.
Manchmal träume ich von einem Jagdmesser.
Zwei mal pro Woche verbrachte ich also meinen Abend in der Lobby, hinter den Linien, im Feindgebiet, in den geschützten Zonen der ewigen Bourgeoisie, dem Ghetto der zukünftigen Minderheit, das letztlich zum Randgebieten einer wütenden Schlacht wird. Die heuchlerischen Töne eines Barpianos werden kaum ausreichen, um das Grollen des aufgebrachten Mobs zu übertönen, irgendwann in ferner Zukunft. Einstweilen spiele ich Bridge over troubled water, trinke etwas Rotwein, schlecke ab und an den Körper eines Zimmermädchens ab (selten gutes Gras) und lausche nachts in das unheimliche Gemurmel, die undeutlichen Worte, die verworrene Sprache, die tanzenden Buchstaben, nachts in das Rauschen der heiligen Belanglosigkeit der Stadt und über diesem Rauschen klimpert, hüpft, springt mein Reigen entrechteter Jazzstandards und fügsamer Balladen. Ich würde so gerne wieder eine Musik hören, die endlich endlich wieder etwas mit mir anrichtet, mich aus meinem zornigen Ego evakuiert, die dem Wesen eine Stimme gibt. Es sind insgesamt 30 Klavierkonzerte habe ich gelesen. Zwischen zwei nummerierten Tagen liege ich auf meinem Bett und starre an die Decke, schließe die Augen. Ich klettere auf einen der gläsernen Türme die sich in das Dunkel strecken, in denen sich der emsige Mensch aufrichtet, gebeugt über Zahlenkolonnen, Tabellen, Menschmaschineneffizenzberichte, und immer der Schweiß zwischen den Beinen. Ich klettere auf den gläsernen Turm wie ein flinkes Insekt und auf dem Dach rezitiere ich über all ihre Gebote und Verbote hinweg meine Psalmen. Das Wesen eines Psalms sind nicht die Worte, sondern die Stimme durch die er erklingt, der Klang, durch den er zum Mythos wird. Ich aber sitze als Insekten-Batman auf dem Turm über der Nachtstadt, keine weiten Schwingen, keine Muskeln und kein Atem, keine Stimme, kein Psalm. Statt dessen halte ich Nachtwache an meinem Bett, krabbel nach unnützen Stunden an den Tisch und skizziere ein verschämtes Gedicht in mein Notizbuch:

Der Tag

In der Morgendämmerung
Der heilsamen
In ihrem warmen sanften Licht
Wende ich mich
dem Rufen der Stimmen zu
Und folge ihnen
Dorthin
Wo der Hunger auf mich wartet
Der unstillbare
Dort bricht sich das Licht
Offenbart sich in Farben
Strömt, flutet
Erklingt
Das Echo der suchenden Fragen
Bis in den gleißenden Mittag
Die Hitze
Die mich wieder zurück
In den schützenden Schatten treibt
Den Abend
Die tröstende Nacht
Träume versteckt
bis in die Morgendämmerung
bis der Hunger
mich wieder weckt

Nach meinem nächsten bezahlten Spaziergang hinter den Linien, dort, wo sich Gleichgültigkeit und geistreiche Geilheit die Waage halten, werde ich mir von Eugene, dem rumänischen Küchengehilfen eine von den Wodkaflaschen schenken lassen, die er immer heimlich abzockt und mir mit diesem kreolischen Mädchen einen Ausflug in eine harmlose Phantasie leisten. Dunkel, unbedarft, leidenschaftlich. Immerhin. Achselhöhlen, Lenden, klare, saubere, verdiente Kopfschmerzen. Ja, und auf dem Rückweg in meine vier Wände hätte ich ausreichend Möglichkeiten meinem Harndrang über all den grinsenden Politikergesichtern nach zu geben und sie nach Herzenslust an zu pissen. Ich hab die freie Wahl.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 8

Mittwoch, September 16th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 7
zu Abel Kapitel 1

