Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 3

November 5th, 2009 by ludo

zu Kapitel 1 und 2

Rick nahm den direkten Weg auf die Autobahn in Richtung Salzburg. Wie schnell die Stadt doch verschwindet. Sie gebärdet sich immer so groß, so wichtig, so lebendig, bedeutend, bestimmend und doch, nach nur wenigen Minuten auf der Autobahn ist sie so gut wie vergessen. Das einzige, was den Blick in die Welt dann noch bestimmt sind die graublauen Berge dort vorne, auf so eine ganz andere Weise selbstherrlich, majestätisch, siegesgewiss und weit ab von allem, was etwas bedeuten möchte. Rick saß ruhig und gelassen am Steuer. Ich wagte es kaum länger zu ihm hinüber zu sehen, da ich befürchtete er würde merken, dass ich ihn mustere, also hielt ich meinen Blick zwanghaft nach vorne.
“Hat es je einen Plan für einen Anschlag gegeben?”
“Könnte sein es gibt ihn noch.” Ich glaubte ihm kein Wort. Ich fühlte mich betrogen, peinlich beschämt, wie jeder, der Opfer eines dummen Streiches geworden ist. Aber offensichtlich wollten sie es nicht bei diesem Streich belassen, sonst hätten sie mich auch einfach dort liegen lassen können.
“Im Handschuhfach ist meine Sonnenbrille. Wärst du bitte so nett, sie mir zu geben?”
Ich öffnete das Handschuhfach. Es waren Haufenweise Landkarten darin, Städtekarten. Wien, Rom, Lissabon. Sowie Kopfschmerztabletten, ein Notizblock…..
“Links an der Seite.” ….. und die Sonnenbrille. Ich reichte sie zu Rick hinüber.
“Wie lange werden wir fahren?”
“Oh, es ist nicht weit. Eineinhalb Stunden vielleicht, eher weniger.”
“und wohin geht es? In euer Hauptquartier?”
Rick lächelte. “Naja,” sagte er “so könnte man es nennen. Aber das klingt doch ein bißchen zu militärisch.”
“Ach so, ich dachte ihr wäret vielleicht so was wie eine kleine paramilitärische Organisation.”
“Nein, mein lieber, das trifft es wohl kaum?”
“Sondern?”
“Sagen wir eine Art Bruderschaft.”
“Klingt ja geheimnisvoll.” Rick lächelte wieder, so wie jemand, der etwas weiß, dass er dem anderen keinesfalls mitteilen würde, wie jemand, der sich insgeheim auf das Gesicht desjenigen freut, wenn dieser schließlich dahinter kommt und mir war klar, dass ich mit meinen Fragen nicht weiter kommen würde, also wechselte ich das Thema.
“Wie ist die Wahl ausgegangen?”
“Die SPD ist ein Trümmerhaufen, die FDP strahlender Sieger, das bedeutet Merkel und Westerwelle stehen auf der Brücke.” Es ist also gekommen, wie erwartet und befürchtet. “Aber, Max, das wird zunächst einmal nicht dein größtes Problem sein.” Rick drehte kurz den Kopf zu mir  und hob frech seine Augenbrauen an. Ich konnte nicht darauf antworten, aber ich spürte wie sich in mir ein deutlichter Fluchtimpuls rührte. Wir donnerten mit bestimmt 200 Sachen über die Autobahn. An Flucht war nicht zu denken. “Keine Angst, du wirst es überleben.” Als ich vor weniger als 24 Stunden die vermeintliche Bombe in meinen Händen hielt dachte ich, es könnte nicht schlimmer kommen, aber offensichtlich habe ich mich getäuscht. Hier ging es wohl nicht um Politik, hier ging es ganz eindeutig um meine Person. Ich stand im Zentrum eines Plans. Ich war das Ziel, und wenn es ganz schlimm kommen würde, war ich das Opfer. Aber was hatte Mia mit all dem zu tun. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie wirklich ein Teil dieses Spiels sein sollte, dass ausgerechnet sie mich in die Falle locken würde. Ich holte eine Situation nach der anderen vor mein geistiges Auge und versuchte über die zeitliche Entfernung hinweg ihr Gesicht zu deuten, vielleicht doch irgendwo eine Doppeldeutigkeit, eine Verschlagenheit oder ähnliches zu finden, ein Zucken, ein verhuschter Blick. Vielleicht ist sie von ihnen erpresst worden? Das macht keinen Sinn. Ich bin absolut niemand, vollkommen unbedeutend. Wozu sollte sich jemand die Arbeit machen, das Risiko eingehen, Zeit verschwenden. Nein, ihre Begeisterung ist echt gewesen. Sie war absolut von der Sache überzeugt. Sie hat an Abel geglaubt. Sie stand fest an seiner Seite. Ich weiß nicht wer sie so zusammengeschlagen hat, aber es war sicher nicht Abel. Er hatte damit nichts zu tun. Es sei denn…….. Die Gedanken rauschten herrenlos durch meinen Kopf. Es war unmöglich eine Ordnung zu schaffen, ein Folge, Zusammenhänge, Ursache und Wirkung. Ich wußte ja nicht einmal wo ich den Anfang machen sollte. Wo sollte ich einhaken. Das Treffen an der Haltestelle? War das der Anfang? Ging von dort alles aus? Das kann nicht sein. Mia saß doch bereits da als ich an die Haltestelle kam. Das würde ja bedeuten, dass sie auf mich gewartet hat, aber sie wußte doch gar nicht, ob ich überhaupt dorthin kommen würde.
“An deiner Stelle würde ich aufhören darüber nachzudenken. Es macht keinen Sinn. Blick lieber nach vorne. Genieß die Landschaft.”
Die Landschaft genießen. Sehr komisch.
“Du mußt lernen zu warten.”
Rick klemmte mit beiden Knie das Lenkrad fest und begann sein Jacke auszuziehen.
“Wenn du nicht aufpasst, lerne ich es bestimmt nicht mehr.” Obwohl wir mit fast 200 Stundenkilometern über die Autobahn rasten, zelebrierte Rick das Ausziehen der Jacke wie eine kleine Zirkusnummer. Entschlossen, sicher und mit dem notwendigen Schuss Leichtigkeit. Er schien den Wagen fest im Griff zu haben. Da ich aber in diesem Falle nicht nur Zuschauer war, sondern im Falle eines Fehlschlages mit betroffen wäre, krampfte ich mich mit beiden Händen in den Autositz. Der kleinste Schlenker würde genügen um einen verheerenden Unfall nach sich zu ziehen. Wir würden uns drehen, überschlagen und in Flammen aufgehen. Rick schlüpfte mit dem zweiten Arm aus dem Ärmel und schmiß die Jacke auf die Hinterbank. “Besser so” Er blickte grinsend zu mir herüber. “Alles Okay?” . Ich nickte stumm. “Als Fluchtwagenfahrer lernt man nicht nur besonders sicher zu fahren, sondern, man lernt auch zu warten. Das allerwichtigste, was du als Fahrer können mußt ist warten, ruhig und gelassen warten. Du weißt nicht, was in der Bank vor geht, verstehst du. Alles, was du weißt ist, dass deine Kollegen schwer bewaffnet in diese Bank hinein gegangen sind und dass sie von dir erwarten, dass du fahrbereit vor der Türe stehst, wenn sie wieder heraus kommen. Die Frage ist nur wie werden sie hinauskommen. Ruhig, zielstrebig, die Umgebung musternd, oder schreiend und schießend; werden alle wieder herauskommen? Was, wenn du plötzlich Polizeisirenen hörst.
“Was tut man als Fluchtwagenfahrer, wenn man plötzlich Polizeisirenen hört?”
“Nichts. Du tust nichts. Alles andere wäre verdächtig. Du bleibst ruhig in deinem Auto sitzen und beobachtest die Situation und erst wenn du wirklich ausschließen kannst, wirklich und letztendlich ausschließen kannst, dass noch irgendjemand deiner Kollegen da rauskommt, legst du den Gurt an, drehst die Zündung, Blinker setzen, umschauen und los. Keine schwierige Situation, schwierig ist es nur solange nichts passiert, solange du in deinen Auto sitzt und wartest. Immer wieder ein Blick auf die Uhr. Es ist wichtig den Kopf leer zu halten. Auf keinen Fall darfst du damit beginnen dir vorzustellen, was wohl im Inneren der Bank passiert. Das macht dich nur nervös, schwitzige Hände, kauen auf der Lippe. Es steigert sich dann immer weiter. Dein Gehirn sucht sich in der Vorstellung ein Problem, das Gehirn ist Problemsüchtig, und wenn es ein Problem gefunden hat, dann konstruiert es um dieses Problem ein noch viel größeres Problem und um dieses ein noch viel größeres Problem, einen erstaunlichen Turmbau der Probleme, bis in den Himmel hinein, solange bis sich endlich das hinterhältige Gefühl der Ausweglosigkeit einstellt. Kurzer, schneller Atem. Deswegen ist es wichtig den Kopf leer zu halten. Leer halten heißt nicht unbedingt nichts zu tun. Das Gehirn ist wie ein kleiner Hund, du musst es nur beschäftigen. Es nimmt alles an. Ein Koan vielleicht. Ich habe mir eines aus einem Buch herausgesucht, das mir Abel einmal zum Geburtstag geschenkt hat. Es lautet: “Goso sagte: Am Beispiel erläutert ist es so, als ob eine große Kuh durch ein vergittertes Fenster ginge. Hörner, Kopf und die vier Beine sind schon durch. Warum kann ihr Schwanz nicht auch noch durchkommen?” Gosos Kuh hat mir über so manchen Überfall hinweg geholfen. Gosos Kuh ist sozusagen meine heilige Kuh. Verstehst du?”  Ich glaube, Rick ist ein verdammtes Arschloch, denke ich.
“Wenn ich dich bitten würde, mich aussteigen zu lassen, würdest du es tun?”
“Der Erleuchtete sagt: Er hat mich beleidigt, er hat mich betrogen, er hat mich geschlagen, er hat mich beraubt.
- die frei von Haßgedanken sind, finden gewißlich Frieden.”
Ich glaube ich habe recht. Schade eigentlich, denn ich hatte gehofft ich würde ihn mögen.

