Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 2
zu Abel Kapitel 2 - Teil 1
zu Abel Kapitel 1
Auf meinen Zehen, dicht unter dem Nagelansatz wachsen Haare. Ich bin ein verdammter Hobbit. Keine Ahnung wie lange ich unter der Dusche gestanden habe, Tatsache war, dass ich hier nicht für den Rest des Tages stehen konnte, selbst wenn ich wollte.
Abel studierte die Landkarte und zeichnete verschiedene Wahlkampfveranstaltungen der Parteien ein. Noch hatte er kein festes Ziel.
Ich drehte das Wasser ab und schlüpfte in meinen alten Bademantel. Ich könnte mich auf die Couch setzen und in den Fernseher starren. Dort könnte ich den Rest dieses beschissenen Tages verbringen. Hier vor dieser beschissenen Kiste mit dem gesamten beschissenen Wahnsinn einer Welt, von der ich sowieso kaum mehr etwas verstand. Seit 30 Jahren “Willkommen im Plastik-Grinse-Wunderland”. Ich konnte schon Hännschen Rosenthal nicht leiden. Der erste Grund die Hauptquartiere der diversen Programmanbieter in guter alter Manier in Brand zu stecken ist deren Unverschämtheit die Werbeunterbrechungen lauter zu senden als den, neudeutsch, Content. Von Inhalt kann auch kein Mensch reden. Wenn mich auf der Straße jemand so unvermittelt anbrüllen würde, hätte ich wahrscheinlich große Lust ihm eins aufs Maul zu hauen. Überhaupt hatte ich große Lust irgend jemanden eins aufs Maul zu hauen. Scheißegal. Am meisten aber hatte ich Lust diesem arroganten Bullen die Nase zu brechen. Martin Ehrenbacher, was für ein bescheuerter Name. Martin Ehrenbacher ist ein ehrenwerter Mann.
Am liebsten würde ich schlafen, mindestens bis Morgen früh. Was hatte ich schon davon diesen Tag abzusitzen.
Vielleicht hatte ja Tadewi zurück geschrieben. Wie lange war der Typ jetzt im, wie er es nannte, Urlaub. Naja selbst Dealer machen Urlaub. Keine Mail von Tadewi, kein Gras. Auch egal. Ich öffne einen Browser und klicke ebenso lustlos durch die Lesezeichen, wie ich durch die Programme zappe:
Spiegel-Online: Frankfurt am Main - Die Konjunktur wird sich schneller erholen als erwartet, darüber herrscht in Expertenkreisen inzwischen Konsens. So rechnet die Deutsche Bank nach den jüngsten positiven Konjunkturmeldungen inzwischen mit einem Wachstum von 1,4 Prozent im kommenden Jahr, nachdem sie zuvor 0,4 Prozent prognostiziert hatte, berichtet die “Frankfurter Rundschau” … bla bla bla, Arschlöcher.
Im Supermarkt der Ideen gibt es pralle Früchte aus dem Gewächshaus. Das Pestizid gegen informativen Journalismus heisst Klicks Klicks Klicks.
Die Süddeutsche bemüht sich und schreibt von der großen W-Gefahr: Weltuntergang verschoben, doch der nächste Absturz kommt: Der derzeitige leichte Aufschwung trägt sich nicht selbst. Möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, ist eine erneute Rezession - im kommenden Jahr. .. aha. darunter das Angebot an weiteren Artikeln, als da wäre:
Prognosen nach oben korrigiert - Plötzlich wieder Aufschwung
Konjunktur - Die Rezession ist vorbei
Vereinigte Staaten - Und plötzlich fehlen neun Billionen Dollar
Ende der Rezession - “Abwärts im Fahrstuhl, aufwärts per Rolltreppe”
bla bla bla
Und die Bild fand RAF Terroristin Verena Becker und fragt: Haben Sie Buback erschossen.
Ich müßte grinsen, lasse es aber und ziehe es vor in der Nase zu bohren. Ich wechsele zu last.fm und lasse einen Dresden Dolls Titel laufen. Großartig. Die Laune bessert sich etwas. Pling. Eine Mail von Hardy. Ob ich ihn morgen im Holiday Inn vertreten könnte. Vier Stunden Bargeklimper zum Standardsatz. Ich habe keine Lust, zu wenig Geld. Ich willigte ein. Scheiß drauf, ich geh jetzt an die Isar spazieren. Ich klappte den Laptop zu, zog mir eine Jeans an und streifte mir ein T-Shirt über. Ich musste mich beruhigen, mich wieder mit der Normalität in Einklang bringen, damit nicht plötzlich alles stehen bleibt, oder auseinander fällt. Alles ist aus Bruchstücken zusammen gesetzt, alles, was ich mein Wissen nenne ist nicht mehr als die Fähigkeit das eine Bruchstück vom anderen ab zu grenzen. Auf der Treppe begegnete mir der alte Mann mit seiner alten Hündin. Beide schnaufen. Zum Glück ist alles nur von begrenzter Dauer. Nichts wie raus. Immer weiter, flussabwärts, immer weiter, bis ans Meer, immer weiter über das Meer, und dann irgendwo auf dem offenen Meer in das Meer, hinunter in eine alles vergessen machende Dunkelheit.