Vielleicht fehlt den Menschen lediglich das Gefühl von rohem Fleisch zwischen den Zähnen, rohes, selbst geschlagenes Fleisch, um die albernen, abgeklärten Vorstellungen eines synthetischen Lebens angemessen zu relativieren.
15. September.
Die Kurzatmigkeit meiner Kindheit kehrt zurück. Beengte Atemwege, schmaler Luftstrom, abgeschwächte Sauerstoffversorgung, in der Folge zuweilen Antriebslosigkeit und Kopfschmerzen. In der Zeitung lese ich von einem Mann der 13 Jahre im Keller eines Mietshauses hing, dessen Selbstmord 13 Jahre lang nicht entdeckt wurde. 13 Jahre hat man ihn überall auf der Welt gesucht, nur nicht in seinem Keller. 13 Jahre hat man ihm unterstellt er hätte sich rücksichtslos aus dem Staub gemacht, um irgendwo vielleicht ein neues Leben zu führen, raus aus seiner Enge, raus aus den Zahnrädern, Fließbändern und den quälenden Träumen von einem besseren Leben; hinaus in eine lebendige Welt, in der sich der eigene Wille in einem klaren weißen Licht in scharfen Gedanken formuliert und über die Erde erhebt. Mein Wille geschehe. Er hatte sich aufgemacht ein Novize dieses weißem, klaren Lichts zu werden, hatte die Tür hinter sich zugeschlagen und hat es doch nur bis in den Keller geschafft, bis in die Schlinge, die ihn erstickte.
Die Sprechstundenhilfe gab mir ein Schreibbrett, auf dem ein Formular festgeklemmt ist und ich legte den Mann und seine Geschichte auf den Stuhl neben mir. Es ist gar nicht so schlecht, ab und an ein Formular auszufüllen. Es zwingt einen sich kurz und knapp zu definieren. Eine Art minimalistischer Buchklappentext der eigen Geschichte, die vorgegebenen Eckpfosten, die das Feld zum möglichen Glück abstecken. Name, Vorname, Beruf, Familienstand, chronische Krankheiten und die Frage welche Medikamente man zu sich nimmt. Hamm, Max, Musiker, ledig, keine, keine. Liest sich doch nicht schlecht. Innerhalb dieser Eckpfosten läßt sich doch sicher ein klein wenig Glück einrichten, in jedem Fall besser als Kreigzacker, Hildegard, Rentnerin, verwitwet, Diabetes, Temqesic forte. Was würde wohl auf dem Formular des Mannes stehen, der in der Schlinge hing?
Ich blickte von dem Formular auf und starrte auf die Wand mir gegenüber. Dort hingen zwei Aquarelle, die mediterrane Landschaften abbildeten. Ich konzentrierte mich auf den Freiraum zwischen den beiden Bildern, die weiße Fläche zwischen den Bildern bietet den größten Raum. Überall dort wo nichts ist, besser, überall dort wo nicht etwas ist, kein Bild, keine Wand, keine Bestimmung über den Raum, überall dort entschwindet die Frage nach den Eckpfosten und hinterlässt nur das Geräusch des eigenen Atems. Der Abstand zwischen mir und der Wand, der Raum zwischen mir und der Wand, das Bewusstsein um diesen Abstand; dieser Abstand zwischen mir und der Welt ist mir unheimlich. Die Leere ist nicht die Abwesenheit von Gegenständen, Dingen und Menschen, sondern die Dinge, Gegenstände und Menschen sind die Abwesenheit von Raum. Dort wo es uns gelingt den unbegrenzten Raum mit Gegenständen und Dingen scheinbar zu vertreiben, sei es mit Aquarellen und ihren pastellfarbenen mediterranen Landschaften oder mit Formularen, dort können wir möglicher weise das Unheimliche mit einem Namen domestizieren, aber der Abstand ist unendlich und lässt sich nicht überbrücken. Dort, wo es mir gelingt diesen Abstand aufzufüllen, sei es mit kalendarischen Ereignissen und ihrer Bedeutung, meiner Bedeutung auf dem Spielfeld innerhalb der Eckpfosten, oder einer anmaßenden Deutung der Ereignisse, die sich um mein Spielfeld herum ansammeln, dort verliert der Abstand etwas von seiner Bedrohung, dann zieht er sich wieder für eine Weile zurück, wie ein schattiges Tier, das sich in seine Höhle verkriecht, mit blanken Zähnen und dunklen Augen. Wir alle sind immer auf der Jagd nach unserem persönlichen Stück rohem Fleisch.
Die Sprechstundenhilfe rief meinen Namen auf und ich ging in das Sprechzimmer. Von dort aus wurde ich auf einen kleinen Packur verschiedener Untersuchungen geschickt, die mein Lungenvolumen, die Sauerstoffsättigung meines Blutes sowie meine Reaktion auf eine Reihe unterschiedlicher Allergene in eine kleine Tabelle abbildeten, aus der der Arzt die Diagnose stellte, dass ein bronchialer Infekt meine Lungenfunktion deutlich einschränkt. Vor dem Hintergrund der in der Anamnese ermittelten schweren chronischen Bronchitis in Kindheit und Jugend, sowie langen Jahren als starker Raucher, würde sich die Wahrscheinlichkeit eines sich nun stetig verschlechternden Asthmas ergeben. Er verschrieb mir eine Reihe von Medikamenten und entließ mich wieder. Hamm, Max, Musiker, ledig, Asthma, Bronchospray Novo. Das Spielfeld hatte sich geändert.
Zurück auf der Straße fügte ich mich widerstandslos in den Fluss der Menschenmenge. Überall Menschen, die in Häusern mit einem Keller wohnten. Auch das Haus in dem ich wohne hat einen Keller. Ich besorgte mir die verschriebenen Medikamente und ging nach Hause. Dort angekommen setzte ich mich an meinen Rechner, um ein wenig über meine neue Krankheit zu recherchieren, aber ich konnte mich nicht konzentrieren und so ließ ich mich ziellos durch die Seiten treiben. Bunte Bilder, Wörter, Filmchen. Ich würde so gerne mit Mia sprechen, nur etwas von ihrer Energie spüren, aber Mia war irgendwo. Wo bist du?