(Fortsetzung folgt)

Ei ei ei, ein Wunsch

Oktober 20th, 2009 by ludo

Wunsch

Ich sein
einmal entpuppt
einmal erhoben
enthoben dem Sehnen
einmal
aus dem Gelächter
heraus
aus den Tränen
ein mal
und lächeln
ein mal
so wie ein Gott
vielleicht
Fee, wenn Du erlaubst, meine liebe
das wünsch ich mir

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 2

Oktober 14th, 2009 by ludo

zu Kapitel 1 und 2

Als ich wieder zu mir kam war Guido Grinse Westerwelle zum Kanzlerinnenmacher aufgestiegen.
“Willkommen zurück.” Die Stimme war mir unbekannt. Falls ich sie jemals gehört hätte, hätte ich sie bestimmt nicht vergessen. Sie klang ungewöhnlich hoch.
Vor mir war keine kleine schwarzrote Pfütze. Um mich herum brummte es. Mühsam wälzte ich mich auf den Rücken und blickte in ein grell weißes Neonlicht. Mein Schädel schmerzte entsetzlich und ich war kaum fähig ein Wort zu sprechen. Sofort schloss ich die Augen wieder. Ich bemühte mich in dem pulsierenden Schwarz in meinem Kopf eine Erinnerung zu finden. Delilah!
“Was habt ihr mit Delilah gemacht?” Ich hielt meine Augen geschlossen und hoffte es würde nicht so schlimm kommen, wie ich im Augenblick befürchtete.
“Sie ist ein hübsches Mädchen?” Eine Wasserleitung tropfte auf ein hohles Metall. “und selbstverständlich wußte auch sie worauf sie sich einlässt.” Ich öffnete die Augen und drehte meinen Kopf zur Seite um dem Licht auszuweichen. An der Wand hockte ein dürrer, hagerer Mann, neben ihm stand das Paket, das ich für eine Bombe gehalten habe. Der Mann grinste und klopfte mit einem Fingerknöchel auf das Paket, so wie man an eine Türe anklopfen würde. “Hallo! Jemand zu Hause” Ein Spaßvogel offensichtlich “Nein, keine Angst, das ist vollkommen ungefährlich.” Er legte sein Hände an den Fingerspitzen aneinander.
“Was habt ihr dem Mädchen angetan?”
Er ließ seine Mittelfinger rhythmisch gegeneinander tippen und flüsterte wie in einem Kinderreim. “Das Mädchen, das Mädchen, das Mädchen…”
Offensichtlich wollte er mir nicht direkt antworten. Ich rappelte mich mühsam auf und lehnte mich gegen einen der Heizungskessel. “Habt ihr sie auch so zusammengeschlagen wie Mia?” Er blicke auf und fixierte meine Augen. “Niemand von uns würde Mia je etwas zu Leide tun.”
“Aber Delilah schon. Sie ist ja wohl bloss eine Handlangerin, eine hübsche kleine Handlangerin. Womit habt ihr sie erpresst. Aufenthaltsgenehmigung?” Der Mann senkte seinen Blick wieder nach vorne auf den Boden. “Das ist nicht unser Stil.”
“Stil? Entschuldigung, aber ich kann keinen Stil entdecken.”
“Du musst noch viel über uns lernen, mein Freund.” Er griff in seine Jackentasche und holte eine kleine Plastikflasche heraus. “Wasser?” Ich nickte und er warf sie mir herüber. “Also, um dich zu beruhigen. Delilah geht es gut. Sie ist nicht mehr hier im Haus, auch nicht mehr hier in der Stadt, aber du musst dir keine Sorgen machen. Sie hat ihren Job gut gemacht, hat bekommen, was sie verdient hat und darüber hinaus eine Anstellung mit etwas mehr Aussicht als hier.” Ich nahm einen Schluck Wasser. “Und, um deine Frage vorweg zu nehmen. Nein, du kannst sie nicht wieder sehen. Vorerst zumindest nicht. Später…..viellleicht. Wir werden sehen.”
Das Wasser schmeckte wunderbar. “Oh entschuldige, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin Rick.”
Er hob kurz die Hand. Das also ist Rick. Er ist noch größer als ich mir vorgestellt habe, sicherlich etwas über 2 Meter. Hier vor mir sitzt nun der Chorknabe. Wieso sitzt hier vor mir der Chorknabe? Ich hatte mir den Chorknaben doch nur vorgestellt. Ich hatte ihm den Namen gegeben. Er war nicht mehr als die Dekoration gewesen, die ich um Abel herum aufgezogen hatte, um aus ihm in meiner Vorstellung den Bankräuber zu machen, den ich mir wünschte.
Es würde mich nicht wundern, wenn ich jeden Augenblick aufwachen würde und in meinem Bett liege. An welchem Zeitpunkt würde ich wohl aufwachen? Nach dem Verhör mit Ehrenbacher, oder noch davor, oder noch bevor ich Abel überhaupt kennen gelernt habe. Was war sicher? Was wusste ich sicher? Das Treffen mit Mia? Ja, das war sicher. Das ist passiert. Das ist genau so passiert, wie ich es in Erinnerung habe. Zumindest bis zu dem Augenblick, als ihr Handy in der Tasche läutete. Das war sicher und dass mir Chris Naaken vor vielen Jahren in die Fresse geschlagen hatte, so wie ich es wohl eben geträumt hatte, so wie es eben als ich hier auf dem Boden lag nochmals in mir aufgestiegen ist. Dieser Schlag war ein Teil meiner Person geworden, ein unverrückbares Kalendarisches Ereignis in meiner Biographie. Das konnte ich feststellen, aber was war mit Abel, mit Ehrenbacher, Rick, Delilah und Mia. “Ich möchte mit Mia sprechen.” Rick erhob sich zu seiner ganzen Größe, machte einen Schritt auf mich zu und reichte mir die Hand, um mir aufzuhelfen. “Sicher, das wirst du.” Ich blickte ihn regungslos an. “Wann?”
“Alles zu seiner Zeit.”
“Was soll das heißen? Wenn es dein Boss erlaubt?” Rick streckte mir seine Hand noch etwas näher. “Abel ist doch dein Boss, oder?” Rick lächelte. Er zog seine Hand zurück und hockte sich vor mich hin. Dunkelbraune, fast schwarze Augen. Seine Haut spannte sich über seinen Schädelknochen, so als sei sie nicht mit ihm mit gewachsen, so als ob er plötzlich durch sie hindurch brechen könnte.
“So könnte man es nennen, aber unser Verhältnis ist weit freundlicher, wie du weißt. Schließlich haben wir einiges zusammen durchgemacht in den letzten Jahren.”
“Woher soll ich das wissen?”
“Das kann ich dir leider jetzt nicht beantworten. Doch es wird eine Antwort darauf geben. Nicht jetzt, aber in Zukunft. Die Dinge sind nie so offensichtlich wie sie erscheinen und deswegen sollte man auch nichts überstürzen. Alles schön der Reihe nach ein Schritt nach dem anderen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick sagen kann.” Er schlug sich mit den flachen Händen auf die Oberschenkel. “Also, wollen wir los?”
“Wohin?”
“Na, zu Abel. Du möchtest doch sicher Antworten auf deine Fragen haben.”
Allerdings, das wollte ich. Rick half mir hoch. Bevor wir uns auf den Weg machten heftete er mir ein kleines Namenschildchen an mein Hemd. “Damit niemand auf dem Weg nach draussen Fragen stellt. Du verstehst, man kann ja schließlich nicht irgendjemanden in seinem Keller herumkrabbeln lassen.” Er zwinkerte mit einem Auge.
“Verstehe.” Benjamin L. Willard, Sicherheitsdienst, stand darauf zu lesen. Rick hob zackig die Hand zu einem Militärgruß an seine Stirn. “Zu ihren Diensten, Captain.” Humor hatte er, das musste man ihm lassen. Wir machten uns auf den Weg durch die Kellergänge hindurch nach draussen. Auf dem Lieferantenparkplatz stand der schwarze Audi mit dem Mia damals verschwunden war. Also, wenn es ihnen darum ging mich zu verwirren, oder auch um mich immer weiter an sich zu ziehen, dann hatten sie ganze Arbeit geleistet. Alles schien wie ein großer Plan, alles schien, als wäre es nur für mich inszeniert.
Mit einem kurzen Piepen öffnete Rick das Auto. Wir stiegen ein und fuhren los.

(Fortsetzung folgt)

