Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 4

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Sie konnten eigentlich überall in Deutschland zuschlagen. Die Auswahl an Veranstaltungen ist reichlich. Abel ging es sicher nicht darum eine bestimmte Partei zu erwischen. Es gab unter ihnen keine kleineren oder größeren Lügner. Abel wollte kein Programm in der Luft zerreissen, ein bestimmtes Opfer schaffen; Abel ging es, so hatte er es gesagt, darum den Schmutz herausbluten zu lassen. Die veröffentlichte Politik war für ihn der Verrat am Volk, der Zynismus der Macht gegenüber den Menschen auf der Straße, jedem einzelnen. Demos, das Volk, die Gemeinde gegen die Plutokraten. Abel hatte nicht vor gnädig zu sein und wie ernst er es damit meinte würde ich am eigenen Körper zu spüren bekommen.
Mia kam aus dem Bad. Sie trug mein altes Supertramp T-Shirt. Stand ihr gut. Rauchende Fabrikschlote und ein Mann auf einem Liegestuhl unter einem Sonnenschirm. “Crisis what Crisis” Ich war gerade 8 Jahre alt als das Album rauskam. Mir ist es dann wohl erst Jahre später über den Weg gelaufen.
I hear, only what I want to hear,
But, I have to believe in something,
Have to believe in just one thing.
I said father washington, you’re all mixed up,
Collecting sinners in an old tin cup.
Well, spare a listen for a restless fool,
There’s something missing when I need your rule.

“Bekomme ich jetzt wirklich einen Kaffee?”
“Is gleich fertig.”
Mia setzte sich neben mir auf die Couch. Ihr Gesicht sah nach wie vor zerschunden aus, lediglich das Rot der Tränen war verschwunden.
“Bist du ernsthaft verletzt, sollen wir in ein Krankenhaus fahren? Ich könnte…..”
“Nein, laß. Is nich so schlimm.”
Ich stand auf und ging hinüber zur Küchenzeile. Meine Wohnung war nicht besonders groß. Sie erfüllte ihren Zweck.
“Milch und Zucker?”
“Schwarz”
Ich überlegte, ob ich ihr von meinem morgendlichen Besuch erzählen sollte. Besser nicht. Zunächst wollte ich herausbekommen, was ihr passiert war. Auch die SMS werde ich zunächst für mich behalten. Ich schenkte uns beiden Kaffe ein und stellte die beiden Becher auf den kleinen Tisch vor der Couch. Mia strich sich die Haare aus dem Gesicht. “Ich mochte das Crime of the Century Album lieber.” Sie griff nach ihrer Tasse, “Vielleicht nur, weil ich es öfters gehört habe.”, nahm einen kleinen Schluck, “huch, puh, heiß” setzte den Becher wieder ab und lächelte. Ich antwortete nicht. Das war wohl kaum der rechte Zeitpunkt für Fachsimpelei über Supertramp Alben. Mia blickte ins Leere.
“Möchtest du vielleicht einen Eisbeutel, ich meine für deine Backe” Mia winkte ab. “Wenn du möchtest kannst du natürlich so lange hier bleiben wie du willst. Falls du nicht in deine Wohnung zurück kannst. Ich weiß ja nicht…….”
“Is schon gut Max, ich werde dir erzählen was notwendig ist.”
“Ich wollte nicht aufdringlich sein.” Mia musterte mich und es war klar, dass sie überlegte wie viel von ihrer Geschichte sie mir zu trauen wollte, oder wie viel sie ohne größere Gefahr erzählen konnte. Allerdings dürfte ihr klar sein, dass ich mich nicht mit irgendwelchen Ausreden zufrieden geben würde. Immerhin hatte sie mich gestern Abend versetzt und wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre mir dieser unschöne Besuch heute morgen wohl erspart geblieben. Wir hätten einfach eine Flasche Rotwein gemeinsam getrunken und gut. Doch ich würde ihr Zeit lassen. Ich nahm meinen Becher zwischen meine zwei Hände, so als ob ich sie wärmen wollte.
“Darf ich?”
“In Anbetracht der Umstände.” Mia grinste. Sie hatte in der Brusttasche ihrer Jacke noch eine Zigarette. “Du weißt, ich hab kein Feuer.” Sie kramte sichtlich nervös in den anderen Taschen ihrer Jacke herum. Schließlich fand sie ein Feuerzeug und zündete sich die Zigarette an. Ich stand auf und holte ihr eine Untertasse als Aschenbecher. Sie zog genußvoll an der Zigarette. Sie schien sie tatsächlich etwas zu beruhigen.
“Wo soll ich anfangen?”
“Warum bist gestern Abend nicht gekommen?” Mia lehnte sich etwas zurück.
“Es wäre zu gefährlich gewesen. Ich war mir auch nicht sicher, ob es eine gute Idee ist dich einzuweihen. Jedenfalls bekam ich die Anweisung nicht zu erscheinen. Er wollte dich erst einmal alleine treffen.” Manchmal beneidete ich die Raucher um die Möglichkeit sich an etwas festhalten zu können. “Ich hatte ihm zwar schon viel von dir erzählt, aber er war sich nicht sicher.”
“Wer ist er?”
“Er ist sehr vorsichtig.”
Es sind immer alle Möglichkeiten gleichzeitig vorhanden. Jede einzelne kann sich das Vorrecht erstreiten einzutreten, Teil deiner Lebenszeit zu werden. Das gesamte kollektive Bewusstsein des Ganzen ist wertfrei. Es bevorzugt nicht diesen oder jenen Weg. Es steht weit über jedem Begriff von Schuld. Der Widerspruch ist eine Erfindung des Verstandes. Es ist ein einfaches Prinzip: Dir wird bewusst worauf du deine Aufmerksamkeit richtest. Du wählst. Jeder einzelne Gedanke ist wie ein Magnet. Er zieht ähnliche Gedanken an. Er formt ganze Ensembles ähnlicher Gedanken um sich, die sich nicht vom Verstand verdrängen lassen. Egal wie sehr sich dein Verstand gegen einen Gedanken wehrt. Eines Tages formuliert er sich und tritt dir in Form einer Entscheidung entgegen. Mia beugte sich zu mir vor. Sie stellte ihren Becher auf den Tisch. Ich konnte spüren wie sich der Raum um mich zusammen zog. Ich konnte spüren wie der Raum um mich herum einatmete. Sie nahm mir auch meinen Becher aus der Hand. Ich fügte mich in den Atem des Raumes und füllte meine Lungen mit Luft. Am Wendepunkt des Atems steht er still. Die Erde stoppt ihren Lauf. Die Zeit steht. So wie ein Ball, den man in die Höhe wirft am höchsten Punkt für einen Bruchteil dessen, was wir Zeit nennen bewegungslos verharrt. Alles ist in Ruhe und könnte auf ewig in dieser Ruhe verbleiben. Warum nicht? Dann wäre alles vorbei. Aber der Ball fällt. Im Anfang war das Wort. Der Raum atmet aus. Der Gedanke tritt ein. Mia ergreift meine Hand. “Ich weiß, was in Deinem Kopf vor sich geht. Wie oft haben wir darüber gesprochen Max.” Und “Siehe” spricht der Gedanke “ich nenne dich bei deinem Namen.” Ich fixiere ihre Augen und kann die Entschlossenheit sehen, die den Schmerz der letzten Nacht längst überwunden hat. “Du bist bereit. Lass uns noch heute Abend mit Abel treffen.”

(Fortsetzung folgt)

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