Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 5

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Die Zeit der Ausreden war offensichtlich vorbei. Jetzt würde es ernst werden. Um mich herum formten sich jene Umstände, die Ehrenbacher vielleicht später als die Ursache für mein Handeln bezeichnen wird und alles würde in seinen Augen darauf hinauslaufen, dass ich irgendwann Ende im Oktober letzten Jahres nachts an einer Strassenbahnhaltestelle gestanden bin. Von aussen betrachtet mag es auch so aussehen, aber das kann letztlich nur für Menschen interessant sein, die sich auf das Gesetz von Ursache und Wirkung verlassen. Der Rahmen von Ursache und Wirkung ist aber leider zu eng, um mein Handeln oder auch das von Mia und Abel zu erklären. Diese Entscheidungen schreiten durch Kanäle und Tunnel unter der staubigen Erdkruste. (Zudem bietet dieser Rahmen mit seinen künstlichen Kategorien von falsch und richtig kein Gerüst, kein Koordinatensystem mit dem sich ein schlüssiges Verständnis für das entwickeln ließe, was uns tagtäglich als die Notwendigkeiten einer vernünftigen Politik verkauft werden soll.)
Mias Augen taxierten mich genau. Sie hatte ihre Karten auf den Tisch gelegt. Abel hatte mich gestern Abend nicht zufällig angesprochen. Er hatte nicht zufällig von einem Anschlag gesprochen. Er hatte nicht zufällig über den Schmutz und das Blut referiert. Er wollte mich aushorchen. Für einen Moment war ich enttäuscht. Mia hält noch immer meine Hand. “Hab keine Angst, Max, hör dir einfach an, was er zu sagen hat. Niemand wird dich zu irgendetwas zwingen.” Ihre Hand war warm. Ich hatte Angst. Ich war nicht entschlossen. “Ich hab gehört, was er gestern gesagt hat, Mia, ich meine, gut, ich gebe zu, ich habe das alles erst für das wirre Geschwätz eines Betrunken gehalten, eines wütenden, verwirrten….”
“Er ist nicht verwirrt.” Mia griff auch nach meiner zweiten Hand. “Abel weiß, was er tut.” Sie hielt mich fest.
Wie angewurzelt blieb ich in dieser Nacht damals auf der Strasse stehen und blickte dem schwarzen Audi nach, der mit einem kraftvollen Brummen davon sauste. Es dauerte sicher einige Minuten bis ich mich damit abgefunden hatte, dass ich sie wohl nie wieder sehen würde. Alles was mir blieb war die Erinnerung an diese kurze Begegnung. Ich schloss die Augen und rief mir nochmals ihr Gesicht ins Gedächtnis, versuchte es irgendwo im Innen an einem ganz sicheren Ort zu speichern, irgendwo, wo ich es bestimmt immer wieder finden würde, wo es nicht einfach in den Mühlen der Abfolge von kalendarischen Ereignissen zermalmt wird. So wie man ein Foto, dass man auf eine ganz besondere Art wertschätzt, nicht einfach zwischen anderen Fotos in einem Kuvert, oder Album, in einem Schrank bewahrt, sondern diesem einen ganz speziellen Platz reserviert. Ich rechnete nicht im geringsten damit sie jemals wieder zu sehen. Wahrscheinlich war sie nicht einmal aus dieser Stadt. Ihre Freundin hatte etwas vom Flughafen gesagt und der schwarze Audi war sicher, so wie er aussah, ein Mietwagen. Verdammt, ich hätte mir wenigstens das Kennzeichen merken können, dann hätte ich wenigstens irgendeinen, wenn auch kaum hilfreichen Anhaltspunkt. Wie sollte ich denn den Besitzer des Wagens herausbekommen, und wenn es, wie ich annahm eine Mietwagenfirma war, warum sollten sie mir einen Namen oder gar eine Adresse geben. Darauf bestand nun überhaupt keine Aussicht. Also wäre es wohl besser sich damit abzufinden, dass es sich nur um eine kleine zauberhafte Begegnung handelte. Eine kleine Insel in meiner Biographie. Ein kleines liebenswertes Schmuckstück im Strom der Belanglosigkeiten meines Daseins. Ich wusste nicht einmal ihren Namen, ich…. . Plötzlich klingelte hinter mir ein Handy. Es riss mich mit einem Schlag aus meinen Gedanken. Erschrocken drehte ich mich um, aber da war niemand zu sehen. Das Handy war ganz deutlich zu hören, es musst irgendwo hier unmittelbar neben mir sein.