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 7

Freitag, September 11th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 6
zu Abel Kapitel 1

11. September 2009
Spiegel - Online - Überschrift: Opel-Rettung
Opposition kritisiert Magna-Deal als Wahlkampf-Show

Mein revolutionärer Aufstieg in den Untergrund hatte nicht statt gefunden. Mia hatte die Türe hinter sich geschlossen - das war nun vor 3 Wochen - und seither habe ich weder von ihr noch von Abel etwas gehört; nicht einmal von meinem Freund Ehrenbacher. Die Aufregung hatte sich gelegt.  Die stürmischen Stunden der Begegnung mit Abel, des Verhörs und dem Auftauchen von Mia hatten sich ebenso wie alle anderen meist weniger aufregenden Stunden in die Abfolge der kalendarischen Ereignisse eingereiht, die in ihrer Summe meine Vergangenheit bedeuten. Das einschläfernde Brummen der Stadt hatte mich zu einem großen Teil wieder eingenommen. Das einschläfernde Brummen der Stadt ist eine große, gefräßige, gleichgültige, mitleidlose Macht, lediglich durchsetzt mit Leucht- und Knalleffekten, einem gelegentlich auftauchenden euphorischen Zucken, kurzen bittersüßen Halluzinationen, in denen sich Straßen, Häuser, Auslagen, Fotorahmen, Speichereinheiten und Bettwäsche als Kulisse und Requisiten der eigenen Wichtigkeit gerieren, angefüllt mit Menscheitsdarstellern, die sich einer barocken Grammatik ihrer eigenen Zersetzung bedienen. Die Wirklichkeit wabert in ihrem selbstherrlichen Mechanismus von Behauptung und Wirkung über jeden Unebenheit hinweg und verleibt sich jeden Einzelnen in ihre gallertartige Gestaltlosigkeit ein. Hechelnd, sabbernd und sabbelnd hetzt der Souverän hinter jeder Reliquie der eigenen vergötterten Individualität hinter her, wälzt sich im Schlamm der Verführung und chargiert auf der Bühne der sozialen Kontakte in der Rolle des Leistungsfähigen, des Kritikfähigen, des Genussfähigen, des Bürgers, des Wählers. Die einen Zittern in kleinen, erlesenen, geklüngelten Runden vor den aufmarschierenden roten Brigaden in der ewigen Angst vor Enteignung. Die anderen, die an den Tischen sitzen und mampfen, was sie vorgesetzt bekommen, die in den Eingeweiden sitzen und verdauen, sie träumen von Freiheit und Laternenpfählen. Da oben leuchten die Sterne und unten leuheuchten wir. Im einschläfernden Brummen der Stadt ist das Brummen der Flugzeuge kaum noch zu hören.
Du wachst eines Tages auf und die Welt hat sich plötzlich verändert…..? Nein! Sie ändert sich täglich, täglich während du frühstückst, einen Parkplatz suchst, deinen Job erledigst, einen Tisch bestellst oder deckst, das Haar aus dem Gesicht deiner Frau streichst und dich wieder schlafen legst. Schlafen.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 6

