Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 2

zu Kapitel 1 und 2

Als ich wieder zu mir kam war Guido Grinse Westerwelle zum Kanzlerinnenmacher aufgestiegen.
“Willkommen zurück.” Die Stimme war mir unbekannt. Falls ich sie jemals gehört hätte, hätte ich sie bestimmt nicht vergessen. Sie klang ungewöhnlich hoch.
Vor mir war keine kleine schwarzrote Pfütze. Um mich herum brummte es. Mühsam wälzte ich mich auf den Rücken und blickte in ein grell weißes Neonlicht. Mein Schädel schmerzte entsetzlich und ich war kaum fähig ein Wort zu sprechen. Sofort schloss ich die Augen wieder. Ich bemühte mich in dem pulsierenden Schwarz in meinem Kopf eine Erinnerung zu finden. Delilah!
“Was habt ihr mit Delilah gemacht?” Ich hielt meine Augen geschlossen und hoffte es würde nicht so schlimm kommen, wie ich im Augenblick befürchtete.
“Sie ist ein hübsches Mädchen?” Eine Wasserleitung tropfte auf ein hohles Metall. “und selbstverständlich wußte auch sie worauf sie sich einlässt.” Ich öffnete die Augen und drehte meinen Kopf zur Seite um dem Licht auszuweichen. An der Wand hockte ein dürrer, hagerer Mann, neben ihm stand das Paket, das ich für eine Bombe gehalten habe. Der Mann grinste und klopfte mit einem Fingerknöchel auf das Paket, so wie man an eine Türe anklopfen würde. “Hallo! Jemand zu Hause” Ein Spaßvogel offensichtlich “Nein, keine Angst, das ist vollkommen ungefährlich.” Er legte sein Hände an den Fingerspitzen aneinander.
“Was habt ihr dem Mädchen angetan?”
Er ließ seine Mittelfinger rhythmisch gegeneinander tippen und flüsterte wie in einem Kinderreim. “Das Mädchen, das Mädchen, das Mädchen…”
Offensichtlich wollte er mir nicht direkt antworten. Ich rappelte mich mühsam auf und lehnte mich gegen einen der Heizungskessel. “Habt ihr sie auch so zusammengeschlagen wie Mia?” Er blicke auf und fixierte meine Augen. “Niemand von uns würde Mia je etwas zu Leide tun.”
“Aber Delilah schon. Sie ist ja wohl bloss eine Handlangerin, eine hübsche kleine Handlangerin. Womit habt ihr sie erpresst. Aufenthaltsgenehmigung?” Der Mann senkte seinen Blick wieder nach vorne auf den Boden. “Das ist nicht unser Stil.”
“Stil? Entschuldigung, aber ich kann keinen Stil entdecken.”
“Du musst noch viel über uns lernen, mein Freund.” Er griff in seine Jackentasche und holte eine kleine Plastikflasche heraus. “Wasser?” Ich nickte und er warf sie mir herüber. “Also, um dich zu beruhigen. Delilah geht es gut. Sie ist nicht mehr hier im Haus, auch nicht mehr hier in der Stadt, aber du musst dir keine Sorgen machen. Sie hat ihren Job gut gemacht, hat bekommen, was sie verdient hat und darüber hinaus eine Anstellung mit etwas mehr Aussicht als hier.” Ich nahm einen Schluck Wasser. “Und, um deine Frage vorweg zu nehmen. Nein, du kannst sie nicht wieder sehen. Vorerst zumindest nicht. Später…..viellleicht. Wir werden sehen.”
Das Wasser schmeckte wunderbar. “Oh entschuldige, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Rick.”
Er hob kurz die Hand. Das also ist Rick. Er ist noch größer als ich mir vorgestellt habe, sicherlich etwas über 2 Meter. Hier vor mir sitzt nun der Chorknabe. Wieso sitzt hier vor mir der Chorknabe? Ich hatte mir den Chorknaben doch nur vorgestellt. Ich hatte ihm den Namen gegeben. Er war nicht mehr als die Dekoration gewesen, die ich um Abel herum aufgezogen hatte, um aus ihm in meiner Vorstellung den Bankräuber zu machen, den ich mir wünschte.
