Archive for November, 2009

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 4

Donnerstag, November 26th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Doch das eigentlich schlimme war, er hatte recht, wahrscheinlich hatte er recht. Scheiß drauf. Worüber soll ich mir Gedanken machen? Was könnte wohl passieren? Wovor verdammt sollte ich Angst haben? Ich sollte einfach nach draußen sehen und die Landschaft genießen, die herrliche Natur, die wunderbare anmutige Natur, die Schönheit dieser elend selbstherrlichen Natur, die sich wohl einen Dreck darum kümmern würde, was aus so Idioten wie mir werden würde; ob ich mich nun mit Rick in diesem Auto überschlagen und verbrennen würde oder alt und sabbernd auf Blümchenkissen dem lieben Herrgott mit dem Arsch voraus entgegen schiele.
Schöne Landschaft, was für eine schöne Landschaft. Scheiß Landschaft. Ich fühlte mich wie damals, gar nicht so lange her, 1 Jahr vielleicht, damals, als ich, wie ich es nannte, an der Grenze stand. Verbrauchter Begriff, aber wahr. Mit dem großen Zeh, dem Hobbitzeh, über dem Abgrund.
Ein kleines hellbraunes Fläschchen mit einem weißen Schraubverschluss, ohne Aufschrift. Patur hatte es mitgebracht. Er hatte es, während wir uns, wie so viele betrunkene oder bekiffte Grinsesäcke, gerade jede Menge von Monty Python Zitaten um die Ohren gehauen haben ohne Kommentar auf den Tisch gestellt. Ein Lachkrampf kann durchaus schmerzhaft sein. Eigentlich hatten wir uns getroffen um zu proben. Patur hatte eine schöne, tiefe, rauchige Stimme. Er sang zwar nicht immer sauber, aber das machte nichts. Wenn er sang verlieh er jedem einzelnen Song seine eigene ganz spezielle Note, das Patur Patina, etwa zwischen Tony Joe White und Lucio Dalla. Irgendwie passte seine Stimme nicht zu seinem nordisch blassen Aussehen. Wenn es stimmte, was er mir erzählt hat dann ist er vor ca. zwei Jahren während eines Europatrips ausgerechnet in München hängen geblieben. Natürlich war eine Frau im Spiel, aber die ist inzwischen nach Pirmasens gezogen. Natürlich war ein Mann mit mehr Moneten im Spiel. Wir hatten als Duo (Patur Patina) ein kleines Programm mit Liedern von John Kander und George Gershwin und spielten es zwei mal im Monat in einer dieser Bars, die betont hip und doch nichts anderes als arrogant waren (aber es gab guten Rotwein, dumme Frauen und unkompliziertes Kokain). Ich hatte dem Fläschchen keine weitere Bedeutung zugemessen. Mein sogenannter Proberaum war eigentlich ein ganz normales Kellerabteil. Holzlattenkäfig, Holzlattentür, Abus-Schloss. Ich hatte es mit Schaumstoff, den sprichwörtlichen Eierkartons alten Messeteppichen dilettantisch abgedämmt und das alte Klavier reingestellt, das ich von Onkel Herbert geerbt habe. Onkel Herbert der gutmütige pausbäckige Mann, Gärtner, verrückt nach Süßigkeiten, Torten, Sahnetorten im speziellen. Eine Wespe hatte sich in einer stattlichen Portion Schlagsahne vergraben, die er auf ein ebenso stattliches Stück Buttercremetorte geschaufelt hatte. Sie hat ihn unterhalb des Adamsapfels in die Speiseröhre gestochen. Die roten Pausbacken liefen kurz blau an, die Augen traten hervor. Die Speiseröhre schwoll, nicht zuletzt wegen einer Allergie gegen Insektenstiche jeder Art, die er schon als Kind gehabt hatte, in windeseile an und drückte so fest auf die Luftröhre, dass er röchelnd zusammenbrach, sich noch eine Weile krächzend auf dem Boden herumwälzte und zu guter letzt in Panik an einem Herzversagen verstarb.

In allen Probenräumen dieser Erde liegen Pizzakartons.

