Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 3

zu Kapitel 1 und 2

Rick nahm den direkten Weg auf die Autobahn in Richtung Salzburg. Wie schnell die Stadt doch verschwindet. Sie gebärdet sich immer so groß, so wichtig, so lebendig, bedeutend, bestimmend und doch, nach nur wenigen Minuten auf der Autobahn ist sie so gut wie vergessen. Das einzige, was den Blick in die Welt dann noch bestimmt sind die graublauen Berge dort vorne, auf so eine ganz andere Weise selbstherrlich, majestätisch, siegesgewiss und weit ab von allem, was etwas bedeuten möchte. Rick saß ruhig und gelassen am Steuer. Ich wagte es kaum länger zu ihm hinüber zu sehen, da ich befürchtete er würde merken, dass ich ihn mustere, also hielt ich meinen Blick zwanghaft nach vorne.
“Hat es je einen Plan für einen Anschlag gegeben?”
“Könnte sein es gibt ihn noch.” Ich glaubte ihm kein Wort. Ich fühlte mich betrogen, peinlich beschämt, wie jeder, der Opfer eines dummen Streiches geworden ist. Aber offensichtlich wollten sie es nicht bei diesem Streich belassen, sonst hätten sie mich auch einfach dort liegen lassen können.
“Im Handschuhfach ist meine Sonnenbrille. Wärst du bitte so nett, sie mir zu geben?”
Ich öffnete das Handschuhfach. Es waren Haufenweise Landkarten darin, Städtekarten. Wien, Rom, Lissabon. Sowie Kopfschmerztabletten, ein Notizblock…..
“Links an der Seite.” ….. und die Sonnenbrille. Ich reichte sie zu Rick hinüber.
“Wie lange werden wir fahren?”
“Oh, es ist nicht weit. Eineinhalb Stunden vielleicht, eher weniger.”
“und wohin geht es? In euer Hauptquartier?”
Rick lächelte. “Naja,” sagte er “so könnte man es nennen. Aber das klingt doch ein bißchen zu militärisch.”
“Ach so, ich dachte ihr wäret vielleicht so was wie eine kleine paramilitärische Organisation.”
“Nein, mein lieber, das trifft es wohl kaum?”
“Sondern?”
“Sagen wir eine Art Bruderschaft.”
“Klingt ja geheimnisvoll.” Rick lächelte wieder, so wie jemand, der etwas weiß, dass er dem anderen keinesfalls mitteilen würde, wie jemand, der sich insgeheim auf das Gesicht desjenigen freut, wenn dieser schließlich dahinter kommt und mir war klar, dass ich mit meinen Fragen nicht weiter kommen würde, also wechselte ich das Thema.
“Wie ist die Wahl ausgegangen?”
“Die SPD ist ein Trümmerhaufen, die FDP strahlender Sieger, das bedeutet Merkel und Westerwelle stehen auf der Brücke.” Es ist also gekommen, wie erwartet und befürchtet. “Aber, Max, das wird zunächst einmal nicht dein größtes Problem sein.” Rick drehte kurz den Kopf zu mir  und hob frech seine Augenbrauen an. Ich konnte nicht darauf antworten, aber ich spürte wie sich in mir ein deutlichter Fluchtimpuls rührte. Wir donnerten mit bestimmt 200 Sachen über die Autobahn. An Flucht war nicht zu denken. “Keine Angst, du wirst es überleben.” Als ich vor weniger als 24 Stunden die vermeintliche Bombe in meinen Händen hielt dachte ich, es könnte nicht schlimmer kommen, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Hier ging es wohl nicht um Politik, hier ging es ganz eindeutig um meine Person. Ich stand im Zentrum eines Plans. Ich war das Ziel, und wenn es ganz schlimm kommen würde, war ich das Opfer. Aber was hatte Mia mit all dem zu tun. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich ein Teil dieses Spiels sein sollte, dass ausgerechnet sie mich in die Falle locken würde. Ich holte eine Situation nach der anderen vor mein geistiges Auge und versuchte über die zeitliche Entfernung hinweg ihr Gesicht zu deuten, vielleicht doch irgendwo eine Doppeldeutigkeit, eine Verschlagenheit oder ähnliches zu finden, ein Zucken, ein verhuschter Blick. Vielleicht ist sie von ihnen erpresst worden? Das macht keinen Sinn. Ich bin absolut niemand, vollkommen unbedeutend. Wozu sollte sich jemand die Arbeit machen, das Risiko eingehen, Zeit verschwenden. Nein, ihre Begeisterung ist echt gewesen. Sie war absolut von der Sache überzeugt. Sie hat an Abel geglaubt. Sie stand fest an seiner Seite. Ich weiß nicht wer sie so zusammengeschlagen hat, aber es war sicher nicht Abel. Er hatte damit nichts zu tun. Es sei denn…….. Die Gedanken rauschten herrenlos durch meinen Kopf. Es war unmöglich eine Ordnung zu schaffen, ein Folge, Zusammenhänge, Ursache und Wirkung. Ich wußte ja nicht einmal wo ich den Anfang machen sollte. Wo sollte ich einhaken. Das Treffen an der Haltestelle? War das der Anfang? Ging von dort alles aus? Das kann nicht sein. Mia saß doch bereits da als ich an die Haltestelle kam. Das würde ja bedeuten, dass sie auf mich gewartet hat, aber sie wußte doch gar nicht, ob ich überhaupt dorthin kommen würde.
