Archive for Dezember, 2009

Neujahrs Plan Sprache

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

Nun hat sich also auch unsere Bundesschwanklerin an das Volk gewendet. Ruhig, langsam und bedächtig hat sie sich an die vielen gewendet, die sie eben nicht gewählt haben, sehr langsam hat sie gesprochen, vielleicht so, wie man mit einem kleinen Kind spricht, das einen womöglich nicht versteht, weil es ja noch so klein ist, oder das man ruhig halten möchte  bevor es gar zur nörgeln oder zu quengeln beginnt.
In bewährter Weise hat sie uns eingekohlt, die Hände haben sich gegenseitig festgehalten, damit sie nicht in die gewohnte Mr. Burns Haltung verfallen, eine Angewohnheit deren Interpretation ich dem geneigten Leser überlassen möchte. Bereits zum fünften male, dies zu erwähnen läßt sie sich gleich zu Beginn nicht nehmen, können wir ihren weisen Worten lauschen, dem fahlen Sing Sang der Vertuschung, Täuschung und feinkleinbürgerlicher Doppelmoral, die zum untrüglichen Erkennungszeichen der  CDU-Machtgetiere geworden ist. Dann folgen, quasi zur Legitimierung des, wie sie es nennen, unblutigen Sieges des Kapitalismus sentimentale Erinnerungen an den Fall der Mauer.
Erlaubt sei dies Wiki-Zitat:
Merkel war weder Mitglied der SED noch einer der Blockparteien, aber auch nicht in der zivilen bzw. der kirchlichen Opposition aktiv, die sich nach der KSZE-Konferenz von Helsinki seit 1973 bzw. im Rahmen der Aktion Schwerter zu Pflugscharen seit 1980 gebildet hatte. Nach Angabe ihres damaligen FDJ-Gruppenleiters Hans-Jörg Osten war Merkel während ihrer Zeit an der Akademie im Sekretariat der FDJ-Grundorganisation bei ihrem Institut für Agitation und Propaganda zuständig.Sie selbst äußerte dazu: „Nach meiner Erinnerung war ich Kultursekretärin. Aber was weiß ich denn? Ich glaube, wenn ich 80 bin, weiß ich gar nichts mehr.“Diese Tätigkeit hat ihr laut einem Interview mit Günter Gaus aus dem Jahr 1992 Spaß gemacht.
Ja und da ist es schon das große Wort: Freiheit. Habt ihr´s gehört Mitbürger. Die Freiheit, die uns tragen soll angesichts der Aufgaben, die uns nun abverlangt werden, nachdem man große Teile des Gemeinwohls gewissenlos verkauft und die wahren Besitzer eben dieses Gemeinwohls an die eigenen Gönner verraten hat. Aber, so können wir weiter hören, es beginne nun ein neues Jahrzehnt, in dem sich vieles für unser Land entscheiden wird. Hoffentlich nicht von Ihnen, Frau Merkel, und ihren Getreuen. Hört, es wird sich entscheiden wie wir Gerechtigkeit und (jetzt ganz Dicke) Menschlichkeit in einer Welt schützen, die (böse böse Welt) Unrecht, Gewalt und Krieg nicht völlig zu bannen mag. Das ist an Heuchelei nicht zu überbieten und es drängt sich die Vermutung auf, dass Frau Merkel an jenem Institut für Agitation und Propaganda doch was gelernt hat. Was für eine lächerliche Verdrehung der Fakten, was für ein billiger, blödsinniger rethorischer Kniff. (Ja, man muss nur ruhig und leise mit den kleinen Kindern sprechen). Vielleicht nur ein kleines Argument, wenn es gestattet ist, zu Füßen der Frau Kanzlerin eines Landes, das zu den größten Waffenexporteuren der Welt gehört. Ja ja ja, das is ja so naiv.
Und dann kommen Erkenntnisse zur so genannten Finanzkrise, die schon Köhlersche Ausmaße annehmen. Wer soll denn diesen Unsinn noch glauben, Entschuldigung, diesen Versprechen, nach denen nun neue Regeln aufgestellt werden sollen, die das Zusammenballen von Maßlosigkeit und Verantwortungslosigkeit verhindern sollen. Jene Regeln, die eben dieses Zusammenballen erst möglich gemacht haben, sind doch nicht vom Himmel gefallen, sondern sind von genau den Menschen an die Politik verkauft worden, die nach wie vor mit Steuergeldern bezahlt weiter ihr Süppchen kochen. Das Investmentsüppchen an dem sie euch hie und da riechen lassen. Und wenn Sie dann von dem guten Geist des Zusammenhalts sprechen, Frau Merkel, den Sie in diesem jahr der Krise erfahren haben fällt es nicht schwer zu deuten, wie das zu verstehen ist. Und wenn Politiker in Wir-Form sprechen, dann ist das die höfliche Vertuschung der bereits gefassten Pläne die Menschen weiterhin um ihr noch so kleines Glück zu betrügen.
Wörtlich heißt es da: Wir alle können uns fragen, wie wir langfristiger denken können – in der Wirtschaft, bei den Finanzen, in der Sozial- und Integrationspolitik, nicht zuletzt aber auch, indem wir noch mehr in unsere Bildung investieren.
Das ist doch interessant und läßt die Pläne durchschimmern. Wer ist denn das Wir, das nun in Wirtschaft, Finanzen, Sozial- und Integrationspolitik, sowie in Bildung investieren soll. KLAMER AUF heißt das gar Mehrwertssteuer rauf für die Finanzen und die Wirtschaft, weitere Gebühren für die notwendigen Leistungen der Kommunen, und rauf mit neuen Beiträgen für Unis oder auch Schulen etc etc etc. KLAMMER ZU
Wenn das die Pläne sind will ich nur hoffen, dass Sie nicht die Dreistigkeit besitzen ein sechstes Mal auf unseren Bildschirmen zu erscheinen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Familien ein erfülltes, ein glückliches und ein gesegnetes Jahr 2010

