Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 11
zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 10
zu Abel Kapitel 1
Ich musste an die Blutlachen auf den Bildern denken, die mir Ehrenbacher gezeigt hatte.
26. September
Ich habe seit ich den Brief erhielt meine Wohnung nicht verlassen, habe versucht mich vorzubereiten. Immer und immer wieder habe ich den Brief durchgelesen, habe ihn in mir wirken lassen, habe ihm in mir den nötigen Raum gegeben, um sich entfalten zu können, um sich auszubreiten.
Jahr um Jahr hatten sie - ja und es gibt “sie” - schleichend versteckt dem Volk den Krieg erklärt und es war nun endlich an der Zeit ihnen entsprechend zu antworten, klar zu machen, dass es auch für sie Grenzen gibt, die besser nicht übertreten werden. Gleichgültig wer nun an die Macht kommt, gleichgültig wer nun die Hebel der großen, der ein und immer der selben Maschine bedient, das Mahlwerk ausrichtet und betreibt.
Welcome my son
Welcome to the machine
Abel und seine Truppe hatten den perfekten Zeitpunkt gewählt. Ein Anschlag am Wahltag, direkt nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung, ein Anschlag, der sich nicht für diesen lächerlichen Wahlkampf instrumentalisieren läßt, ein Anschlag, der mit dem Wahltag eine neue Zeit einläutet, ein Donnerschlag, ein Glockenklang gegen die Ohnmacht, ein Zeichen, ein gottverdammtes Zeichen, gegen das ewig gleiche Siechtum. Nur wenn wir schweigen werden wir gerichtet.
Ich lasse mich durch das Netz treiben, tauche durch das kalte Licht des Bildschirms ein in den vielstimmigen Chor der Gleichgesinnten. Ja, es gibt so viele davon, überall sitzen sie in virtuellen Zimmern und Kammern und warten sehnlichst auf ein Zeichen des Aufbruchs, auf ein Signal, das sie von den Tastaturen weg holt, hinaus auf die Straße um ihren Zorn ein Gesicht zu geben und Mia an ihrer Spitze.
Ich schloss die Augen. Meine Lippen wanderten an ihrem Hals entlang, nur einen Millimeter über der Haut, ganz bei ihr und mit ihr in ihrem Duft und ihrem Atem.
Es ist Einsamkeit nötig, Abgeschiedenheit und Stille, um in sich gekehrt in sich eine Bestimmung zu finden.
Ich habe Hunger, lege eine Pizza in den Ofen, ich der Krieger der schläfrige und wandele zwischen den Bildschirmen. Quattro Stagioni, eine Flasche Rotwein und ich schließe die Augen
27. September
Eine SMS. “POST”. Im Briefkasten fand ich wieder ein unbeschriftetes Kuvert. Ich wagte es nicht es im Flur zu öffnen und hastete sofort die Treppe wieder hoch in die Wohnung. Noch auf dem Weg konnte ich fühlen, dass sich in dem Kuvert nicht nur ein Brief befand. Es war noch mehr drin, ein Gegenstand, ein flacher, harter Gegenstand. Ein Schlüssel, keine Zweifel das musste ein Schlüssel sein. Ich schmiß die Tür hinter mir zu und riß ungeduldig das Kuvert auf. Der Schlüssel fiel klimpernd auf den Boden. Rasch hob ich ihn auf. 3667. Die Nummer schimmerte undeutlich auf dem Kopf. Für einen Moment überfiel mich eine schreckliche Angst. Wozu hatten sie mich ausgesucht? Wieso hatten sie mich überhaupt ausgesucht? Ich hatte nicht darum gebeten. Ich hatte wegen diesem Abend mit Abel schon genug Ärger gehabt. Erst hatte mich die Polizei aus dem Bett gerissen und dann musste ich den ganzen Vormittag in diesem scheiß Verhörzimmer verbringen. Und Mia? Was ist mit Mia? Wer hatte sie so entsetzlich hergerichtet? Was war ihr passiert? Ich wußte nicht vor wem ich mehr Angst haben sollte; vor Ehrenbacher oder vor den Leuten, die Mia zusammengeschlagen haben. Ich legte den Schlüssel vor mich auf den kleinen Couchtisch und starrte ihn an, so als hoffte ich er könnte mir auf all die Fragen eine Antwort geben. Antworte! Als erstes den Atem unter Kontrolle bringen. Wenn ich den Atem kontrolliere, kontrolliere ich alles. Den Überblick behalten Max, den Überblick. Ich starrte weiter auf den Schlüssel. 3667.