Es würde mich nicht wundern, wenn ich jeden Augenblick aufwachen würde und in meinem Bett liege. An welchem Zeitpunkt würde ich wohl aufwachen? Nach dem Verhör mit Ehrenbacher, oder noch davor, oder noch bevor ich Abel überhaupt kennen gelernt habe. Was war sicher? Was wusste ich sicher? Das Treffen mit Mia? Ja, das war sicher. Das ist passiert. Das ist genau so passiert, wie ich es in Erinnerung habe. Zumindest bis zu dem Augenblick, als ihr Handy in der Tasche läutete. Das war sicher und dass mir Chris Naaken vor vielen Jahren in die Fresse geschlagen hatte, so wie ich es wohl eben geträumt hatte, so wie es eben als ich hier auf dem Boden lag nochmals in mir aufgestiegen ist. Dieser Schlag war ein Teil meiner Person geworden, ein unverrückbares Kalendarisches Ereignis in meiner Biographie. Das konnte ich feststellen, aber was war mit Abel, mit Ehrenbacher, Rick, Delilah und Mia. “Ich möchte mit Mia sprechen.” Rick erhob sich zu seiner ganzen Größe, machte einen Schritt auf mich zu und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. “Sicher, das wirst du.” Ich blickte ihn regungslos an. “Wann?”
“Alles zu seiner Zeit.”
“Was soll das heißen? Wenn es dein Boss erlaubt?” Rick streckte mir seine Hand noch etwas näher. “Abel ist doch dein Boss, oder?” Rick lächelte. Er zog seine Hand zurück und hockte sich vor mich hin. Dunkelbraune, fast schwarze Augen. Seine Haut spannte sich über seinen Schädelknochen, so als sei sie nicht mit ihm mit gewachsen, so als ob er plötzlich durch sie hindurch brechen könnte.
“So könnte man es nennen, aber unser Verhältnis ist weit freundlicher, wie du weißt. Schließlich haben wir einiges zusammen durchgemacht in den letzten Jahren.”
“Woher soll ich das wissen?”
“Das kann ich dir leider jetzt nicht beantworten. Doch es wird eine Antwort darauf geben. Nicht jetzt, aber in Zukunft. Die Dinge sind nie so offensichtlich wie sie erscheinen und deswegen sollte man auch nichts überstürzen. Alles schön der Reihe nach ein Schritt nach dem anderen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick sagen kann.” Er schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel. “Also, wollen wir los?”
“Wohin?”
“Na, zu Abel. Du möchtest doch sicher Antworten auf deine Fragen haben.”
Allerdings, das wollte ich. Rick half mir hoch. Bevor wir uns auf den Weg machten heftete er mir ein kleines Namenschildchen an mein Hemd. “Damit niemand auf dem Weg nach draussen Fragen stellt. Du verstehst, man kann ja schließlich nicht irgendjemanden in seinem Keller herumkrabbeln lassen.” Er zwinkerte mit einem Auge.
“Verstehe.” Benjamin L. Willard, Sicherheitsdienst, stand darauf zu lesen. Rick hob zackig die Hand zu einem Militärgruß an seine Stirn. “Zu ihren Diensten, Captain.” Humor hatte er, das musste man ihm lassen. Wir machten uns auf den Weg durch die Kellergänge hindurch nach draussen. Auf dem Lieferantenparkplatz stand der schwarze Audi mit dem Mia damals verschwunden war. Also, wenn es ihnen darum ging mich zu verwirren, oder auch um mich immer weiter an sich zu ziehen, dann hatten sie ganze Arbeit geleistet. Alles schien wie ein großer Plan, alles schien, als wäre es nur für mich inszeniert.
Mit einem kurzen Piepen öffnete Rick das Auto. Wir stiegen ein und fuhren los.

(Fortsetzung folgt)

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