zu Kapitel 1 und 2
Eine kleine schwarzrote Pfütze Blut, direkt vor meinen Augen. Keine Schmerzen. Ich kniete auf allen vieren. Der Faustschlag von Chris Naaken hatte mich direkt im Gesicht getroffen und auf den Boden geschickt. Noch niemals hatte ich einen solchen Schlag abbekommen. Ich war 14 Jahre alt und alle Rangeleien, in die ich bis dato verwickelt war, waren meist glimpflich abgelaufen. Bis eben gerade, bis zu diesem ganz und gar ungerechtfertigten, ungerechten Schlag in mein Gesicht.
Der Begriff Verbitterung war mir zu diesem Zeitpunkt bereits begegnet, aber er hatte einen etwas altmodischen Klang, denn ich hatte ihn noch nicht mit Erfahrung gefüllt. Rückblickend jedoch kann ich sagen, dass an diesem Septembertag womöglich der Grundstein für jene Gemütszustand gelegt wurde, den ich heute mit dem Wort Verbitterung beschreibe.
Der Anlass für diesen Vorfall ist, von aussen betrachtet, gänzlich bedeutungslos. Lediglich eine Auseinandersetzung um einen möglichen Regelverstoß im Rahmen eines Fussballspieles. Ein bedauerlicher Zwischenfall, dem aber keine weitere Bedeutung zuzumessen ist, von aussen betrachtet. Von aussen betrachtet ist jedwede Betrachtung immer die Verniedlichung eines Umstandes durch einen Betrachtenden, dem die Wirkung des Vorfalls im Betrachteten fremd ist, und der lediglich die unangenehmen Konsequenzen in Form von Belästigungen vermeiden möchte.
Ganz sicher hatte ich diesen Regelverstoß, nämlich ein Foul gegen einen Mitspieler aus meiner Mannschaft zurecht moniert. Ein Foul, das zumindest einen Freistoß nach sich ziehen müßte, der unsere Führung im laufenden Spiel möglicherweise unangreifbar gefestigt hätte, ein sportlich erstrittener Sieg, eine Entscheidung in der letzten Viertelstunde der Spielzeit. Von aussen betrachtet lediglich die Entscheidung in einem unbedeutenden nachmittäglichen alltäglichen Fussballspiel zwischen zwei zufällig zusammengestellten Jungendmannschaften auf einem, der vielen Bolzplätze der Republik.
Die Jugend bedarf der Ertüchtigung durch den Sport. Nicht nur der Körper erfährt hier ein wertvolles Training, sondern auch wichtige soziale Kompetenzen wie Teamgeist, Kameradschaft, aber auch Durchsetzungsvermögen und Siegeswille. Die Ausbildung dieser Tugenden formt aus dem jungen Menschen ein tatkräftiges Mitglied der Gemeinschaft, das willens und bereit ist Verantwortung für sich und seine Mitstreiter zu übernehmen und dessen Ehrgefühl und Ehrgeiz, Hunger, Belohnungshunger, Stolz, die erforderliche Grundlage bilden aus ihm, auch aus ihm, falls nötig einen Täter zu machen.
Chris Naaken brachte alle erforderlichen Voraussetzungen mit, die ihn in zwanzig Jahren als Führungspersönlichkeit und Leistungsträger auszeichnen würden; alle jene lächerlichen Voraussetzungen, die sich an diesem Nachmittag in dem Wissen manifestierten, dass ein bedauerlicher Vorfall zuletzt eine geringere Bedeutung haben würde wie die Nachricht eines Sieges. Ergebnisorientiertes Handeln. Der Geschmack von Blut in meinem Mund war das Ergebnis kleinbürgerlicher Grossmannssucht.
Chris Naaken stand hinter mir. Sein Atem ging schnell. Er hatte die Faust noch geballt, allerdings nicht, um mir noch einen zweiten Schlag zu versetzen, sondern weil es seine Siegerpose besser zierte und weil es alle anderen davon abhielt sich einzumischen. Mein Körper zitterte. Von meinem Bewusstsein blätterte langsam der erste Schock ab, der sich bis jetzt schützend vor die Schmerzen gelegt hatte. Von einem winzig kleinen Punkt irgendwo im rechten Teil meines Unterkiefers begann sich der Schmerz nun über mein ganzes Gesicht vor zu arbeiten. So wie ein Tintentropfen, den man auf ein Stück nasses Papier tropfen lässt, und der sich dann in vielen kleinen Adern sternförmig ausbreitet. Der Schmerz gewann mehr und mehr die Oberhand. Er schwächte zunehmend meinen Körper und gleichermaßen nährte er meinen Zorn.
“Verpiss dich vom Platz, Kleiner, wenn du die Regeln nicht kennst.”