Mittwoch, September 9th, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 5
zu Abel Kapitel 1

“Es wird Zeit, dass diejenigen, die mit der Angst regieren, selbst wieder spüren, was Angst bedeutet. Max, nicht nur wir haben Pläne, auch sie haben Pläne. Sie wiegen uns in Sicherheit, machen uns etwas vor. Ich habe die Dokumente gesehen. Nach dieser Wahl wird das Land nicht wieder zu erkennen sein. Wir müssen vorbereitet sein. Wir müssen ihnen zeigen, dass es uns gibt. Sie müssen wissen, dass sie nicht einfach damit durchkommen werden. Widerstand ist ab einem gewissen Zeitpunkt keine Frage von politischer Einstellung, verstehst du, es ist ab einem gewissen Zeitpunkt einfach eine Pflicht. Was willst du tun Max? Warten bis sie ihre Soldaten auf die Straße geschickt haben? Und genau das werden sie tun, mein lieber, genau das werden sie tun.” Mia zündete sich wieder ein Zigarette an. War es nun die zweite oder die dritte?
Ich stellte mir Mia auf der Straße vor. An der Spitze einer aufgebrachten Menge. Sie hatte immer noch mein Supertramp T-Shirt an, darüber ihre schwarze Kunstlederjacke. Sie war dezent geschminkt. Der gezielte Einsatz von etwas Puder betonte ihre natürliche Blässe. Die Augen hatte sie geschickt mit etwas Kajal und Wimperntusche  betont. Eine beeindruckende junge Revolutionärin, eine Schönheit in der sich der Widerstand selbst feierte. Sie riss ihre Faust in die Höhe. Der Zorn und selbst der Hass verzerrten ihr zartes Gesicht nicht zu einer wütenden Fratze, sondern funkelten in ihren Augen und vollendeten die anmutige Ausstrahlung eines Raubtieres. Das wütende Volk hinter ihr hatte längst Schilder und Transparente gegen Stöcke und Steine getauscht, das Misstrauen und die Demütigung waren in offenen Hass umgeschlagen. Keine Sprechchöre, kein friedliches “Wir sind das Volk”, keine politische Demonstration, sondern die Demonstration des vereinten Willens sich nicht mehr abspeisen zu lassen. Das waren nicht mehr einzelne versprengte Dummköpfe, die aus Langeweile oder aus verspielter Selbstherrlichkeit in schwarzen Kapuzen Autos ansteckten oder mit albernen Steinchen gegen Wasserwerfer warfen. Hier stand das bisher ganz normale Volk, das nun nicht mehr bereit war einer ökonomisch politischen Vernunft zu folgen, die sich bisher  in sorgsamer Tarnung an ihnen hemmungslos bereichern konnte und an ihrer Spitze stand Mia als Jeanne d´Arc des vereinigten Widerstandes gegen das herrschende Kapital.
Ich bin ein heilloser Romantiker und das ist womöglich der Hauptgrund, der mich bis heute davon abgehalten hat mich umzubringen. Die Verbindung zwischen mir und dem Leben war in den letzten Jahren immer wieder bedenklich dünn geworden, stand nicht selten kurz davor zu zerreissen. Das Gefühl in dem mitleidlosem grellen Grau der Stadt, inmitten der fröhlich, bizarr bunten blinkenden Lichtern wie auf den Wellen eines dunklen Meeres zu treiben, immer weiter, immer weiter, hilflos gegen eine Kraft anzuplantschen, die mich unablässig nach unten zog und von der ich zuletzt nicht mehr sagen könnte, ob ich sie als bedrohend oder als befreiend empfand.  