“Mister Sandman, bring me a dream
(Bung, bung, bung, bung)
Make him the cutest that I’ve ever seen
(Bung, bung, bung, bung)
Give him two lips like roses in clover
Then tell him that my lonesome nights are over

Sandman, I’m so alone
Don’t have nobody to call my own
Please turn on your magic beam
Mister Sandman, bring me a dream

(bung, bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung)”

Toll, Patur kann singen und gleichzeitig in der Nase bohren. Die zweite Hand klatschte mit jedem bung bung bung auf den Oberschenkel. Am Ende seines Vortrages stand er auf, streckte die Arme von sich und verbeugte sich galant wie ein alter Showstar. “Möchtest du das vielleicht in unser Programm aufnehmen?”
“Nein, mein Freund, ich möchte dir eine ganz speziellen experience geben.” Sein deutsch war nicht besonders. Er griff nach dem Fläschchen und hielt es mir ganz dicht vor die Augen. “Das hier Piano Mann ist Mister Sandman.”

Ich öffnete kurz die Augen. Am Irschenberg steht ein McDonalds mit Alpenblick

“In Dänemark in meine Famillie gab es einen ganz verrückten Großvater. Uralter Mann. Arzt. Hat so geforscht über Pflanzengifte und so. Er hat den Sandman gemixt. Hat viele Ratten das Leben gekostet. Es reichen 13 Pills. Es gibt keine Schmerzen. Just a smooth fade out. Als er gemerkt hat wie gut und leise Mr Sandmann wirkt hat er ein Spiel erfunden. Resist Mr. Sandman. Ein Spiel für die lange dänische Winter. Isch möchte es mit dir spielen. Ich lasse den Sandmann für eine Woche zu Besuch hier und nach einer Woche hole ich ihn wieder ab. Das ist alles. Es gibt kein so gutes Spiel sonst, das man alleine spielen kann.” Bedächtig stellte er Mr Sandman zurück auf den Tisch, “Wir sehen uns nächste Woche” und ging. Bung bung bung bung.
Der Hobbitzeh zuckte.
Angenommen ich würde das Spiel verlieren, angenommen, die Haut ablegen, die Zeit, weil aus der Verwunderung über mein alltägliches Aufwachen ein stetiger, dummer Schmerz geworden ist, dem ich nichts mehr entgegen zu setzen habe, angenommen, den Namen ausziehen, weil das Ich nicht mehr an den Konturen festhalten möchte, dem unheimlichen Zwischenraum zwischen mir und dem allernächsten, das, wenn es denn gelingt, nur eine Berührung vortäuscht, angenommen, mit den Fingernägeln nicht mehr an der Oberfläche kratzen, oder ein wenig darunter, je nachdem wie differenziert das Vokabular ist, die Klaviatur, die eingefleischte Komposition und der darin vermutete Wohlklang, wenn es den gelingt, klingt, so wie der Applaus es vermuten läßt, weil auch das Mitmenschentum der Mathematik der eigenen Sehnsüchte verpflichtet ist, angenommen, die Augen fallen aus dem Kopf heraus, aus dem sie bis eben gerade noch heraus geglotzt haben, oder sich verdreht, meistens geschielt oder sich hinter dünnen Hautvorhängen versteckt, verkrochen, verzogen, angenommen ich würde das Spiel in diesem Sinne gewinnen, nicht mehr nach vorne gebeugt, kurzatmig, stotternd, aber adrett, die Spielregeln deklinierend, gewinnen, nicht den Schmerz, sondern die Fähigkeit zum Schmerz ablegen, die ausgewachsene DNS, der Klangkörper, in dem selbst die Einsamkeit einen Ton findet und ihn erschüttert, angenommen die Narben würden alle aufbrechen und die Empfindung entlassen, angenommen…… es gäbe dann keine Freiheit zu gewinnen, aber es würde schon ausreichen, wenn es auf hört, nicht mehr ist, schweigt, das Schmerzgetier, angenommen ich könnte nicht widerstehen, und ich müßte erklären warum, ich könnte es nicht.