Zahlen und Statistiken werden gesprengt. Keine Sieger, keine Verlierer.
Vor meinen Augen tanzen haarfeine gekrümmte schwarze Striche. An meiner Schläfe pocht gleichmäßig, hart, rücksichtslos ein Puls, ein Herzschlag, das Lebenssignal. Ich ziehe weiche Teile meiner Backe zwischen die Zähne und beiße darauf herum.
Sie erwarten ein Votum und werden eine Kriegserklärung bekommen.
Ich mußte an das kreolische Mädchen denken. Delilah. Sie hatte Moonriver gesummt, als ihr Kopf auf meiner Brust lag und ich ihr durch das Haar strich, so als ob wir ein Liebespaar wären, so als ob wir eine Zukunft hätten, irgendwo ein rauschendes Meer, weißen, blendenden Sonnenschein, Schweiß auf der Haut und natürlich Sand.
Schrill zerfetzt das Handy meinen lieblichen Strand. Der Schlüssel liegt wieder vor mir auf dem Tisch. Eine weitere SMS. “Los. Jetzt. Keine Zeit.” 12:30.
Vielleicht sollte ich den Schlüssel einfach ignorieren. Ich war niemanden etwas schuldig. Ich hatte keine Versprechen gegeben, kein Gelöbnis geleistet. Da war diese Entschlusskraft, die in Abels Augen aufblitzte. Für einen Moment hielt ich den Atem an, so als ließe sich damit auch die Zeit stoppen. Ich blickte gegen die Decke und überließ mich dem ansteigenden Druck in meiner Brust. Luft. Du kannst den Atem nicht ewig anhalten. Abels Hand donnerte vor mir auf den Tisch. Der Schlag riß mich aus meinem Sitz, und ohne weiter darüber nach zu denken griff ich mir den Schlüssel und verließ das Haus. Es war nicht Mut oder mein auferstandenes revolutionäres Ego, die mich den ganzen Weg bis zum Hauptbahnhof davon abhielten schleunigst wieder umzudrehen und einfach meine Finger von der ganzen Sache zu lassen. Trotz allem, glaube ich, war es zuallererst Neugier, einfache, reine Bubenneugier, der ich es gestattete sich über alles Zaudern und Fürchten hinweg zu setzen.
Auf der Straße und in der U-bahn traute ich mich kaum aufzusehen und um mich zu blicken. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl Abel, oder zumindest einer seiner Gefolgsleute beobachtet mich. Vielleicht der Mann dort drüben, ein unauffälliger untersetzter Bursche. Jeans, rotes Sweatshirt, ich kann den Aufdruck nicht lesen, eine Baseballmütze in der Hand. Er war unrasiert und wirkte insgesamt etwas ungepflegt. Wahrscheinlich hatten ihn die Vorbereitungen in den letzten Tagen wenig Schlaf gelassen.
Vielleicht war es aber auch einer von Ehrenbachers Leuten. Wer sagt mir, dass die Briefe und die SMS-Nachrichten aus dem Umkreis von Abel kamen? Es könnte genauso gut eine Falle des ehrgeizigen Herrn Ehrenbacher sein.
Nächster Halt Karlsplatz-Stachus.