Ich könnte doch einfach aufhören um mich in das kalte schwarze Wasser zu schlagen, einfach die Arme heben und mich dieser Kraft überlassen. Was könnte schon mehr passieren als das der Spiegel vor mir zerspringt, dessen Anblick ich sowieso schon längst nicht mehr ertragen kann. Mia könnte recht haben. Sie könnte aber auch unrecht haben. Was würde das für einen Unterschied machen? Ist die Frage, ob sie nun Recht hat oder nicht letztlich für meine Entscheidung von Bedeutung mich ihr und Abel anzuschließen, ein Feuer anzuzünden und darin zu verbrennen. Geht es um die Frage der Belastbarkeit einer politischen Theorie, um die Frage wann und wo die Grenze zur Beleidigung, zur Demütigung überschritten wurde, um die Frage der Rechtmäßigkeit? Ich bin ein heilloser Romantiker und wie alle heillosen Romantiker bin ich ein Egoist, der die eigene Oper, sei es nun in Aufstieg oder Untergang, über alles andere stellt.  Freude schöner Götterfunken und das Blut auf der Straße….
Mia stand auf und ging hinüber ans Fenster. Still stand sie dann dort und sah hinaus in die Welt, als würde sie auf jemanden warten. Ihr Blick suchte sich irgendwo einen Halt an den Fassaden, irgendwo eine Mauerritze, ein Vorsprung, ein Erker, aber alles war glatt und ihr Blick glitt immer wieder ab und klatschte zurück auf den Rinnstein, dorthin wo die Versprechungen stets in die Gullis abflossen. Mia aber wußte wie sie den Blick wieder heben konnte, aus eigener Kraft, dachte sie, aus eigener Kraft, hoffte sie, um nicht mit in den Gulli gezogen zu werden. Das Herbstlicht war freundlich und glättete die Wunden. Von aussen betrachtet könnten wir ein glückliches Paar sein, das in trauter Einigkeit einen Moment der Ruhe genießt. “Ich bin heute morgen in einer stickigen Dachkammer aufgewacht. Schmutzig und voller Blut und ich weiß nicht, wie ich dorthin gekommen bin. Ich weiß nicht, wer mich geschlagen hat. Ich kann mich an die Schmerzen nicht erinnern.” Sie drehte sich zu mir. Jetzt suchte ihr Blick an mir einen Halt. “Aber ich muß doch einen Schmerz gefühlt haben.” Ich konnte dem Sehnen ihres Blickes nicht den erhofften Halt bieten, aber ich konnte ihm mit meinem eigenen Sehnen begegnen und konnte ihr so für einen kurzen Moment einen Einblick gewähren in das auch mir selbst fremdartige Ich, in meine eigene Ungeheuerlichkeit, die ich ebenso wie sie sorgfältig verwahrt halte. Haltet ein in dieser Stille, Menschen, in dieser Stille offenbart sich das große Talent eurer Verwundbarkeit. Mias Stimme war die Musik dieser Verwundbarkeit. Eine Musik, der nichts hinzu zu fügen war, die sich an ihrer eigenen Wahrheit erfüllte, die all das einlöste, was das Versprechen selbst der größten Poesie nicht halten kann. Die mächtige Kraft des Lebendigen.
“Ich kann nicht bleiben.” Mir einem Ruck löste sich Mia aus der Stille. Sie schnippte ihre Kippe in das Spülbecken, “Ich muss los.”, stellte den Becher auf dem Tisch ab, “danke für den Kaffe” und schlüpfte eilig in ihre Schuhe.
“Behalt das T-Shirt. Steht dir gut.” In Bewegung bleiben, das ist das einzige Mittel, das hilft. In Bewegung bleiben heißt nicht untergehen, nicht hinuntergezogen werden, nicht an den Fassaden herunter zu rutschen, auf der Straße aufzuschlagen und zu zerplatzen. Mia hatte sich einen Moment der Ruhe gegönnt, ein kurzes Verweilen, inne halten, aber um auf den Wellen des dunklen Ozeans tanzen zu können muß man in Bewegung bleiben.
“Ich ruf dich an.”
Sie küsste mich auf die Wange. “Gut”
“Du bist dabei?”
“Ja.”