Entscheidung

Oktober 12th, 2009 by ludo

Abel - Kapitel 3: Glaubwürdigkeit - Teil 1

Oktober 9th, 2009 by ludo

zu Kapitel 1 und 2

Eine kleine schwarzrote Pfütze Blut, direkt vor meinen Augen. Keine Schmerzen. Ich kniete auf allen vieren. Der Faustschlag von Chris Naaken hatte mich direkt im Gesicht getroffen und auf den Boden geschickt. Noch niemals hatte ich einen solchen Schlag abbekommen. Ich war 14 Jahre alt und alle Rangeleien, in die ich bis dato verwickelt war, waren meist glimpflich abgelaufen. Bis eben gerade, bis zu diesem ganz und gar ungerechtfertigten, ungerechten Schlag in mein Gesicht.
Der Begriff Verbitterung war mir zu diesem Zeitpunkt bereits begegnet, aber er hatte einen etwas altmodischen Klang, denn ich hatte ihn noch nicht mit Erfahrung gefüllt. Rückblickend jedoch kann ich sagen, dass an diesem Septembertag womöglich der Grundstein für jene Gemütszustand gelegt wurde, den ich heute mit dem Wort Verbitterung beschreibe.
Der Anlass für diesen Vorfall ist, von aussen betrachtet, gänzlich bedeutungslos. Lediglich eine Auseinandersetzung um einen möglichen Regelverstoß im Rahmen eines Fussballspieles. Ein bedauerlicher Zwischenfall, dem aber keine weitere Bedeutung zuzumessen ist, von aussen betrachtet. Von aussen betrachtet ist jedwede Betrachtung immer die Verniedlichung eines Umstandes durch einen Betrachtenden, dem die Wirkung des Vorfalls im Betrachteten fremd ist, und der lediglich die unangenehmen Konsequenzen in Form von Belästigungen vermeiden möchte.
Ganz sicher hatte ich diesen Regelverstoß, nämlich ein Foul gegen einen Mitspieler aus meiner Mannschaft zurecht moniert. Ein Foul, das zumindest einen Freistoß nach sich ziehen müßte, der unsere Führung im laufenden Spiel möglicherweise unangreifbar gefestigt hätte, ein sportlich erstrittener Sieg, eine Entscheidung in der letzten Viertelstunde der Spielzeit. Von aussen betrachtet lediglich die Entscheidung in einem unbedeutenden nachmittäglichen alltäglichen Fussballspiel zwischen zwei zufällig zusammengestellten Jungendmannschaften auf einem, der vielen Bolzplätze der Republik.
Die Jugend bedarf der Ertüchtigung durch den Sport. Nicht nur der Körper erfährt hier ein wertvolles Training, sondern auch wichtige soziale Kompetenzen wie Teamgeist, Kameradschaft, aber auch Durchsetzungsvermögen und Siegeswille. Die Ausbildung dieser Tugenden formt aus dem jungen Menschen ein tatkräftiges Mitglied der Gemeinschaft, das willens und bereit ist Verantwortung für sich und seine Mitstreiter zu übernehmen und dessen Ehrgefühl und Ehrgeiz, Hunger, Belohnungshunger, Stolz, die erforderliche Grundlage bilden aus ihm, auch aus ihm, falls nötig einen Täter zu machen.
Chris Naaken brachte alle erforderlichen Voraussetzungen mit, die ihn in zwanzig Jahren als Führungspersönlichkeit und Leistungsträger auszeichnen würden; alle jene lächerlichen Voraussetzungen, die sich an diesem Nachmittag in dem Wissen manifestierten, dass ein bedauerlicher Vorfall zuletzt eine geringere Bedeutung haben würde wie die Nachricht eines Sieges. Ergebnisorientiertes Handeln. Der Geschmack von Blut in meinem Mund war das Ergebnis kleinbürgerlicher Grossmannssucht.
Chris Naaken stand hinter mir. Sein Atem ging schnell. Er hatte die Faust noch geballt, allerdings nicht, um mir noch einen zweiten Schlag zu versetzen, sondern weil es seine Siegerpose besser zierte und weil es alle anderen davon abhielt sich einzumischen. Mein Körper zitterte. Von meinem Bewusstsein blätterte langsam der erste Schock ab, der sich bis jetzt schützend vor die Schmerzen gelegt hatte. Von einem winzig kleinen Punkt irgendwo im rechten Teil meines Unterkiefers begann sich der Schmerz nun über mein ganzes Gesicht vor zu arbeiten. So wie ein Tintentropfen, den man auf ein Stück nasses Papier tropfen lässt, und der sich dann in vielen kleinen Adern sternförmig ausbreitet. Der Schmerz gewann mehr und mehr die Oberhand. Er schwächte zunehmend meinen Körper und gleichermaßen nährte er meinen Zorn.
“Verpiss dich vom Platz, Kleiner, wenn du die Regeln nicht kennst.”
Von aussen betrachtet ein wunderschöner, strahlender, sonniger Septembertag. Die Schuljungs ließen in der spätsommerlichen Atmosphäre noch einmal das Feriengefühl der letzten Wochen in sich aufsteigen, in denen Badenachmittage, Ausfahrten mit dem Fahrrad, eben auch gemeinsames Fussballspiel, heimlicher Alkohol, heimliche Zigaretten und der allgegenwärtige Wettbewerb um das heimliche Befummeln den Ablauf der Welt bestimmte.
Vor weniger als zwei Wochen war ich mit Chris Naaken und anderen um ein Feuer gesessen. Wir hatten Bier getrunken und aus dem Ghettobluster von Steff Thin Lizzy in die Nacht geblasen. Manche von uns hielten große Äste wie Gitarren und gebärdeten sich wie Rockstars vor einem imaginärem Publikum. Mitten in unserem ausgelassenen Gelächter, ich erinnere mich genau, hatte ich auch mit ihm angestoßen. Ich erinnere mich an sein Gesicht im Feuerschein. Es flackert in mir auf. Ich weiß nicht mehr worüber wir gesprochen haben. Es war sicher nicht wichtig. Aber wir haben gelacht, ich erinnere mich. Wir haben uns eigentlich recht gut verstanden, zumindest hat es so ausgesehen, von aussen betrachtet.
Aber das alles hat jetzt natürlich keine Bedeutung. Es hat so der so keine Bedeutung.
Wenn man nun aus dem schönen Spätsommernachmittag heraus einen Schritt näher herantritt, aus der Sonne heraus, vielleicht sogar so nahe heran, dass man unseren Schweiß riechen kann, oder sieht wie winzige weiße Sandkörnchen auf der wackligen Oberflächenspannung meiner kleinen Blutpfütze liegen, dann zeigt sich von etwas näher betrachtet wohl das Szenario eines Machtkampfes, der unnachsichtige Mechanismus, in dem Hierarchien geordnet werden.
Zügelloses Zermalmen und Zermahlen, so scheint es, das allgegenwärtige Recht des Stärkeren. Und wenn man nun noch näher herantritt, durch die Barriere der Epidermis hindurch, Hautschicht für Hautschicht dem durchgeführten Schlag ins Innere folgt so finden sich viele tausende kleine Zahnräder, ineinander verzahnt, die sich drehen, hin und her drehen, sich ausrichten und womöglich durch Schläge wie diese die Richtung wechseln.
Das immer größer werdende Bedürfnis nach Rache, das sich aus meinem Zorn herausschälte richtete sich nicht gegen Chris Naaken. Er ist unbedeutend. Meine Rache richtet sich gegen das Recht des Stärkeren, das sich an mir vergangen hat. Ein Foul ist ein Foul. Es gibt dieses Recht nicht. Der Begriff vom Recht des Stärkeren ist die formvollendete Lüge einer missratenen Vernunft, die aus dem blinden Mechanismus hinter den Hierarchien, eine beherrschbare Kraft machen möchte. Wie dumm. Nicht das sich der Mechanismus gegen mich gerichtet hat, machte mich wütend, sondern, dass er sich blind gegen mich gerichtet hat, dass nicht die Frage nach der Rechtmäßigkeit meines Insistierens auf einem Freistoß den Ausschlag gegeben hat, sondern das dieses berechtigte Insistieren der Schauplatz, der Anlass für die Feigheit des so genannten Rechts des Stärkeren wurde. Nein, mein lieber Chris Naaken, ich kenne deine Regeln nicht, ich begreife sie nicht und bin nicht bereit sie anzuerkennen. Am Ende von Schock, Schmerz, Zorn und Rache steht diese Entscheidung, und da sie einen so weiten Weg hinter sich gebracht hat, war sie gewappnet, und ich stark genug die Konsequenzen daraus zu tragen.
Ich schüttelte meine Kopf, spuckte das Blut aus, sammelte meine Kräfte und begann mich langsam wieder aufzurichten. Es gelang mir mich in eine aufrecht knieende Position zu bringen. Da ich ihm immer noch den Rücken zukehrte wäre es für Chris Naaken ein leichtes gewesen, mich mit einem Fußtritt wieder in den Staub zu befördern. Aber er ließ mich gewähren. Es dauert fast eine Minute bis ich wieder auf den Beinen stand und mich zu ihm umdrehte. “Ich würde jetzt gerne unseren Freistoß ausführen.” Der folgende Schlag traf mich in den Bauch. Mein Körper zog sich in einem einzigen Krampf zusammen. Das Gleichgewicht, Max, gleichgültig was du fühlst, konzentrier dich auf das Gleichgewicht. Fall nicht um. Ein zweites mal zögerte er nicht mir einen Fußtritt zu versetzen. Kraftlos fiel ich in mich zusammen, und fiel, und fiel und fiel…..