Weihnachts Wahn Sprache

Freitag, Dezember 25th, 2009

Zwischen Weihnachtsbaum und deutscher Flagge sitzt adrett, herausgeputzt, hübsch anzusehn, fein unser Herr Bundespräsident. Horst Köhler richtet sonor das präsidiale Wort an seine Landsleute, seine lieben, wie er sagt. In weihnachtlicher Ruhe und Geborgenheit, sagt er, kämen wir, die Landsleute, zur Ruhe und würden, wie er meint auf das abgelaufene Jahr blicken. Abgelaufene Wahlen, ausgelaufene Rettungsfonds, vollgelaufene Tresore, und übergelaufene Auftragsbücher der Impfstoffhersteller, ausreichend schimpfstoff für wahr für ein Jahr. Was für ein Jahr?
Ein kurzer Schock zuckt durch sein Gesicht, eine Garantie für Sicherheit und Unversehrtheit, so sagt er, gäbe es nicht. In Winnenden starben grausam 15 Kinder durch die Hand eines Kindes. Wir können´s nicht, so sagt er, verstehen. Nein, können wir nicht. Wir haben weder ihre Leichen noch die der Kinder aus Kunduz gesehen, die angemessen unangemessen an kriegsähnlichen Umständen starben, die armen. Doch nichts für ungut den Soldaten und Innen ein Weihnachtsgruß, stillgestanden, für unsere Freiheit, einig sind wir, so wie im Recht, dass dort die Demokratie aufblühen muss. Nach 8 Jahren: heiterer Wahlbetrug, Fälschung, Lügen und Hass, aber von blühenden Landschaften verstehen wir was.
Achtsam leben, das heißt auch, so sagt er, sich für eine gerechte Ordnung einsetzen, hört hört, bei uns, jawoll, und in der Welt. Da gibt es noch viel zu tun, so hören wir, hat er erkannt. Ehrbarkeit und bessere Regeln in der Finanzwirtschaft mahnt er an, der Mann aus den christlichen Reihen. Zucken werden sie die Herren, läßt man ihnen solch harte Worte angedeihen. Die Systemrelevanten, die Hebeldrücker, Speichellecker, die Kapitalvollstrecker, greifen ungerührt weiter ins volle und treiben´s dolle wie eh und jeh auf dem Rücken der Kleinen und meinen ihr Gieren und Geifern sei Recht und das Jammern des Volkes nur billig. Aber für wahr, wie man so sagt, wie sind außer Gefahr denn die Erkenntnis des Herrn Köhler lautet wir brauchen Verständnis dafür, dass Geld den Menschen dienen muss und sie nicht beherrschen darf. Völker hört die Signale. Recht hat er, der Mann, und es kommt der Tag da die Völker erkannten, dass sie sie nicht mehr brauchten die systemrelevanten Onkels und Tanten. Und so stimmen wir einig mit dem Staatsoberhaupt ein:
Wir hatten gemeinsam Freude an der Erinnerung an den Mauerfall vor zwanzig Jahren.“Wir sind das Volk!”
Ja
Der Ruf von damals ist bis heute Auftrag für jeden von uns.
So sei es.
Denn die Demokratie, das sind wir alle. Und wir können alle etwas tun für unser Land.
Dann wäre der Vorschlag: Nehmen wir den Verursachern, die schachern, die Macht aus der Hand und nageln sie an den Geboten jenes Heilsbringers fest, dessen Geburt sie angeblich feiern.