“An deiner Stelle würde ich aufhören darüber nachzudenken. Es macht keinen Sinn. Blick lieber nach vorne. Genieß die Landschaft.”
Die Landschaft genießen. Sehr komisch.
“Du mußt lernen zu warten.”
Rick klemmte mit beiden Knie das Lenkrad fest und begann sein Jacke auszuziehen.
“Wenn du nicht aufpasst, lerne ich es bestimmt nicht mehr.” Obwohl wir mit fast 200 Stundenkilometern über die Autobahn rasten, zelebrierte Rick das Ausziehen der Jacke wie eine kleine Zirkusnummer. Entschlossen, sicher und mit dem notwendigen Schuss Leichtigkeit. Er schien den Wagen fest im Griff zu haben. Da ich aber in diesem Falle nicht nur Zuschauer war, sondern im Falle eines Fehlschlages mit betroffen wäre, krampfte ich mich mit beiden Händen in den Autositz. Der kleinste Schlenker würde genügen um einen verheerenden Unfall nach sich zu ziehen. Wir würden uns drehen, überschlagen und in Flammen aufgehen. Rick schlüpfte mit dem zweiten Arm aus dem Ärmel und schmiß die Jacke auf die Hinterbank. “Besser so” Er blickte grinsend zu mir herüber. “Alles Okay?” . Ich nickte stumm. “Als Fluchtwagenfahrer lernt man nicht nur besonders sicher zu fahren, sondern, man lernt auch zu warten. Das allerwichtigste, was du als Fahrer können mußt ist warten, ruhig und gelassen warten. Du weißt nicht, was in der Bank vor geht, verstehst du. Alles, was du weißt ist, dass deine Kollegen schwer bewaffnet in diese Bank hinein gegangen sind und dass sie von dir erwarten, dass du fahrbereit vor der Türe stehst, wenn sie wieder heraus kommen. Die Frage ist nur wie werden sie hinauskommen. Ruhig, zielstrebig, die Umgebung musternd, oder schreiend und schießend; werden alle wieder herauskommen? Was, wenn du plötzlich Polizeisirenen hörst.
“Was tut man als Fluchtwagenfahrer, wenn man plötzlich Polizeisirenen hört?”
“Nichts. Du tust nichts. Alles andere wäre verdächtig. Du bleibst ruhig in deinem Auto sitzen und beobachtest die Situation und erst wenn du wirklich ausschließen kannst, wirklich und letztendlich ausschließen kannst, dass noch irgendjemand deiner Kollegen da rauskommt, legst du den Gurt an, drehst die Zündung, Blinker setzen, umschauen und los. Keine schwierige Situation, schwierig ist es nur solange nichts passiert, solange du in deinen Auto sitzt und wartest. Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Es ist wichtig den Kopf leer zu halten. Auf keinen Fall darfst du damit beginnen dir vorzustellen, was wohl im Inneren der Bank passiert. Das macht dich nur nervös, schwitzige Hände, kauen auf der Lippe. Es steigert sich dann immer weiter. Dein Gehirn sucht sich in der Vorstellung ein Problem, das Gehirn ist Problemsüchtig, und wenn es ein Problem gefunden hat, dann konstruiert es um dieses Problem ein noch viel größeres Problem und um dieses ein noch viel größeres Problem, einen erstaunlichen Turmbau der Probleme, bis in den Himmel hinein, solange bis sich endlich das hinterhältige Gefühl der Ausweglosigkeit einstellt. Kurzer, schneller Atem. Deswegen ist es wichtig den Kopf leer zu halten. Leer halten heißt nicht unbedingt nichts zu tun. Das Gehirn ist wie ein kleiner Hund, du musst es nur beschäftigen. Es nimmt alles an. Ein Koan vielleicht. Ich habe mir eines aus einem Buch herausgesucht, das mir Abel einmal zum Geburtstag geschenkt hat. Es lautet: “Goso sagte: Am Beispiel erläutert ist es so, als ob eine große Kuh durch ein vergittertes Fenster ginge. Hörner, Kopf und die vier Beine sind schon durch. Warum kann ihr Schwanz nicht auch noch durchkommen?” Gosos Kuh hat mir über so manchen Überfall hinweg geholfen. Gosos Kuh ist sozusagen meine heilige Kuh. Verstehst du?”  Ich glaube, Rick ist ein verdammtes Arschloch, denke ich.
“Wenn ich dich bitten würde, mich aussteigen zu lassen, würdest du es tun?”
“Der Erleuchtete sagt: Er hat mich beleidigt, er hat mich betrogen, er hat mich geschlagen, er hat mich beraubt.
- die frei von Haßgedanken sind, finden gewißlich Frieden.”
Ich glaube ich habe recht. Schade eigentlich, denn ich hatte gehofft ich würde ihn mögen.

(Fortsetzung folgt)

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