Unverletzlichkeit der Wohnung? Von wegen !
Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, ich würde es nicht glauben, würde mich weigern es zu glauben, es in die Hinterwelt exotischer Foren verschieben, oder schlicht und einfach ignorieren, vergessen, verdrängen. Ja, das kann doch nicht sein. Aber leider ist es mir passiert und so kann ich nicht umhin darüber zu berichten. Möge jeder seine Schlüsse ziehen.
Ich verließ nach einer durchaus gelungenen Probe das Theater und noch bevor ich entscheiden konnte, ob ich den geplanten Einkauf nun erledige oder gekonnt und bestens eingeübt auf sagen wir später verschiebe läutet mein Telefon. Rufnummer unterdrückt. Eher ein schlechtes Zeichen, da sich dahinter oft dreiste Callcenter verbergen, die den Pyromanen in mir wecken. Ein Callcenter wäre mir in diesem Falle allerdings lieber gewesen. „Grüß Gott spreche ich mit dem Herrn Vici?“ Eine tiefe, trockene Stimme, die einem Menschen zu gehören scheint, der über das Temperament eines englischen Bassetts verfügen musste. Eine liebenswerte Hunderasse übrigens, bei deren Anblick ich bis heute an Ingrid Steegers Busen denken muss, der meine frühpubertäre Phantasie beflügelte. „Mein Name ist Marder (Selbstverständlich wurde der Name von meiner hauseigenen Redaktion geändert) Kriminalhauptkommissar Marder. Gegen Sie liegt eine Strafanzeige wegen Diebstahls vor, die zu einem richterlichen Durchsuchungsbefehl geführt hat.“ Ich hätte gern nach etwas Luft geschnappt, aber der Reflex versagte. Mit der Restluft, die sich noch in meinen Lungen befand antwortete ich. „Wie bitte?“ Der Bassett wiederholte seine Ansage so exakt, dass man glauben könnte sie wäre aufgezeichnet worden. „Soll das bedeuten,“ fuhr ich fort, nachdem ich mein Atemzentrum reaktiviert hatte, „dass ich nun nach Hause kommen soll, um ihnen die Tür zu öffnen.“ Die Kontrolle über mein Atemzentrum sollte nicht lang anhalten. „Nein,“ brummte der Kriminalhauptkommissar Marder „des brauchen´s nicht, wir sind schon drin.“ Welches Atemzentrum? „ich wollt sie nur verständigen“ Mund auf. Is schon offen. Luft rein. „Wie bitte?“. Diesmal wartete ich die Wiederholung der Ansage nicht ab. „soll das heißen, sie rufen mich aus meiner Wohnung an.“ „So ist es.“ War ich Anfangs überrascht, erstaunt, irritiert, so war ich jetzt wütend. „Ich komme sofort nach Hause.“ „Nein, des brauchen´s nicht, wir sind schon fertig.“ „Fertig also, aha, verstehe.“ „Ja, soweit ist die Durchsuchung gemäß des Beschlusses durchgeführt. Ich hinterlasse ihnen auf ihrem Tisch eine Kopie…..des.“ „Ja, können sie mir jetzt bitte vielleicht sagen worum es geht.“ Für einen Moment ist es still. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht eine blau gekleidete untersetzte Frau, nein, sie ist nicht untersetzt, sie ist dick, ja, dick, dick, dick, ihrer Arbeit nach indem sie Autofahrern, die keine, oder eine nicht mehr ausreichende Parklizenz erworben haben, entsprechende kostenpflichtige Verwarnungen hinter die Scheibenwischer klemmt. Es ist soweit. Ich bin umzingelt. Der Marder brummte wieder. „Schauen sie die Sache ist diese, oder besser ich frage sie: Wo waren sie am Abend des 5. Dezember, so gegen …“ Etwas raschelte. Ich versuchte mir den Herrn Hauptkommissar vorzustellen, wie er in meiner Wohnung stand, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, diverse Papiere in der Hand, die er nun notdürftig und etwas unbeholfen sortierte. Das Schnurrbartklischee gewann die Oberhand. „ 21 Uhr 30“ Ich musste einen Moment nach der Antwort suchen, möglicherweise über das Maß hinaus, das mich unverdächtig blieben ließe. Wut und Irritation vernebelten mein Gehirn, und da ich nichts zu verbergen hatte ging ich zur Offensive über. „Ich denke, bevor ich etwas sage, würde ich doch gern erst einmal den Vorwurf hören.“ „Meinetwegen, wenn sie des so meinen. Also eine Dame behauptet sie hätten ihr am fraglichen Tag im Zug von Mannheim nach München gegenüber gesessen. Kurz vor München sei sie dann auf die Toilette gegangen. Als sie wieder zurückkam wären sie sowie ihr Laptop verschwunden gewesen.