Das schafft Vertrauen. Und jeder von uns kann dazu beitragen.

Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr Ihnen allen.

Hier zum Nachlesen

Wahrheiten BeKunduz

Dienstag, Dezember 15th, 2009

Nach seiner Vereidigung
saß der Minister für Verteidigung
fleißig über all den Fakten
über den Krieg
über den Akten
kam dann zu einer, wie er sagt, Bewertung
was konnte er schon mehr tun
nannte, was er kannte angemessen
schlug die Akten Fakten zu und ging zum Essen

Doch im Ministerium
Ging der Geruch von Mord und Totschlag um
Man munkelte, dass aus den Akten
Arme, Beine, Füße, Köpfe
von Männern und von Kinder ragten
so änderte man, wie er sagt, die Bewertung
was konnte man schon mehr tun
setzt vor das angemessen flux die Silbe un
und ließe lieber die Sache still auf sich beruhn

Doch was selbst Verteidigungsministerchristen wissen müssten
dass selbst wenn man Verteidigungsministerprivilegien genießt,
dass selbst wenn sich Verfassung und Anstand gleichzeitig verpissten
dass es selbst Im Krieg Mord ist, wenn man auf Zivilisten schießt

So ist der Minister der Verteidigung
das Ministerium der Verteidigung
für die Verteidigung
schlicht
eine Beleidigung

Obama und der Nobelpreis

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

Es ist übrigens wohl auch ein Zeichen einer Kultur und ihrer Werte, wie diese mit ihrer Sprache umgeht, wie sehr sie sich diese verdrehen lässt, wie sehr sie die Achtung vor Tönen und zwischen Tönen achtet.
“Dass Gewalt manchmal notwendig ist, ist kein Zynismus, sondern Anerkennung historischer Tatsachen.” so Obama
Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Obama ist ein unglückseliger Kniefall der so genannten Realisten, Rationalisten vor dem selbsterschaffenen Schicksal der Notwendigkeit des Krieges.
“Krieg ist manchmal notwendig” so der Preisträger, den man vielleicht nicht ausschließlich im Vergleich mit Bush sehen darf und deswegen schon froh ist. Was hier passiert ist, ist nichts weiter als ein weiterer Schritt in der verlogenen, hofknicksartigen Strategie den Krieg salonfähig zu halten und um, ja man muß es so deutlich sagen, weiter daran zu verdienen. Es ist ein bedauernswerter Schlag ins Gesicht der meisten bisherigen Preisträger und vor allem der Idee des Preises. Obama und das Komitee mögen sie sich noch so rhetorisch winden haben den Preis hiermit aufgegeben, denn er gebührt ausschließlich den Utopisten, den Aufrechten, die trotz aller verdammter Vernunft an eine Welt ohne Krieg glauben.
Wiki: Der Friedensnobelpreis ist eine Kategorie des von dem schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel gestifteten Nobelpreis. Nach Maßgabe des Stifters soll er an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 5

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

“Mann, Mann, Mann sieh dich nur an. Hey, was ist mit dir los? Du solltest mal dein Gesicht sehen. Das müssen ja höchst tragische Gedanken sein, was, schwermütige Erinnerungen. Na, hast du vielleicht irgendwann, irgendwo eine prächtige Chance verpasst, Max.” Rick drehte seinen Kopf nicht zu mir während er sprach. “Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir da.”

