Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 8

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Vielleicht fehlt den Menschen lediglich das Gefühl von rohem Fleisch zwischen den Zähnen, rohes, selbst geschlagenes Fleisch, um die albernen, abgeklärten Vorstellungen eines synthetischen Lebens angemessen zu relativieren.
15. September.
Die Kurzatmigkeit meiner Kindheit kehrt zurück. Beengte Atemwege, schmaler Luftstrom, abgeschwächte Sauerstoffversorgung, in der Folge zuweilen Antriebslosigkeit und Kopfschmerzen. In der Zeitung lese ich von einem Mann der 13 Jahre im Keller eines Mietshauses hing, dessen Selbstmord 13 Jahre lang nicht entdeckt wurde. 13 Jahre hat man ihn überall auf der Welt gesucht, nur nicht in seinem Keller. 13 Jahre hat man ihm unterstellt er hätte sich rücksichtslos aus dem Staub gemacht, um irgendwo vielleicht ein neues Leben zu führen, raus aus seiner Enge, raus aus den Zahnrädern, Fließbändern und den quälenden Träumen von einem besseren Leben; hinaus in eine lebendige Welt, in der sich der eigene Wille in einem klaren weißen Licht in scharfen Gedanken formuliert und über die Erde erhebt. Mein Wille geschehe. Er hatte sich aufgemacht ein Novize dieses weißem, klaren Lichts zu werden, hatte die Tür hinter sich zugeschlagen und hat es doch nur bis in den Keller geschafft, bis in die Schlinge, die ihn erstickte.
Die Sprechstundenhilfe gab mir ein Schreibbrett, auf dem ein Formular festgeklemmt ist und ich legte den Mann und seine Geschichte auf den Stuhl neben mir. Es ist gar nicht so schlecht, ab und an ein Formular auszufüllen. Es zwingt einen sich kurz und knapp zu definieren. Eine Art minimalistischer Buchklappentext der eigen Geschichte, die vorgegebenen Eckpfosten, die das Feld zum möglichen Glück abstecken. Name, Vorname, Beruf, Familienstand, chronische Krankheiten und die Frage welche Medikamente man zu sich nimmt. Hamm, Max, Musiker, ledig, keine, keine. Liest sich doch nicht schlecht. Innerhalb dieser Eckpfosten läßt sich doch sicher ein klein wenig Glück einrichten, in jedem Fall besser als Kreigzacker, Hildegard, Rentnerin, verwitwet, Diabetes, Temqesic forte. Was würde wohl auf dem Formular des Mannes stehen, der in der Schlinge hing?
Ich blickte von dem Formular auf und starrte auf die Wand mir gegenüber. Dort hingen zwei Aquarelle, die mediterrane Landschaften abbildeten. Ich konzentrierte mich auf den Freiraum zwischen den beiden Bildern, die weiße Fläche zwischen den Bildern bietet den größten Raum. Überall dort wo nichts ist, besser, überall dort wo nicht etwas ist, kein Bild, keine Wand, keine Bestimmung über den Raum, überall dort entschwindet die Frage nach den Eckpfosten und hinterlässt nur das Geräusch des eigenen Atems. Der Abstand zwischen mir und der Wand, der Raum zwischen mir und der Wand, das Bewusstsein um diesen Abstand; dieser Abstand zwischen mir und der Welt ist mir unheimlich. Die Leere ist nicht die Abwesenheit von Gegenständen, Dingen und Menschen, sondern die Dinge, Gegenstände und Menschen sind die Abwesenheit von Raum. Dort wo es uns gelingt den unbegrenzten Raum mit Gegenständen und Dingen scheinbar zu vertreiben, sei es mit Aquarellen und ihren pastellfarbenen mediterranen Landschaften oder mit Formularen, dort können wir möglicher weise das Unheimliche mit einem Namen domestizieren, aber der Abstand ist unendlich und lässt sich nicht überbrücken. Dort, wo es mir gelingt diesen Abstand aufzufüllen, sei es mit kalendarischen Ereignissen und ihrer Bedeutung, meiner Bedeutung auf dem Spielfeld innerhalb der Eckpfosten, oder einer anmaßenden Deutung der Ereignisse, die sich um mein Spielfeld herum ansammeln, dort verliert der Abstand etwas von seiner Bedrohung, dann zieht er sich wieder für eine Weile zurück, wie ein schattiges Tier, das sich in seine Höhle verkriecht, mit blanken Zähnen und dunklen Augen. Wir alle sind immer auf der Jagd nach unserem persönlichen Stück rohem Fleisch.
Die Sprechstundenhilfe rief meinen Namen auf und ich ging in das Sprechzimmer. Von dort aus wurde ich auf einen kleinen Packur verschiedener Untersuchungen geschickt, die mein Lungenvolumen, die Sauerstoffsättigung meines Blutes sowie meine Reaktion auf eine Reihe unterschiedlicher Allergene in eine kleine Tabelle abbildeten, aus der der Arzt die Diagnose stellte, dass ein bronchialer Infekt meine Lungenfunktion deutlich einschränkt. Vor dem Hintergrund der in der Anamnese ermittelten schweren chronischen Bronchitis in Kindheit und Jugend, sowie langen Jahren als starker Raucher, würde sich die Wahrscheinlichkeit eines sich nun stetig verschlechternden Asthmas ergeben. Er verschrieb mir eine Reihe von Medikamenten und entließ mich wieder. Hamm, Max, Musiker, ledig, Asthma, Bronchospray Novo. Das Spielfeld hatte sich geändert.
Zurück auf der Straße fügte ich mich widerstandslos in den Fluss der Menschenmenge. Überall Menschen, die in Häusern mit einem Keller wohnten. Auch das Haus in dem ich wohne hat einen Keller. Ich besorgte mir die verschriebenen Medikamente und ging nach Hause. Dort angekommen setzte ich mich an meinen Rechner, um ein wenig über meine neue Krankheit zu recherchieren, aber ich konnte mich nicht konzentrieren und so ließ ich mich ziellos durch die Seiten treiben. Bunte Bilder, Wörter, Filmchen. Ich würde so gerne mit Mia sprechen, nur etwas von ihrer Energie spüren, aber Mia war irgendwo. Wo bist du?

(Fortsetzung folgt)

One Response to “Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 8”

  1. Rochel Schwartzberg Says:

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