Wie kann es sein, dass alles worüber ich zu staunen noch in der Lage bin, in der Tatsache besteht, dass ich jeden morgen wieder aufwache. Ich wache jeden morgen wieder auf, obwohl dazu überhaupt keine Veranlassung besteht. Die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit mag vielleicht einen Fortschritt in der eigenen Entwicklung bedeuten (So zumindest die landläufige, gut klingende, und daher meist unüberprüfte Meinung), aber sie rettet einen keineswegs davor jeden Tag aufs neue in der Umklammerung der eigenen Unzulänglichkeiten aufzuwachen und den größten Teil seines Tages damit zu verbringen sich und den Rest der Welt darüber hinweg zu täuschen. Das Leben ist über weite Strecken zunächst nichts weiter als eine Aneinanderreihung von kalendarischen Ereignissen von denen man weiß, oder die man sich wünscht und die eintreten oder nicht, oder von anderen ersetzt werden, die im Nachhinein in die Logik der Reihe der Ereignisse eingepasst werden. Wir können nicht ein Teppichmesser nehmen und in die Realität hineinschneiden, um zu sehen, was wohl dahinter ist, wenn etwas dahinter ist, etwas, dass uns versöhnt mit dem andauernden Ertragen der eigenen Unzulänglichkeit, um zu sehen in welcher Farbe die Realität blutet. Und wenn wir dahinter doch nur stinkende Eingeweide finden, die uns verdauen, ausscheiden und wieder aufnehmen. Ganz bestimmt finden wir dahinter lediglich Eingeweide, die uns verdauen, ausscheiden und wieder aufnehmen und warum sollte uns das nicht mit dem Ertragen der eigenen Unzulänglichkeiten versöhnen. Wir sind die Nahrung der Welt. Klingt doch gut. “So you run and you run to catch up with the sun but it’s sinking. Racing around to come up behind you again. The sun is the same in a relative way but you’re older, Shorter of breath and one day closer to death. ¹”
Dennoch wäre es schön in irgend einer Form bedeutend zu sein, denn dann ist es sicher einfacher sich mit der Normalität in Einklang zu bringen, weil sich die Normalität und das eigene Empfinden von sich selbst dann gegenseitig bestätigen, weil deine Worte dann eine selbstverständliche Entsprechung in deiner Realität finden und dein Vokabular endlich unmissverständlich ist.
Zwischen mir und dem Meer lag die Stadt, also ging ich Flussaufwärts. Das Licht würde nun bald das Weiß des Sommers verlieren. Tag für Tag würde sich nun mehr und mehr ein gelber Unterton einschleichen, ein erdiges Gelb. Die Bäume standen noch in vollem Grün und die Menschen zelbrierten noch immer die strahlende Sonne, aber, und das war deutlich zu spüren, die Stadt atmete langsam den Sommer aus. Ich freute mich auf den Herbst, auf etwas Abkühlung. Mein Spaziergang führte mich weiter und weiter aus der Stadt hinaus, immer am Fluss entlang. Mich beruhigen? Mit der Normalität in Einklang bringen? Wie sollte das gehen, nach all dem, was passiert war? Es musste doch für all das eine Erklärung geben, eine verdammt noch mal schlüssige Erklärung. Warum hatte mich Abel überhaupt angesprochen? Ich war doch eine wildfremde Person. Irgendeiner unter all den Gästen. Sah ich so aus, als ob ich unbedingt seine Bekanntschaft machen wollte, oder sah ich einfach nur so aus, als ob mir langweilig wäre und etwas Unterhaltung gebrauchen konnte. Zunächst glaubte ich, dass es sich einfach um einen streunenden Trunkenbold handeln würde, der auf der Suche nach ein paar Drinks durch die Kneipen streift. Aber dem war nicht so. Er hatte Geld. Wie auch immer ich es drehte und wendete, ich fand keinen Ansatzpunkt. Sicher war nur, dass sich die Polizei für ihn interessierte. So sehr ich es mir auch wünschte, ich fand weder Ablenkung noch Ruhe. Also drehte ich wieder um und machte mich auf den Heimweg. Ich würde schon irgend eine Möglichkeit finden den Tag rum zu bringen, mich abzulenken, mich…… was auch immer,….ich könnte zum Beispiel…….
Es wurde nicht notwendig weitere Pläne zu fassen. Als ich um die Ecke bog, sah ich Mia. Sie hockte vor meiner Haustüre und sah fürchterlich aus.
¹Roger Waters
(Fortsetzung folgt)