Als Patur nach einer Woche wieder zu mir kam um Mr. Sandman abzuholen brachte er eine besonders gute Flasche Rotwein mit, eine wirklich vorzügliche Flasche. Ich weiß nicht, ob sie nun objektiv wirklich so außerordentlich vorzüglich war, oder ob ich sie mir in meinem Kopf so vorzüglich machte, weil mit ihr der Abschied von Mr. Sandman gekommen war. (Eine Flasche Wein objektiv zu beurteilen, überhaupt objektiv beurteilen zu wollen, ist natürlich vollkommener Unsinn. Es gibt überhaupt keine objektive Flasche Wein. Eine Flasche Wein ist etwas allerhöchst subjektives. So subjektiv wie irgend möglich. In etwa so subjektiv, nein, unter allen Umständen bestimmt so subjektiv, variabel, chamäleonartig, unhaltbar, leicht schwindend, neckisch, illusorisch und so wunderbar einfach befriedigend wie ein Orgasmus.) Ob die kleinen Pillen in dem Fläschchen tatsächlich so gifig, oder aber überhaupt giftig waren, weiß ich bis heute nicht. Es steht aber zu vermuten das nicht.
Die Woche mit Mr. Sandman war nicht halb so aufreibend wie ich zunächst gedacht habe. Natürlich hatte ich mir vorgestellt nun Abend für Abend mit dem kleinen braunen Fläschchen zusammen zu sitzen, es immer und immer wieder in meinen Händen zu drehen, vielleicht sogar zu öffnen, kurz daran zu riechen, versunken in rücksichtslose Betrachtungen über den möglichen Sinn beziehungsweise Unsinn meiner Existenz, aber das geschah nicht. Ich stellte Mr. Sandman einfach zu den Gewürzen in den Schrank und dort blieb er unberührt die ganze Woche stehen, so als sei er nichts weiter als etwas, von dem man nicht mehr weiß, was es ist, seit es das Etikett verloren hat, das man aber vergisst wegzuschmeißen, weil es irgendwie schon immer da stand, wo es steht und man es vermissen würde, wenn es plötzlich nicht mehr dort steht und einem befremdlichen Leerraum Platz macht.  Ach, das klingt so herrlich souverän, so als wäre nichts selbstverständlicher als die Freiheit die angeborene Sehnsucht nach dem Tod einfach in den Küchenschrank zu den anderen Gewürzen des Lebens zu sperren.  Die Freiheit der Gedanken ist zuallererst die Freiheit zur Täuschung, insbesondere der Selbsttäuschung im inneren und der darauf folgenden Vortäuschung  einer dem eigenen Wesen entfremdeten Person nach aussen; mit anderen Worten eine Entwesentlichung des eigenen Ichs zugunsten einer schleichenden Verwesung, hingegeben an den komischen Glauben an die Bedeutsamkeit des täglich alltäglichen Ringelreihens mit Anfassen, naja und unter den Umständen kann man schon mal an so einem kleinen braunen Fläschchen riechen. Es riecht nach nichts. Ich hatte mir so gewünscht, dass der Tod einen Duft hat.
Ich hatte es also nicht in den Küchenschrank gestellt, obwohl ich es mir vorgenommen habe, aber der Küchenschrank war noch innerhalb einer von mir vorgestellten Bannmeile, die mich vor Mr. Sandman bewahren sollte. Genau genommen habe ich das Spiel gar nicht mit gespielt. Ich habe das Fläschen in meinem Probekeller hinter die Bierkästen gestellt und den Probekeller die ganze Woche über nicht aufgesucht. Das habe ich allerdings Patur nicht erzählt. Ich dachte wohl, das hätte ihn enttäuscht und ich wollte unser kleines Duo nicht aufs Spiel setzen. Ich schätzte das musizieren mit ihm sehr. Die Auftritte mit ihm hatten immer für mich einen Wert, einen echten Wert eben. Sie waren immer wieder etwas besonders, weniger wegen mir, sondern weit mehr wegen ihm, weil er sich jeden, aber auch jeden Ton immer wieder neu erarbeitete, weil er keinen, nicht einen einzigen Ton für selbstverständlich erachtete, weil er sich der Musik unterwarf und sie nicht zu seiner Selbstdarstellung missbrauchte. Sein Anliegen war ein ernsthaftes Anliegen einem Musikstück gerecht zu werden, ihm zu huldigen, mit ihm zu verschmelzen. Patur sang die Lieder nicht einfach, nein, er ließ sie entstehen, immer wieder aufs neue entstehen, so als würden sie in dem Augenblick, in dem sie seine Lippen verlassen geboren.