Kommentar zu dem Tagebucheintrag von Konstantin Wecker

Sonntag, November 8th, 2009

Ich möchte die Gelegenheit ergreifen und auf den Tagebucheintrag von Konstantin Wecker sowie den Artikel in der Zeit eingehen, ja und dazu auffordern dies ebenfalls und lautstark zu tun. Die einfache These, die ich dazu in den Raum setzen will, heißt: Kultur ist kein Luxus. (Hierzu die Einladung sich an der Diskussion zu beteiligen. Ich habe mir erlaubt eine Facebookgruppe gleichen Titels zu gründen)
Das Verhältnis des Staates zur Kultur ist für mich kaum noch erkennbar. Es ist Lustlos, fadenscheinig, ja plump, und geistlos wie der Staat selbst.
Das hochdekorierte Feigenblatt subventionierter Hochkultur verdeckt es ebenso wenig, wie Sonntagsreden über Vielfalt, oder das zuweilen komisch anmutende Flanieren über rote Teppiche. Nein, es geht mir nicht darum die eine, also die hochsubventionierte Kultur gegen die Basiskultur auszuspielen (auch wenn es sicher politische Kräfte gibt, denen das recht wäre) Es geht darum eine bestimmte Haltung zur Kultur bloss zu stellen.
Ich bediene mich dazu eines Zitates des bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Ecce! Kunst, bezüglich der Förderung der Festspiele in Bayreuth: „Wir werden die Marke Bayreuth nicht vernachlässigen, im Gegenteil, wir werden sie in Zukunft forcieren“ Ich wiederhole es geht nicht darum die Förderung dieser Festspiele in Frage zu stellen. Nur es ist deutlich zu sehen wie hier Kultur begriffen wird. Der gesellschaftlich essentielle Wert der Kultur wird lediglich im Kontext der materiellen Verwertbarkeit begriffen und dient daher zuallererst der unverschämten Dekoration des Staates.
Schluss! Aus! Basta! Kultur ist und bleibt die organische Kraft innerhalb einer Gesellschaft, in der sie sich gestaltend wiederfindet und weiterentwickelt. Sie ist ganz bestimmt keine Marke.
Die Folge dieses Denkens ist die Frage nach der VerWertbarkeit kultureller Bildung in den Schulen. Das gilt wie Konstantin Wecker richtig herausgestellt hat für die Musik, aber ebenso, nur um es der Vollständigkeit halber anzufügen, für die Literatur und auch für die bildenden Künste. Wenn ein Staat, was zunehmend schwer fällt, ernst genommen werden möchte, muss er begreifen, dass er zuallererst auf dem Boden der Kultur gedeihen wird. Sie ist das Herz einer Gesellschaft, der Ort, an dem sie fühlt und gefühlt wird. Ja, und zum Leidwesen der Technokraten auch der schützenswerte Hort von Widerstand und Revolte, dort, wo es notwendig wird.
Ach und was das sogleich aufdämmernde Finanzierungs-Verwertbarkeits-Totschlagargument angeht, so lasst euch Verwaltern gesagt sein: öffnet den Staatsetat der Mitbestimmung der Bürger. Wir werden schon Möglichkeiten finden. Aber sicherheitshalber heißt es dort: „Das Haushaltsgesetz schafft die finanzielle Grundlage für das Wirken der Staatsregierung und der Verwaltung für die Dauer von zwei Jahren (Doppelhaushalt). Ein Volksentscheid über den Staatshaushalt ist ausgeschlossen.“ Hört hört. Es ist unser Staat, es ist unser Geld, und es ist Teil unserer Kultur es einzufordern. Für Bayreuth ebenso wie für alle anderen.
Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre.
Friedrich Schiller, Die Räuber”

Die Facebookgruppe findet sich hier:

http://www.facebook.com/group.php?gid=173254514549&v=wall

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 3

Donnerstag, November 5th, 2009

zu Kapitel 1 und 2

Rick nahm den direkten Weg auf die Autobahn in Richtung Salzburg. Wie schnell die Stadt doch verschwindet. Sie gebärdet sich immer so groß, so wichtig, so lebendig, bedeutend, bestimmend und doch, nach nur wenigen Minuten auf der Autobahn ist sie so gut wie vergessen. Das einzige, was den Blick in die Welt dann noch bestimmt sind die graublauen Berge dort vorne, auf so eine ganz andere Weise selbstherrlich, majestätisch, siegesgewiss und weit ab von allem, was etwas bedeuten möchte. Rick saß ruhig und gelassen am Steuer. Ich wagte es kaum länger zu ihm hinüber zu sehen, da ich befürchtete er würde merken, dass ich ihn mustere, also hielt ich meinen Blick zwanghaft nach vorne.
“Hat es je einen Plan für einen Anschlag gegeben?”
“Könnte sein es gibt ihn noch.” Ich glaubte ihm kein Wort. Ich fühlte mich betrogen, peinlich beschämt, wie jeder, der Opfer eines dummen Streiches geworden ist. Aber offensichtlich wollten sie es nicht bei diesem Streich belassen, sonst hätten sie mich auch einfach dort liegen lassen können.
“Im Handschuhfach ist meine Sonnenbrille. Wärst du bitte so nett, sie mir zu geben?”
Ich öffnete das Handschuhfach. Es waren Haufenweise Landkarten darin, Städtekarten. Wien, Rom, Lissabon. Sowie Kopfschmerztabletten, ein Notizblock…..
“Links an der Seite.” ….. und die Sonnenbrille. Ich reichte sie zu Rick hinüber.
“Wie lange werden wir fahren?”
“Oh, es ist nicht weit. Eineinhalb Stunden vielleicht, eher weniger.”
“und wohin geht es? In euer Hauptquartier?”
Rick lächelte. “Naja,” sagte er “so könnte man es nennen. Aber das klingt doch ein bißchen zu militärisch.”
“Ach so, ich dachte ihr wäret vielleicht so was wie eine kleine paramilitärische Organisation.”
“Nein, mein lieber, das trifft es wohl kaum?”
“Sondern?”
“Sagen wir eine Art Bruderschaft.”
“Klingt ja geheimnisvoll.” Rick lächelte wieder, so wie jemand, der etwas weiß, dass er dem anderen keinesfalls mitteilen würde, wie jemand, der sich insgeheim auf das Gesicht desjenigen freut, wenn dieser schließlich dahinter kommt und mir war klar, dass ich mit meinen Fragen nicht weiter kommen würde, also wechselte ich das Thema.
“Wie ist die Wahl ausgegangen?”
“Die SPD ist ein Trümmerhaufen, die FDP strahlender Sieger, das bedeutet Merkel und Westerwelle stehen auf der Brücke.” Es ist also gekommen, wie erwartet und befürchtet. “Aber, Max, das wird zunächst einmal nicht dein größtes Problem sein.” Rick drehte kurz den Kopf zu mir  und hob frech seine Augenbrauen an. Ich konnte nicht darauf antworten, aber ich spürte wie sich in mir ein deutlichter Fluchtimpuls rührte. Wir donnerten mit bestimmt 200 Sachen über die Autobahn. An Flucht war nicht zu denken. “Keine Angst, du wirst es überleben.” Als ich vor weniger als 24 Stunden die vermeintliche Bombe in meinen Händen hielt dachte ich, es könnte nicht schlimmer kommen, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Hier ging es wohl nicht um Politik, hier ging es ganz eindeutig um meine Person. Ich stand im Zentrum eines Plans. Ich war das Ziel, und wenn es ganz schlimm kommen würde, war ich das Opfer. Aber was hatte Mia mit all dem zu tun. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich ein Teil dieses Spiels sein sollte, dass ausgerechnet sie mich in die Falle locken würde. Ich holte eine Situation nach der anderen vor mein geistiges Auge und versuchte über die zeitliche Entfernung hinweg ihr Gesicht zu deuten, vielleicht doch irgendwo eine Doppeldeutigkeit, eine Verschlagenheit oder ähnliches zu finden, ein Zucken, ein verhuschter Blick. Vielleicht ist sie von ihnen erpresst worden? Das macht keinen Sinn. Ich bin absolut niemand, vollkommen unbedeutend. Wozu sollte sich jemand die Arbeit machen, das Risiko eingehen, Zeit verschwenden. Nein, ihre Begeisterung ist echt gewesen. Sie war absolut von der Sache überzeugt. Sie hat an Abel geglaubt. Sie stand fest an seiner Seite. Ich weiß nicht wer sie so zusammengeschlagen hat, aber es war sicher nicht Abel. Er hatte damit nichts zu tun. Es sei denn…….. Die Gedanken rauschten herrenlos durch meinen Kopf. Es war unmöglich eine Ordnung zu schaffen, ein Folge, Zusammenhänge, Ursache und Wirkung. Ich wußte ja nicht einmal wo ich den Anfang machen sollte. Wo sollte ich einhaken. Das Treffen an der Haltestelle? War das der Anfang? Ging von dort alles aus? Das kann nicht sein. Mia saß doch bereits da als ich an die Haltestelle kam. Das würde ja bedeuten, dass sie auf mich gewartet hat, aber sie wußte doch gar nicht, ob ich überhaupt dorthin kommen würde.