(Fortsetzung folgt)

Christian Morgenstern

Oktober 8th, 2009 by ludo

„Das Leben ist die Suche des Nichts nach dem Etwas!“

?

Oktober 7th, 2009 by ludo

Alles Wissen und alle Vermehrung unseres Wissens endet nicht mit einem Schlußpunkt, sondern mit Fragezeichen.
Hermann Hesse

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 11

September 29th, 2009 by ludo

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 10
zu Abel Kapitel 1

Ich musste an die Blutlachen auf den Bildern denken, die mir Ehrenbacher gezeigt hatte.

26. September
Ich habe seit ich den Brief erhielt meine Wohnung nicht verlassen, habe versucht mich vorzubereiten. Immer und immer wieder habe ich den Brief durchgelesen, habe ihn in mir wirken lassen, habe ihm in mir den nötigen Raum gegeben, um sich entfalten zu können, um sich auszubreiten.
Jahr um Jahr hatten sie  - ja und es gibt “sie” -  schleichend versteckt dem Volk den Krieg erklärt und es war nun endlich an der Zeit ihnen entsprechend zu antworten, klar zu machen, dass es auch für sie Grenzen gibt, die besser nicht übertreten werden. Gleichgültig wer nun an die Macht kommt, gleichgültig wer nun die Hebel der großen, der ein und immer der selben Maschine bedient, das Mahlwerk ausrichtet und betreibt.
Welcome my son
Welcome to the machine

Abel und seine Truppe hatten den perfekten Zeitpunkt gewählt. Ein Anschlag am Wahltag, direkt nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung, ein Anschlag, der sich nicht für diesen lächerlichen Wahlkampf instrumentalisieren läßt, ein Anschlag, der mit dem Wahltag eine neue Zeit einläutet, ein Donnerschlag, ein Glockenklang gegen die Ohnmacht, ein Zeichen, ein gottverdammtes Zeichen, gegen das ewig gleiche Siechtum. Nur wenn wir schweigen werden wir gerichtet.
Ich lasse mich durch das Netz treiben, tauche durch das kalte Licht des Bildschirms ein in den vielstimmigen Chor der Gleichgesinnten. Ja, es gibt so viele davon, überall sitzen sie in virtuellen Zimmern und Kammern und warten sehnlichst auf ein Zeichen des Aufbruchs, auf ein Signal, das sie von den Tastaturen weg holt, hinaus auf die Straße um ihren Zorn ein Gesicht zu geben und Mia an ihrer Spitze.
Ich schloss die Augen. Meine Lippen wanderten an ihrem Hals entlang, nur einen Millimeter über der Haut, ganz bei ihr und mit ihr in ihrem Duft und ihrem Atem.
Es ist Einsamkeit nötig, Abgeschiedenheit und Stille, um in sich gekehrt in sich eine Bestimmung zu finden.
Ich habe Hunger, lege eine Pizza in den Ofen, ich der Krieger der schläfrige und wandele zwischen den Bildschirmen. Quattro Stagioni, eine Flasche Rotwein und ich schließe die Augen