Ich kann mich an einen Abend vor ca. zwei Monaten erinnern. Wir spielten in einer hübschen kleinen Bar in Salzburg. Es war der Geburtstag des Barinhabers, Charles to Savour, eigentlich hieß er Karl, ein schräger Typ, der sich mit dieser Bar und zwei afrikanischen Nutten, die er beide liebte, wie er sagte, über die Kokainexzesse der 80ger gerettet hatte. Es gab keine Gage. Kost und Logie.
Unser Auftritt war schon längst beendet. Die meisten Gäste hatten sich in ihren Rausch zurückgezogen und die Reibung an der Realität kostete sie immer mehr Kraft, die sie vielleicht noch der Pflicht entnehmen konnten ihren jeweiligen Rollen gerecht zu werden. Ich hatte mich gerade in den hinteren Teil der Bar an einen Ecktisch zurückgezogen und arbeitete an einer Position, die mir etwas Schlaf ermöglichen würde, als sich Patur zu mir setzte. “Einmal mein lieber Max, einmal nur für mich, bitte.”
“Hör mir gut zu mein Freund, mir ist kotzübel, ok, also und aus diesem kühlen Grunde werde ich mich jetzt auf die Toilete begeben und ins Klo brüllen, so wie ich noch nie ins Klo gebrüllt habe. Dann werde ich mir den Mund ausspülen, die Hände waschen und an die Bar gehen, um zu sehen, ob ich noch einen Espresso bekommen kann. Und dann, mein lieber Patur, und dann, ja, dann, werde ich mich mit meinem Espresso an das Klavier begeben und dir diesen einen Gefallen tun, um deinetwegen, bitte sehr, oder meinetwegen, bitte sehr oder auch immer, für wen, verstehst du das?”
Patur nickte. “Gut, dann los.” An die Details der nun auf der Toilette folgenden eruptiven Entleerung meines Körpers kann und will ich mich nicht mehr erinnern. Jedenfalls muss sie derart heftig gewesen sein, das ich mich mit meinen Armen gegen die Klowände sperrend einklemmen musste um nicht nach hinten über zu kippen. Außerdem hatte ich am nächsten Tag unter einer Art Muskelkater im oberen Bauchbereich zu leiden.
Rick blickte weiter starr auf die Straße. Mit diesem Gesicht hätte er ein wunderbarer, ein unheimlicher Pantomime werden können.
Dann klangen die ersten Töne in mir auf. Das war es, ja, das war es, so mußte es Abel ergehen, wenn er das Klavierkonzert in sich auf klingen lässt, kurz vor einem Banküberfall, oder wenn er die Waffe hebt, wenn es darum geht sich zu sammeln.  Ich legte meine Handflächen auf meine Oberschenkel und lauschte. Erst nur ein kleiner Lauf, sich wiederholend wie ein sentimentales Selbstzitat und dann nur ein kurzer Auftakt, an sich sich sofort Paturs stimme schmiegte.
“Maybe this time……..”
Ich weiß nicht wie viel Mühe und Hingabe es ihn gekostet hat sich diesem Titel aus Cabaret gefügig zu machen, für ihn einen Atem zu finden, damit seine rauhe, zutiefst männliche ihm Stimme gerecht würde, und ja, mein Gott, es gelang ihm. Es war wie ein Wunder. Es war als wäre dieser Titel diese unbändige Kraft nicht für die einzigartige Liza Minelli geschrieben worden, für ihre grandiose Stimme, ihre großen Augen, die der Welt alles abverlangten, sondern für ihn, für Patur, diesen gestrandeten Nordmenschen, mit seinen kleinen traurigen Augen, die aber jetzt, jetzt wo er zum Schöpfer dieses Liedes wurde, sich jetzt über all den Alkohol und die Drogen hinwegsetzten und ebenso strahlten wie ihre.

Ich gab ihm Mr. Sandmann zurück. Wir tranken diese vorzügliche Flasche Rotwein, genossen sie und Patur stand auf, bedankte sich und verschwand. Nein, die Pillen war nicht giftig. Wie ich hörte ist er irgendwo in Norwegens Fjorden ins Wasser gegangen, singend, denke ich.