Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 4

zu Kapitel 1 und 2

Doch das eigentlich schlimme war, er hatte recht, wahrscheinlich hatte er recht. Scheiß drauf. Worüber soll ich mir Gedanken machen? Was könnte wohl passieren? Wovor verdammt sollte ich Angst haben? Ich sollte einfach nach draußen sehen und die Landschaft genießen, die herrliche Natur, die wunderbare anmutige Natur, die Schönheit dieser elend selbstherrlichen Natur, die sich wohl einen Dreck darum kümmern würde, was aus so Idioten wie mir werden würde; ob ich mich nun mit Rick in diesem Auto überschlagen und verbrennen würde oder alt und sabbernd auf Blümchenkissen dem lieben Herrgott mit dem Arsch voraus entgegen schiele.
Schöne Landschaft, was für eine schöne Landschaft. Scheiß Landschaft. Ich fühlte mich wie damals, gar nicht so lange her, 1 Jahr vielleicht, damals, als ich, wie ich es nannte, an der Grenze stand. Verbrauchter Begriff, aber wahr. Mit dem großen Zeh, dem Hobbitzeh, über dem Abgrund.
Ein kleines hellbraunes Fläschchen mit einem weißen Schraubverschluss, ohne Aufschrift. Patur hatte es mitgebracht. Er hatte es, während wir uns, wie so viele betrunkene oder bekiffte Grinsesäcke, gerade jede Menge von Monty Python Zitaten um die Ohren gehauen haben ohne Kommentar auf den Tisch gestellt. Ein Lachkrampf kann durchaus schmerzhaft sein. Eigentlich hatten wir uns getroffen um zu proben. Patur hatte eine schöne, tiefe, rauchige Stimme. Er sang zwar nicht immer sauber, aber das machte nichts. Wenn er sang verlieh er jedem einzelnen Song seine eigene ganz spezielle Note, das Patur Patina, etwa zwischen Tony Joe White und Lucio Dalla. Irgendwie passte seine Stimme nicht zu seinem nordisch blassen Aussehen. Wenn es stimmte, was er mir erzählt hat dann ist er vor ca. zwei Jahren während eines Europatrips ausgerechnet in München hängen geblieben. Natürlich war eine Frau im Spiel, aber die ist inzwischen nach Pirmasens gezogen. Natürlich war ein Mann mit mehr Moneten im Spiel. Wir hatten als Duo (Patur Patina) ein kleines Programm mit Liedern von John Kander und George Gershwin und spielten es zwei mal im Monat in einer dieser Bars, die betont hip und doch nichts anderes als arrogant waren (aber es gab guten Rotwein, dumme Frauen und unkompliziertes Kokain). Ich hatte dem Fläschchen keine weitere Bedeutung zugemessen. Mein sogenannter Proberaum war eigentlich ein ganz normales Kellerabteil. Holzlattenkäfig, Holzlattentür, Abus-Schloss. Ich hatte es mit Schaumstoff, den sprichwörtlichen Eierkartons alten Messeteppichen dilettantisch abgedämmt und das alte Klavier reingestellt, das ich von Onkel Herbert geerbt habe. Onkel Herbert der gutmütige pausbäckige Mann, Gärtner, verrückt nach Süßigkeiten, Torten, Sahnetorten im speziellen. Eine Wespe hatte sich in einer stattlichen Portion Schlagsahne vergraben, die er auf ein ebenso stattliches Stück Buttercremetorte geschaufelt hatte. Sie hat ihn unterhalb des Adamsapfels in die Speiseröhre gestochen. Die roten Pausbacken liefen kurz blau an, die Augen traten hervor. Die Speiseröhre schwoll, nicht zuletzt wegen einer Allergie gegen Insektenstiche jeder Art, die er schon als Kind gehabt hatte, in windeseile an und drückte so fest auf die Luftröhre, dass er röchelnd zusammenbrach, sich noch eine Weile krächzend auf dem Boden herumwälzte und zu guter letzt in Panik an einem Herzversagen verstarb.

In allen Probenräumen dieser Erde liegen Pizzakartons.