“An deiner Stelle würde ich aufhören darüber nachzudenken. Es macht keinen Sinn. Blick lieber nach vorne. Genieß die Landschaft.”
Die Landschaft genießen. Sehr komisch.
“Du mußt lernen zu warten.”
Rick klemmte mit beiden Knie das Lenkrad fest und begann sein Jacke auszuziehen.
“Wenn du nicht aufpasst, lerne ich es bestimmt nicht mehr.” Obwohl wir mit fast 200 Stundenkilometern über die Autobahn rasten, zelebrierte Rick das Ausziehen der Jacke wie eine kleine Zirkusnummer. Entschlossen, sicher und mit dem notwendigen Schuss Leichtigkeit. Er schien den Wagen fest im Griff zu haben. Da ich aber in diesem Falle nicht nur Zuschauer war, sondern im Falle eines Fehlschlages mit betroffen wäre, krampfte ich mich mit beiden Händen in den Autositz. Der kleinste Schlenker würde genügen um einen verheerenden Unfall nach sich zu ziehen. Wir würden uns drehen, überschlagen und in Flammen aufgehen. Rick schlüpfte mit dem zweiten Arm aus dem Ärmel und schmiß die Jacke auf die Hinterbank. “Besser so” Er blickte grinsend zu mir herüber. “Alles Okay?” . Ich nickte stumm. “Als Fluchtwagenfahrer lernt man nicht nur besonders sicher zu fahren, sondern, man lernt auch zu warten. Das allerwichtigste, was du als Fahrer können mußt ist warten, ruhig und gelassen warten. Du weißt nicht, was in der Bank vor geht, verstehst du. Alles, was du weißt ist, dass deine Kollegen schwer bewaffnet in diese Bank hinein gegangen sind und dass sie von dir erwarten, dass du fahrbereit vor der Türe stehst, wenn sie wieder heraus kommen. Die Frage ist nur wie werden sie hinauskommen. Ruhig, zielstrebig, die Umgebung musternd, oder schreiend und schießend; werden alle wieder herauskommen? Was, wenn du plötzlich Polizeisirenen hörst.
“Was tut man als Fluchtwagenfahrer, wenn man plötzlich Polizeisirenen hört?”
“Nichts. Du tust nichts. Alles andere wäre verdächtig. Du bleibst ruhig in deinem Auto sitzen und beobachtest die Situation und erst wenn du wirklich ausschließen kannst, wirklich und letztendlich ausschließen kannst, dass noch irgendjemand deiner Kollegen da rauskommt, legst du den Gurt an, drehst die Zündung, Blinker setzen, umschauen und los. Keine schwierige Situation, schwierig ist es nur solange nichts passiert, solange du in deinen Auto sitzt und wartest. Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Es ist wichtig den Kopf leer zu halten. Auf keinen Fall darfst du damit beginnen dir vorzustellen, was wohl im Inneren der Bank passiert. Das macht dich nur nervös, schwitzige Hände, kauen auf der Lippe. Es steigert sich dann immer weiter. Dein Gehirn sucht sich in der Vorstellung ein Problem, das Gehirn ist Problemsüchtig, und wenn es ein Problem gefunden hat, dann konstruiert es um dieses Problem ein noch viel größeres Problem und um dieses ein noch viel größeres Problem, einen erstaunlichen Turmbau der Probleme, bis in den Himmel hinein, solange bis sich endlich das hinterhältige Gefühl der Ausweglosigkeit einstellt. Kurzer, schneller Atem. Deswegen ist es wichtig den Kopf leer zu halten. Leer halten heißt nicht unbedingt nichts zu tun. Das Gehirn ist wie ein kleiner Hund, du musst es nur beschäftigen. Es nimmt alles an. Ein Koan vielleicht. Ich habe mir eines aus einem Buch herausgesucht, das mir Abel einmal zum Geburtstag geschenkt hat. Es lautet: “Goso sagte: Am Beispiel erläutert ist es so, als ob eine große Kuh durch ein vergittertes Fenster ginge. Hörner, Kopf und die vier Beine sind schon durch. Warum kann ihr Schwanz nicht auch noch durchkommen?” Gosos Kuh hat mir über so manchen Überfall hinweg geholfen. Gosos Kuh ist sozusagen meine heilige Kuh. Verstehst du?”  Ich glaube, Rick ist ein verdammtes Arschloch, denke ich.
“Wenn ich dich bitten würde, mich aussteigen zu lassen, würdest du es tun?”
“Der Erleuchtete sagt: Er hat mich beleidigt, er hat mich betrogen, er hat mich geschlagen, er hat mich beraubt.
- die frei von Haßgedanken sind, finden gewißlich Frieden.”
Ich glaube ich habe recht. Schade eigentlich, denn ich hatte gehofft ich würde ihn mögen.

(Fortsetzung folgt)