Von aussen betrachtet ein wunderschöner, strahlender, sonniger Septembertag. Die Schuljungs ließen in der spätsommerlichen Atmosphäre noch einmal das Feriengefühl der letzten Wochen in sich aufsteigen, in denen Badenachmittage, Ausfahrten mit dem Fahrrad, eben auch gemeinsames Fussballspiel, heimlicher Alkohol, heimliche Zigaretten und der allgegenwärtige Wettbewerb um das heimliche Befummeln den Ablauf der Welt bestimmte.
Vor weniger als zwei Wochen war ich mit Chris Naaken und anderen um ein Feuer gesessen. Wir hatten Bier getrunken und aus dem Ghettobluster von Steff Thin Lizzy in die Nacht geblasen. Manche von uns hielten große Äste wie Gitarren und gebärdeten sich wie Rockstars vor einem imaginärem Publikum. Mitten in unserem ausgelassenen Gelächter, ich erinnere mich genau, hatte ich auch mit ihm angestoßen. Ich erinnere mich an sein Gesicht im Feuerschein. Es flackert in mir auf. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war sicher nicht wichtig. Aber wir haben gelacht, ich erinnere mich. Wir haben uns eigentlich recht gut verstanden, zumindest hat es so ausgesehen, von aussen betrachtet.
Aber das alles hat jetzt natürlich keine Bedeutung. Es hat so der so keine Bedeutung.
Wenn man nun aus dem schönen Spätsommernachmittag heraus einen Schritt näher herantritt, aus der Sonne heraus, vielleicht sogar so nahe heran, dass man unseren Schweiß riechen kann, oder sieht wie winzige weiße Sandkörnchen auf der wackligen Oberflächenspannung meiner kleinen Blutpfütze liegen, dann zeigt sich von etwas näher betrachtet wohl das Szenario eines Machtkampfes, der unnachsichtige Mechanismus, in dem Hierarchien geordnet werden.
Zügelloses Zermalmen und Zermahlen, so scheint es, das allgegenwärtige Recht des Stärkeren. Und wenn man nun noch näher herantritt, durch die Barriere der Epidermis hindurch, Hautschicht für Hautschicht dem durchgeführten Schlag ins Innere folgt so finden sich viele tausende kleine Zahnräder, ineinander verzahnt, die sich drehen, hin und her drehen, sich ausrichten und womöglich durch Schläge wie diese die Richtung wechseln.
Das immer größer werdende Bedürfnis nach Rache, das sich aus meinem Zorn herausschälte richtete sich nicht gegen Chris Naaken. Er ist unbedeutend. Meine Rache richtet sich gegen das Recht des Stärkeren, das sich an mir vergangen hat. Ein Foul ist ein Foul. Es gibt dieses Recht nicht. Der Begriff vom Recht des Stärkeren ist die formvollendete Lüge einer missratenen Vernunft, die aus dem blinden Mechanismus hinter den Hierarchien, eine beherrschbare Kraft machen möchte. Wie dumm. Nicht das sich der Mechanismus gegen mich gerichtet hat, machte mich wütend, sondern, dass er sich blind gegen mich gerichtet hat, dass nicht die Frage nach der Rechtmäßigkeit meines Insistierens auf einem Freistoß den Ausschlag gegeben hat, sondern das dieses berechtigte Insistieren der Schauplatz, der Anlass für die Feigheit des so genannten Rechts des Stärkeren wurde. Nein, mein lieber Chris Naaken, ich kenne deine Regeln nicht, ich begreife sie nicht und bin nicht bereit sie anzuerkennen. Am Ende von Schock, Schmerz, Zorn und Rache steht diese Entscheidung, und da sie einen so weiten Weg hinter sich gebracht hat, war sie gewappnet, und ich stark genug die Konsequenzen daraus zu tragen.
Ich schüttelte meine Kopf, spuckte das Blut aus, sammelte meine Kräfte und begann mich langsam wieder aufzurichten. Es gelang mir mich in eine aufrecht knieende Position zu bringen. Da ich ihm immer noch den Rücken zukehrte wäre es für Chris Naaken ein leichtes gewesen, mich mit einem Fußtritt wieder in den Staub zu befördern. Aber er ließ mich gewähren. Es dauert fast eine Minute bis ich wieder auf den Beinen stand und mich zu ihm umdrehte. “Ich würde jetzt gerne unseren Freistoß ausführen.” Der folgende Schlag traf mich in den Bauch. Mein Körper zog sich in einem einzigen Krampf zusammen. Das Gleichgewicht, Max, gleichgültig was du fühlst, konzentrier dich auf das Gleichgewicht. Fall nicht um. Ein zweites mal zögerte er nicht mir einen Fußtritt zu versetzen. Kraftlos fiel ich in mich zusammen, und fiel, und fiel und fiel…..
(Fortsetzung folgt)