27. September
Eine SMS. “POST”. Im Briefkasten fand ich wieder ein unbeschriftetes Kuvert. Ich wagte es nicht es im Flur zu öffnen und hastete sofort die Treppe wieder hoch in die Wohnung. Noch auf dem Weg konnte ich fühlen, dass sich in dem Kuvert nicht nur ein Brief befand. Es war noch mehr drin, ein Gegenstand, ein flacher, harter Gegenstand. Ein Schlüssel, keine Zweifel das musste ein Schlüssel sein. Ich schmiß die Tür hinter mir zu und riß ungeduldig das Kuvert auf. Der Schlüssel fiel klimpernd auf den Boden. Rasch hob ich ihn auf. 3667. Die Nummer schimmerte undeutlich auf dem Kopf. Für einen Moment überfiel mich eine schreckliche Angst. Wozu hatten sie mich ausgesucht? Wieso hatten sie mich überhaupt ausgesucht? Ich hatte nicht darum gebeten. Ich hatte wegen diesem Abend mit Abel schon genug Ärger gehabt. Erst hatte mich die Polizei aus dem Bett gerissen und dann musste ich den ganzen Vormittag in diesem scheiß Verhörzimmer verbringen. Und Mia? Was ist mit Mia? Wer hatte sie so entsetzlich hergerichtet? Was war ihr passiert? Ich wußte nicht vor wem ich mehr Angst haben sollte; vor Ehrenbacher oder vor den Leuten, die Mia zusammengeschlagen haben. Ich legte den Schlüssel vor mich auf den kleinen Couchtisch und starrte ihn an, so als hoffte ich er könnte mir auf all die Fragen eine Antwort geben. Antworte! Als erstes den Atem unter Kontrolle bringen. Wenn ich den Atem kontrolliere, kontrolliere ich alles. Den Überblick behalten Max, den Überblick. Ich starrte weiter auf den Schlüssel. 3667.
Zahlen und Statistiken werden gesprengt. Keine Sieger, keine Verlierer.
Vor meinen Augen tanzen haarfeine gekrümmte schwarze Striche. An meiner Schläfe pocht gleichmäßig, hart, rücksichtslos ein Puls, ein Herzschlag, das Lebenssignal. Ich ziehe weiche Teile meiner Backe zwischen die Zähne und beiße darauf herum.
Sie erwarten ein Votum und werden eine Kriegserklärung bekommen.
Ich mußte an das kreolische Mädchen denken. Delilah. Sie hatte Moonriver gesummt, als ihr Kopf auf meiner Brust lag und ich ihr durch das Haar strich, so als ob wir ein Liebespaar wären, so als ob wir eine Zukunft hätten, irgendwo ein rauschendes Meer, weißen, blendenden Sonnenschein, Schweiß auf der Haut und natürlich Sand.
Schrill zerfetzt das Handy meinen lieblichen Strand. Der Schlüssel liegt wieder vor mir auf dem Tisch. Eine weitere SMS. “Los. Jetzt. Keine Zeit.” 12:30.
Vielleicht sollte ich den Schlüssel einfach ignorieren. Ich war niemanden etwas schuldig. Ich hatte keine Versprechen gegeben, kein Gelöbnis geleistet. Da war diese Entschlusskraft, die in Abels Augen aufblitzte. Für einen Moment hielt ich den Atem an, so als ließe sich damit auch die Zeit stoppen. Ich blickte gegen die Decke und überließ mich dem ansteigenden Druck in meiner Brust. Luft. Du kannst den Atem nicht ewig anhalten. Abels Hand donnerte vor mir auf den Tisch. Der Schlag riß mich aus meinem Sitz, und ohne weiter darüber nach zu denken griff ich mir den Schlüssel und verließ das Haus. Es war nicht Mut oder mein auferstandenes revolutionäres Ego, die mich den ganzen Weg bis zum Hauptbahnhof davon abhielten schleunigst wieder umzudrehen und einfach meine Finger von der ganzen Sache zu lassen. Trotz allem, glaube ich, war es zuallererst Neugier, einfache, reine Bubenneugier, der ich es gestattete sich über alles Zaudern und Fürchten hinweg zu setzen.
Auf der Straße und in der U-bahn traute ich mich kaum aufzusehen und um mich zu blicken. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl Abel, oder zumindest einer seiner Gefolgsleute beobachtet mich. Vielleicht der Mann dort drüben, ein unauffälliger untersetzter Bursche. Jeans, rotes Sweatshirt, ich kann den Aufdruck nicht lesen, eine Baseballmütze in der Hand. Er war unrasiert und wirkte insgesamt etwas ungepflegt. Wahrscheinlich hatten ihn die Vorbereitungen in den letzten Tagen wenig Schlaf gelassen.
Vielleicht war es aber auch einer von Ehrenbachers Leuten. Wer sagt mir, dass die Briefe und die SMS-Nachrichten aus dem Umkreis von Abel kamen? Es könnte genauso gut eine Falle des ehrgeizigen Herrn Ehrenbacher sein.
Nächster Halt Karlsplatz-Stachus.
Mein Verfolger steigt aus. Ich blickte wieder auf den Boden. Es hat keinen Sinn. Gleichgültig wer dich beobachtet, du wirst ihn nicht entdecken; obwohl, in den schmalen Gängen zwischen den Schließfächern wird es nicht so einfach sein jemanden unauffällig zu folgen. Ich könnte einen Umweg gehen und versuchen auf diese Weise heraus zu bekommen, ob ich unter Beobachtung stehe. So nahm ich von der U-Bahn aus nicht den direkten Weg zu den Schließfächern, sondern begab mich zuerst in Richtung Toilette. McClean. 50 Cent für einmal Pissen; was für eine Welt. Niemand folgte mir. Auch als ich aus dem Toilettenbereich wieder heraustrat, konnte ich niemanden entdecken, der mich erwartete. McClean hat mich wütend gemacht. Jeder Scheiß wird zum Service. Entschlossen lenkte ich meine Schritte zu den Schließfächern. Die Dreitausender-Reihe? Hier. Zahl um Zahl. Gut Sortiert. Hier ist es. Ohne mich nochmals umzublicken steckte ich den Schlüssel ins Schloss. Türe auf.  Dahinter, im Dunkel, lag ein großes verschnürtes Paket und daneben eine Karte. “Holiday Inn, Heizungskeller, Delilah hat den Schlüssel und wird Dich hin führen.” Delilah! Wie weit hatten sie mich bereits umstellt? Sie war erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Ich hatte sie sozusagen mit dem Job von Harry geerbt.