Mia legte meine beiden Hände in einander und vesrchloss sie mit den ihren. “Weißt du noch was ich damals gesagt habe”
Ich mußte nicht sehr lange suchen. Dort unter der Bank lag Mias kleiner schwarzer Rucksack. Sie hatte ihn vergessen, als ihre Freundin sie in das Auto zog. Ich starrte den Rucksack an, als würde es sich um ein kleines fremdes Tier handeln, das unaufhörlich um Hilfe rief und traute mich nicht nach ihm zu greifen. Es war weniger die Frage, ob ich das Recht hatte ihn zu öffnen, die mich davon abhielt, das Handy herauszuholen, vielmehr war es die Vorstellung, dass dieses kleine Tier entweder sofort davon flitzen würde, wenn ich es versuchte oder aber, dass ich mir einen schmerzhaften Biss einfangen könnte, wenn ich meine Hand hineinsteckte um danach zu greifen.
“Ich weiß, ich sehe fürchterlich aus, aber das hat damit nichts zu tun Max. Lass dich davon nicht einschüchtern.” Mias Lächeln ist ein Geschenk.
Das Handy hörte für einen kurzen Moment auf zu piepsen. Für etwas eine Minute war es still, dann fing es wieder an. Nach und nach gelangte ich zu der Überzeugung, dass das Gerät geradezu nach mir verlangte. Ich war sicher Mia würde am anderen Ende sein. Also stürzte ich mich auf das kleine Tier, öffnete es und wühlte zwischen allerlei Utensilien das Handy hervor. “Hallo!”
“Ist das der niedliche Mann von der Haltestelle.”

Ich erwiderte ihr Lächeln. “Du hast mich: der niedliche Mann, genannt.” Mia legte ihren Kopf etwas zur Seite.
“Bist du denn nicht niedlich?”
Ich blickte nervös um mich, so als hätte ich Angst bei einer Peinlichkeit ertappt zu werden.
“Was ist? Bist du das?”
“Ja,….äh ja. Ich war mir nicht sicher…..nun es ist schließlich nicht mein Rucksack.”
“Schon gut, schon gut. Nimm ihn bitte einfach mit. Ich melde mich wieder.” Ohne ein weiteres Wort hatte sie eingehängt

Die Zellen am Rand der Wunde auf Mias Stirn hatten wahrscheinlich schon ihre Arbeit aufgenommen diese wieder Stück für Stück zu schließen. Der Körper hatte einen Selbstheilunsprozess ausgelöst und am Ende würde wahrscheinlich nur eine leicht sichtbare Narbe bleiben und auch diese würde nach vielen Jahren unter Falten verschwinden und höchstens noch in ihrer Erinnerung bestehen.
“Komm bitte mit. Hör dir wenigstens an, was er zu sagen hat, welche Pläne er hat.” Die Sache hatte also das Stadium der Theorie schon verlassen. Es gab bereits einen Plan, vielleicht sogar schon einen roten Punkt auf einer Landkarte, jedenfalls mit Sicherheit einen Termin.
“Ihr plant tatsächlich eine Anschlag?” Das Lächeln verschwand aus Mias Gesicht. Es erlosch einfach, wie eine Erinnerung, die unwiederbringlich verschwindet. “Wie lange willst du dich noch anlügen lassen Max?” Am meisten Angst hatte ich wohl davor, dass es wahrscheinlich gar nicht so schwer sein würde mich zu überzeugen.

(Fortsetzung folgt)

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