Mein Verfolger steigt aus. Ich blickte wieder auf den Boden. Es hat keinen Sinn. Gleichgültig wer dich beobachtet, du wirst ihn nicht entdecken; obwohl, in den schmalen Gängen zwischen den Schließfächern wird es nicht so einfach sein jemanden unauffällig zu folgen. Ich könnte einen Umweg gehen und versuchen auf diese Weise heraus zu bekommen, ob ich unter Beobachtung stehe. So nahm ich von der U-Bahn aus nicht den direkten Weg zu den Schließfächern, sondern begab mich zuerst in Richtung Toilette. McClean. 50 Cent für einmal Pissen; was für eine Welt. Niemand folgte mir. Auch als ich aus dem Toilettenbereich wieder heraustrat, konnte ich niemanden entdecken, der mich erwartete. McClean hat mich wütend gemacht. Jeder Scheiß wird zum Service. Entschlossen lenkte ich meine Schritte zu den Schließfächern. Die Dreitausender-Reihe? Hier. Zahl um Zahl. Gut Sortiert. Hier ist es. Ohne mich nochmals umzublicken steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Türe auf. Dahinter, im Dunkel, lag ein großes verschnürtes Paket und daneben eine Karte. “Holiday Inn, Heizungskeller, Delilah hat den Schlüssel und wird Dich hin führen.” Delilah! Wie weit hatten sie mich bereits umstellt? Sie war erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Ich hatte sie sozusagen mit dem Job von Harry geerbt.
“Sie ist nett, sie ist hübsch, sie ist heiß und sie mag fesche Pianisten.”
Und Harry kannte ich seit mindestens 5 Jahren. Was zum Teufel….. Jedenfalls konnte ich hier nicht ewig stehen bleiben und in das Schliessfach starren. Ich packte mir das Paket. Jetzt steckte ich also mitten drin. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich bin bereits zu weit hinaus geschwommen. Die Strömung war stark an diesem klaren Mittag, noch kein Zeichen von Sturm, alles ruhig, nur ein wenig Unaufmerksamkeit und schwupps war das Land ausser Reichweite. In dem Paket war Sprengstoff. Dessen war ich mir sicher. Sprengstoff, Kabel, grüne, rote, schwarze, ein Zünder, eine Zeitschaltung. Eine Bombe. Ich hielt eine verdammte Bombe in meinen Händen. Eine Bombe, und ich würde sie nicht mehr loswerden. Delilah stand sicher unter Beobachtung und wenn ich dort nicht ankam, wer weiß, was sie dann für mich vorgesehen hatten. Was würdest du mit mir machen, Abel? Ich konnte seine Hand an meinem Nacken fühlen, so wie er sie in jener Nacht um mich legte, bevor mich zu sich zog und dann …. “Weißt Du mein Freund, ich habe einmal einen klugen Satz gelesen: Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich weiss …”
Das Ding zur Polizei zu bringen stand vollkommen ausser Frage. Ehrenbacher würde keine großen Tricks brauchen, um mich schnellstens hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Maschine lief, und ich war mitten drin. Vorsichtig klemmte ich das Paket unter meinen Arm und ging wieder hinunter zur Bahn. Eigentlich war es für Sprengstoff zu leicht. Woher weiß ich wieviel Sprengstoff wiegt? Unsinn. Vielleicht wußte Delilah mehr?
Tatsächlich erwartete sie mich bereits am Eingang. Ohne weiter ein Wort zu sagen, gab sie mir ein Zeichen ihr zu folgen, drehte sie sich um und ging los. Wir durchquerten das Restaurant und gelangten in die Küche, in der mindestens 8 Köche mit allen möglichen Speisen hantierten. Fisch, Fleisch, Fett. Am Ende der Küche führte eine Tür in einen grauen Gang. Nach ungefähr 6 Metern kamen wir zu einem Lastenaufzug. Delilah steckte einen Schlüssel in ein Bedienfeld und drückte auf einen gelben Knopf. Sie wich meinen Blicken konsequent aus. Selbst, wenn ich sie ansprach reagierte sie nicht. Der Aufzug kam und wir gingen beide hinein. Nachdem sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, ergriff ich erneut das Wort. Hier konnte uns niemand sehen. Hier könnten wir ungestört miteinander sprechen, wenigstens für vielleicht zwanzig Sekunden. “Delilah, was…..”