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 5

Donnerstag, September 3rd, 2009

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 4
zu Abel Kapitel 1

Die Zeit der Ausreden war offensichtlich vorbei. Jetzt würde es ernst werden. Um mich herum formten sich jene Umstände, die Ehrenbacher vielleicht später als die Ursache für mein Handeln bezeichnen wird und alles würde in seinen Augen darauf hinauslaufen, dass ich irgendwann Ende im Oktober letzten Jahres nachts an einer Strassenbahnhaltestelle gestanden bin. Von aussen betrachtet mag es auch so aussehen, aber das kann letztlich nur für Menschen interessant sein, die sich auf das Gesetz von Ursache und Wirkung verlassen. Der Rahmen von Ursache und Wirkung ist aber leider zu eng, um mein Handeln oder auch das von Mia und Abel zu erklären. Diese Entscheidungen schreiten durch Kanäle und Tunnel unter der staubigen Erdkruste. (Zudem bietet dieser Rahmen mit seinen künstlichen Kategorien von falsch und richtig kein Gerüst, kein Koordinatensystem mit dem sich ein schlüssiges Verständnis für das entwickeln ließe, was uns tagtäglich als die Notwendigkeiten einer vernünftigen Politik verkauft werden soll.)
Mias Augen taxierten mich genau. Sie hatte ihre Karten auf den Tisch gelegt. Abel hatte mich gestern Abend nicht zufällig angesprochen. Er hatte nicht zufällig von einem Anschlag gesprochen. Er hatte nicht zufällig über den Schmutz und das Blut referiert. Er wollte mich aushorchen. Für einen Moment war ich enttäuscht. Mia hält noch immer meine Hand. “Hab keine Angst, Max, hör dir einfach an, was er zu sagen hat. Niemand wird dich zu irgendetwas zwingen.” Ihre Hand war warm. Ich hatte Angst. Ich war nicht entschlossen. “Ich hab gehört, was er gestern gesagt hat, Mia, ich meine, gut, ich gebe zu, ich habe das alles erst für das wirre Geschwätz eines Betrunken gehalten, eines wütenden, verwirrten….”
“Er ist nicht verwirrt.” Mia griff auch nach meiner zweiten Hand. “Abel weiß, was er tut.” Sie hielt mich fest.
Wie angewurzelt blieb ich in dieser Nacht damals auf der Strasse stehen und blickte dem schwarzen Audi nach, der mit einem kraftvollen Brummen davon sauste. Es dauerte sicher einige Minuten bis ich mich damit abgefunden hatte, dass ich sie wohl nie wieder sehen würde. Alles was mir blieb war die Erinnerung an diese kurze Begegnung. Ich schloss die Augen und rief mir nochmals ihr Gesicht ins Gedächtnis, versuchte es irgendwo im Innen an einem ganz sicheren Ort zu speichern, irgendwo, wo ich es bestimmt immer wieder finden würde, wo es nicht einfach in den Mühlen der Abfolge von kalendarischen Ereignissen zermalmt wird. So wie man ein Foto, dass man auf eine ganz besondere Art wertschätzt, nicht einfach zwischen anderen Fotos in einem Kuvert, oder Album, in einem Schrank bewahrt, sondern diesem einen ganz speziellen Platz reserviert. Ich rechnete nicht im geringsten damit sie jemals wieder zu sehen. Wahrscheinlich war sie nicht einmal aus dieser Stadt. Ihre Freundin hatte etwas vom Flughafen gesagt und der schwarze Audi war sicher, so wie er aussah, ein Mietwagen. Verdammt, ich hätte mir wenigstens das Kennzeichen merken können, dann hätte ich wenigstens irgendeinen, wenn auch kaum hilfreichen Anhaltspunkt. Wie sollte ich denn den Besitzer des Wagens herausbekommen, und wenn es, wie ich annahm eine Mietwagenfirma war, warum sollten sie mir einen Namen oder gar eine Adresse geben. Darauf bestand nun überhaupt keine Aussicht. Also wäre es wohl besser sich damit abzufinden, dass es sich nur um eine kleine zauberhafte Begegnung handelte. Eine kleine Insel in meiner Biographie. Ein kleines liebenswertes Schmuckstück im Strom der Belanglosigkeiten meines Daseins. Ich wusste nicht einmal ihren Namen, ich…. . Plötzlich klingelte hinter mir ein Handy. Es riss mich mit einem Schlag aus meinen Gedanken. Erschrocken drehte ich mich um, aber da war niemand zu sehen. Das Handy war ganz deutlich zu hören, es musst irgendwo hier unmittelbar neben mir sein.