“Mister Sandman, bring me a dream
(Bung, bung, bung, bung)
Make him the cutest that I’ve ever seen
(Bung, bung, bung, bung)
Give him two lips like roses in clover
Then tell him that my lonesome nights are over

Sandman, I’m so alone
Don’t have nobody to call my own
Please turn on your magic beam
Mister Sandman, bring me a dream

(bung, bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,bung,
bung,bung)”

Toll, Patur kann singen und gleichzeitig in der Nase bohren. Die zweite Hand klatschte mit jedem bung bung bung auf den Oberschenkel. Am Ende seines Vortrages stand er auf, streckte die Arme von sich und verbeugte sich galant wie ein alter Showstar. “Möchtest du das vielleicht in unser Programm aufnehmen?”
“Nein, mein Freund, ich möchte dir eine ganz speziellen experience geben.” Sein deutsch war nicht besonders. Er griff nach dem Fläschchen und hielt es mir ganz dicht vor die Augen. “Das hier Piano Mann ist Mister Sandman.”

Ich öffnete kurz die Augen. Am Irschenberg steht ein McDonalds mit Alpenblick

“In Dänemark in meine Famillie gab es einen ganz verrückten Großvater. Uralter Mann. Arzt. Hat so geforscht über Pflanzengifte und so. Er hat den Sandman gemixt. Hat viele Ratten das Leben gekostet. Es reichen 13 Pills. Es gibt keine Schmerzen. Just a smooth fade out. Als er gemerkt hat wie gut und leise Mr Sandmann wirkt hat er ein Spiel erfunden. Resist Mr. Sandman. Ein Spiel für die lange dänische Winter. Isch möchte es mit dir spielen. Ich lasse den Sandmann für eine Woche zu Besuch hier und nach einer Woche hole ich ihn wieder ab. Das ist alles. Es gibt kein so gutes Spiel sonst, das man alleine spielen kann.” Bedächtig stellte er Mr Sandman zurück auf den Tisch, “Wir sehen uns nächste Woche” und ging. Bung bung bung bung.
Der Hobbitzeh zuckte.
Angenommen ich würde das Spiel verlieren, angenommen, die Haut ablegen, die Zeit, weil aus der Verwunderung über mein alltägliches Aufwachen ein stetiger, dummer Schmerz geworden ist, dem ich nichts mehr entgegen zu setzen habe, angenommen, den Namen ausziehen, weil das Ich nicht mehr an den Konturen festhalten möchte, dem unheimlichen Zwischenraum zwischen mir und dem allernächsten, das, wenn es denn gelingt, nur eine Berührung vortäuscht, angenommen, mit den Fingernägeln nicht mehr an der Oberfläche kratzen, oder ein wenig darunter, je nachdem wie differenziert das Vokabular ist, die Klaviatur, die eingefleischte Komposition und der darin vermutete Wohlklang, wenn es den gelingt, klingt, so wie der Applaus es vermuten läßt, weil auch das Mitmenschentum der Mathematik der eigenen Sehnsüchte verpflichtet ist, angenommen, die Augen fallen aus dem Kopf heraus, aus dem sie bis eben gerade noch heraus geglotzt haben, oder sich verdreht, meistens geschielt oder sich hinter dünnen Hautvorhängen versteckt, verkrochen, verzogen, angenommen ich würde das Spiel in diesem Sinne gewinnen, nicht mehr nach vorne gebeugt, kurzatmig, stotternd, aber adrett, die Spielregeln deklinierend, gewinnen, nicht den Schmerz, sondern die Fähigkeit zum Schmerz ablegen, die ausgewachsene DNS, der Klangkörper, in dem selbst die Einsamkeit einen Ton findet und ihn erschüttert, angenommen die Narben würden alle aufbrechen und die Empfindung entlassen, angenommen…… es gäbe dann keine Freiheit zu gewinnen, aber es würde schon ausreichen, wenn es auf hört, nicht mehr ist, schweigt, das Schmerzgetier, angenommen ich könnte nicht widerstehen, und ich müßte erklären warum, ich könnte es nicht.

One Response to “Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 4”

  1. ZX1400 owner Says:

    It’s time to bring those babies back from obscurity!

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