“Ein Man gab mir 500 Euro. Er sagte du würdest mit einem Paket kommen und ich soll dich in den Heizungskeller führen.”
“Was für ein Mann?”
“Ich darf dir nichts weiter sagen. Wenn das Paket nicht ankommt und nicht seinen Zweck erfüllt, dann würde ich es bitter bereuen.” Sie blickte wieder zu Boden.
“Du weißt worum es geht?”
“Warum tust du mir das an Max? Ich dachte du magst mich.”
Der Fahrstuhl ruckte.
“Natürlich mag ich dich…..”
Delilah drehte sich weg und öffnete die Tür. Was für ein schöner, schlanker, dunkler Nacken. “Hier lang” Sie führte mich durch einen weiteren Gang bis hin zu einer schwarzen Metalltür. Dann tippte sie eine Zahlenkombination in ein Nummernfeld, das neben der Tür hing. Mit einem kleinen Ruck ließ sich die Tür öffnen. In dem Raum waren verschiedene Kessel. Öl nahm ich an, oder vielleicht nur Wasser, das hier erhitzt wird. Des weiteren gab es verschiedenen Sicherungskästen und alle möglichen Kabel. Hilflos stand ich mit meinem schön verschnürten braunen Paket unter Leitungsrohren in grellem Neonlicht und wußte nicht was ich tun sollte. Egal wie viel oder wie wenig Sprengstoff in diesem Paket sein mochte, es würde zumindest einen Brand auslösen, wenn nicht schlimmer. Die Menschen hier im Hotel waren schließlich nicht der Feind und…..Das geht zu weit.
“Ich kann das nicht tun. Delilah, was auch immer die Leute dir androhen, droht auch mir, trotzdem können wir das hier nicht tun.”
Delilah knabberte an ihrem Daumen.
“Du sollst keine Angst haben, haben sie gesagt, weißt du. Das hier wäre nur ein kleiner Beitrag.”
“Ein kleiner Beitrag?” Ich hielt ihr das Paket entgegen. “Das hier ist also nur ein kleiner Beitrag? Ja! Wozu? Was meinst du?”
“Sie hätten alles unter Kontrolle……”
Ich begann das Paket aufzureißen und nachzusehen, was darin versteckt ist.
“Max! Bitte! Diese Leute sind gefährlich….”
Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?
Es wird keine schleichende Entrechtung mehr geben. Keine vorgeschobenen Gegner, sondern einen echten Feind. Max am 29.9 hast Du die Wahl. Halte dich bereit.
Ich war nicht bereit einen Krieg zu führen. Meinen Krieg konnte so nicht hier führen. Ja, ich wollte ebenfalls in ihr Fleisch schneiden, aber mit meinen Gedanken, verstehst du Abel, mit meinen Worten. Ich…. In meinem Hirn ratterten Rechtfertigungen, Reglementierung, Rache, riesige Wellen von Zorn und Wut durchzuckten meinen Körper wie Stromstöße. Vor Angst, Trauer und nicht zuletzt vor Feigheit stiegen mir die Tränen in die Augen und ich sank auf die Knie. Ungerichtet und hilflos rissen meine Finger an der Paketschnurr, die sich nicht im geringsten löste.
“Scheiße!”
Kaum hatte ich los gebrüllt, erlöschte plötzlich das Licht. Ich konnte gerade noch einen kurzen, erstickten Schrei von Delilah hören, dann spürte ich einen Schlag auf meinen Kopf und fiel vornüber zu Boden.
(Fortsetzung folgt)
Juli 21st, 2010 at 16:49
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