Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 9

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Außerhalb der lieblichen Vorstellung von Vielfältigkeit sowie dem vertrauensvollem Umgang mit Macht innerhalb unserer von Selbstgefälligkeit getriebenen Demokratie existiert vor allem graue Apathie.
Der Marienplatz füllte sich mit Menschen, unauffällige Männer betraten ein Podium, hielten wacker ihre Reden in die Höhe, schwenkten sie sozusagen wie eine Fahne über die Köpfe der Hörigen hinweg, bedankten sich für die Aufmerksamkeit, traten wieder ab und noch vor Ladenschluss war das Podium schon wieder abgebaut und die Menschen konnten sich wieder dem Ausverkauf widmen.
Ich denke wir müssen uns zunächst ein weitaus höheres Maß an Phantasie erlauben.
16. September
Die Stimme des Kanzlerkandidaten hallte unverständlich aus der Ferne über die Kaufingerstraße. Ich verstand kein Wort, nichts von all dem, was sich über die allgemeine Lust am Verbrauch ergoss; eine Lust, die sich, wie zur Bestätigung, dass es keinen Grund zur Verunsicherung gäbe, durch die Straßen wälzte und jede Gasse, jeden Winkel bis in die letzte Ritze ausfüllte. Es geht uns gut. Warum sollten wir zweifeln an unserem Glauben an die Kaufkraft, die den an den Menschen so erfolgreich ersetzt hat.
Der Aushilfsjob, den mir Harry im Holiday Inn vermittelt hat schien sich zu einer Art kleiner Dauereinrichtung zu entwickeln. Ungefähr zwei mal wöchentlich stieg ich in das Kostüm des charmanten Barpianisten und setzte mich in die U-Bahn Richtung Rosenheimerplatz. U-Bahnfahrten sind mir ein Grauen. Ich möchte nicht ungefragt berührt werden. Um sie zu überstehen senke ich meist meinen Blick, ziehe die Schultern etwas nach vorne, hoffe in dieser eingeigelten Position mein Ziel unbeschadet zu erreichen; und natürlich stecken Ohrhörer in meinem Kopf. Ich hatte mir im Internet einige Mozartklavierkonzerte besorgt, die ich mir nun in der Hoffnung anhörte vielleicht das Stück zu erkennen von dem Abel erzählt hatte. Seine Beruhigungsmusik, die er in sich aufsteigen lassen kann, wenn es die Situation verlangt, wenn es vonnöten ist sich mit einer bestimmten Situation zu versöhnen. Ich hoffte es nicht nur zu finden, vielmehr hoffte ich auch es für mich verwenden zu können. Der Sinn lag einzig und allein darin, wenigstens einen Gedanken von Abel in mein Leben einzufügen; jetzt, nachdem er wieder so plötzlich aus meinem Leben verschwunden war, wie er aufgetaucht ist. Wenigstens einen kleinen Ansatz, einen Haltegriff, um ihn für immer bei mir zu haben, ein Souvenir von jenem Abend und seinen Gerüchen von Wodka und Revolution. Wenn es mir nur gelingen würde anhand seiner Beschreibung dieses eine bestimmte Klavierkonzert zu finden, hoffte ich, würde es zwischen mir und Abel so lange ich lebte eine Verbindung geben, etwas worauf ich immer wieder zurückgreifen könnte, wenn Scham und Ängstlichkeit mir die Kehle zuschnüren, mir den Atem nehmen, mit mitleidlosen Krallen aus den Betonplatten hervorbrechen um mich der schleichenden Verwesung zu übergeben.
Richtung Flughafen bitte zurückbleiben.
Manchmal träume ich von einem Jagdmesser.
Zwei mal pro Woche verbrachte ich also meinen Abend in der Lobby, hinter den Linien, im Feindgebiet, in den geschützten Zonen der ewigen Bourgeoisie, dem Ghetto der zukünftigen Minderheit, das letztlich zum Randgebieten einer wütenden Schlacht wird. Die heuchlerischen Töne eines Barpianos werden kaum ausreichen, um das Grollen des aufgebrachten Mobs zu übertönen, irgendwann in ferner Zukunft. Einstweilen spiele ich Bridge over troubled water, trinke etwas Rotwein, schlecke ab und an den Körper eines Zimmermädchens ab (selten gutes Gras) und lausche nachts in das unheimliche Gemurmel, die undeutlichen Worte, die verworrene Sprache, die tanzenden Buchstaben, nachts in das Rauschen der heiligen Belanglosigkeit der Stadt und über diesem Rauschen klimpert, hüpft, springt mein Reigen entrechteter Jazzstandards und fügsamer Balladen. Ich würde so gerne wieder eine Musik hören, die endlich endlich wieder etwas mit mir anrichtet, mich aus meinem zornigen Ego evakuiert, die dem Wesen eine Stimme gibt. Es sind insgesamt 30 Klavierkonzerte habe ich gelesen. Zwischen zwei nummerierten Tagen liege ich auf meinem Bett und starre an die Decke, schließe die Augen. Ich klettere auf einen der gläsernen Türme die sich in das Dunkel strecken, in denen sich der emsige Mensch aufrichtet, gebeugt über Zahlenkolonnen, Tabellen, Menschmaschineneffizenzberichte, und immer der Schweiß zwischen den Beinen. Ich klettere auf den gläsernen Turm wie ein flinkes Insekt und auf dem Dach rezitiere ich über all ihre Gebote und Verbote hinweg meine Psalmen. Das Wesen eines Psalms sind nicht die Worte, sondern die Stimme durch die er erklingt, der Klang, durch den er zum Mythos wird. Ich aber sitze als Insekten-Batman auf dem Turm über der Nachtstadt, keine weiten Schwingen, keine Muskeln und kein Atem, keine Stimme, kein Psalm. Statt dessen halte ich Nachtwache an meinem Bett, krabbel nach unnützen Stunden an den Tisch und skizziere ein verschämtes Gedicht in mein Notizbuch:

Der Tag

In der Morgendämmerung
Der heilsamen
In ihrem warmen sanften Licht
Wende ich mich
dem Rufen der Stimmen zu
Und folge ihnen
Dorthin
Wo der Hunger auf mich wartet
Der unstillbare
Dort bricht sich das Licht
Offenbart sich in Farben
Strömt, flutet
Erklingt
Das Echo der suchenden Fragen
Bis in den gleißenden Mittag
Die Hitze
Die mich wieder zurück
In den schützenden Schatten treibt
Den Abend
Die tröstende Nacht
Träume versteckt
bis in die Morgendämmerung
bis der Hunger
mich wieder weckt

Nach meinem nächsten bezahlten Spaziergang hinter den Linien, dort, wo sich Gleichgültigkeit und geistreiche Geilheit die Waage halten, werde ich mir von Eugene, dem rumänischen Küchengehilfen eine von den Wodkaflaschen schenken lassen, die er immer heimlich abzockt und mir mit diesem kreolischen Mädchen einen Ausflug in eine harmlose Phantasie leisten. Dunkel, unbedarft, leidenschaftlich. Immerhin. Achselhöhlen, Lenden, klare, saubere, verdiente Kopfschmerzen. Ja, und auf dem Rückweg in meine vier Wände hätte ich ausreichend Möglichkeiten meinem Harndrang über all den grinsenden Politikergesichtern nach zu geben und sie nach Herzenslust an zu pissen. Ich hab die freie Wahl.

(Fortsetzung folgt)

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