“Sie ist nett, sie ist hübsch, sie ist heiß und sie mag fesche Pianisten.”
Und Harry kannte ich seit mindestens 5 Jahren. Was zum Teufel….. Jedenfalls konnte ich hier nicht ewig stehen bleiben und in das Schliessfach starren. Ich packte mir das Paket. Jetzt steckte ich also mitten drin. Ich konnte nicht mehr zurück. Ich bin bereits zu weit hinaus geschwommen. Die Strömung war stark an diesem klaren Mittag, noch kein Zeichen von Sturm, alles ruhig, nur ein wenig Unaufmerksamkeit und schwupps war das Land ausser Reichweite. In dem Paket war Sprengstoff. Dessen war ich mir sicher. Sprengstoff, Kabel, grüne, rote, schwarze, ein Zünder, eine Zeitschaltung. Eine Bombe. Ich hielt eine verdammte Bombe in meinen Händen. Eine Bombe, und ich würde sie nicht mehr loswerden. Delilah stand sicher unter Beobachtung und wenn ich dort nicht ankam, wer weiß, was sie dann für mich vorgesehen hatten. Was würdest du mit mir machen, Abel? Ich konnte seine Hand an meinem Nacken fühlen, so wie er sie in jener Nacht um mich legte, bevor mich zu sich zog und dann …. “Weißt Du mein Freund, ich habe einmal einen klugen Satz gelesen: Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu dem, was er eigentlich weiss …”
Das Ding zur Polizei zu bringen stand vollkommen ausser Frage. Ehrenbacher würde keine großen Tricks brauchen, um mich schnellstens hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Maschine lief, und ich war mitten drin. Vorsichtig klemmte ich das Paket unter meinen Arm und ging wieder hinunter zur Bahn. Eigentlich war es für Sprengstoff zu leicht. Woher weiß ich wieviel Sprengstoff wiegt? Unsinn. Vielleicht wußte Delilah mehr?
Tatsächlich erwartete sie mich bereits am Eingang. Ohne weiter ein Wort zu sagen, gab sie mir ein Zeichen ihr zu folgen, drehte sie sich um und ging los. Wir durchquerten das Restaurant und gelangten in die Küche, in der mindestens 8 Köche mit allen möglichen Speisen hantierten. Fisch, Fleisch, Fett.  Am Ende der Küche führte eine Tür in einen grauen Gang. Nach ungefähr 6 Metern kamen wir zu einem Lastenaufzug. Delilah steckte einen Schlüssel in ein Bedienfeld und drückte auf einen gelben Knopf. Sie wich meinen Blicken konsequent aus. Selbst, wenn ich sie ansprach reagierte sie nicht. Der Aufzug kam und wir gingen beide hinein. Nachdem sich die Tür hinter uns geschlossen hatte, ergriff ich erneut das Wort. Hier konnte uns niemand sehen. Hier könnten wir ungestört miteinander sprechen, wenigstens für vielleicht zwanzig Sekunden. “Delilah, was…..”
“Ein Man gab mir 500 Euro. Er sagte du würdest mit einem Paket kommen und ich soll dich in den Heizungskeller führen.”
“Was für ein Mann?”
“Ich darf dir nichts weiter sagen. Wenn das Paket nicht ankommt und nicht seinen Zweck erfüllt, dann würde ich es bitter bereuen.” Sie blickte wieder zu Boden.
“Du weißt worum es geht?”
“Warum tust du mir das an Max? Ich dachte du magst mich.”
Der Fahrstuhl ruckte.
“Natürlich mag ich dich…..”
Delilah drehte sich weg und öffnete die Tür. Was für ein schöner, schlanker, dunkler Nacken. “Hier lang” Sie führte mich durch einen weiteren Gang bis hin zu einer schwarzen Metalltür. Dann tippte sie eine Zahlenkombination in ein Nummernfeld, das neben der Tür hing. Mit einem kleinen Ruck ließ sich die Tür öffnen. In dem Raum waren verschiedene Kessel. Öl nahm ich an, oder vielleicht nur Wasser, das hier erhitzt wird. Des weiteren gab es verschiedenen Sicherungskästen und alle möglichen Kabel. Hilflos stand ich mit meinem schön verschnürten braunen Paket unter Leitungsrohren in grellem Neonlicht und wußte nicht was ich tun sollte. Egal wie viel oder wie wenig Sprengstoff in diesem Paket sein mochte, es würde zumindest einen Brand auslösen, wenn nicht schlimmer. Die Menschen hier im Hotel waren schließlich nicht der Feind und…..Das geht zu weit.
“Ich kann das nicht tun. Delilah, was auch immer die Leute dir androhen, droht auch mir, trotzdem können wir das hier nicht tun.”
Delilah knabberte an ihrem Daumen.
“Du sollst keine Angst haben, haben sie gesagt, weißt du. Das hier wäre nur ein kleiner Beitrag.”
“Ein kleiner Beitrag?” Ich hielt ihr das Paket entgegen. “Das hier ist also nur ein kleiner Beitrag? Ja! Wozu? Was meinst du?”
“Sie hätten alles unter Kontrolle……”
Ich begann das Paket aufzureißen und nachzusehen, was darin versteckt ist.
“Max! Bitte! Diese Leute sind gefährlich….”

Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution sterben?
Es wird keine schleichende Entrechtung mehr geben. Keine vorgeschobenen Gegner, sondern einen echten Feind. Max am 29.9 hast Du die Wahl. Halte dich bereit.

Ich war nicht bereit einen Krieg zu führen. Meinen Krieg konnte so nicht hier führen. Ja, ich wollte ebenfalls in ihr Fleisch schneiden, aber mit meinen Gedanken, verstehst du Abel, mit meinen Worten. Ich…. In meinem Hirn ratterten Rechtfertigungen, Reglementierung, Rache, riesige Wellen von Zorn und Wut durchzuckten meinen Körper wie Stromstöße. Vor Angst, Trauer und nicht zuletzt vor Feigheit stiegen mir die Tränen in die Augen und ich sank auf die Knie. Ungerichtet und hilflos rissen meine Finger an der Paketschnurr, die sich nicht im geringsten löste.
“Scheiße!”
Kaum hatte ich los gebrüllt, erlöschte plötzlich das Licht. Ich konnte gerade noch einen kurzen, erstickten Schrei von Delilah hören, dann spürte ich einen Schlag auf meinen Kopf und fiel vornüber zu Boden.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 10

September 25th, 2009 by ludo

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 9
zu Abel Kapitel 1

24. September.

Im Briefkasten ein Kuvert ohne Anschrift, kein Absender.

Max !

noch vier Tage.
Wir werden es ihnen nicht durchgehen lassen.
Wir werden ihnen einen Strich durch die Rechnung machen.
In dem Augenblick, in dem sie die Ergebnisse veröffentlichen und sie sich schon alle den Speichel ablecken, wenn sie die Posten verteilen, sich die Hände schütteln, sich die Belohnungen zustecken, sich über ihr Volk lustig machen, wenn sie die nächsten Lügen vorbereiten, schachern und gieren, wenn sie glauben sie hätten es wieder einmal geschafft, wenn sie glauben alles könnte so weiter gehen, wenn sie ihr Pläne aus den Schubladen hervorholen, Max, dann werden wir ihnen zeigen, dass das Volk seine Stimme nicht in die Urne geschmissen hat.
Siehst du sie nicht auch schon vor dir, diese blassen, schmierigen, verlogenen Gestalten, wie sie zum Hohn der Menschen unverhohlen immer weiter ihre Lügen verbreiten. Willst Du ihnen das gestatten, diesem Abschaum. Willst du weiter hören wie FDJ Merkel von Chancen faselt. Sozial ist, was Arbeit schafft! Oh ja, in diesen Minuten werden die ersten Worte über schwierige Zeiten fallen, über die gemeinsamen Anstrengung, die es zu erbringen gilt etc. etc. etc.? Willst du Grinse-Westerwelle weiter sein erbärmliches Lied über den Wert der Arbeit hören? Arbeit muss sich wieder lohnen. Wessen Arbeit macht frei. Willst Du Kriegskauz Steinmeier, seine Gebärde der hochgekrempelten Hemdsärmel weiter gelten lassen. Soll es Klein Gysi richten oder ist Oskars Rachefeldzug die Lösung. Willst du das schamlose Grüne Bürgertum erdulden, erdulden müssen. Nein, keiner von ihnen soll je wieder glauben er könne sich hinter seiner erschlichenen Macht verstecken. Sie sind Betrüger, Max, sie sind Lügner, Diebe und schrecken vor Mordbefehlen nicht zurück. Du weißt das. Du spürst das. Du weißt, was zu tun ist und du mußt nicht weiter davor zurückschrecken. Du bist nicht allein. Wir sind viele. Wir sind nicht ohnmächtig. Auch wir haben unsere Pläne. Das wird kein Sonntagsspaziergang. Vielleicht hätten sie in der Schule besser aufpassen sollen…..

Ich schließe die Augen

Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das
Wort »Blut« nicht wohl vertragen können. Einige allgemeine Betrachtungen mögen sie
überzeugen, dass wir nicht grausamer sind als die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt
ruhig und unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in
Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein Auflodern des tellurischen
Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein
vulkanischer Ausbruch, eine Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat?
Eine unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der physischen
Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege
lägen.
Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr Rücksicht nehmen als die
physische? Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was
sich ihr widersetzt? Soll überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen
Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen dürfen? Der Weltgeist
bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane
und Wasserfluten gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der Revolution
sterben?
Georg Büchner


Ein Flüstern an Deine Ohren……

Wer hatte das geschrieben? Abel? Sicher nicht, oder er hatte sich neulich blendend verstellt. Mia? Nein, das war nicht ihr Stil. Die Gruppe ist größer als ich dachte. Eine Organisation. Eine Truppe. Eine Truppe mit eigenem Sprach- und Überzeugungsbeauftragten und dieser machte seine Sache gut.

……ein Echo Deiner Stimme. Am 29.9 ist Wahltag und wir haben unsere Wahl getroffen. Am 29.9 wird nicht über Zahlen und Statistiken gesprochen, keine Diskussionsrunden, kein abgeklärtes, arrogantes Gesabber. Zahlen und Statistiken werden gesprengt. Keine Sieger, keine Verlierer. Sie erwarten ein Votum und werden eine Kriegserklärung bekommen. Schon um fünf nach sechs werden die Zahlen in den Hintergrund treten, im Rauch verschwinden, im Entsetzen, verstehst Du, Max, Fassungslosgkeit. Es werden keine Feinde im Hindukusch mehr benötigt. Es wird keine schleichende Entrechtung mehr geben. Keine vorgeschobenen Gegner, sondern einen echten Feind.
Max am 29.9 hast Du die Wahl. Halte dich bereit.

—–

Ich hielt den Brief in meinen Händen, zitterte vor Aufregung und  Angst.