“ Wo immer ich auch war, ganz sicher nicht in einem Zug, und schon gar nicht in einem aus Mannheim. „Interessant.“ sagte ich, mehr brachte ich nicht heraus. „Wie sie meinen. Jedenfalls hat die besagte Dame am nächsten Tag ihr Profil auf der (Lautschrift) Kommunitie Xing aufgesucht. Hier habe sie feststellen können, dass sie wohl am gleichen Tag auf ihrem Profil gewesen wären. Sie hat sie dann anhand ihres Profilfotos eindeutig identifiziert und daraufhin Anzeige bei uns erstattet.“ „Interessant“ wiederholte ich fast tonlos. „Ja, wie schon gesagt, wenn sie meinen. Wir wären jetzt jedenfalls soweit fertig und ich hinterlasse ihnen ein entsprechendes Protokoll, auf dem sie dann auch meine Nummer finden, falls sie noch weitere Fragen haben….“ „Ob ich noch Fragen habe! Entschuldigung, aber nur weil irgendeine Frau behauptet, sie hätte mich aufgrund eines Fotos im Internet wieder erkannt, erwirken sie einen richterlichen Durchsuchungsbefehl und dringen in meiner Abwesenheit in meine Wohnung ein…….“ „Ja, sie müssen schon verstehen, aus unserer Sicht besteht ein dringender Tatverdacht.“ Das ist also die Definition von dringendem Tatverdacht. „Aber das alles können wir dann ja persönlich besprechen. Sie rufen mich dann an und wir machen einen Termin aus. Allerdings nicht so bald, weil ich bin ab morgen für zehn Tag im Urlaub, also dann erscht später.“ Dringender Tatverdacht. „das Wochenende mit gerechnet, also dann so ab dem……, sagen wir in zwei Wochen.“ Gott mit dir du Land der Bayern. „Ein kleine unbedeutende Frage hätte ich da noch, wirklich nur eine Kleinigkeit, die ich ihnen gerne auf ihrem Weg in den Urlaub mit geben möchte. Nur ein mal angenommen die besagte Frau hätte recht und ich wäre der fragliche Dieb ihres Laptops, der nichts besseres zu tun hat als gleich am nächsten Tag eine persönliche Duftnote auf dem Profil der Geschädigten zu hinterlassen. Was glauben sie mache ich wohl in den nächsten zwei Wochen mit dem fraglichen Gerät?“ „Was auch immer sie machen oder nicht, wir machen jedenfalls eine Gegenüberstellung. Also bitte melden sie sich bei uns, damit wir einen Termin vereinbaren können.“
Jetzt muss ich leider die Tonart wechseln, und folgende Fakten hinzufügen. Der Wert des fraglichen Laptops ließ sich bei Ebay mit ungefähr 200 Euro feststellen. Diese 200 Euro stehen also in Verbindung mit dem so genannten dringenden Tatverdacht gegen das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Nähere Informationen dazu hier)
In einer späteren Gegenüberstellung, die mehr als vier Wochen nach der Tat stattfand nahm die Dame die Beschuldigung gegen mich zurück. Ich habe den Vorfall später durch einen Anwalt überprüfen lassen und mir wurde die Rechtmäßigkeit des Vorgangs bestätigt, verbunden mit der Bemerkung, ob ich denn wirklich glaube, dass ich in einem Rechtsstaat lebe. Nun ich denke, dass wir sicher noch ein ganzes Stück weit von einer repressiven Diktatur entfernt sind, aber mein Verhältnis zu den hiesigen Behörden hat wohl einen weiteren Riss bekommen und die latente Paranoia einen kräftigen Schub. Sollten Umstände wie die beschriebenen ausreichen um elementare Grundrechte auszuhebeln so sind Überwachung und Denunziation Tür und Tor geöffnet.
Noch eine kleine Anmerkung zum Schluss: Auf meine Frage an den Beamten, ob er denn wirklich glaube, dass ich, falls ich der Täter bin, wirklich am nächsten Tag über meinen Account das Profil der Dame besuche, und so direkt auf mich aufmerksam mache, bekam ich folgende Antwort: “Meiner Erfahrung nach sind Diebe dumm, denn wenn sie inteligent wären, wären sie Betrüger.”
“Jeder Mensch, den ich sehe und jeder, von welchem ich, gleich was höre, beweist mir die absolute Bewußtlosigkeit des ganzen Geschlechts und daß dieses Geschlecht und daß die ganze Natur ein Betrug ist. Komödie. Die Welt ist tatsächlich, wie schon so oft gesagt, eine Probebühne, auf der ununterbrochen geprobt wird. Es ist wo wir hinschauen ein ununterbrochenes Redenlernen und Gehenlernen und Denkenlernen und Auswendiglernen, Betrügenlernen, Sterbenlernen, Totseinlernen, das unsere Zeit in Anspruch nimmt.”
Thomas Bernhard
April 7th, 2010 at 23:39
sucivukemypy…
Anessa Ramsey …