Mia legte meine beiden Hände in einander und vesrchloss sie mit den ihren. “Weißt du noch was ich damals gesagt habe”
Ich mußte nicht sehr lange suchen. Dort unter der Bank lag Mias kleiner schwarzer Rucksack. Sie hatte ihn vergessen, als ihre Freundin sie in das Auto zog. Ich starrte den Rucksack an, als würde es sich um ein kleines fremdes Tier handeln, das unaufhörlich um Hilfe rief und traute mich nicht nach ihm zu greifen. Es war weniger die Frage, ob ich das Recht hatte ihn zu öffnen, die mich davon abhielt, das Handy herauszuholen, vielmehr war es die Vorstellung, dass dieses kleine Tier entweder sofort davon flitzen würde, wenn ich es versuchte oder aber, dass ich mir einen schmerzhaften Biss einfangen könnte, wenn ich meine Hand hineinsteckte um danach zu greifen.
“Ich weiß, ich sehe fürchterlich aus, aber das hat damit nichts zu tun Max. Lass dich davon nicht einschüchtern.” Mias Lächeln ist ein Geschenk.
Das Handy hörte für einen kurzen Moment auf zu piepsen. Für etwas eine Minute war es still, dann fing es wieder an. Nach und nach gelangte ich zu der Überzeugung, dass das Gerät geradezu nach mir verlangte. Ich war sicher Mia würde am anderen Ende sein. Also stürzte ich mich auf das kleine Tier, öffnete es und wühlte zwischen allerlei Utensilien das Handy hervor. “Hallo!”
“Ist das der niedliche Mann von der Haltestelle.”

Ich erwiderte ihr Lächeln. “Du hast mich: der niedliche Mann, genannt.” Mia legte ihren Kopf etwas zur Seite.
“Bist du denn nicht niedlich?”
Ich blickte nervös um mich, so als hätte ich Angst bei einer Peinlichkeit ertappt zu werden.
“Was ist? Bist du das?”
“Ja,….äh ja. Ich war mir nicht sicher…..nun es ist schließlich nicht mein Rucksack.”
“Schon gut, schon gut. Nimm ihn bitte einfach mit. Ich melde mich wieder.” Ohne ein weiteres Wort hatte sie eingehängt

Die Zellen am Rand der Wunde auf Mias Stirn hatten wahrscheinlich schon ihre Arbeit aufgenommen diese wieder Stück für Stück zu schließen. Der Körper hatte einen Selbstheilunsprozess ausgelöst und am Ende würde wahrscheinlich nur eine leicht sichtbare Narbe bleiben und auch diese würde nach vielen Jahren unter Falten verschwinden und höchstens noch in ihrer Erinnerung bestehen.
“Komm bitte mit. Hör dir wenigstens an, was er zu sagen hat, welche Pläne er hat.” Die Sache hatte also das Stadium der Theorie schon verlassen. Es gab bereits einen Plan, vielleicht sogar schon einen roten Punkt auf einer Landkarte, jedenfalls mit Sicherheit einen Termin.
“Ihr plant tatsächlich eine Anschlag?” Das Lächeln verschwand aus Mias Gesicht. Es erlosch einfach, wie eine Erinnerung, die unwiederbringlich verschwindet. “Wie lange willst du dich noch anlügen lassen Max?” Am meisten Angst hatte ich wohl davor, dass es wahrscheinlich gar nicht so schwer sein würde mich zu überzeugen.

(Fortsetzung folgt)