(Fortsetzung folgt)

Abel - Kapitel 2: Wahlkampf - Teil 9

September 23rd, 2009 by ludo

zu Abel Kapitel 2 - Teil 1 bis 8
zu Abel Kapitel 1

Außerhalb der lieblichen Vorstellung von Vielfältigkeit sowie dem vertrauensvollem Umgang mit Macht innerhalb unserer von Selbstgefälligkeit getriebenen Demokratie existiert vor allem graue Apathie.
Der Marienplatz füllte sich mit Menschen, unauffällige Männer betraten ein Podium, hielten wacker ihre Reden in die Höhe, schwenkten sie sozusagen wie eine Fahne über die Köpfe der Hörigen hinweg, bedankten sich für die Aufmerksamkeit, traten wieder ab und noch vor Ladenschluss war das Podium schon wieder abgebaut und die Menschen konnten sich wieder dem Ausverkauf widmen.
Ich denke wir müssen uns zunächst ein weitaus höheres Maß an Phantasie erlauben.
16. September
Die Stimme des Kanzlerkandidaten hallte unverständlich aus der Ferne über die Kaufingerstraße. Ich verstand kein Wort, nichts von all dem, was sich über die allgemeine Lust am Verbrauch ergoss; eine Lust, die sich, wie zur Bestätigung, dass es keinen Grund zur Verunsicherung gäbe, durch die Straßen wälzte und jede Gasse, jeden Winkel bis in die letzte Ritze ausfüllte. Es geht uns gut. Warum sollten wir zweifeln an unserem Glauben an die Kaufkraft, die den an den Menschen so erfolgreich ersetzt hat.
Der Aushilfsjob, den mir Harry im Holiday Inn vermittelt hat schien sich zu einer Art kleiner Dauereinrichtung zu entwickeln. Ungefähr zwei mal wöchentlich stieg ich in das Kostüm des charmanten Barpianisten und setzte mich in die U-Bahn Richtung Rosenheimerplatz. U-Bahnfahrten sind mir ein Grauen. Ich möchte nicht ungefragt berührt werden. Um sie zu überstehen senke ich meist meinen Blick, ziehe die Schultern etwas nach vorne, hoffe in dieser eingeigelten Position mein Ziel unbeschadet zu erreichen; und natürlich stecken Ohrhörer in meinem Kopf. Ich hatte mir im Internet einige Mozartklavierkonzerte besorgt, die ich mir nun in der Hoffnung anhörte vielleicht das Stück zu erkennen von dem Abel erzählt hatte. Seine Beruhigungsmusik, die er in sich aufsteigen lassen kann, wenn es die Situation verlangt, wenn es vonnöten ist sich mit einer bestimmten Situation zu versöhnen. Ich hoffte es nicht nur zu finden, vielmehr hoffte ich auch es für mich verwenden zu können. Der Sinn lag einzig und allein darin, wenigstens einen Gedanken von Abel in mein Leben einzufügen; jetzt, nachdem er wieder so plötzlich aus meinem Leben verschwunden war, wie er aufgetaucht ist. Wenigstens einen kleinen Ansatz, einen Haltegriff, um ihn für immer bei mir zu haben, ein Souvenir von jenem Abend und seinen Gerüchen von Wodka und Revolution. Wenn es mir nur gelingen würde anhand seiner Beschreibung dieses eine bestimmte Klavierkonzert zu finden, hoffte ich, würde es zwischen mir und Abel so lange ich lebte eine Verbindung geben, etwas worauf ich immer wieder zurückgreifen könnte, wenn Scham und Ängstlichkeit mir die Kehle zuschnüren, mir den Atem nehmen, mit mitleidlosen Krallen aus den Betonplatten hervorbrechen um mich der schleichenden Verwesung zu übergeben.
Richtung Flughafen bitte zurückbleiben.
Manchmal träume ich von einem Jagdmesser.
Zwei mal pro Woche verbrachte ich also meinen Abend in der Lobby, hinter den Linien, im Feindgebiet, in den geschützten Zonen der ewigen Bourgeoisie, dem Ghetto der zukünftigen Minderheit, das letztlich zum Randgebieten einer wütenden Schlacht wird. Die heuchlerischen Töne eines Barpianos werden kaum ausreichen, um das Grollen des aufgebrachten Mobs zu übertönen, irgendwann in ferner Zukunft. Einstweilen spiele ich Bridge over troubled water, trinke etwas Rotwein, schlecke ab und an den Körper eines Zimmermädchens ab (selten gutes Gras) und lausche nachts in das unheimliche Gemurmel, die undeutlichen Worte, die verworrene Sprache, die tanzenden Buchstaben, nachts in das Rauschen der heiligen Belanglosigkeit der Stadt und über diesem Rauschen klimpert, hüpft, springt mein Reigen entrechteter Jazzstandards und fügsamer Balladen. Ich würde so gerne wieder eine Musik hören, die endlich endlich wieder etwas mit mir anrichtet, mich aus meinem zornigen Ego evakuiert, die dem Wesen eine Stimme gibt. Es sind insgesamt 30 Klavierkonzerte habe ich gelesen. Zwischen zwei nummerierten Tagen liege ich auf meinem Bett und starre an die Decke, schließe die Augen. Ich klettere auf einen der gläsernen Türme die sich in das Dunkel strecken, in denen sich der emsige Mensch aufrichtet, gebeugt über Zahlenkolonnen, Tabellen, Menschmaschineneffizenzberichte, und immer der Schweiß zwischen den Beinen. Ich klettere auf den gläsernen Turm wie ein flinkes Insekt und auf dem Dach rezitiere ich über all ihre Gebote und Verbote hinweg meine Psalmen. Das Wesen eines Psalms sind nicht die Worte, sondern die Stimme durch die er erklingt, der Klang, durch den er zum Mythos wird. Ich aber sitze als Insekten-Batman auf dem Turm über der Nachtstadt, keine weiten Schwingen, keine Muskeln und kein Atem, keine Stimme, kein Psalm. Statt dessen halte ich Nachtwache an meinem Bett, krabbel nach unnützen Stunden an den Tisch und skizziere ein verschämtes Gedicht in mein Notizbuch:

Der Tag

In der Morgendämmerung
Der heilsamen
In ihrem warmen sanften Licht
Wende ich mich
dem Rufen der Stimmen zu
Und folge ihnen
Dorthin
Wo der Hunger auf mich wartet
Der unstillbare
Dort bricht sich das Licht
Offenbart sich in Farben
Strömt, flutet
Erklingt
Das Echo der suchenden Fragen
Bis in den gleißenden Mittag
Die Hitze
Die mich wieder zurück
In den schützenden Schatten treibt
Den Abend
Die tröstende Nacht
Träume versteckt
bis in die Morgendämmerung
bis der Hunger
mich wieder weckt

Nach meinem nächsten bezahlten Spaziergang hinter den Linien, dort, wo sich Gleichgültigkeit und geistreiche Geilheit die Waage halten, werde ich mir von Eugene, dem rumänischen Küchengehilfen eine von den Wodkaflaschen schenken lassen, die er immer heimlich abzockt und mir mit diesem kreolischen Mädchen einen Ausflug in eine harmlose Phantasie leisten. Dunkel, unbedarft, leidenschaftlich. Immerhin. Achselhöhlen, Lenden, klare, saubere, verdiente Kopfschmerzen. Ja, und auf dem Rückweg in meine vier Wände hätte ich ausreichend Möglichkeiten meinem Harndrang über all den grinsenden Politikergesichtern nach zu geben und sie nach Herzenslust an zu pissen. Ich hab die freie Wahl.

(Fortsetzung folgt)